Der General mit dem Knall

Die geheimen Pläne des Lyman Louis Lemnitzer - Teil 1: Vom Knallfrosch zur Atombombe

Als Lyman Louis Lemnitzer (1899-1988) in die US-Army eintrat, transportierte man Kanonen noch mit Mauleseln. Als der aus einfachen Verhältnissen stammende General als höchster amerikanischer Soldat das Kommando abgab, hätte er Wasserstoffbomben notfalls mit Mondraketen befördern lassen können. Der mitunter karikaturhafte General, der als versierter Planer galt und futuristische Innovationen liebte, wollte Anfang der 60er Jahre präventive Atomkriege führen. Um seine Überfälle politisch durchzusetzen, schreckte er vor nichts zurück. Seine Pläne prägten den Kalten Krieg.

Lyman L. Lemnitzer. Foto: US-Verteidigungsministerium

1916 wurden die Bürger von Honesdale, Pennsylvania, von einem lauten Knall aufgeschreckt: Zwei Lausbuben hatten im Wald aus Spaß eine Rohrbombe gebaut und waren schließlich selbst von deren Sprengkraft überrascht worden. Einer von Ihnen war Lyman Louis Lemnitzer (* 29. August 1899) gewesen, Enkel eines sächsischen Auswanderers. Großvater Ernst Lemnitzer, einst selbst Soldat, hatte sich für Lyman eine militärische Karriere gewünscht, obwohl er selbst im amerikanischen Bürgerkrieg desertiert und hinter Gittern zum Wrack geworden war. Lemnitzer war aktiv in der Lutherischen Kirche und bewies in seiner Freizeit Talent zum Schießen. Er wurde Mitglied bei den Freimaurern, die er sehr ernst nahm. Zeitlebens durfte ihn jeder Freimaurer als "Bruder" anreden und auf eine freundliche Reaktion hoffen. Schon früh begeisterte sich der aus einfachen Verhältnissen stammende "Lem" bei einer Parade für das Militär. So hielt Lemnitzer 1917 an der Highschool eine wohl visionäre Rede über die Bedeutung der Luftfahrt im Krieg. Das US-Militär hatte damals erst seit einem Jahrzehnt Flugzeuge eingesetzt, die Gründung der eigenen Teilstreitkraft US Air Force sollte sich erst drei Jahrzehnte später vollziehen.

Als sich der "Krieg, der alle Kriege beenden" sollte, dem Ende zuneigte, trat Lemnitzer in das US-Militär ein. Er bewarb sich an der traditionsreichen Elite-Akademie West Point, wo er im zweiten Anlauf genommen wurde. Während dieser Zeit in West Point führte General Douglas MacArthur für die Kadetten einen Ehrenkodex ein. Nicht zuletzt der Corpsgeist der Elitesoldaten führte dazu, dass ein Rekrut, der beim Schreiben von Gedichten erwischt wurde, solange von der Gruppe isoliert wurde, bis er sich aus Verzweiflung erschoss.

Lemnitzers Vertrauen in den US-Kongress wurde erstmals durch eine neue Beförderungspolitik erschüttert: Aufgrund der nach dem ersten Weltkrieg vorgenommenen Reduzierung des gerade expandierten Militärs und anderen Umstellungen wurde Lemnitzers Jahrgang mit einer faktischen Beförderungssperre belegt, was vielfach als infam betrachtet wurde. Insbesondere die Frontheimkehrer wurden für ihr Risiko bevorzugt berücksichtigt. So kam es, dass der Soldat knapp 15 Jahre lang nur den Rang eines Lieutenants bekleidete, allerdings anfangs auch nur durchschnittliche Bewertungen erzielt hatte.

In den 20er Jahren ging es in den USA wirtschaftlich bergab, was zu Streiks und gewaltsamen Arbeiteraufmärschen führte. Solchen Umtrieben wirkten in der Armee Redner entgegen, die auf die Gräueltaten während der Russischen Revolution hinwiesen und martialisch gegen den "Bolschewismus" agitierten. Wohl damals wurden schon die Grundlagen für Lemnitzers tief verwurzelten Hass gegen den Kommunismus gelegt, dem er später während seiner Zeit als General mit Inbrunst frönen sollte.

