Der Hofstaat des Führers

Adolf Hitler in der medialen Wiederaufbereitung - Ein Gespräch mit Hannes Heer

60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs scheinen die historischen Fakten, so weit die denn noch eruiert werden können, weitgehend geklärt zu sein. Über ihre Deutung wird gleichwohl unverändert heftig diskutiert, denn es geht schließlich nicht nur um die Interpretationshoheit in einem beliebigen Zeitfenster, sondern um die geschichtspolitische Richtlinienkompetenz, die in einer auf sehr unterschiedliche Art um Vergangenheitsbearbeitung bemühten Bundesrepublik nicht ohne Folgen bleiben kann.

Bei der Auseinandersetzung um die historische Einordnung, Beschreibung und Bewertung des Dritten Reiches hatten freilich meist diejenigen die Oberhand, die Adolf Hitler und seine schwerstkriminelle Führungsriege für sämtliche Gräueltaten der Nazizeit verantwortlich machen wollten. Auch wenn sich im Umkreis der 68er-Bewegung, des sogenannten Historiker-Streits Mitte der 80er Jahre oder der Veröffentlichung von Daniel J. Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" andere Stimmen vernehmlich zu Wort meldeten, blieb der gebannte Blick auf die Chefetage des Dritten Reiches die vornehmliche Perspektive historischer Wahrnehmung. Die Gründe liegen auf der Hand, denn gesellschaftliche Strukturanalysen hätten ohne Zweifel die Verantwortlichkeiten umfassender verteilt und großen Teilen des deutschen Volkes eine Mitschuld durch Teilnahme oder Unterlassung aufgebürdet.

Der Versuch, Hitler zum Dämon und alleinigen Sündenbock zu stempeln, mag in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch als psychologisch verständlich durchgehen. Dass er bis heute mit Erfolg unternommen und in mediale Wirklichkeiten übersetzt wird, verdient seit langem eine ausführlichere Analyse, die Hannes Heer nun im Aufbau-Verlag vorgelegt hat. Unter dem Titel ´Hitler war´s´. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit widmet sich der einstige Gründer des Bonner SDS und Leiter der ersten "Wehrmachts-Ausstellung" jener konservativen Interpretationsgeschichte des Dritten Reiches, die mit den Arbeiten des Hitler- und Speerbiografen Joachim C. Fest, den Fernsehserien Guido Knopps, Bernd Eichingers monumentalem Heldenepos "Der Untergang" oder dem Wirken des Münchner Instituts für Zeitgeschichte verbunden ist. Auf der Basis einer umfangreichen Materialsammlung, die historische Quellen wie Saul K. Padovers "Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland" (1944/45) und zahlreiche Klassiker der Geschichtswissenschaft, so etwa Hugh Trevor-Ropers "Hitlers letzte Tage" (1947), ebenso einbezieht wie neue und neueste Beiträge der wissenschaftlichen Forschung, versucht Heer, Missverständnisse und gezielte Fälschungen aufzudecken.

Bernd Eichingers "Der Untergang"

Adolf Hitler verliert dabei den sagenhaften Nimbus des Einzeltäters, und von der heroischen bis untadeligen Rolle, welche die Deutsche Wehrmacht in Landser-Heftchen, Großvaters Erinnerungen und vielen seriös erscheinenden Veröffentlichungen gespielt hat, bleibt nicht mehr viel übriges. Gleiches gilt für den Freispruch zweiter Klasse, mit dem Speers Ghostwriter Joachim Fest nicht nur das Objekt seiner ganz persönlichen Obsession, sondern gleich das gesamte deutsche Volk gesegnet und zu einer "subtilen Selbstamnesie" angeleitet hat.

Die Position des 1941 geborenen Historikers und Literaturwissenschaftlers ist unnachgiebig, doch wer Aufsehen erregende Provokationen erwartet und sich sehnsüchtig an die Zeiten erinnert, da Heer im goldenen Buch der Universität Bonn den Eintrag des Bundespräsidenten Heinrich Lübke um den wenig willkommenen Zusatz "KZ-Baumeister" ergänzte, kommt hier nicht auf seine Kosten. "Hitler war´s" gibt sich kämpferisch, aber betont sachlich und wissenschaftlich fundiert. Telepolis sprach mit Hannes Heer über zentrale Thesen seines neuen Buches.

