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Der Islam dient als Projektionsfläche und Katalysator der Entzivilisierung

Sicher, etwas Distanz zum Geschehen - und dazu gehört nun einmal auch die zeitliche - ist besser als vorschnelles, meist verzerrendes Livegeticker. Das gebietet schon die journalistische Sorgfaltspflicht. Jene relativierende Reaktionen hingegen, die momentan einsetzen, verdoppeln jedoch das Grauen dieser Silvesternacht.

Zahlreiche Feministinnen beispielsweise gehen auf die Barrikaden und bemängeln prinzipiell zu Recht, dass jene Taten, welche nun die Massen erregen, von ihnen schon seit Ewigkeiten kritisiert werden würden und auf dem Oktoberfest oder Karneval solche Taten zum Alltag gehören - eine gewiss unbestreitbare Tatsache, deren Auftauchen jedoch genau zum jetzigen Zeitpunkt etwas verdächtig ist. Auch die Angst, dass Rassisten die Meldungen über die Herkunft der vermeintlichen Täter für ihre Hetze instrumentalisieren könnten, ist irgendwie verständlich. Diesen Bedenken nun mit Relativierungen zu begegnen, wäre jedoch eine Kapitulation vor eben jenen Rechtspopulisten wie auch dem gewalttätigen Mob gleichermaßen.

Es dürfte sich in der letzten Zeit zur Genüge gezeigt haben, dass mit sachlichen Argumenten nicht anzukommen ist gegen Leute, die schon nicht mehr sicher sind, ob es vielleicht doch stimmen könnte, dass ein Flüchtling tatsächlich ein Kind lebendig verspeist hat, für die die viel verschriene Lügenpresse zum Qualitätsmedium wird, wenn sie etwas berichtet, dass auf irgendeine Weise der eigenen Gesinnung dienlich sein könnte oder die meinetwegen situativ zu Feministen werden.

In der taz kritisiert nun Daniel Bax die Nennung der Herkunft der Täter und beruft sich dabei auf den Pressekodex, in dem es unter Ziffer 12 heißt: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte." Unterstellt wird dabei, dass der Bezug per se nicht gegeben sein könne.

Und doch haben diese Angriffe - trotz unzähliger Vergewaltigungen, sexueller Nötigungen und sonstiger Scheußlichkeiten, zu denen es immer noch kommt - eine neue Qualität. Es ist das Faktum der Öffentlichkeit, wodurch der von Alice Schwarzer bemühte Vergleich mit dem Tahrir-Platz durchaus seine Wahrheit bezieht. Die öffentlichen (versuchten) Gruppenvergewaltigungen bzw. -nötigungen haben eine Bedeutung, die über das Strafrechtliche hinausweisen, denn in der Dreistigkeit jener Taten manifestiert sich ein Gegensouverän, der nicht mal mehr das Private sucht, um seine Gewalt auszuüben.

So wenig alle der tausend anwesenden Männer an den Taten beteiligt gewesen sind, wurde hier doch ein Raum geschaffen, in dem die Verbrechen erfolgen konnten und wodurch Ermittlungen auch im Nachhinein sehr erschwert werden. Gerade Letzteres dürfte auch für die Geschädigten, welche Anzeige erstatteten, von großer Bedeutung sein. Wobei die beständigen Verweise auf die "Opfer", denen man nun auch in der Berichterstattung gerecht zu werden habe, einigermaßen absurd ist. Dies suggeriert, dass man den Frauen nun öffentlich eine scheinbar verlorene Ehre zurückzugeben habe.

Stattdessen müsste es darum gehen, den Tätern gerecht zu werden, was Hegel das "Recht auf Strafe" nannte und wodurch der Subjektstatus und somit auch die Möglichkeit der Verantwortungsübernahme der Täter erst gesichert werde. Dadurch würde den Geschädigten, wenn auch vermittelt, Gerechtigkeit widerfahren. Gegen ein sogenanntes "victim blaming" hilft keine Opferehrung, sondern nur der Täterfokus, zu dem im Zweifelsfall nun einmal auch gehört, dass es sich vermutlich um Männer mit "nordafrikanischem" und "arabischem" Phänotyp gehandelt habe.

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen", schrieb Adorno. Andernfalls führt man antirassistische "begründete Ängste" gegen rassistische "begründete Ängste" ins Feld. Doch Angst war und ist nie ein guter Garant fürs Denken. In diesem Sinne sind jene Aufrufe zur Selbstjustiz, welche momentan von Nazis gestreut werden, genauso als gegensouveräne Aktionen gegen den Rechtsstaat zu verurteilen und zu bekämpfen. Sich bei solcher Kritik oder Aufklärungsarbeit jedoch immer nur gegen kurzfristig zusammenkommende Lynchmobs oder Jungmännerrudel auf Großevents zu fokussieren, unterschlägt eben auch die Alltäglichkeit von Selbstjustiz und endet in blindem Aktionismus.