Nach seiner Ausbildung in West Point wurde Lemnitzer der Küsten-Artillerie in Fort Monroe, Virginia, zugeteilt, damals nach den Ingenieuren die prestigeträchtigste Verwendung. Die Küstenverteidigung gegen Schiffe schmeichelte damals den Isolationisten, die eine Verteidigung der USA für ausreichend hielten, nicht jedoch Interventionen. Die Artillerie bot modernste und größte Kanonen, an deren Optimierung Lemnitzer großes Interesse hatte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs verfügte die Basis über riesige Bestände an Munition, mit der es die Soldaten im Manöver so richtig krachen lassen konnten. "Durchschnittlicher Offizier", "Mangel an Persönlichkeit" notierten seine Vorgesetzten. In Fort Monroe erhielt er für seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg auf Antrag auch sein erstes Brustabzeichen - obwohl er nur zu hause Dienst geschoben hatte. Am Ende seiner Karriere sollte das Ausmaß seines Brust-Flickenteppichs Maßstäbe setzen.

Bei seiner nächsten Station in Fort Adams kam es im Manöver unter Lemnitzers Verantwortung zu einem Brand, nachdem ein in einer Raucherpause entstandenes Feuer nicht sorgfältig genug gelöscht worden war. Doch selbst das grob fahrlässige Abbrennen einer ganzen Hühnerfarm schien auf die Karriere des amerikanischen Soldaten keine negative Auswirkungen zu haben - das Hinterlassen verbrannter Erde ist für Militärs wohl eine lässliche Sünde. 1923 gewann der talentierte Schütze bei einem nationalen Wettbewerb eine Bronzemedaille und nahm erfolgreich an ähnlichen Wettbewerben teil. Seine Vorliebe für Gewehre behielt Lemnitzer später auch im Atomzeitalter bei, wo er stets für die Bedeutung von Handfeuerwaffen im Militär eintrat.

Nachdem Lemnitzer 1923 geheiratet hatte, wurde er an den Stützpunkt Corregidor auf den Philippinen versetzt. Hier erwartete ihn die "verschwindende Kanone", die aufgrund eines aufwändigen Mechanismus nach dem Feuern wieder in der sicheren Versenkung verschwand. Verstecken, Knallen und aus der Deckung Schießen - das war für Lemnitzer genau das richtige, und sollte es ein Leben lang bleiben.

In General Stanley Embick, einem eigensinnigen Mann, fand Lemnitzer einen langfristigen Förderer. Lemnitzers Bewertungen waren inzwischen erheblich besser geworden. 1926 kehrte er nach West Point zurück, wo er an der naturwissenschaftlichen Abteilung der Militärakademie arbeitete. Er wurde ein weiteres Mal in Corregidor stationiert, um den Bau eines Dieselkraftwerks zu überwachen.

Nachdem Franklin D. Roosevelt 1933 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, erregte er mit seinem "New Deal" den Hass führender Industrieller und unterlegener Spitzenpolitiker. Diese gründeten daraufhin die rechtsextreme Pressure Group "American Liberty League", die es finanziell bestens ausgestattet auf über 100.000 Mitglieder brachte. Diese hatten die Multimillionäre ausgerechnet bei Arbeitslosen und Kriegsveteranen unter Appell an die Nation gewonnen - wie zeitgleich die faschistischen Parteien in Europa. Der populäre Weltkriegsgeneral Smedley Butler war zu einem faschistischen Staatsstreich mit einer Veteranen-Armee in Washington ausersehen worden. Butler, einer der höchstdekorierten Generäle, erschien der Wallstreet als der ideale Kandidat, hatte er doch in Mexiko und Kuba faktisch für die Interessen der Öl- und Zuckerindustrie gekämpft. Doch Butler ging an die Öffentlichkeit und legte den Plot offen.

Einem Untersuchungsausschuss konnten sich die Hauptbeteiligten durch Auslandsaufenthalte entziehen, bis Gras über die Sache gewachsen war. Da die politisch und wirtschaftlich einflussreichen Verschwörer praktisch die gesamte Wall Street repräsentierten und Roosevelt auf viele von ihnen angewiesen war, wurde keiner der Beteiligten jemals belangt und die Sache klein gehalten. Stattdessen diskreditierte man den verfassungstreuen General in der Presse, die vom involvierten William Randolph Hearst dominiert wurde, als "geisteskrank". Die Mitglieder der American Liberty League gingen großteils in der Republikanischen Partei auf.