Hannes Heer

Herr Heer, mehr als ein Viertel Ihres Buches besteht aus Quellennachweisen, Anmerkungen und Literaturangaben. Ist das auch eine Konsequenz der ersten "Wehrmachts-Ausstellung", die wegen zweier falscher Bildunterschriften zurückgezogen wurde?
Hannes Heer: Ich kann in der Auseinandersetzung um die Deutung von Geschichte nicht einfach nur mit meiner Meinung aufwarten. Sobald es um historische Fakten geht, die falsch interpretiert und verantwortungslos verbreitet werden, muss man das anhand der Quellen und mit Hilfe von Archivmaterial zurechtrücken. Ich habe immer so gearbeitet, empfinde es allerdings als besonders positiv, dass der Aufbau-Verlag keine Einwände gegen die Folgen dieser Arbeitsweise hat - einen Anmerkungsapparat, der ein Viertel des Buchumfangs einnimmt. Wenn das Buch in einem reinen Wissenschaftsverlag herausgekommen wäre, hätte ich meine Thesen gleich einsargen können. Ich bin aber kein Schneewittchen, das darauf wartet, dass es von einem Fachkollegen oder einer Kollegin für sein Proseminar entdeckt und sozusagen wachgeküsst wird, ich möchte eine breite Öffentlichkeit erreichen und wachrütteln.
Trotzdem - das Thema Wehrmacht scheint Sie nicht loszulassen. Wie denken Sie heute über die Ereignisse, die sich gegen Ende der ersten Ausstellung abgespielt haben? An dem Folgeprojekt waren Sie dann ja nicht mehr beteiligt.
Hannes Heer: Das Ganze liegt mittlerweile fünf Jahre zurück, und natürlich hat es in der Auseinandersetzung mit Jan Philipp Reemtsma auch persönliche Verletzungen gegeben. Aber wenn man nach selbstkritischer Prüfung weiterforscht und die Befunde in Büchern und Ausstellungen nach außen trägt, ist das eine sehr produktive Art, solche Wunden heilen zu lassen.
Ich weiß, dass die Wehrmachts-Ausstellung das Geschichtsbild der Deutschen verändert hat, ähnlich wie die Tagebücher von Victor Klemperer oder Goldhagens "willige Vollstrecker". Sie hat gezeigt, dass die Wehrmacht nicht Opfer war - der Gewaltakte anderer oder eines abstrakten Schicksals -, sondern sie hat den Krieg begonnen und mit nie da gewesener krimineller Gewalt geführt. Sie war Ausführender, Helfer und Mitwisser von unzähligen Verbrechen, auch gegen die Juden. Dasselbe gilt für einen großen Teil des deutschen Volkes. Die Diskussion über die Rolle der Wehrmacht und über die jedes einzelnen Deutschen war überfällig, und sie dauert bis heute an.
Ich habe vor einigen Tagen die Anfrage eines Studenten aus Lyon bekommen, der eine Doktorarbeit über die Wehrmachts-Ausstellung schreiben will. Eine Woche vorher hat mich eine Studentin von der Uni Lüneburg für ihre Magisterarbeit interviewt. Insgesamt dürften weit über 50 wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema verfasst worden sein. Da hat sich also etwas bewegt. Auch auf dem Gebiet der Forschung über die Wehrmacht und ihre Taten passiert viel. Zu Recht, denn es gibt noch unendlich viel zu erforschen. Nur für den operativen Teil des Kriegsgeschehens gibt es ausreichende Studien. Der Rest ist immer noch weitgehend im Dunkeln. Ich selbst arbeite gerade an einer umfangreichen Publikation zum Thema Wehrmacht und Holocaust, die im Herbst 2006 oder spätestens zur Leipziger Buchmesse 2007 erscheinen wird.
Joachim Fest hat als Biograph und zeitweiliger Co-Autor von Albert Speer dessen öffentliche Rechtfertigung planmäßig und jahrzehntelang betrieben. Dabei lagen über Hitlers Stararchitekten und Rüstungsminister längst andere, wissenschaftliche gesicherte Erkenntnisse vor, die keinen Zweifel daran ließen, dass er an der "Entjudung Berlins", der Deportation von Juden oder dem Bau von Konzentrationslagern maßgeblich beteiligt war und in den letzten Monaten des Krieges keineswegs die rühmliche Rolle spielte, die ihm üblicherweise zugeschrieben wird. Stattdessen versprach er Hitler nach dem Erlass des "Nerobefehls" noch am 29. März 1945 schriftlich, "alle Anstrengungen zu machen, um den Widerstand bis aufs Äußerste zu steigern." Welche Gründe konnte es für Fest geben, diese Erkenntnisse zu ignorieren oder umzudeuten?