Die Studie zur "Paralleljustiz", welche vor Kurzem vom Berliner Justizsenator Thomas Heilmann vorgestellt wurde, belegte hierbei nur lange Bekanntes. Und doch gibt es in Berlin keine nennenswerten Proteste von linker Seite gegen die mafiösen Strukturen der arabischen Großfamilien, wohingegen man sich mit Rockern, zumindest sofern sie Verbindungen zur Neonazi-Szene aufweisen, durchaus beschäftigt. Falsche Vorbehalte führen jedoch dazu, dass beispielsweise die salafistische Al-Nur-Moschee, in der beispielsweise der Rapper Bushido mit seinen mittlerweile bundesweit bekannten und der organisierten Kriminalität zugerechneten Freunden ein und aus geht, von "progressiven" Protesten verschont bleibt. Es wäre äußerst fahrlässig, die Verbindung solcher mafiösen Strukturen, welche mutmaßlich auch für die Übergriffe in Köln verantwortlich sind, zu islamischen Sozialisationsstrukturen und archaischen Ehrvorstellungen zu leugnen. Vor allem da sie selbst sich meist massiv darauf und auf ihre ethnische Zusammensetzung als identitätsstiftendes Moment berufen. Man würde sie also nur ernst nehmen mit diesem Fokus.

Denn die muslimischen Reaktionen auf die Vorfälle der Silvesternacht sind bezeichnend. Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime verkündet beispielsweise, dass die vermeintlichen Täter "in diesem Sinne eine Todsünde begangen haben, wenn sie denn gläubig gewesen sind", was in einer Stellungnahme des Onlineportals "MuslimStern" folgendermaßen konkretisiert wird:

Alkohol zu trinken, nicht-islamische Feste zu feiern und irgendwelche Frauen "unsittlich" zu berühren, sind ganz klare anti-islamische Haram-Taten. Aber aus westlicher Sicht betrachtet, sind diese Menschen perfekte Beispiele für eine gelungene Integration. (...) Ihr einziger Fehler war es, Frauen ungefragt "unsittlich" berührt zu haben. Ansonsten sind diese Menschen mehr westlich als muslimisch.

MuslimStern

Und tatsächlich wären alle aufgeführten Sünden - saufen, feiern und sich unsittlich berühren - ganz allgemein zu verteidigen. Das kleine Wörtchen "ungefragt" hingegen wird ausgeführt: "Generell trägt die Frau aufgrund ihrer Beschaffenheit eine Verantwortung, wenn sie sich aus dem Haus begibt. Man kann nicht vor einem Löwen eine nackte Antilope werfen und erwarten, dass bei dem Löwen sich nichts regt." Weiterhin wird nahegelegt, "dass Frauen hierzulande sich christlich kleiden sollten. Maria, die Mutter von Jesus, hat vorgelebt, wie eine christliche Frau sich zu kleiden hat. Es wäre also für einige Frauen sehr empfehlenswert Maria als Vorbildfunktion zu nehmen und nicht Lady Gaga."

Und genau dies, nämlich die unsanktionierte Wahl zwischen einem Lady-Gaga- oder Maria-Outfit zu haben, macht den Unterschied zwischen muslimisch und westlich aus, wenn die Begriffe überhaupt eine Bedeutung haben sollen. Dass es damit nicht weit her ist, zeigte nicht erst der stumpfsinnige Rat der Kölner Oberbürgermeisterin, Henriette Reker, an Frauen, mehr als eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten und immer in der eigenen Bezugsgruppe zu verbleiben.

So verkündete der Schulleiter des Wilhelm-Diess-Gymnasiums im bayrischen Pocking: "Da unsere Schule in direkter Nachbarschaft ist, sollte eine zurückhaltende Alltagskleidung angemessen sein, um Diskrepanzen zu vermeiden. Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen." Diese Tendenz der Sexualangst, welche ein Strafbedürfnis erst hervorbringt, ist definitiv im Erstarken begriffen, wie sich im baden-württembergischen Horb zeigte. An einer dortigen Schule wurde im letzten Sommer ein Verbot von Hotpants, Miniröcke und Ähnlichem ganz ohne vermeintliche "Flüchtlingsbedrohung" erlassen. Vielmehr sollte dies dem "Schulklima" dienen.


Der Psychologe Ahmad Mansour bemerkte kürzlich völlig zu Recht:

In manchen arabischen Kulturen führen Erziehungsmethoden, die auf Tabuisierung der Sexualität und Abwertung von Frauen basieren, zu solchen Taten. Es kommt seit Jahren in den arabischen Ländern immer wieder zu solchen Taten. Jeder, der einen gesunden normalen Umgang zwischen den Geschlechtern untersagt, darf sich nicht wundern, dass es dann zu solchen Taten kommt. Darunter leiden nicht nur blonde westliche Frauen, sondern auch jede Frau, die die krankhaften traditionellen Vorstellungen ablehnt und versucht frei zu leben.

Ahmad Mansour

Diese Einschätzung hält sehr viel mehr bereit, als die verständliche, aber letztlich wirkungslose Hinweis, man möge doch einfach von Männern fordern, sie sollten nicht vergewaltigen. Jeder Mann weiß prinzipiell, dass er dies nicht soll, auch wenn zahlreiche dabei erst an ihre Mutter oder Schwester denken müssen.

