Der Hunger kehrt zurück

Die Anzahl der Hungernden steigt wieder an. Weltweit auf über 800 Mio. Menschen. Der Westen muss seine Kriege beenden, den weltweiten Agrarmarkt reformieren und seine Versprechen zur Entwicklungshilfe halten.

Die "Millenniumsziele" sind gescheitert. Im Jahr 2000 versprach die internationale Gemeinschaft die Anzahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren - sie auf unter 450 Mio. zu senken. Weniger als zehn Prozent wurden erreicht. Aber selbst dieser "Fortschritt" ist prekär. Mehrere sich gegenseitig verstärkende Ursachen wie Nahrungsmittelpreise und Kriege legen einen weiteren Anstieg in den nächsten Jahren nahe. Die innere soziale Differenzierung sowie der Klimawandel stellen zusätzliche Treiber dar. Statistische Unzulänglichkeiten verschleiern die reale Situation.

Quelle: FAO 2017. Darstellung: Kai Kleinwächter

Die FAO veröffentlicht seit 2016 wieder offizielle Statistiken zu den Kriegsgebieten der NATO. Insbesondere Afghanistan und Irak waren nach den militärischen Interventionen jahrelang nicht bzw. nur unzureichend erfasst worden. Eine hungernde Bevölkerung passte nicht in die Propaganda vom erfolgreichen "Nation Building". Durch die jetzt erfolgte statistische Berücksichtigung schwand die geschönte Darstellung der letzten Jahre. Die Anzahl der Hungernden begann wahrscheinlich schon vor 2015 anzusteigen.

Gleichzeitig rücken weitere Lücken in der offiziellen Statistik in den Fokus. So benennt der Welthungerbericht 2017 neun Staaten mit zusammen mehr als 140 Mio. Einwohnern, für die - wenn überhaupt - nur Schätzungen vorliegen.1 Die wenigen gesicherten Daten deuten auf eine gravierende Mangelversorgung sowie endemischen Hunger hin. Insbesondere in der Demokratischen Republik Kongo und in Syrien leidet wahrscheinlich mehr als Hälfte der Bevölkerung unter massiven Ernährungsproblemen.

Staaten mit unzureichender Datenlage (Stand Herbst 2017). Quelle: Welthungerhilfe 2017. Darstellung: Kai Kleinwächter (zeitgedanken.blog)

Darüber hinaus erfolgt keine Erfassung in den Industrie-Ländern. Hunger wird nur als Problem der Entwicklungsländer gesehen. Entsprechend weist die FAO bisher weder die in Folge der Wirtschaftskrise Unterversorgten Süd-Europas, noch die Binnenflüchtlinge der Ukraine aus. Die offiziellen Angaben erfassen nur eine Mindestanzahl der weltweit Betroffenen.2

Grundnahrungsmittel sind seit einer Dekade äußerst teuer. Nur in den Jahren 1973 - 1975 lag das Preisniveau über dem heutigen Niveau. Ursache der damaligen Ausschläge waren die wirtschaftlichen und preispoltischen Instabilitäten infolge der ersten Ölkrise. Aber die damals bereits angelaufene "Grüne Revolution"3 ermöglichte eine umfassende Steigerung der Lebensmittelproduktion und senkte die Preise deutlich. Nahrungsmittel waren vom Beginn der 1980er Jahre bis Mitte der 2000er Jahren preiswert und nahezu konstant. Die Überwindung des Hungers in Lateinamerika, China und Ost-Asien sowie dessen Eindämmung in Indien fielen in diese Zeit.

Die Phase preiswerter Grundnahrungsmittel fand jedoch 2004 ihr Ende. Innerhalb von sieben Jahren verdoppelte sich das Preisniveaus und stabilisierte sich seit 2011 bei extremer Fluktuation auf einem historisch hohen Niveau.