Lieutenant Lemnitzer hatte mit dieser Sache nichts zu tun, als eifriger Leser diverser Soldatenzeitschriften wird er sie jedoch aufmerksam verfolgt haben. Wer immer in den USA Gedanken an einen Militärputsch verschwenden sollte, der konnte sich am Beispiel der American Liberty League ausrechnen, dass bei entsprechender Protektion ein Staatsstreich kein unakzeptables Risiko darstellte. Und dass man Derartiges nicht halbherzig anstellen durfte, wollte man nicht im letzten Moment versagen. Es musste ein entschlossener Königsmord sein, wie ihn die USA schon 1856, 1861 und 1902 erlebt hatten, und wie er vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs verübt worden war. Drei Jahrzehnte später sollte Lemnitzer, der als der große Planer bekannt wurde, ebenfalls an der Spitze einer Clique ultrarechter Militärs stehen, denen offen der Sinn nach Beseitigung eines ihnen verhassten Präsidenten stand.

1934 wurde Lemnitzer selbst Ausbilder in West Point, wo man ihm eine militärische Assistenzprofessur anbot. Eine akademische Laufbahn hätte jedoch die aktive militärische beendet, die angesichts des sich in Europa und Japan abzeichnenden Krieges als vielversprechender erschien. Tatsächlich wurden die Truppenstärke 1935 drastisch erhöht und die "ewigen Lieutenants" automatisch zu Captains befördert. Der inzwischen 40jährige ambitionierte Captain Lemnitzer besuchte 1939 das damals in Washington D.C. gelegene War College, um sich für strategische Aufgaben zu qualifizieren. Dort erwies er sich als talentierter Planer und machte Kontakte zur späteren Führungsschicht des US-Militärs. Seine Beurteilung lautete nun "Unabhängiger Denker, hat praktische Ideen und aktive Vorstellungen". 1940 wurde Lemnitzer zum Major befördert und erhielt das Kommando über ein Bataillon eines Luftabwehrregiments in Fort Moultry, South Carolina. Im Folgejahr wurde er als Lieutenant Colonel in die Army General Headquarters (GHQ) berufen.

Wie in den gesamten USA gab es auch bei den Militärs eine konträr geführte Debatte zwischen den Befürwortern eines Engagements im überseeischen Krieg und den Isolationisten, die sich in der überwiegenden Mehrheit sahen. Präsident Franklin D. Roosevelt hatte seine jüngste Wahl nicht zuletzt aufgrund seines isolationistischen Versprechens gewonnen. Die Stimmung drehte sich um 180 Grad, als am 07.12.1941 die japanischen Streitkräfte eine zusammengezogene Pazifikflotte angriffen. Dies geschah im Hafen Pearl Harbor auf der Insel Hawaii, welche die USA nach Annexion als amerikanisch betrachteten, obwohl sie damals kein Bundesstaat gewesen war. Der Angriff löste eine ähnlich patriotische Welle aus wie 1898 der angebliche Angriff auf die USS Maine im Hafen von Havanna, dem der Spanisch-Amerikanische Krieg folgte und den USA die spanischen Kolonien eingebracht hatte.

Inwiefern die Staatsspitze vom Angriff auf Pearl Harbor tatsächlich so überrascht gewesen war, oder ob sie einen solchen gar aus strategischen Gründen provozierte, ist nach wie vor umstritten. Die hypothetische Frage, wie Lemnitzer zu einer solchen Operation gestanden hätte, bei der zwecks Propaganda zur Ermöglichung eines Kriegs eigene Leute geopfert werden, lässt sich jedoch aus heutiger Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv beantworten.

Zwei Jahrzehnte später hatte Lemnitzer jedenfalls kein Problem damit, dem japanischen General, der den Angriff geplant hatte, mit dem höchsten amerikanischen Orden für Ausländer auszuzeichnen, weil dieser sich nach dem Krieg so kooperativ gezeigt hatte. Die heftige Kritik von Veteranenverbänden und Politikern, die um die 3.000 getöteten Marines trauerten, scherte ihn nicht. Auch Lemnitzer sollte eines Tages das Ehrenzeichen der Bundeswehr erhalten, obwohl er an der Planung großer Schlachten gegen die Deutschen beteiligt gewesen war. Töten in Uniform musste man nicht persönlich nehmen.