Hannes Heer: Fest hatte ein klar umrissenes Bild von Speer, das des unpolitischen Technokraten. Damit traf er tatsächlich Teile dieser Figur. Das Problem besteht darin, dass er diese Aspekte totalisiert und Speer, der sich genau so sehen wollte, in seiner Apologie unterstützt hat. Fest und Speer trafen sich auf einer Ideallinie, durch die Erinnerungen und Tagebücher des Einen sprach immer auch der Andere. Gemeinsam führten sie dann dieses gigantische Entlastungsmanöver durch, das in der Person des Promis Speer auch Millionen von Deutschen freisprach: Sie konnten mit Hinweis auf die Speerlegende ihre eigene präsentieren - man habe von all den Verbrechen nichts gewusst.
Ermöglicht wurde das durch die Weigerung von Fest, wissenschaftliche Untersuchungen, die die wirkliche Rolle von Speer als Parteimann, Hitlerfreund und Kriegsminister aufzeigten, für die eigene Arbeit zu ignorieren und in der Öffentlichkeit zu verschweigen. Als zum Beispiel durch das Buch von Matthias Schmidt (Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Speers wahre Rolle im Dritten Reich, 1982, AdR) das Lügengebäude deutliche Risse bekam, war Fest viel zu eitel und zu arrogant, um sich selbst in Frage zu stellen und durch sein Insider-Wissen zu einer Neubewertung Speers beizutragen. Außerdem rechnete er wohl nicht damit, dass diese Doktorarbeit eines unbekannten deutschen Historikers von einem breiten Publikum wahrgenommen werden könnte.
Doch als die international renommierte Publizistin Gitta Sereny ihre Speer-Biografie (Albert Speer. Sein Ringen mit der Wahrheit und das deutsche Trauma, 1995, AdR) veröffentlichte, sah die Sache anders aus. Sereny ist ein Schwergewicht, mit Fest als Stilistin vergleichbar und ihm als investigative Journalistin uneinholbar überlegen. An Speer selbst kam sie zwar auch nicht sehr viel näher heran, aber sie hat das durch eine Fülle von Interviews mit Mitarbeitern und Weggefährten kompensiert, und so - ohne vorgefertigte Thesen - ganz neue Erkenntnisse gewonnen.
Fest kann das nicht, der geht nicht in die Archive und macht keine Interviews mit Zeitzeugen. Dafür ist er sich zu schade. Er verlässt sich auf seinen Namen, seine Beziehungen und darauf, dass er ein blendender Formulierer ist. Das ist, wie ich in meinem Buch aufzeige, zu wenig. Deshalb hätte er nach Serenys Veröffentlichung überhaupt keine Speer-Biografie mehr schreiben dürfen oder sich wenigstens auf ihre Ergebnisse beziehen müssen. Alles andere war historisch und politisch verantwortungslos.
Haben die deutschen Historiker nicht viel zu spät auf diese Manöver und das "System Fest" reagiert? Anders gefragt: Hätte der Historikerstreit durch entschiedenen Widerspruch nicht viel früher vom Zaun gebrochen werden müssen? Jürgen Habermas, der schließlich den ersten Schritt unternahm, war ja noch nicht einmal vom Fach.
Hannes Heer: Die Zeithistoriker haben da wirklich keine gute Rolle gespielt, aber das liegt auch daran, dass sie Geschichtsschreibung erst wahrnehmen, wenn sie in der ihnen eigenen, also gewohnten wissenschaftlichen Form erscheint. In Frankreich und den anglo-amerikanischen Ländern werden zentrale Thesen oder Publikationen auch diskutiert, wenn sie nicht von Professoren stammen. In Deutschland hat sich dagegen ein Fachidiotentum breitgemacht, das zum Himmel schreit.
