Der "Geist von Heiligendamm" und die Globalisierungskritiker

Die globalisierungskritische Bewegung hat sich von den Strapazen der Gipfelproteste erholt und plant neue Projekte

Ein Hallo hier, eine Umarmung dort. Bei soviel Begrüßungsgesten konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich hier alte Bekannte treffen, die sich für einige Monate aus den Augen verloren hatten. Das traf auf den Großteil der ca. 500 Teilnehmer zu, die sich vom 17.-20. Januar in Berlin zu den Perspektiventagen versammelten hatten. Viele von ihnen hatten in den letzten zwei Jahren die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm organisiert. Vor knapp einem Jahr waren die meisten dabei, als die heiße Phase der Proteste eingeläutet worden. Danach sahen sie sich immer öfter. Während der Aktionstagswoche wohnten die meisten in Camps rund um Heiligendamm zusammen.

Als der Medienpulk weitergezogen war, genehmigten sich auch viele der Bewegungsaktivisten eine Auszeit nach dem Gipfelende. Die einen machten verlängerten Sommerurlaub, die anderen kümmerten sich um die durch ihre Gipfelvorbereitungen vernachlässigten beruflichen oder studentischen Verpflichtungen.

Derweil begannen im kleinen Kreis die ersten Diskussionen über die Einschätzung der Gipfelproteste. Die Resultate waren denkbar unterschiedlich. Die einen sahen in den gelungenen Blockaden rund um Heiligendamm einen großen Erfolg. „So sehen Sieger aus“, lobhudelte das Bündnis Interventionistische Linke. Der Geist von Rostock wurde ausgerufen und viel verlacht. Basisaktivisten aus dem Bereich der unterschiedlichen Teilbereichskämpfe unkten schon, ob es wohl ein böser Geist ist. Zumindest war nach dem Gipfelende kaum noch jemand für lokale Proteste zu mobilisieren.

Als schon manche schon glaubten, dass die eine öffentliche Gipfelaufarbeitung ausfällt, gab es dann doch noch die unterschiedlichen Veranstaltungen. Anfang Dezember lud das kapitalismuskritische Ums-Ganze-Bündnis zum Kongress an die Frankfurter Universität. Dort suchte man den theoretischen Ausweg aus dem Kapitalismus. Dabei waren die Ereignisse von Heiligendamm zwar gelegentlicher Bezugspunkt, aber die dem Aktionismus distanziert gegenüberstehenden Veranstalter machten von Anfang an deutlich, dass sie dem Datum auf der Protestagenda keine überragende Bedeutung zumessen.

Bei den Perspektiventagen war man schon mehr bemüht, den Geist von Rostock zu finden. Eine große Fotogalerie zeigte das Leben in den unterschiedlichen Camps. Wenn es mal Streit in den Arbeitsgruppen gab, wurde auch daran erinnert, dass man sich am solidarischen Umgang während der Protesttage ein Beispiel nehmen solle. Allerdings konnte nach über einem halben Jahr die Auswertung nicht mehr die Hauptrolle spielen. Am ersten Tag war man sich weitgehend einig, dass die Proteste schon irgendwie ein Erfolg waren. Worin der aber wirklich lag, blieb dann doch offen. Über die Frage, wer im Anschluss an die Großdemonstration am 2.6. in Rostock den ersten Stein geworfen hat, wollte man nicht mehr streiten. Schließlich ist nach 6 Monaten die Härte aus der Auseinandersetzung verschwunden, die es Anfang Juni beispielsweise zwischen Peter Wahl von Attac und Gruppen der undogmatischen Linken in dieser Frage gegeben hat.