Der Angriff auf "amerikanisches Territorium" führte naturgemäß zu einer Aufwertung der Küstenartillerie. Während sein früherer Stützpunkt Corregidor angegriffen und eingenommen wurde, blieb Lemnitzer im Planungsstab. Er wurde ausgerechnet zu den Bodenstreitkräften versetzt, deren Führung mit der Küstenartillerie traditionell rivalisierte. Dort erwies sich Lemnitzer, der inzwischen gut vernetzt war, als so überzeugend, dass er nach nur sieben Monaten zum General befördert wurde.

Als Stellvertretender Kommandeur der 5. US Army arbeitete Lemnitzer 1942 direkt Eisenhower in dessen Basis auf Gibraltar zu. Er registrierte aufmerksam das Verhandlungsgeschick des Generals, der als "Supreme Commander" den Briten die völlige Kontrolle abrang. Seinem Vorbild folgend würde auch Lemnitzer bei militärischer Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern tiefstes Misstrauen hegen und die unangefochtene Führung fordern. Lemnitzer war federführend an der Planung der amerikanischen Anlandung in Nordafrika beteiligt, die logistisch ohne Beispiel gewesen war. Um diese Aufgabe entschieden zu erleichtern, sollten die dortigen Truppen von Vichy-Frankreich zum Frontwechsel bewegt werden. Hierzu versprach sich Eisenhower der Hilfe des französischen Kriegshelden General Giraud, der sich in Südfrankreich vor den Deutschen versteckt hielt. Mit der historischen Kontaktaufnahme der Alliierten zu den Franzosen wurde Lemnitzer betraut.

Mit einer Handvoll Kollegen reiste Lemnitzer in dem später legendär gewordenen britischen U-Boot "Seraph" von Gibraltar ins Mittelmeer, wo sie an der Küste vor Algier tagelang unter Wasser ausharren mussten, bis sie endlich nachts das verabredete Lichtzeichen der französischen Geheimdelegation ausmachten. Die Verschwörer verhandelten mit Girauds Mittelsmännern unter konspirativen Umständen in einem Privathaus, wobei die Militärs wie gewohnt ihre Uniformen trugen. Am andern Tag wurde der Hausherr vor einer Polizeistreife gewarnt, weil die bei der Anlandung hinterlassenen Fußspuren im Sand aufgefallen waren und man auf Schmuggler geschlossen hatte. In einem Chaos wechselten die Männer ihre Uniform in Zivilkleidung, rafften verräterische Sachen zusammen und versteckten sich in einem engen Weinkeller. Nachdem der Hausherr mit der Polizei verhandelt hatte, wollte sich die Streife weitere Befehle von der Zentrale holen, sodass mit einer baldigen Wiederkehr zu rechnen war. In Eile packten die Amerikaner ihre Sachen zusammen und flohen in zwei unterschiedliche Richtungen. Da Lemnitzer noch in Unterwäsche die Spuren im Haus verwischte, war seine Hose versehentlich von jemand, der den anderen Fluchtweg nahm, weggeschafft worden, sodass der General die Rückreise ohne Hose antreten musste.

Zwar konnte nun auch General Lemnitzer mit einem zünftigen Kriegsabenteuer aufwarten, doch der später ebenfalls mit der "Seraph" nach Gibraltar geschaffte Giraud erwies sich als unkooperativ. Der rechtsnationale General forderte stur von Eisenhower das Oberkommando und bot unrealistische Vorschläge für ein sofortiges Anlanden in Südfrankreich. Die amphibische Anlandung in Nordafrika wurde schließlich gegen Vichy-französisches Feuer durchgeführt, welches 530 GIs das Leben kostete. Lemnitzer bewertete den Überraschungsangriff als "erfolgreich" und "perfekt getimet". Nach der Kapitulation der Vichy-französischen Truppen wurde deren General Darlan bei einem de Gaulle zugeschriebenen Attentat getötet, woraufhin Giraud Darlans Kommando über Französisch Nord- und Westafrika erhielt, das er in einer rechtsgerichteten Diktatur führte.

