Der Ibiza-Supergau

FPÖ-Neujahrstreffen 2019 als Regierungspartei, Strache scheint geahnt zu haben, was kommt. Bild: Bwag/CC BY-SA-4.0

Ein Video als abgründiges Sittenbild Österreichs

Keinem großen Karikaturisten der österreichischen Seele von Qualtinger bis Hader wären dieses Setting und dieses Drehbuch eingefallen. Und Tal Silberstein sowie Facebook-Hetzseiten von geheimen Spindoctoring-Einheiten im Zentrum Wiens waren nichts dagegen: Nun wissen wir also, dass Österreich (auch?) von Politikern regiert wird, deren Niveau nochmal unendlich tiefer ist als das tiefste für möglich gehaltene Stammtischniveau von Otto Normalverbraucher.

Österreich, ein Land der Antiintellektuellen, der zwei Gesichter der Menschen und der performativen Verlogenheit, der totalen Verhaberung zwischen Politik, Wirtschaft und Medien? Oder ist das eh überall so? Sind Strache und Gudenus wieder nur die Spitze des Eisbergs? Würden hinter vermeintlich geschlossenen Türen - noch dazu unter Einfluss von Alkohol und möglicher illegaler Drogen - auch andere Spitzenpolitiker wie Juncker oder Macron so reden? Reden sie am Ende auch so? Oder sind es doch nur zwei bedauerliche Einzelfälle (das heißt es ja dann immer bei Skandalen, die ein ganzes System erschüttern können)?

Dass solche Leute den Kurs eines ganzen Landes mitbestimmen, lässt mich frösteln. Es stellen sich einige Fragen, die die Massenmedien bislang noch kaum thematisiert haben:

1) Welche Glaubwürdigkeit hat eine Partei generell, die offenbar zu blöd ist, einen erfundenen russischen Namen vorab zu googeln, eine Person vorab auf ihre Identität zu überprüfen, mit der sich ein Spitzenkandidat wenige Wochen vor einer bedeutenden Wahl trifft? Was sagt das generell über die Qualitätssicherungsmechanismen dieser Partei aus? Was sagt das im Speziellen über die Recherche- und Netzkompetenz von Strache und Gudenus aus?

Anders gefragt: Wie dumm muss man eigentlich sein, um in eine solche Falle zu laufen und dann noch solche Dinge zu sagen? Wieviel Zeit nehmen sich diese Herren für solche "Prioritäten" kurz vor einer Wahl?

2) Wer hat die Falle warum inszeniert, und vor allem: Was hätte die Veröffentlichung dieses Videos schon früher bewirkt? Jemand rüstet einen Raum auf Ibiza ja nicht umsonst mit mehreren versteckten Minikameras aus und schafft es, das Vertrauen des Herrn Gudenus zu gewinnen (auch wenn das offenbar nicht schwierig gewesen sein dürfte). Da stecken mehrere Leute und ein komplexes Arrangement dahinter und wohl auch ein nicht unbedeutendes Budget - offenbar mit dem Ziel, bereits 2017 Schwarz-Blau zu verhindern. Sagt jetzt nicht, es war wieder Silbersteins Idee … Naheliegend wäre es.

3) Es geht nicht an, dass sich die "Süddeutsche" und der "Spiegel" in so einer brisanten Geschichte hinter dem Quellen- und Informantenschutz verstecken und sich sogar weigern, die Aufzeichnungen in gesamter Länge der Staatsanwaltschaft zu übermitteln. Offenbar wussten schon viele JournalistInnen seit Wochen und Monaten von dem Video. Vielleicht war es ja allen zu heiß - so wie dereinst Jörg Haiders sexuelles Doppelleben.

Nur: Warum wurde die Bombe dann gerade gestern um 18 Uhr gezündet? So wichtig es ist, dass solche Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit gelangen, so wichtig ist es auch, dass die Öffentlichkeit erfährt, wer und was hier hinter den Motiven steckt. Denn sonst spielen auch die Massenmedien auf der Klaviatur der Verlogenheit mit.

Stefan Weber ist Medienwissenschaftler und Publizist aus Salzburg. Er hat als "Plagiatsjäger" Plagiate mehrerer österreichischer Politiker aufgedeckt, u.a. von Ex-Wissenschaftsminister Johannes Hahn und Ex-Landesrat Christian Buchmann. Jüngstes Buch von ihm aus der Reihe Telepolis: "Roboterjournalismus, Chatbots & Co. Wie Algorithmen Inhalte produzieren und unser Denken beeinflussen", 2018.

(Stefan Weber)