Der Islamische Staat setzt zunehmend Drohnen als Anschlagsmittel ein

IS-Drohnen werfen wie hier in Raqqa Granaten auf SDF-Stellungen ab.

Im Zuge des Antiterrorkriegs in Syrien und im Irak hat der IS käufliche Minidrohnen massenweise in Waffen verwandelt. Die Frage ist nur, wann dies erstmals auch in den Westlichen Ländern geschehen wird

Drohnen, auch Minidrohnen, wie sie jeder als Spielzeug kaufen kann, sind Waffen, mit denen man töten kann. Vom Islamischen Staat wurde dies seit einiger Zeit demonstriert. Das unterscheidet Drohnen nicht von anderen Dingen, letztlich lässt sich fast jeder Gegenstand verwenden, um Menschen zu töten. Zuletzt haben islamistische Terroristen deutlich gemacht, dass Fahrzeuge Mordmaschinen sind. Zivile Flugzeuge können, so belegt durch 9/11, in Massenvernichtungsmitteln verwandelt werden. Aber auch jedes Messer oder jede Axt, selbst ein Stein kann zu einem Mordwerkzeug werden, ebenso kann jeder Mensch zum Mörder werden.

Drohnen stellen jedoch einen Fortschritt dar. Zwar lässt sich auch mit Schusswaffen, Raketen oder Kampfflugzeugen ein Ziel aus der Distanz treffen, aber Drohnen haben den Vorteil, erst einmal über dem Ziel kreisen, es verfolgen und es dann "on the run" treffen zu können. Bislang nimmt man aber in den Ländern, in denen Drohnen nur im Ausland zum Töten eingesetzt werden oder die bislang noch nicht so weit sind wie Deutschland, die von Drohnen als Waffen ausgehenden Risiken nicht wahr. Zwar werden Kampfdrohnen für den Krieg entwickelt, ansonsten ist man eher damit beschäftigt, Regelungen für den Einsatz von kommerziellen Drohnen und von Freizeitdrohnen zu entwickeln. Sie könnten den Menschen auf dem Boden auf die Köpfe fallen oder den Flugverkehr gefährden, aber man bedenkt nicht, dass sie auch als Mordwaffe verwendet werden könnten.

Brett Velicovich, ein ehemaliger militärischer Geheimdienstanalyst, der am Drohnenkrieg beteiligt war und darüber das Buch "Drone Warrior: An Elite Soldier's Inside Account of the Hunt for America's Most Dangerous Enemies" geschrieben hat, warnt mit Blick auf den Islamischen Staat. Mittlerweile ist er Mitarbeiter eines Unternehmens, das Drohnen herstellt. Er sagt, dass das Problem größer werden wird, als jeder denkt, immerhin wurden 2016 bereits mehr als 2 Millionen Drohnen in den USA verkauft.

IS-Kämpfer mit Drohne.

Die Möglichkeiten waren freilich von Anfang an klar, der Islamische Staat hat sie erst vor kurzem umgesetzt, weil ihm offenbar auch erst einmal klar wurde, dass mit kleinen Drohnen, die man überall kaufen kann, zwar kein riesiger Schaden bewirkt werden kann, aber dass man mit ihnen gezielt töten und die Gegner terrorisieren kann, wenn alle damit rechnen müssen, durch eine Drohne angegriffen zu werden, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen (Der Islamische Staat steigt auf bewaffnete Drohnen um). Dazu kommt, dass auch die Gegenseite auf die Bewaffnung der Drohnen setzt: Wettrüsten: Irakische Streitkräfte "drohnen" in Mosul zurück.

Das Pentagon kauft weiterhin von Boeing Scan Eagles für Hunderttausende von Dollar, könnte aber Drohnen mit denselben Kapazitäten in einem Hobbyshop für ein paar Tausend kaufen. Der IS habe das Potenzial erkannt, Velicovich meint, er wundere sich, warum die Regierung und das Militär nicht mehr kommerzielle Drohnen kaufen, um gegen den Feind zu kämpfen, und glaubt, dass man sich im Pentagon noch gar nicht bewusst ist, wie sehr die kommerziell angebotene Technik fortgeschritten ist. Natürlich ist die Warnung auch eine Werbung für kommerzielle Drohnenhersteller, deren Produkte für das Militär und damit für das große Geld aus dem Pentagon interessant sein sollen.

