Der Islamische Staat feiert die Anschläge auf Frankreich und Russland

Der IS: Jung, fröhlich, männlich und bewaffnet.

Die Anschläge waren tatsächlich äußerst "erfolgreich", haben die bezweckte mediale und politische Dauerwerbung getriggert und den globalen Krieg gegen den IS zur Entscheidungsschlacht gemacht

In einer neuen Ausgabe ihrer auf internationales Publikum gerichteten Online-Zeitschrift Dabiq propagiert der Islamische Staat seine blutigen "Erfolge" gegen Frankreich und Russland als "gerechten Terror". Gleichzeitig will man natürlich in Bild und Text Angst einjagen, medial waren und sind weiterhin vor allem die Anschläge in Paris ein Erfolg, wie bei dem Konzept der "Propaganda der Tat" vorausgesetzt, werden die Medien instrumentalisiert, um die inszenierte "Nachricht" zu verbreiten, was besser denn je funktioniert, weil alle Medien möglichst pausenlos darüber berichten und damit auch kostenlose Werbung für die Terroristen machen. Dazu kommen die Politiker, die den Angreifer zum großen Feind stilisieren, einen Krieg ausrufen und das Land sowie die Menschen in Alarmbereitschaft versetzen.

Der Trigger funktioniert jedenfalls. Jetzt kann der IS, der sich als direkter Vollstrecker Gottes geriert, mit der Zitierung einer Koran-Sure (Al-Hashr 2) verkünden: "Sie dachten, dass ihre Festungen sie vor Allah beschützen werden, aber Allah kam über sie, als sie nicht damit rechneten, und jagte ihren Herzen Schrecken ein." So hätten sich die "entzweiten Kreuzfahrer aus dem Osten und dem Westen sicher in ihren Flugzeugen gewähnt, als sie feige die Muslime des Kalifats bombardierten".

Die "geheiligten Angriffe" auf Russen und Franzosen seien trotz des "internationalen Geheimdienstkriegs" ausgeführt worden. Dabei wird, um die Sure wörtlich einzulösen, gesagt, dass sie "Kreuzfahrernationen" ihre Heime mit ihren eigenen Händen durch die "Feindseligkeiten gegenüber dem Islam, den Muslimen und der muslimischen Organisation des Kalifats" zerstört hätten. Die "Soldaten des Kalifats" hätten schnell gegen Russland, Frankreich oder gegen die Alliierten von Assad im Libanon reagiert. Es wird also, so die Selbstdarstellung, nur im Namen Gottes zurückgeschlagen, was sich spiegelbildlich mit der Argumentation der Angreifer trifft, die ja auch allesamt wiederum nur gegen den IS zurückschlagen.

Mag sein, dass die Anschläge auf das russische Flugzeug und die Bewohner von Paris nicht ein Zeichen der Stärke sind, wie manche glauben (machen wollen), sondern eines der Schwäche. Mit dem Eingreifen der Russen und der Stärkung der syrischen Truppen sowie mit den Luftschlägen der USA und Frankreichs und der Unterstützung der kurdischen Kämpfer könnte der IS in Syrien unter Druck geraten. Wie weit Meldungen zutreffen, dass die Führung des IS bereits Raqqa verlassen und sich nach Mossul zurückzieht, ist nicht überprüfbar. Das könnten auch Siegesmeldungen seitens der russischen und der französischen Regierungen sein, die nach den Anschlägen unter besonderem Druck stehen, sich offensiv zu zeigen, zurückzuschlagen und bei der Bekämpfung der islamistischen Terroristen, darunter auch Franzosen und Russen, Erfolge vorweisen zu müssen.

Das soll der Sprengsatz nach dem IS sein, der die russische Passagiermaschine zum Absturz brachte.

