Der Geist in der Presse

Vom Tod im Blätterwald

Der Soziologe Max Weber hatte in seiner Abhandlung über den schwierigen Beruf des Politikers auch ein wenig Mitgefühl für Journalisten. Diese Geistesarbeiter müssten ad hoc auf die Weltlage reagieren und dazu noch originell! Der Unterschied zur lang reifenden Arbeit professoralen Zuschnitts liegt auf der Hand, eine mitunter lebenslängliche Tortur oder Lustbarkeit, die etwa Niklas Luhmann in seinem Fall mit dreißig Jahren angab. In diesen Tagen ist es dagegen um journalistische Qualitätsdruckarbeit schlecht bestellt, weil es auf dem vormals weiten Feld angeschwärzten Papiers nicht mehr viel zu bestellen gibt. Der deutsche Zeitungswald kriselt, keucht und hechelt, stirbt vielleicht so unheldisch vor sich hin wie auch die danieder liegende Buchbranche. Gruner+Jahr verkauft "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" an Holtzbrinck, die "Berliner Seiten" der FAZ wurden eingestampft. Die "FAZ" verzeichnete für das Jahr 2000 Umsatzeinbrüche von 28,7 Millionen Euro. Die Hiobsbotschaften häufen sich, seitdem sich Anzeigengewinne weiterhin dramatisch verringern.

Inzwischen bewegt die goldglänzenden Edelfedern für Politik und Kultur sogar die Frage, ob der Blätterwald staatlich subventioniert werden muss. Dabei wissen wir: Die Kultur erhält in Zeiten wie diesen das kleinste Scherflein, das noch übrig ist, wenn selbst der große Hunger vom überschuldeten Leistungsstaat mehr schlecht als recht gestillt wird.

SZ, FR, FAZ, ZEIT, Handelsblatt, Neue Zürcher Zeitung - die Krise hat sie alle erfasst. Nur das Krisenmanagement, wenn es denn überhaupt eines gibt, ist längst nicht klar. SZ, die rote Zahlen bis über beide Ohren schreibt, und FR wollen womöglich kooperieren. In Fusionen sind bereits andere geflüchtet, wenn auch zurzeit noch die Normierungen gegen Pressefusionen sich selbst gegenüber Notkartellen kleinlich geben. Im Klartext, also auf der Verliererseite, heißt das allemal: Stellenabbau. Das akademische Proletariat wird also noch gebildeter werden, als es das ohnehin schon ist. Zu IT-Profis, Ingenieuren und zahlreichen anderen Branchen gesellt sich jetzt noch das gelehrte "Federvieh". Während auf der einen Seite der Sprachverfall, die kulturelle Degeneration der Hochkultur oder pisanische Verblödung beklagt werden, stirbt der Typus des intellektuellen Journalisten aus, der den Adel seines oder fremden Geistes mit seinen Lesern teilt.

Unsere Aufmerksamkeitsökonomie ist ein Haushalt mit knappen Kassen. In der Dauerzuständigkeit der Zeitgenossen für sämtliche globalen Geschehnisse wird Struktur durch Ereignis, Kontemplation durch Konzentration, von Flüchtigkeit kaum zu unterscheiden, ersetzt. Die sensationalistische Häppchen- und Headline-Kultur macht sich breit, weil keiner mehr Zeit hat oder haben will.

Ist das Internet die Ursache der Blättermisere?

Die Krise der Journalismus ist zugleich eine Krise des Lesens (Die Zukunft des Lesens). Es sei eine Schande, dass ein Viertel der 15-Jährigen nicht sicher lesen und schreiben könnte und die übrigen Kids auch nicht gerade von der Lust am Text geplagt werden, erklärt uns jetzt die ZEIT und kokettiert mit der originellen Provokation:

"Deshalb sollte kein Bundeskanzler öffentliche Aufmerksamkeit für "Computer in jedes Klassenzimmer"-Kampagnen aufzehren, ehe nicht jede Schule eine Schulbibliothek besitzt."

Aber auch dieser kulturfromme Wunsch, der medial hoffnungslose Illusionen weckt, lässt sich online lesen, ohne die ZEIT zu kaufen noch gar die Zeit zu haben, sie sorgfältig zu lesen. Die Menetekel der Kulturwahrer markieren allein den Umbruch in eine Zeit völlig anders gearteter Medienkompetenzen, der noch radikaler sein könnte als der historische Weg in die Gutenberg-Druckgalaxis. Der hingebend schmökernde Zeitgenosse ist eine aussterbende Spezies, die nur noch im künftigen Naturschutzgebiet des Elfenbeinturms in einigen wenigen Exemplaren überleben mag.

Also ist das böse Internet schuld. Das Internet untergräbt nicht nur die herrschende Schreibklasse, sondern verdirbt auch das Anzeigengeschäft. Wer verhökert seine Erbschaft noch über teure Zeitungsinserate, wenn er "Mein Ebay" hat? Auf den Ruinen der klassischen Rubriken entstehen nun Websites über Websites, die zudem viel komfortabler an den Mann oder die Frau das bringen, was es zu verkaufen gibt. Doch auch das Netz der Netze meint es zurzeit nicht gut mit der virtuell-journalistischen Welterschließung. Freeware-Mentalität und Banner-Armut werden durch Premium-Edition und Pay per View nicht abgefedert. Warum für Informationen zahlen, die an der nächsten Linkecke kostenlos verstreut werden? Das mag zwar kurzschlüssig gedacht sein, ist dafür aber kostengünstig. Wer kämpft schon mit dem eigenen Portemonnaie gegen Pressekonzentration oder gar die Nivellierung des Kulturniveaus?

Jeder Satz ein Aufmerksamkeitskonzentrat, jeder Link ein Treffer

Bricht das alte Meinungsherrschaftsmedium "Zeitung" nun endgültig weg? Immerhin wurden nach dem 11. September 2001 zumindest für einige Zeit Auflagensteigerungen beobachtet, weil der globale Informationsbedarf im schrecklichen Angesicht von Usama und den Terroristen anstieg. Aber auf Terroristen als Konjunkturhelfer der Zeitungsbranche ist augenscheinlich so wenig Verlass, so wenig man sich darauf als anständiger Schreiberling verlassen möchte. Ab dem nächsten Jahr werde der Zeitungsmarkt wieder merklich wachsen, meint zwar die Beratergesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). Doch wer für seine Frühlingsbotschaften nur auf die desolate Weltwirtschaft achtet, ignoriert den fundamentalen Wandel medialer Gewohnheiten.

Die Email-itis mag den Nostalgikern und Kulturpessimisten ein gesellschaftliches Krankheitssymptom sein, aber nolens volens ist es das Schreibgebot der Stunde. Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Alfred Polgar und selbst den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch würde dieses System nicht mehr passieren lassen, so wenig ein Thomas Mannscher "Zauberberg" noch über den kältesten Buchwinter käme.

Wer da noch schreibend überleben will, muss seine Schreibhaltungen radikalisieren. Und zwar schnell. "Fasse dich kurz" - so wie es weiland die Emailleschilder in den Telefonhäuschen verordneten. Jeder Satz ein Aufmerksamkeitskonzentrat, jeder Link ein Treffer, simple storys for simple minds? Deswegen jetzt Schluss... (Goedart Palm)