Der IS entwickelt nach Drohnen auch fernsteuerbare Bodenroboter, die mit Sprengstoff zu Waffen werden.

Der IS und andere Gruppen im Nahen Osten und in Afrika hätten Drohnen so modifiziert, dass sie Ziele in der Regel mit Granaten präzise treffen und dabei Aufnahmen machen, um damit Propaganda zu machen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie können Wärme- und Infrarotkameras für Nachtflüge anbringen und fliegen vorher festgelegte Routen, um nicht gehackt zu werden. Velicovich verweist auf käufliche Drohnen des Typs Skywalker X8, die mit einer Flügelspannweite von 2,1 m eine Reichweite von 10 km haben und mit einem kleinen Sprengsatz mit einem Gewicht bis zu 2 kg beladen werden können. Das seien angesichts der Angriffsmöglichkeiten die Drohnen der Wahl für den IS. Die Verwendung von solchen bewaffneten Drohnen nimmt schnell zu, während die Kosten sinken und eigentlich schon jetzt kaum mehr eine Rolle spielen.

Aus Raqqa wird berichtet, dass die IS-Kämpfer ihre üblichen Taktiken verändert hätten. Bislang hätte sich der IS wie in Kobane oder Manbidsch vor allem Autobomben und Selbstmordattentäter gestützt und Zivilisten als menschliche Schutzschilde gebraucht. Das war anfangs auch in Raqqa der Fall, wo der IS gegen die angreifenden SDF mit Autobomben und größeren Gruppen an Kämpfern vorgegangen ist. Im fast umschlossenen Raqqa führen sie nun vor allem Gegenangriffe durch ein weit verzweigtes Tunnelsystem aus, das sie unter ihrer Herrschaft ausbauen ließen, und setzen Drohnen ein, die mit Sprengstoff oder Granaten ausgestattet sind. Sie werden zwar oft abgeschossen und richten in der Regel keine großen Schäden an, sorgen aber für ständige Beunruhigung.

Eine Taktik scheint auch zu sein, darauf zu warten, bis die SDF eine Aufklärungsdrohne aufsteigen lassen, um dann selbst eine zu starten, wodurch die SDF-Kämpfer irritiert werden und denken sollen, es sei eine Drohnen von ihnen. Dazu findet überhaupt ein Minidrohnen-Krieg auf beiden Seiten statt, was auch bedeutet, dass Stellungen auch möglichst von oben geschützt sein müssen, um nicht von den Drohnen der jeweils anderen Seite entdeckt zu werden. Für die SDF-Kämpfer wird dadurch die Offensive verlangsamt, weil sie möglichst verdeckt vorrücken müssen.

Die Verwendung von Mini-Kampfdrohnen durch Terroristen und Aufständische findet weiterhin erst noch weit entfernt in den Kriegsgebieten statt. Noch setzen Terroristen in den westlichen Ländern traditionelle Mittel von Sprengstoff über Schusswaffen bis zu Äxten ein und haben inzwischen Fahrzeuge als Angriffswerkzeuge entdeckt, die sich in Menschenmengen fahren lassen. Noch aber ist die Gefahr, die durch Drohnen als Anschlagsmittel im öffentlichen Raum entstehen können, kaum bewusst geworden. Regierungen haben zwar Drohnen-Flugverbotszonen eingerichtet und suchen, mögliche Ziele durch Drohnenabwehrsysteme zu schützen. Aber Verbote schrecken entschlossene Angreifer nicht ab, die auch Schwärme billiger Drohnen ausfliegen lassen könnten, um Abwehrmaßnahmen auszutricksen. Noch ist in den westlichen Ländern kein Anschlag mit einer Drohne geschehen. Realistisch gesehen muss man nur darauf warten und kann sich vorstellen, welche Panik entstehen könnte, wenn neben Selbstmordattentätern und Fahrzeugen die Gefahr für Menschenmengen im öffentlichen Raum jederzeit auch aus der Luft drohen könnte.

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