Im Kampf gegen "Wüstenfuchs" Erwin Rommel kommandierte Lemnitzer sein früheres 34.Artillerieregiment, das nun zur Luftabwehr benötigt wurde, und arbeitete eng mit dem eigenwilligen General George Patton zusammen. Patton, der den Krieg liebte, sollte nach dem Sieg der Alliierten die NSDAP mit den Republikanern und Demokraten vergleichen, die SS öffentlich bewundern und vorschlagen, mit der Deutschen Wehrmacht nach Moskau zu marschieren, "um die Sache zu erledigen" und "...diesen Stalin mitsamt seinen mordenden Horden" vom Planeten zu jagen. Am Beispiel des daraufhin seines Kommandos enthobenen Patton konnte Lemnitzer lernen, dass man den Zivilisten in Washington besser nicht alles sagte, was man dachte. Denn die von Patton propagierte Zusammenarbeit mit Nazi-Militärs gegen die Sowjets war genau das, was Lemnitzer in der Nachkriegszeit tun würde - nur diskreter.

Für die von Lemnitzer mitgeplante Landung auf Sizilien mit 160.000 Soldaten kooperierte die US-Regierung mit Hunderten amerikanischer Mafiosi. Diese hatte man hierzu heimlich aus dem Gefängnis entlassen und pragmatisch amnestiert, damit sie Kontakte zu sizilianischen Familien aufnehmen konnten, um die Invasion zu unterstützen. In der Nachkriegszeit erhielt die Mafia für ihre Kooperation in Italien entsprechende Protektion. Auch in den USA selbst wurden hohe Mafiosi von der CIA als unantastbar geschützt, was Antimafia-Ermittler wie Robert Kennedy zunächst nicht glauben konnten.

Zwei Jahrzehnte später sollte der General ein zweites Mal die Zusammenarbeit mit der Mafia bei der Einnahme einer Insel versuchen - mit weitaus weniger Glück.

Der Einfallsreichtum des US-Militärs kannte im Zweiten Weltkrieg keine Grenzen. Sogar Fledermäuse sollten zum Einsatz kommen.

Zu Drohne umfunktionierter Kampfflieger. Foto: US Air Force

Zu den streng geheimen Projekten, mit denen die deutsche "Wunderwaffe" V2-Rakete an ihren Startplätzen bekämpft werden sollte, gehörte ein ebenfalls unbemannter Flugkörper: In der Operation Aphrodite wurden abmusterungsreife Flugzeuge mit Sprengstoff beladen und als fliegende Bomben per Funk ins Ziel dirigiert. Für den Start war eine Besatzung erforderlich, die vor dem Absprung mit dem Fallschirm auf Funksteuerung umschaltete. Ein Begleitflugzeug konnte die Instrumente und die Frontscheibe durch zwei Fernsehkameras überwachen und als Drohne steuern. Der bekannteste Pilot dieses Programms war Joe Kennedy Jr., der bei einem Unfall ums Leben kam. Zwei Jahrzehnte später sollte Lemnitzer Joes kleinem Bruder John F. Kennedy ebenfalls einen Plan vorschlagen, bei dem ferngesteuerte Flugzeuge eine bemerkenswerte Rolle spielten, jedoch zu Täuschungszwecken.

Zur Täuschung der Deutschen Späher verwendete das britische Militär sogar Zauberkünstler. Um von der bevorstehenden Landung in der Normandie abzulenken, inszenierte man in Dover entsprechende Vorbereitungen für Calais durch Attrappen von Panzern, Schiffen und Flugzeugen am Boden, Funktäuschungen sowie sogar durch den Abwurf von Fallschirmjäger-Puppen, die mit Tonbandgeräten Schüsse simulierten. Die Effizienz dieser Kriegslisten ist umstritten, zumal die Deutsche Wehrmacht in die gleiche Trickkiste griff, etwa in der Ardennenoffensive, wo ganze Regimenter mit falschen Uniformen als amerikanische getarnt waren.

1944 landete Lemnitzer unter leichtem Beschuss am italienischen Kriegsschauplatz. Dort betreute er zahlreiche Konferenzen von Spitzenpolitikern und genoss die mediterrane Kultur. Er plante an der Invasion von Südfrankreich, die ab August mit 800 Schiffen und 5000 Flugzeugen die in der Normandie erfolgte Landung vom Juni unterstützte.