Allerdings ist Fests Bild des Nationalsozialismus nicht per se revisionistisch, deshalb würde ich ihm auch - wie zum Beispiel David Irving - kein geschlossenes System unterstellen. In der Hitler-Biografie hat er gezeigt, dass man die Nazizeit nicht nur als blutige Diktatur und verbrecherisches System darstellen kann, sondern auch registrieren muss, dass Hitler viele Millionen Menschen begeistert und ohne Zwangsmaßnahmen auf seine Seite gezogen hat. Fest hat diese Aspekte ernst genommen, und das war eine wissenschaftliche Leistung. Allerdings sind die beiden Pole des Nationalsozialismus, die ich mit Terror und Hoffnung beschreiben würde, bei ihm immer mehr aus der Balance geraten, so dass die Faszination schließlich dominiert. Das gipfelt dann in einer Art Tagtraum: Nationalsozialismus ohne Krieg und Judenvernichtung, das wär´s gewesen!
Diese Einstellung ist höchst problematisch und verbindet sich bei Fest mit der vollkommenen Vernachlässigung moderner wissenschaftlicher Forschungsmethoden. Von Gesellschafts-, Wirtschafts-, Struktur- oder Mentalitätsgeschichte will er ganz einfach nichts wissen. Er setzt völlig unkritisch auf das altbewährte biographische Genre, das vereinfacht, zur Identifizierung einlädt und das fremde Land der Vergangenheit ins immer schon bekannte Menschlich-Allzumenschliche verwandelt.
Dabei wäre doch anzunehmen, dass über handwerkliche Fehler schnell Einverständnis erzielt werden kann. Guido Knopps Lieblingszeitzeuge Reinhard Spitzy, der - wie Sie nachgezählt haben - in sieben Filmen vernommen wird, kann schließlich nicht gleichzeitig "Referent bei Hitler", "Referent bei Ribbentrop", "Mitarbeiter von Canaris" und "NS-Diplomat" gewesen sein.
Hannes Heer: Stimmt, aber darauf reagiert die Forschung nicht, weil eben auch Knopp für sie vollkommen unseriös ist. Dass der Mann ein Millionenpublikum hat und seine Produkte in die ganze Welt verkauft, spielt für die meisten Fachjournalisten und Historiker keine Rolle. Das ist eben U- und keine E-Kultur. Übersehen wird dabei, dass Knopp ein genialer Vermarkter seiner Fernseh- und Buchprodukte ist und seine Publikationsliste die der meisten Historiker um Längen schlägt. Der Fernsehhistoriker Knopp erzielt Wirkung und macht Geschichtspolitik, also genau das, was die Universitätshistoriker auch gerne erreichen würden. Aber da sie sich nicht mit ihm auseinandersetzen, kann ihm - wie im Fall Spitzy und vielen anderen - auch nicht widersprochen werden.
Fehlerhafte Berufsbezeichnungen sind allerdings nicht Ihre einzigen Einwände gegen das erfolgsreichste "History-Format" im deutschen Fernsehen. Sie werfen Knopp vor, den Obersalzberg zum Entscheidungszentrum des Dritten Reiches umfunktioniert und durch ausschließlichen Rückgriff auf das Bildmaterial der Nazis eine moderne Wochenschau inszeniert zu haben. Die Kapitelüberschrift "Guido Knopp: Hitlers Helfer" ist wohl auch nicht zufällig gewählt. Was stört Sie an dieser Art des Geschichtsunterrichts?
Hannes Heer: Um das Bildmaterial kommt man gar nicht herum. Ich habe selbst 10 Jahre lang Dokumentarfilme für ARD und ZDF gedreht und weiß natürlich, dass praktisch keine inoffiziellen Filme zu bekommen sind. Diese schwierige Situation entbindet einen aber nicht von der Verpflichtung, die Herkunft und die ursprüngliche Verwendung des Materials für Propagandazwecke zu kennzeichnen. Außerdem gibt es Fotos und gefilmte Stellungnahmen von Regimegegnern und Opfern, die ergänzend berücksichtigt werden können.
Es geht hier schließlich nicht um irgendeine Vorabendserie, sondern um ein Kernthema unserer Geschichte. Wenn man da aufklären will, und das ist ja Knopps erklärtes Ziel, dann muss er den Zuschauern Gelegenheit geben, kritischen Abstand zu gewinnen und sich ein fundiertes Urteil zu bilden.
