Der Gipfel von Hanoi und das Wettrüsten

Donald Trump und Kim Jong-un beim Gipfeltreffen in Hanoi. Bild: Executive Office of the President of the United States

Donald Trump will ein Wirtschaftswunder für globale Investoren, nicht für Nordkoreaner - Ein Gastkommentar

Die plötzliche Absage der gemeinsamen Erklärung am 28. Februar am Ende des Trump-Kim-Gipfels in Hanoi, Vietnam, erlebte ich als eines der komplexesten und widersprüchlichsten historischen Ereignisse, an das ich mich erinnere. Natürlich war die improvisierte kurze Zusammenfassung von Donald Trump und Mike Pompeo unmittelbar nach dem Gipfeltreffen in keiner Weise vielschichtig. Es war eine banale Schau für die Medien, die es vermieden hatten, über all das zu reden, was über den bloßen Ablauf des Gipfels hinausgegangen wäre.

Trump sprach über seine "starke Beziehung" zu Kim Jong-un, Shinzo Abe, Xi Jinping und Moon Jae-in, und klang dabei wie ein Spätvorstellungskomiker, der versucht, Inhalte zu finden, um ein plötzliches aufgetauchtes Loch im Programm zu schließen.

Aber die positiven Sätze, die Trump herausbrachte, konnten nicht jeden von der an Fahrt aufnehmenden weltweiten Katastrophe ablenken. Trumps schmeichelhafte Worte über seine "produktive Zeit" mit dem Vorsitzenden Kim taugten nicht als Feigenblatt, um die von allen Seiten zunehmende Kriegsgefahr zu vertuschen.

Lass uns ehrlich sein: Nordkorea ist keine überwältigende Bedrohung für den Weltfrieden, sondern eher eine Insel der relativen Stabilität in dem Staub, der aufgewühlt wird, während die globale Ordnung, die im Jahr 1951 auf der Konferenz von San Francisco begründet wurde, zusammenbricht. Die Tatsache, dass Nordkorea ein geschlossener und repressiver Staat ist, versetzt ihn in eine "gute" Gesellschaft zusammen mit anderen Staaten der Gegenwart.

Aber die Vereinigten Staaten, denen nunmehr die gesamte Regierungsexpertise verlustig gegangen ist, die radikale Privatisierung der Themen- und Politikanalyse sowie die von einer extremen Konzentration des Reichtums geplagte Kultur, geraten zusammen in ein Gemisch aus Isolationismus und Militarismus, das fast alles möglich macht.

Diese strukturelle Transformation war - mehr noch als der Widerstand der US-Opposition gegen den Abbau der Sanktionen gegen Nordkorea oder die schäbige Aussage von Trumps Anwalt Michael Cohen - der Grund dafür, dass die Hanoi-Show nichts Substanzielles hervorbrachte.

Aber die Welt steht nicht still für einen Trump. Indien und Pakistan, zwei Atommächte, stehen am Rande eines Krieges, nicht zuletzt aufgrund der ungehobelten geopolitischen Spiele der Vereinigten Staaten, um den chinesischen Einfluss zu begrenzen. Das US-Militär operiert nach wie vor straffrei in Zentralasien, im Nahen Osten und in Afrika, und auch der neue US-Kongress scheint nicht in der Lage oder willens zu sein, dies einzudämmen.

Südamerika wurde durch die Amtseinführung der rechtsextremen Regierung in Brasilien unter Jair Bolsonaro in ein Chaos gestürzt, das nicht nur mit Gewalt als bevorzugtem Mittel zur Lösung politischer Probleme droht, sondern auch einem rücksichtslosen anti-intellektuellen Drang nach kurzfristigem Profit Vorschub leistet und mit Plänen zur exzessiven Rodung des Amazonaswaldes auf das Aussterben der Menschheit hinarbeitet.