Zwar hat der IS erstmals im Januar den Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris, einem europäischen Land, für sich verbucht, aber auch schon zuvor alle - salafistischen - Muslime weltweit aufgerufen, Anschläge zu begehen. Im Heft werden denn auch etwa die Anschläge im Libanon oder in Bagladesch gefeiert. Die für die Kameras inszenierten Geiselnahmen und Exekutionen gerade auch von Ausländern aus dem Westen, die über Videos verbreitet wurden, sollten nicht nur Schrecken in den westlichen Ländern bewirken, sondern diese wohl auch dazu provozieren, den IS als Gegner ernst zu nehmen und ihn zu bekämpfen, wie dies ja auch gut nach 9/11 funktioniert hat, als der US-Präsident den Krieg gegen den Terror ausrief und die Medien diesen Krieg gerne so personalisierten, das sich US-Präsident Bush als der mächtigste Mann der Welt, und al-Qaida-Chef Bin Laden ebenbürtig auf gleicher Ebene gegenüberstehen. Damit wird man zu einem globalen Akteur, der sich weltgeschichtliche Bedeutung auch für die Rekrutierung von neuen Mitkämpfern und Ressourcen erwerben kann. Die Einladung, gegen den IS auf seinem Gebiet zu kämpfen, rührt auch von der apokalyptischen Ausrichtung der Gruppe her, die man wahrscheinlich nicht unterschätzen sollte. Erwartet wird bald ein Endkampf, bei dem die Ungläubigen - Rom - mit der Hilfe des kommenden Messias Mahdi vernichtet werden sollen, und dies eben in dem nordsyrischen Ort Dabiq, nach dem die Zeitschrift benannt wurde.

Es geht also nicht weniger als um einen alten Kampf um die Welt zwischen den Auserwählten und den Bösen, der nicht nur auch das Christentum und die jüdische Religion kennzeichnet, sondern auch die Welt der Filme und Computerspiele, die von den jungen Menschen auf der ganzen Welt konsumiert und gespielt werden.

Für Putin dürfte es schwierig sein, nicht weiter in den Krieg einzusteigen, nachdem der IS erklärt, man habe zuerst eine Passagiermaschine von einem Land der US-geführten Anti-IS-Koalition zum Absturz bringen wollen, nachdem eine Möglichkeit gefunden hatte, die Kontrollen auf dem Flughafen Sharm el-Sheikh auszutricksen. Weil Russland auch in den Krieg eingestiegen sei, habe man nun eine Bombe in die russische Maschine geschmuggelt, was also auch heißt, dass die militärische Intervention Russlands direkt für den Tod der russischen Urlauber verantwortlich ist, weswegen Russland auch so lange gezögert hat einzugestehen, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Rache seien eben auch die Anschläge auf Paris gewesen, weil Frankreich im letzten Jahr mit Luftangriffen auf den IS begonnen hat.

IS-Chef al-Bagdadi wird zitiert, der meinte, dass es manchmal Zeit daure, bis die Rache komme, aber sie werde kommen. Gepriesen werden die einsamen Wölfe, die hier die "einsamen Ritter des Kalifats" genannt werden. So beispielsweise der 15-jährige Farhad Khalil Mohammad Jabar der in Australkien einen unbewaffneten Finanzpolizisten im Oktober erschossen hatte und dann selbst erschossen wurde. Wiederholt wird, dass man in einem "neuen Zeitalter" lebe, gewissermaßen am Ende der Zeit eben, so man sich entscheiden müsse. Mal schauen, ob man beim IS auch bald einmal den Weltuntergang ankündigt.

Die Ästhetik der tödlichen Technik.

Man versucht, sich von al-Qaida, den Konkurrenten, abzugrenzen und ihn etwa im Jemen, in Afghanistan, in Syrien oder in Indien schlecht darzustellen, weil sie Kompromisse eingehen und mit lokalen Behörden oder anderen Gruppen kooperieren, also nicht radikal genug sind. So ist für den IS ideologisch klar, dass es keine Kooperation mit Assad geben dürfe. Wer von den anderen Gruppen die Waffen niederlegt, soll aber vom IS nichts zu befürchten haben.