Quelle: FAO Price Index 2017. Darstellung: Kai Kleinwächter (zeitgedanken.blog)

Für das nächste Jahrzehnt prognostizieren OECD und FAO im "Agricultural Outlook 2018" moderat sinkende Agrarpreise. Wobei mögliche Klimaumbrüche und politische Instabilitäten nicht berücksichtigt wurden. Aber auch in dieser "optimistischen" Vorhersage liegen die Agrarpreise über dem Niveau der 1990er Jahre. Positiv sind ein nachlassendes Wachstum der Weltbevölkerung sowie steigende Ernteerträge in allen Welt-Regionen. Gleichzeitig warnen die Autoren jedoch vor Preisausschlägen in Folge von Spekulationswellen und Währungsschwankungen.

Entwicklungsländer geraten bei solchen Preisschwankungen schnell in ökonomische Krisen. Die steigenden Nahrungsmittelpreise schränken den Konsum der Unter- und Mittelschichten empfindlich ein. Die Binnenwirtschaft schrumpft. Ohne eine stabilisierende Exportwirtschaft kommt es zum Währungsverfall. In Folge beschleunigt die abfließende Kaufkraft den wirtschaftlichen Niedergang. Dies führt zu einem weiteren Anstieg der Preise für Nahrungsmittel… Die Folgen sind ohne internationale Hilfe wie im "islamischen Winter" katastrophal.

Die Entwicklungsländer können diesem Kreislauf kaum aus eigenen Kraft entkommen. (Global Report on Food Crises 2017, S. 19.) Die vom Westen erzwungenen Marktöffnungen seit den 1980er Jahren bieten für diese nur wenig Raum für eine Weiterentwicklung der eigenen Landwirtschaft.

In Folge dessen verharren insbesondere die Agrarsektoren Afrikas und des Nahen Ostens zwischen ärmlicher Subsistenz-Bewirtschaftung und dem Anbau von Cash-Corps für den Export. Mit beidem lässt sich die wachsende Bevölkerung nicht ernähren. Die Länder bleiben abhängig vom Weltmarkt. Nach dem Agricultural Outlook der OECD muss Afrika 20 Prozent seiner Lebensmittel importieren, der Nahe Osten sogar 57 Prozent. Der neoliberale "Ausweg", internationale Investoren für den heimischen(!) Markt anzulocken, bietet keinen Ausweg. Die Märkte sind nicht attraktiv genug.

Hinzu kommen politische Fehlentwicklungen in den Ländern selbst. Ein extremes Beispiel ist die Vertreibung weißer Farmer aus Simbabwe ab Ende der 1990er Jahre. Die Getreideproduktion sank auf den Stand der 1960er Jahre. Der Hunger kehrte zurück. Trotzdem dient dieses Modell links-extremen der ersten Welt sowie schwarz-nationalistischen Strömungen der dritten als Vorbild. So beschloss Südafrika im Frühjahr dieses Jahres ein Gesetz, dass in ähnlicher Art und Weise eine entschädigungslose Enteignung von weißen Farmern vorsieht. Die negativen Folgen sind absehbar.

Quelle: FAO Country Indicators Zimbawe 2018. Darstellung: Kai Kleinwächter (zeitgedanken.blog)

Weltweit stieg in den vergangenen Jahrzehnten die Anzahl der Kriege. Weitere Zuspitzungen vor allem in Afrika und dem Nahen Osten sind wahrscheinlich. Die FAO schätzt, dass ca. 490 Mio. aller Hungernden - fast 60 Prozent - in von militärischen Konflikten betroffenen Gebiete leben. Bei den mangelernährten Kindern sind es 75 Prozent

Besonders problematisch ist der Einsatz von Hunger als Waffe. Nicht nur syrische Kriegsparteien und arabische Staaten, sondern auch westliche Staaten (auch Deutschland) setzen auf diese inhumane Strategie.

In Afghanistan kann Nahrungsmittel, Brennstoff und medizinische Hilfe nur erwarten, wer mit der NATO kooperiert. Völkerrecht und Humanismus zählen nicht viel in den "demokratischen" Kriegen gegen den Terror. In Folge sind die Hilfsprojekte der Vereinten Nationen in Syrien nur zu 6 Prozent und in Afghanistan zu 15 Prozent finanziert. Für Libyen gibt es bisher gar keine internationale Zusage. (Stand Juli 2018)

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