Zur gleichen Zeit leisten die neokonservativen Zwillinge Elliot Abrams und John Bolton Überstunden, um den Regimewechsel in Venezuela voranzutreiben. Sie wollen die Regierung von Nicolás Maduro stürzen und die Kontrolle über das venezolanische Öl an multinationale Konzerne übergeben. In einem grotesken Schachzug veröffentlichte der rechte Senator Marco Rubio Fotos des ermordeten libyschen Führers Muammar Gaddafi auf seinem Twitter-Account auf und schlug vor, dass Maduro auf ähnliche Weise gefoltert und ermordet werden solle, weil er sich den Vereinigten Staaten widersetzt.

Ein Großteil des Bestrebens, Bodenschätze und Rohstoffquellen an sich zu reißen, wird von den Öl- und Kohlenbaronen der Brüder Charles und Andy Koch angeführt. Beide haben einen großen Einfluss in dem Bestreben, ihre Krallen in die Kohle-, Gold- und andere Rohstoffvorkommen in Nordkorea zu schlagen. Rohstoffe, die angesichts der ökologischen Gegenwartssituation am besten unter der Erdoberfläche gelassen werden würden.

Das heißt, der Gipfel mit Kim Jong-un kann nicht verstanden werden, wenn man nicht weiß, dass das von Trump beschriebene Wirtschaftswunder tatsächlich ein Wirtschaftswunder für globale Investoren ist, nicht für Nordkoreaner. Das Engagement in Nordkorea kann nicht von dem feindlicheren Auftreten gegenüber Iran und Venezuela getrennt werden.

Hinter Kims Lächeln beim Bankett verbarg sich pure Angst

Doch das ist nur die halbe Geschichte. Der Druck von John Bolton zum Rückzug der Vereinigten Staaten aus dem INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces-Treaty) hat uns auf den Weg zu einem großen Wettrüsten geführt, das weitaus gefährlicher sein wird als das, was in den 1950er Jahren geschehen ist. Die Technologie ist viel weiter fortgeschritten. Dieser Wahnsinn, kombiniert mit dem einseitigen Bruch des Atomabkommens mit dem Iran, garantiert ein massives Wettrüsten zwischen Deutschland, Russland, China, den Vereinigten Staaten, der Türkei, Japan, Indien und dem Iran, das möglicherweise im Weltkrieg endet. Alle diese Länder haben wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft Atomwaffen.

Wir können sicher sein, dass Kim Jong-un und seine Berater sich des wachsenden Chaos bewusst sind. Hinter Kims Lächeln beim Bankett verbarg sich pure Angst. Der Gipfel war erfolgreich, weil beide Seiten bereit waren, eine tiefgehende Form der Selbsttäuschung anzunehmen.

Die freundlichen Worte, die Trump für den chinesischen Präsidenten Xi auf der Pressekonferenz hatte, können die Tatsache nicht verdecken, dass das Pentagon konkrete Vorbereitungen für einen Krieg mit China trifft. Diese Situation wird sich nicht verbessern, da Trump und seine Berater Sanktionen als eine Form der Handelspolitik implementiert haben und die Kriegsgefahr als Mittel sehen, um sich Güter anderer Länder anzueignen.

Um es noch deutlicher auszudrücken: Die Entfesselung des US-Militärs unter der Führung von Psychopathen, ohne zivile Kontrolle, könnte die größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit sein.

Die Reaktion von Vertretern der Demokratischen Partei in den Vereinigten Staaten und von vielen Konservativen in Südkorea und in Japan, war eine Vielzahl von Kritikpunkten, die absichtlich außer Acht ließen, wie Trump das Völkerrecht ignoriert, seine faschistische Basis fördert und den Militarismus umarmt.

Das Versäumnis der Vereinigten Staaten zu fordern, dass alle Nationen den Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag einhalten, der Verrat an Iran und die Entscheidung des Pentagon, eine neue Generation von Atomwaffen für die Kosten von 1 Billion US-Dollar zu entwickeln, was eine offensichtliche Verletzung des Nichtverbreitungsvertrags darstellt, sind Tabu-Themen.