Aber in Wirklichkeit geht es Guido Knopp nicht um Aufklärung, sondern um Wirkung, also Quote. Er will einen Hitler zum Anfassen, darum auch die dauernde Einblendung des Obersalzberges. Die Bilder kommen diesmal von Eva Braun und haben im wesentlichen drei Vorteile: Sie suggerieren zunächst eine Einheit des Ortes, die dramaturgisch natürlich ein Geschenk ist. Darüber hinaus handelt es sich um einen Farbfilm, der das gesamte Geschehen vergegenwärtigt und dem Zuschauer das Gefühl gibt, irgendwie live dabei zu sein. Und dann zeigen sie Hitler als Privatperson, die ganze Szenerie wirkt entspannend, sieht nach Sommerferien aus, hier menschelt es. Wir haben es mit einer richtigen Homestory zu tun, das ist im Grunde wie Adenauer im Urlaub in Italien beim Boccia spielen - "Toll, was der Alte noch so draufhat!" -, und der Zuschauer steht die ganze Zeit in der Haustür und sieht ihm zu.
Es gilt also nicht nur das Prinzip "Hitler war´s". Ein Sündenbock, der ausschließlich mit negativen Attributen versehen ist, taugt kaum zum medialen Superstar.
Hannes Heer: Auch unter der Verteufelung lauert immer die alte Faszination, und Hitler ist natürlich eine Rechnung mit beiden Vorzeichen, mit Plus und Minus. Er ist einerseits der Messias, der ein ganzes Volk in Raserei versetzt hat und andererseits der große Verlierer, der Millionen seiner Jünger enttäuscht hat. Daraus hat sich ein negativer Geniekult entwickelt, dessen Grenzen verschwimmen oder von Leuten, wie Fest und Knopp, die sich nachträglich in den Hofstaat des Führers eingereiht haben, zum Verschwimmen gebracht werden. Knopp und Fest sind fasziniert von all den Aufmärschen, SS-Uniformen, Reichsparteitagen und dieser ganzen Riefenstahl-Ästhetik, und das gilt ebenso für ihr Publikum. Nicht nur für die älteren Jahrgänge, sondern gerade auch für die Jugend, die sich neben Science-Fiction-Schlachten aus Hollywood für Opas poppig recycelte Kriegserlebnisse begeistern kann.
In mehreren "Gegenreden" verweisen Sie auf einen anderen Umgang mit der deutschen Geschichte. Sie analysieren Dietrich Bonhoeffers harsche Kritik der deutschen Eliten und finden in der neuesten Erinnerungsliteratur - ausdrücklich nicht bei Thomas Medicus ("In den Augen meines Großvaters" und Ulla Hahn ("Unscharfe Bilder"), aber doch bei Uwe Timm ("Am Beispiel meines Bruders"), Wibke Bruhns ("Meines Vaters Land") oder Dagmar Leupold ("Nach den Kriegen") - Beispiele für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der eigenen und/oder familiären Vergangenheit. Es gibt also Menschen, die der Versuchung, Hitler für alle Untaten des Nationalsozialismus verantwortlich zu machen, widerstehen können.
Hannes Heer: Natürlich gibt es das, sonst könnte der Aufbau-Verlag den Autor Hannes Heer aus seinem Programm streichen. Um aber genauer auf Ihre Frage einzugehen: Es existieren ja, meist unerkannt, zwei Arten von Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik. Da ist die offizielle, die von Universitätshistorikern, Bildungseinrichtungen und Medien betrieben wird, und dann die private, die zumeist mündlich überliefert ist und als Familienerzählung eine Art konkurrierender Geschichte darstellt. Das sind Parallelwelten, in denen einerseits Fakten und andererseits Meinungen geliefert werden. Die offizielle Geschichtsschreibung trägt meistens etwas zur Wahrheit bei, kann aber oft die Lebenswelt des Einzelnen nicht erfassen, die Familienhistorie neigt dazu, weil es um die eigenen Angehörigen geht, zu verharmlosen und zu entlasten, vermag aber, Lebensgefühl und Zeitklima zu vermitteln. Es käme darauf an, die Vorteile beider Sichtweisen zu kombinieren und zu einer von Historiker und Zeitzeuge mitgetragenen Synthese zu kommen. Das gelingt allerdings nur in ganz seltenen Fällen. Der Normalfall ist eher, dass derjenige, der die Befunde der offiziellen Geschichtsschreibung mit den privaten Erinnerungen abgleicht, um gegen Beschönigungen oder Verfälschungen gefeit zu sein, meist den Bruch mit seiner Familie riskiert.
