Der Gemeine Vampir galoppiert

Fledermäuse sind auch medizinisch interessant

Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können. Seit ungefähr 60 Millionen Jahren flattern diese Fledertiere durch die Nacht und orientieren sich mithilfe von Ultraschall. Am Boden sind die meisten Arten sehr hilflos. Nur die Vampirfledermaus beherrscht eine Art hüpfenden Galoppschritt, mit der sie sich sehr geschickt vorwärts bewegt.

Der Gemeine Vampir, Desmodus rotundus, der in Mittel- und Südamerika lebt, hat sich auf Blut als Nahrung spezialisiert (Vampir-Fledermäuse). Er leckt den roten Lebenssaft von Säugetieren, zu seinem Beutespektrum gehören hauptsächlich vom Menschen gehaltene Nutztiere wie Rinder, Pferde, Maultiere, Schweine, Hühner – aber auch Menschen. Das warme Blut ist für die Vampirfledermaus besonders attraktiv, ab und zu trinkt sie auch aus den Venen von Amphibien und Reptilien

Eine rennende Vampirfeldermaus im 24 Millisekunden-Rhythmus fotografiert, die Kästchen im Hintergrund sind jeweils einen Quadratzentimeter groß, bei Nature auch als Video verfügbar (Bild: Riskin/Hermanson)

Zu den Fledertieren (Chiroptera) gehören die in den Tropen vorkommenden Flughunde (Megachiroptera) und die wesentlich kleineren Fledermäuse (Microchiroptera). Zu den Fledermäusen gehört der Gemeine Vampir, ein kleiner Blutsauger mit bis zu 9 cm Größe. Seine Flügel können eine Spannweite von 35 - 40 cm erreichen.

Blut ist ein ganz besonderer Saft

Wer ihm ins Gesicht schaut, sieht rasiermesserscharfe Eck- und Schneidezähne, die den schlafenden Beutetieren allnächtlich in die Haut gerammt werden. Der Blutdurst des Vampirs ist gewaltig, er muss jedes Mal eine Menge trinken, die annähernd dem eigenen Körpergewicht entspricht.

Bei den Bauern ist der kleine Flattermann verhasst, denn obwohl er durch seinen Biss wenig Schaden zufügt, legen anschließend Fliegen ihre Eier in die Wunden und es entstehen Infektionen oder Geschwüre. Außerdem übertragen die Vampirfledermäuse verschiedene Krankheiten, darunter auch die Tollwut (Tollwut bei Fledermäusen).

Desmodus rotundus ist nicht nur ein Parasit, sondern auch der Lieferant einer Arznei. Um die Bisswunde seines Opfers geöffnet zu halten, speichelt er sie mit einem Protein ein, dass als Anti-Gerinnungswirkstoff wirkt. Diese so genannte Desmoteplase begann schon vor zwanzig Jahren die Wissenschaft zu interessieren. Forscher begannen, den Vampirspeichel genau zu untersuchen und das natürliche Eiweiß künstlich nachzubauen (Vampire bat bite packs potent clot-busting potential for strokes).

Inzwischen arbeitet die Biotechnik-Firma Paion an einem Medikament gegen Schlaganfall. Paion zeigt eine stilisierte Fledermaus im Logo und startete im Februar dieses Jahres an der Börse (Das Dracula-Depot).

Gehen, hüpfen und rennen

Wenn sich der Gemeine Vampir seiner Beute nähert, fliegt er zunächst mit Echoortung, landet dann in der Nähe auf dem Boden und schleicht sich vorsichtig an, um das schlafende Tier nicht zu wecken. Sein hervorragendes Wärmesinnesorgan an der Nase erlaubt ihm zu erkennen, wo das Blut direkt unter der Haut pulsiert. Dort kauert dann das Vampirchen, speichelt die Haut ein und ritzt dann erst eine Wunde, um schleckend daraus zu trinken.

Dieses Heranpirschen mag der Grund dafür sein, dass er als einzige Fledermaus in der Evolution die Fähigkeit einer geschickten Fortbewegung auf festem Grund wieder entwickelte. Desmodus rotundus geht vorwärts, seitwärts und rückwärts, wobei er vor allem die Kraft seiner Flügel nutzt. Er stützt sich dabei hauptsächlich auf die Polster seiner großen Daumen, die Handgelenke und Ellenbogen, die Füße werden nachgezogen. Aus dem Stand kann er mit einem gewaltigen Hopser direkt losfliegen.

In Nature stellen jetzt Daniel R. Riskin und John W. Hermanson von der Cornell University in Ithaca ihre Studie der Fortbewegung des Tierchens vor. In Trinidad fingen sie fünf erwachsene, männliche Vampire ein und setzten sie auf ein Förderband in einem Plexiglas-Käfig. Mit einer High-Speed-Kamera zeichneten sie die Bewegungsmuster der Tiere auf.

Fledermausgalopp

Solange das Band relativ langsam lief, erinnerte die Art des Gehens der Fledermäuse an andere Säugetiere gleicher Größe wie z.B. Mäuse. Dann aber kam die Überraschung: Bei zunehmender Geschwindigkeit steigerten sie nicht nur ihre Schrittfrequenz, sondern begannen richtig zu rennen, wobei sie zwischendurch komplett vom Boden abhoben. Daniel Riskin erklärt: „Was wir beobachtetet, erinnerte an ein Pferd, das vom Gehen in sehr kurzer Zeit in Galopp übergeht.“ Die Fortbewegungsart von Desmodus rotundus erinnert ein bisschen an die kleiner Gorillas, ist aber im Grunde einmalig. Riskin meint: “Das Rennen der Vampirfledermaus sieht nicht aus wie das Rennen irgendeines anderen Tieres.“ Mit ihrem seltsamen Sprüngen über die vorderen Gliedmassen erreichen sie eine Geschwindigkeit von bis zu 2 Metern pro Sekunde. Im Galopp können sie bis zu 4 km pro Stunde rennen.

Von der Vielzahl der Fledermausarten können sich 1.100 mehr oder weniger ungeschickt auf dem Boden bewegen – aber nur der Gemeine Vampir kann rennen. Der langlebige Desmodus rotundus (im Labor kann er bis zu 30 Jahre alt werden) ist in vielerlei Hinsicht ein erstaunliches Tier. Die kleinen Gruppen von Weibchen belieben wahrscheinlich ein ganzes Leben zusammen, zusammen ziehen sie ihre Jungen groß, zusammen gehen sie auf Beutetour und wenn das Futter nicht reicht, teilen sie es. Die Männchen leben allein oder in Junggesellenkolonien. Die Gemeinen Vampire sind sowohl sehr sozial als auch sehr lernfähig und besitzen von allen Fledermausarten den größten Neokortex. Wenn er von seinen kleinen Lieblingen spricht, gerät Riskin ins Schwärmen, er bezeichnet sie als „niedlich, bewundernswert, großäugig und familienorientiert“ und meint: „Vampirfledermäuse sind erstaunlich klug – so klug wie Hunde.“ (Andrea Naica-Loebell)