Es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen dem Prozess der Zivilisation sowie der nichtssagenden geografischen Gemeinschaftsentität Abendland. Die notwendige Abneigung gegenüber PEGIDA-Deutschen darf jedoch nicht dazu führen, dass man sich scheut, die von islamischen - wohlgemerkt nicht nur islamistischen - Glaubensinhalten ausgehenden Gefahren klar zu benennen.

Dabei geht es keineswegs um eine aktuell von außen kommende "Islamisierung des Abendlandes" durch Flüchtlinge, sondern um die anhaltende innere Entzivilisierung, welche eine Gesellschaft überhaupt erst anfällig macht für die institutionalisierte Barbarei. Der Islam jedoch dient hierfür als wunderbare Projektionsfläche und Katalysator in einem. Viele Rechte und Linke, die diffuse Kulturen für jeweils bewahrenswert halten, sind sich hierbei in ihrem Islamneid sehr ähnlich, da er sich mit der manifesten oder latenten Sexualscheu phantastisch verträgt.

Auch in der Türkei, wo man die deutsche Debatte über das Kopftuch damals belächelte, da dort das Verbot seit langer Zeit wichtiger Teil des Säkularismus war, gibt es nun den islamischen Vorstoß, das Händchenhalten und Flirten in der Öffentlichkeit zu verbieten. Allzu viele Ausnahmen bilden halt irgendwann doch eine Regel. Diese würde in dem hier vorliegenden Fall lauten, dass die Unterdrückung der Sexualität stärker als alles andere solche Exzesse wie in Köln hervorbringt.

Die muslimischen Reaktionen zeigen deutlich, dass der Aufruf zur "Sittlichkeit" immanenter Bestandteil islamischer Ideologie ist. Auch die Frage, welcher Islam denn mit Rechtsstaatlichkeit vereinbar sei, verengt sich bei näherer Betrachtung schnell auf die Feststellung, dass es immer nur um ein mehr oder weniger von Islam geht. Im Sinne des Säkularismus kann man sagen: Man wird nicht als Muslim geboren, man wird es! Und muss es demnach nicht bleiben. Die Realität zahlreicher Menschen, die unter den Anmaßungen leiden, sieht leider anders aus. Ihnen gebührt Unterstützung. Tatsächlich Rassismus wäre es zu glauben, der Islam sei unveränderliches Wesensmerkmal von Menschen aus gewissen Regionen, mit einem gewissen Phänotyp oder arabischen, persischen bzw. türkischen Namen.

Im selben Maße ist es notwendig, Frauen energisch darin zu unterstützen, die Hilfe des Rechtsstaates in Anspruch zu nehmen, nachdem ihnen sexuelle Gewalt widerfahren ist. Wenn Angela Merkel und alle anderen nun die "ganze Härte des Rechtsstaates" herbeirufen, ist dies zum einen eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die nur laut inszeniert wird. Zum anderen birgt sich darin jedoch noch ein Problem: die Forderung nach Ausweisung krimineller Ausländer, welche gerade wieder ein Hoch erlebt. Sie steht in Verbindung mit der immer wieder geforderten Verschärfung des Strafmaßes für Sexualdelikte.

Wie Letzteres überhaupt entstand, dürften die wenigsten wissen. Weithin empfinden es Menschen aber als ungerecht. Dabei wäre aus ganz pragmatischen Beweggründen gegen solche Argumentation anzugehen. Aus zahlreichen Kreisen wurde in den letzten Tagen immer wieder völlig zurecht darauf hingewiesen, dass die meisten Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen in den eigenen vier Wänden von Personen aus dem näheren Umfeld gegangen werden und dass nur ein Bruchteil dieser Straftaten überhaupt zur Anzeige gebracht wird. Die Gründe dafür sind vielfältig, wobei die Tatsache, dass zahlreiche Geschädigte die ihnen vertrauten Täter schützen und vor Strafe bewahren wollen, eben da oftmals eine emotionale Nähe besteht, eine große Bedeutung hat.

Jegliche Verschärfung des Strafmaßes wäre also schon aus diesem Grund absolut kontraproduktiv. Im Falle von migrantischen Milieus kommt hinzu, dass bei einer Verurteilung beispielsweise des Ehegatten oder Vaters jenem die Abschiebung droht. Es gibt hier also schon eine existente Verschärfung der Strafe, welche nicht wenige von einer Anzeige abhält. Keiner Frau sollte - gerade in einer solchen Situation - die Entscheidung treffen müssen, ob die Abschiebung ihres Vergewaltigers in eine Krisenregion die geeignete Strafe darstellt.

Das hegelsche "Recht auf Strafe" steht in einem direkten Zusammenhang mit der Gleichheit vor dem Gesetz. Im Sinne des Rechtsstaates wäre deshalb darauf zu bestehen, dass eine Ausweisung eine unzulässige Verschärfung des Strafmaßes darstellt, das die Geschädigten eher noch zusätzlich belastet. Außerdem ist weder möglich, Intensivtäter mit deutschem Pass abzuschieben, noch kann man irgendwelchen Menschen in einem anderen Teil der Welt Straftäter an den Hals wünschen.


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