Man kann das im Falle von Dagmar Leupold nachvollziehen, die in ihrem Buch "Nach den Kriegen" exemplarisch aufzeigt, wie man anhand der eigenen Familie die Mentalität einer Epoche entschlüsseln kann. Sie rekonstruiert die Geschichte ihres Vaters und seiner Generation anhand von dessen Tagebüchern und offiziellen Akten, aber sie macht auch die Ablagerungen und Endmoränen dieses Nazilebens in der Nachkriegszeit erkennbar - anhand von Alltagserlebnissen, Gerüchen, Möbeln, Regeln, Verboten, Essensgewohnheiten, immer wiederkehrenden Sätzen, Freunden des Hauses usw. Sie zeigt so auf engstem Raum, was aus Menschen geworden ist, die vor kurzem noch ganze Helotenvölker kommandieren wollten und nun erleben müssen, dass ihr Herrschaftsgebiet auf die Größe eines Reihenhauses und das Personal einer Kleinfamilie zusammengeschrumpft ist.
Das ist Geschichte als Körperwahrnehmung: Die Faszination wird spürbar, aber eben auch die Folgen - Verzweiflung, Einsamkeit, gescheiterte Lebensentwürfe, Schuld. So gelingt eine Annäherung an das komplette Bild.
Sehen Sie einen direkten Zusammenhang zwischen der geschichtspolitischen Rolle rückwärts, die in den letzten Jahren so offensiv geprobt wurde, und dem Wiedererstarken rechter Parteien?
Hannes Heer: Nein, Neonazis hat es in der Bundesrepublik immer gegeben, und die NPD saß doch schon in den 60er Jahren in mehreren Landesparlamenten. Die Gefahr geht eher von den demokratischen Parteien aus, die immer häufiger rechtskonservative Positionen vertreten und so einen Extremismus der Mitte etablieren. Das läuft über Migrationsprobleme, den EU-Beitritt der Türkei, der bisweilen so dargestellt wird, als ob die Türken wieder vor Wien ständen, oder über Diskussionen zu den Themen Patriotismus und Leitkultur. Dabei wird das Bedürfnis spürbar, Deutschland als Großmacht in Europa zu positionieren und die unselige Geschichte der Nazizeit endlich ruhen zu lassen. Schließlich hat man mit dem Holocaust-Denkmal jetzt auch ein imposantes Alibi.
Für rechte Parteien ergeben sich da natürlich viele Ansatzpunkte. Ein gutes Beispiel ist Jörg Friedrich, dessen Buch "Der Brand" zunächst durch alle Talkshows und die Feuilletons der großen Zeitungen hoffähig gemacht wurde. Die "Junge Freiheit" hat es dann als Geschenkabo vertrieben, und so konnte die NPD schließlich wahrheitsgemäß behaupten, sie habe den Begriff "Bombenholocaust" nicht erfunden, sondern von einem renommierten Historiker, dem allseits gefragten Jörg Friedrich, übernommen.
Da wir schon - wenigstens virtuell - beim ZDF zu Gast waren. Würden Sie eigentlich gern an einem historischen Quartett teilnehmen?
Hannes Heer: Ja, in der Tat. Ich glaube, das könnte ein sehr interessantes Format sein, und die Themen würden uns sicher nicht ausgehen. Eine öffentliche Auseinandersetzung über derart wichtige Inhalte ist dringend geboten, und das Fernsehen wäre durchaus ein geeignetes Medium.
Bleibt in diesem konkreten Fall nur noch die Frage, ob Joachim Fest und Guido Knopp auch mit Ihnen diskutieren möchten?
Hannes Heer: Fest sicher nicht, denn der stellt sich nur, wenn er die Bedingungen diktieren und das Gespräch jederzeit beenden kann. Guido Knopp hat schon an ähnlichen Veranstaltungen teilgenommen, schickt in letzter Zeit aber vorzugsweise seine Unteroffiziere. Warten wir mal ab, was passiert. Ich hoffe, dass durch das Buch Diskussionsbedarf entsteht und viele Gespräche stattfinden. An denen müssen nicht unbedingt die genannten Autoren teilnehmen. Politiker, Journalisten, Lehrer, Schüler, Institutionen und Verbände, wie etwa der Zentralrat der Juden, können ebenfalls wertvolle Beiträge leisten.

Hannes Heers Buch "´Hitler war´s´. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit" ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 24,90 EUR.

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