Der Aufstieg des Anti-Intellektualismus und der Verfall der Medien

Die Politik hinter dem Trump-Kim-Gipfel war nicht einfach. Die geopolitischen Verschiebungen, die heute stattfinden, sind tiefgreifend. Da die Regierungen der Nationalstaaten kompromittiert und von privaten Interessen übernommen werden, sehen sich Politiker zunehmend gezwungen, die Offerten der Superreichen anzunehmen. Die Landkarte für das Verständnis unserer Welt ändert sich täglich.

Die Medien sehen ihre Rolle jedoch darin, die Welt auf eine Weise zu präsentieren, die multinationale Konzerne und Investmentbanken erfreut. Medien seien demnach nur ein Geschäft, eine Form der Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt keine intellektuelle Prüfung des tatsächlichen Zustands der Welt. Moralische Fragen spielen bei Entscheidungen über Nachrichteninhalte keine Rolle. Die meisten Berichte dienen zur Verwirrung und Irreführung.

Der einzige Inhalt, der in den Berichten über den Gipfel geboten wurde, waren Details darüber, wie der Zug von Kim Jong-un nach Hanoi fuhr, wie Barrikaden außerhalb des Hotels errichtet wurden sowie die feinen Eckpunkte des diplomatischen Protokolls.

Die Medien sind tot und eine tiefe Welle des Anti-Intellektualismus hat die Vereinigten Staaten und viele andere Nationen erfasst, was eine kritische Analyse unmöglich macht. Trump ist nicht nur nicht in der Lage, die Gefahren unserer Zeit zu erfassen, sondern mit ihm auch eine wachsende Zahl von Bürgern, die süchtig nach Online-Spielen, Pornografie oder sozialen Medien sind, auf plappernde Narren reduziert, die nicht in der Lage sind, komplexe Probleme zu verstehen.

In gewissem Sinne lautet die kritische Frage am Ende des Gipfels nicht: "Wann kann ein anderer Gipfel abgehalten werden?", sondern: "Wie können wir eine Kommunikationskultur schaffen, in der die Diskussionen zwischen Institutionen mit den wirklichen Problemen unserer Zeit korrespondieren?"

Abschließend sollte man fragen, welche Themenbereiche aus der Agenda des Gipfels in Hanoi herausgehalten wurden.

Die wichtigsten Themen unserer Zeit

Die schnelle Konzentration des Reichtums in den Händen der Wenigen war ein Thema, über das offenbar weder Trump noch Kim diskutieren wollten. Die Krise des Klimawandels, die Korea in eine Wüste zu verwandeln droht, die Luftverschlechterung durch unregulierte Luftverschmutzung und die zunehmende Nutzung von Kohle als Strom, waren ebenfalls Tabuthemen.

Die Gefahr eines Atomkrieges und des wachsenden Wettrüstens in der Region konnte nicht erwähnt werden (obwohl dies die Hauptursache für die Unsicherheit in Nordkorea darstellt), da die Rüstungsindustrien in den Vereinigten Staaten, Russland, Japan, China und Südkorea an enormen Gewinnen interessiert sind. Wie schon vor dem Ersten Weltkrieg sind Rüstung und Kriegsgefahr wichtige Profitquellen.

Der gesamte Fokus des Gipfels lag darauf, wie Nordkorea seine Atomwaffen aufgeben würde. Eine kleine Sorge im Vergleich zu den Tausenden von Atomwaffen, die die USA im Besitz haben, während diese immer mehr mit Krieg drohen und es sogar ablehnen auf den Erstschlag mit Atomwaffen zu verzichten.

Dieses Problem wird jedoch nicht durch ein weiteres Gipfeltreffen gelöst. Dieses Problem wird nur adressiert, wenn wir einen Dialog führen, in dem die wahren Anliegen der Bürger reflektiert werden und ein Diskurs über reale Bedrohungen in internationalen Beziehungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Analysen von zentraler Bedeutung ist. Eine solche Transformation erfordert einen Wandel der zugrunde liegenden Gesellschaftskultur, nicht von Politik oder Verwaltung.

Emanuel Pastreich ist Direktor des Asia Institute in Seoul.

(Emanuel Pastreich)

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