Der Islamische Staat auf Missionierungstrip

Das neueste Dabiq-Magazin soll für den Übertritt zum Islam als Religion werben, aber die Attraktion basiert vermutlich auf anderen Bedürfnissen

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist im Irak und in Syrien in Bedrängnis, während sie sich in Nordafrika, Afrika oder Asien verbreitet. Der Verlust des Stammlandes wäre symbolisch sehr hoch, es wäre eine Niederlage, allerdings wäre der IS wegen seiner Verbreitung noch längst nicht am Ende, womöglich ist ein Teil seiner Führung auch schon in anderen Ländern.

Ob die vermehrten Anschläge außerhalb der Kampfzonen eine Reaktion auf das schrumpfende Territorium im Stammland sind, wie dies gerne interpretiert wird, darf bezweifelt werden. Es mussten erst Ausbildungsstätten aufgebaut, auf Suizid getrimmte Kämpfer ausgebildet und Anschlagspläne vor Ort entwickelt werden. Das braucht Zeit und kann nicht von heute auf morgen geschehen. Die Strategie, zu den militärisch geschulten Selbstmordkommandos Sympathisanten auf der ganzen Welt zu Anschlägen aufzurufen, war ebenfalls bereits angelegt. Der IS hat hier die al-Qaida-Organisation AQAP nur kopiert, die schon seit Jahren zum "Open Source Jihad" aufruft.

Von AQAP hat der IS auch seine Medienstrategie übernommen, beispielsweise ist das an die westlichen Staaten gerichtete Magazin Dabiq vom Design bis zum Inhalt eine Übernahme der Inspire-Hefte, die ebenfalls über das Internet verbreitet wurden. Im neuesten Magazin feiert der IS vornehmlich Terroranschläge, die von Einzelnen oder Kleinstgruppen begangen wurden, die sich zum IS bekannt haben und von der Führung der Terrormiliz offensichtlich für gut befunden wurden: Orlando, Dhaka, Nizza, Normandie, Würzburg und Ansbach werden genannt. Dabei wird auch eine Rechnung aufgemacht. Es seien dabei "12 Soldaten des Kalifats" getötet worden, die damit für den IS zu Märtyrern wurden, während "mehr als 600 Kreuzzügler" getötet oder verletzt wurden.

Dass die Menschen im Westen angesichts dessen nicht innehalten und zum Islam konvertieren, wird von den Propagandisten des IS auf "das Fieber und die Täuschung" zurückgeführt, die von der Sünde, dem Aberglauben und dem Säkularismus ausgehen, genannt werden neben dem Christentum auch Feminismus, Liberalismus und Atheismus. Angedroht werden weitere Massaker, um die Ungläubigen davon zu überzeigen, zum Islam zu konvertieren. Eine seltsame Strategie der Werbung oder Missionierung. Allah müsse gehuldigt werden durch Beten, Hoffnung, Liebe, Furcht und heiligem Gemetzel. Letzteres wird zum Gottesdienst verklärt. Natürlich werden für die apokalyptisch Gestimmten alle Staaten untergehen und wird bald die Tawhid-Flagge über Konstantinopel und Rom wehen. Für Allah sei das eine Kleinigkeit.

Überhaupt sei der Kampf der Kulturen und der blutigste Kampf von Gott vorgehsehen und längst prophezeit. Der IS ist der direkte Arm Allahs, die göttliche Avantgarde, die alles mit den modernen Waffen niederwälzt, aber in der Vergangenheit lebt und daher ihre Bilder bezieht. Daher auch der Kampf gegen den "Modernismus" und die Kritik an der Kultur mit Verweis auf Sodom und Gomorrha. Freud etwa wird als "Ingenieur der Dekadenz" bezeichnet. Normal ist für die Fundamentalisten, wenn der Mann von Frauen und die Frau von Männern angezogen wird, aber nur dann, wenn dies nach Allahs Geboten von Heirat, Scheidung und Sklaverei geschieht. Alles andere ist sexuelle Perversion.

Kitsch auf der einen Seite, tödliche Grausamkeit auf der anderen.

Frauen kriegen Kinder und gehorchen ihren Männern, so einfach ist die Welt, was nur darauf verweist, dass der IS-Fundamentalismus die Herrschaft des Mannes sichern will: "Frauen dürfen nicht die Männer beherrschen." Der Kampf ist für die Männer, die Frauen sollen sich dieser Männerdomäne fernhalten und auch sonst nicht mit Männern konkurrieren. Zudem zeichnet die gläubigen Frauen aus, dass sie scheu sind. Überhaupt wird erklärt, dass die Frauen im Westen eine "gefährdete Kreatur" seien, weil "mehr und mehr Frauen die Mutterschaft, das Sein als Ehefrau, die Keuschheit, die Weiblichkeit und die Heterosexualität aufgeben". Es gebe aber eine Lösung - und die sei im Islam zu finden.