Stattdessen wurden die nächsten Projekte geplant. Besonders hoch im Kurs steht die Organisierung eines Klimacamps im Sommer diesen Jahres. Bis zur Realisierung dürfte es allerdings noch einige Diskussionen darüber geben, wie sich in Berlin schon abzeichnete. Denn es mangelte nicht an kritischen Einwänden. Hängt sich die Bewegung hier an ein Thema, das in der öffentlichen Meinung längst von Angela Merkel und Al Gore sowie einigen Nichtregierungsorganisationen gehandelt wird? Müssten die Aktivisten nicht eher kritisch auf einen Diskurs eingehen, der unter dem Motto der Klimarettung einen Verzicht beispielsweise auf Billigflüge propagiert, fragen die einen. Andere entgegnen, dass ein Verzicht auf bestimmte Konsumgüter durchaus wünschenswert sei. Wenige schwärmten gar von den ökologischen Fußspuren, die man lege, wenn man wieder den rauen Charme des Plumpsklos entdeckt. Hier wird sicher in den nächsten Monaten sicher heftig gestritten werden.

Andere Aktivisten wollen in der nächsten Zeit das Engagement gegen Atomwaffen grenzübergreifend verstärken. Dabei wird eine Aktion am 22. März vor dem Natohauptquartier in Belgien im Mittelpunkt stehen, zu der auch Antimilitaristen aus Deutschland mobilisieren.

Fast zeitgleich mit den Perspektiventagen kam auch eine künstlerische Nachbereitung der Gipfelproteste auf dem Markt. Der Filmemacher Martin Kessler beendete damit seine Filmtrilogie, für die er in den letzten vier Jahren unterschiedliche Protestszenen mit der Kamera begleitete. Den Anfang machte er mit „Die neue Wut“, ein Film über die Erwerbslosenproteste gegen Hartz IV. Dann folgte mit „Kick it, Streiken wie in Frankreich“ ein Streifen über die Studierendenproteste vor allem in Hessen. Einige der dortigen Protagonisten hat er im am 15. Januar angelaufenen Film Das war der Gipfel rund um Heiligendamm wieder getroffen.

Kessler bewahrt bei aller Sympathie mit den Trägern der Proteste seinen kritischen Blick. Das wird vor allem in der letzten Szene des G8-Films deutlich. Als alles vorbei war und Zaun und Zelte abgebrochen wurden, sammelt ein Erwerbsloser die leeren Flaschen zusammen, die verstreut im Gelände liegen. Er müsse sich einen Nebenverdienst zu seinem kärglichen ALGII verdienen, meint er. Vor einigen Jahren sei er entlassen worden, Hoffnung auf einen neuen Job macht er sich nicht. Aber auch zum Protestieren fehlt ihm die Kraft. Ihm, der so nahe am Ort des Geschehens wohnt, haben die Proteste nur das Pfandgeld gebracht. Hier müsste eigentlich das Überlegen ansetzen, wenn es um die Frage geht, ob die Bewegung gegen den G8 ein Erfolg war.

Merkwürdigerweise waren die zeitgleich stattfindenden Proteste gegen das World Economic Forum im schweizerischen Davos auf den Perspektiventagen kein großes Thema.

Dabei wurde am 19.Janaur die lange geplante Demonstration eines Bündnisses der WEF-Gegner in Bern durch ein großes Polizeiaufgebot verhindert. Es kam zu ca. 200 Festnahmen. Darunter war der Demoanmelder und ein Korrespondent der linksliberalen Wochenzeitung. Die Behörden hatte die Demonstration mit der Begründung verboten, die Organisatoren würden nicht die Gewähr dafür bieten, den Aufzug gewaltfrei durchzuführen.

Schon seit Wochen wurde in den Schweizer Medien über die Schwäche der Anti-WEF-Bewegung geschrieben. Als Gründe nannte man neben dem zunehmend repressiven Umgang mit den Protesten auch das Fehlen neuer zündender Themen. Der Geist von Heiligendamm hat also die Schweiz nicht erreicht. Oder versteckt er sich noch? Am 26.Januar wollen die Schweizer Grünen einen erneuten Demonstrationsversuch direkt in Davos wagen.

Kommentare lesen (34 Beiträge)
Anzeige