Gezeigt werden Bilder von den militärischen Erfolgen und von den jungen Männern, die begeistert in den Kampf ziehen. Im Vordergrund stehen die Waffen, sie sind der ästhetische Attraktor, vermutlich ist es eben auch nicht der Islam oder die Scharia, die auch viele jungen Menschen aus Europa in den Kampf lockt, sondern das Abenteuer, hemmungslos von Waffen Gebrauch zu machen, das auch die jungen, ebenfalls suizidalen Amokläufer der westlichen Gesellschaften fasziniert, einen dann allerdings meist individuelles finales und tödliches Aufmerksamkeitsspektakel zu begehen. Zum Mann gehört verpflichtend die Waffe, so hatte sich auch immer schon Bin Laden präsentiert. Der Mann ist eine Waffe. Der Rausch der Gewalt wird auch in den vielen Bildern des Todes und der Zerstörung kultiviert. Auch wenn der IS irgendwie die von ihm kontrollierten Gebiete verwalten muss, werden nach außen zum Anlocken und Abschrecken die Bilder der Zerstörung gezeigt, wirkliches Leben ist destruktiv, geschieht im Angesicht des Todes, ist die Verbannung der Langeweile und der Normalität des Alltags, ist ein Actionfilm auf Dauer gestellt.

Allerdings müssen sich die IS-Rekruten, die zum Kampf eingeladen und mit Waffen ausgestattet werden, strikt den Befehlen des jeweiligen Führers von Allahs oder des Propheten Gnaden unterordnen. Gemeldet werden müssten auch zwingend diejenigen, die Befehle nicht beachten. Interessant ist, dass man auch vollen Ernstes behauptet, dass Kinder, die in Schulen der anderen geschickt werden, dort "indoktriniert" werde. Beispielsweise würden ihnen dort Nationalismus oder die Verbundenheit mit einer Rasse eingeimpft, während die Ummah eine globale, kosmopolitische Vereinigung der Muslime jenseits von Nation oder Rasse sei.

Angeblich werden die Kinder vom IS nicht indoktriniert, sie erfreuen sich mit Waffen beim Koranlesen.

Gefeiert wird in dieser Ausgabe auch die Polygamie, schließlich habe der Prophet ja auch sieben Frauen geheiratet. Nett ist der Rat an die Frauen, dass der Dschihad am schwersten - und am besten - sei, den man gegen sich selbst führt. Die Frauen sollten nicht dem Säkularismus und den Soap Operas frönen, sondern sich das Beispiel des Haushalts des Propheten zum Beispiel nehmen. Schwer verdaulich für jede Frau dürfte diese unverhüllte und unverblümte Ideologie der Männerdominanz sein, die hier religiös legitimiert wird:

Und jede Schwester sollte wissen, dass dann, wenn ihr Ehemann eine andere Frau heiraten will, er sie nicht befragen oder ihr Erlaubnis erhalten muss, er muss sie auch nicht befriedigen. Wenn er das macht, dann ist dies ein Akt der Großherzigkeit seinerseits und ein Mittel, die Verbindung zwischen beiden zu bewahren. Als, meine Schwester, sei zufrieden, dich Allah mit Gehorsam zu unterwerfen und sein Gesetz zu befolgen. Und wenn eine Frau dies macht, dann ist sie geeignet für den Großherzigsten, ihre Belohnungen im Diesseits und im Jenseits zu vermehren.

Die Logik der Anhänger des Islamischen Staats wird deutlich am Ende des Hefts. Im September wurden zwei Geiseln, ein Norweger und ein Chinese, ebenfalls in der Zeitschrift Dabiq vorgestellt. Der IS bot an, dass deren Leben gerettet werden könne, wenn Lösegeld geboten werde. Angeblich wurden beide jetzt getötet, es werden unter der Überschrift "Das Schicksal der beiden Gefangenen" Fotos gezeigt, die deren Leichen darstellen sollen. Dazu der Text: "Exekutiert, nachdem sie von den Kafir-Nationen und -Organisationen aufgegeben wurden." So wird der Mord an den beiden Menschen denjenigen zugeschrieben, die so hartherzig waren, kein Lösegeld zu zahlen, während man selbst nur ausführt, was die angekündigte Folge war. Die tödliche Gewalt ist Geschäft. (Florian Rötzer)