Bei der Planung für die amphibische Überquerung des Ärmelkanals im Sperrfeuer der Deutschen war Eisenhower von einer Verlustquote von 50% ausgegangen - vom Feldherrenhügel aus ein akzeptables Risiko. Bereits während den Vorbereitungen der amphibischen Operation waren 12.000 Alliierte ums Leben gekommen, denen 80.000 Tote und 155.000 Verletzte folgen sollten. Ein Großteil der Verluste war unausgereiften Plänen geschuldet, welche auf den Überraschungseffekt gesetzt hatten, die Soldaten aber kampflos ertrinken ließen. So hatte man zu Täuschungszwecken für die Überfahrt schlechtes Wetter in Kauf genommen. Die Propaganda stellte das Gemetzel als Abenteuer dar.

Auch Lemnitzer, der seinem Idol Eisenhower 1983 ein Denkmal in West Point errichten ließ, hatte zum Opfern eigener Leute zu Täuschungszwecken ein sehr taktisches Verhältnis, wie sich in den 1960ern noch zeigen sollte.

In diesen Tagen unternahm Lemnitzer seine zweite Geheimmission - diesmal in zivil. OSS-Agent Allen Dulles hatte ein Geheimtreffen mit einem Deutschen arrangiert: Karl Wolff, Stellvertreter von SS-Chef Himmler, der 1964 der Beihilfe zur Ermordung von 300.000 Juden für schuldig befunden werden sollte. Wolff versuchte, einen Waffenstillstand auszuhandeln und reiste nach Berlin, wo er seinem Führer den geheimen Kanal zum amerikanischen Präsidenten sogar mitteilte. Doch inzwischen hatte der amerikanische Vereinigte Generalstab der Teilstreitkräfte (Joint Chiefs of Staff - JCS) den diplomatischen Kontakt untersagt, zumal die Sowjets Wind von den Gesprächen bekommen hatten. Trotzdem setzten die Amerikaner heimlich den Kontakt mit Wolff fort, der schließlich zu einem Waffenstillstand für die italienische Region führte, jedoch nur fünf Tage vor der deutschen Gesamtkapitulation.

Diese als Operation Sunrise bezeichnete Mission, in welcher die Westmächte hinter dem Rücken der Sowjets mit Nazis konspirierten, wird häufig als erste Schlacht des Kalten Krieges angesehen - ein Krieg, der fortan Lemnitzers Lebensinhalt werden sollte. Dulles und Lemnitzer besetzten später in der Regierung Eisenhower die Schlüsselpositionen in Geheimdienst und Militär, die beide unter dem folgenden Präsidenten in Schande wieder verlieren sollten.

Die wohl wichtigste Beute der Sieger waren jene deutschen Wissenschaftler, die im riesigen Bunker Dora Mittelbau jene als "Vergeltungswaffe 2" bezeichnete Rakete hatten bauen lassen - von 60.000 Arbeitssklaven, von denen ein Drittel planmäßig an Unterernährung gestorben war. Lemnitzer sollte 15 Jahre später die Aufgabe zufallen, mit diesen Nazi-Ingenieuren sein Land ins Weltraumzeitalter zu befördern. Die V2 hatte wegen ihrer unpräzisen Steuerung und der geringen Transportkapazität in erster Linie psychologische Bedeutung, da es gegen sie keine effiziente Abwehr gab.

Doch aufwändige Raketen versprachen dann Effizienz, wenn man sie nicht mit konventionellem Sprengstoff, sondern mit einer weiteren geheimen Kriegstechnologie befrachtete, an der man nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA arbeitete: Unter der Führung des Militärs hatte die US-Regierung ein streng geheimes Projekt betrieben, von dem unglaublicherweise nichts an die Öffentlichkeit gedrungen war, obwohl zeitweise bis zu 150.000 Menschen beteiligt gewesen waren. Ab dem 16.Juli 1945 verfügte das US-Militär über den bislang größten Knall.

Teil 2: Von der V2 zum Krieg der Sterne

Kommentare lesen (22 Beiträge)
Anzeige