Das einzige Bild von Frauen im Magazin, junge Mädchen.

Auffällig ist, dass man beim IS weiter auf längliche Koran-Auszüge und auf das Gegenüber von kitschigen Bildern und den Folgen der blutigen Anschläge setzt. Sonnenaufgänge, der "IS-Soldat", der liebevoll ein Kätzchen streichelt, ein Nachthimmel, ein einzelner Baum gegen den Abendrothimmel - das sollen offenbar die eher kontemplativen Versprechungen sein, die etwa ein amerikanischer Konvertit, ein Konvertit aus Trinidad und Tobago und eine finnische Konvertitin von sich geben. Der amerikanische Konvertit meint letztlich, Allah befiehlt und dem muss man mitsamt seinem Propheten folgen. Natürlich ruft er auch zu Anschlägen auf, die im Unterschied zu den Taten der Ungläubigen gerechtfertigt seien. Wer Allah und Mohammed gehorcht, der "macht keine komplizierte Pläne, sondern hält alles einfach und effektiv. Wenn du eine Waffe erhalten kannst, mache dies und nutze diese so schnell wie möglich und an einem Ort, der den größten Schaden und die größte Panik verursacht und den Feinden Allahs, den Ungläubigen, Tod und Verletzung zufügt."

Ausgeführt wird auch, warum die IS-Anhänger die Ungläubigen hassen. Der Anschlag auf den Schwulenclub in Orlando wird als "Hass-Verbrechen" bekräftigt, "weil Muslime liberale Sodomisten hassen". Die Botschaft ist ganz einfach: "Wir hassen euch zuallererst, weil ihr Ungläubige seid." Aber eben auch, weil die Gesellschaften säkular und liberal sind. Atheisten sind sowieso außen vor. Und dann wird der Hass auch wegen der "Verbrechen gegen den Islam" mit Drohnen und Bombern und der Invasion islamischer Länder begründet. Selbst wenn der Westen "uns" nicht mehr bombardiert oder irgendwie angreift, würde dies nichts ändern, weil der primäre Grund des Hasses bestehen bliebe, solange es Ungläubige gibt.

Indirekt wird weiter damit geworben, dass der Anschluss an den IS Abenteuer, Krieg und gerechtfertigtes Töten garantiert, im Vordergrund wird die einzig wahre Religion mit ihren starren und archaischen Regeln gestellt, die nur der IS als Werkzeug Allahs vertritt. Man fragt sich mitunter, wen die Propagandisten mit ihren vielen Zitaten, obskuren Koranauslegungen und der Kritik des Christentums etwa an Maria als "Mutter Gottes", der Dreifaltigkeit, Jesus als Sohn Gottes oder der Frage, ob Jesus wirklich gekreuzigt wurde, überzeugen wollen. Das Begehen von Morden und die Bilder, die den Tod und die Tötung zeigen, auch der Kult der Schusswaffen dient nicht nur dazu, Angst und Schrecken auszulösen. Es sind die Fallen für die jungen Menschen, vor allem die jungen Männer, die nach einer Wahrheit suchen, die zwar auch in Religionen steckt, aber darüber hinausgeht.

Ein wegen Sodomie Getöteter. Gezeigt wird auch eine Köpfung, die das Gesagte verdeutlicht, aber hier nicht reproduziert werden soll.

Es ist die Suche nach Wirklichkeit, nach einer Wirklichkeit, die sich nicht verstellen, beschönigen, darstellen oder simulieren lässt, die irreversibel ist und die letztlich nur in der Konfrontation mit dem Tod, dem Tod der anderen und dem eigenen Tod, zu erfahren ist und eine wirkliche, auswegslose Erfahrung bietet. Der Tod ist das absolute Ereignis, mit dem zwar auch in den Medien überall gespielt wird, aber dessen Wirklichkeit auch bei den militärischen Interventionen des Westens ausgeblendet bleibt.

Man wird sich mit dieser Sehnsucht nach Wirklichkeit auseinandersetzen müssen, um der Welle des erweiterten Selbstmords durch Terroristen, Amokläufer und Verzweifelte begegnen zu können. Sie hat sich derzeit am fundamentalistischen Islam festgemacht, der wiederum auch an nationalistische oder ethnisch-kulturelle Befreiungsbewegungen angedockt hat. Schon lange ist klar, dass die "Emanzipation" von der individualistischen, auf Konkurrenz und Ungleichheit angelegten, scheinbar liberalen Gesellschaft durch Selbstvernichtung und Tod von Mitmenschen darauf nicht beschränkt ist. Es gibt auch viele Mitglieder der Gesellschaft, die scheinbar sportlich mit der Konfrontation mit dem Tod spielen, der "blauen Blume" der Simulationsgesellschaft. (Florian Rötzer)

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