Der Jemenkrieg - ein imperialer Krieg der USA?

US-Militärstützpunkte 2016. Bild: PatriotMyke/CC BY-SA-4.0

Der Jemenkrieg ist primär kein Krieg der Saudis & Emiratis, sondern einer der USA

Der Jemen-Krieg ist von der gleichen Sorte wie schon die Kriege gegen den Irak (ab 2003), Libyen (2011) und Syrien (ab 2011) - und wie der geplante nächste im Mittleren Osten: der gegen den Iran (ab 20??). Wie diese Kriege ist auch der Jemen-Krieg ein Imperialer Krieg, d.h. ein Krieg, den ein Imperium (hier: die USA) führt, um die weitere Realisierbarkeit seiner strategischen Hegemonial-Ziele zu sichern. Mit anderen Worten: Der Jemenkrieg ist primär kein Krieg der Saudis & Emiratis, sondern "genuin einer der USA".

Dies ist die Hauptthese der von dem Forschungsprojekt Swiss Propaganda Research (kurz: dem SPR-Projekt) vorgelegten Erklärung, mit der andere Analysen zusammengefasst und zuspitzend auf den Punkt gebracht werden.

Was ist von dieser Kriegs-"Erklärung" zu halten?

Die USA - ein Imperium

Das oberste Ziel eines Imperiums ist das der Selbsterhaltung. Seine dominante Verhaltens-Regel daher: Tue alles, was der Sicherung der Vorherrschaft (Hegemonie) gegenüber den anderen Staaten dient. Die anderen Staaten - das sind entweder die, die schon Klientel-Staaten sind oder solche, die es aus der Sicht des Hegemons zu solchen erst noch zu machen gilt.

Ein Klientel-Staat = ein Staat, der seine Außen- und Sicherheitspolitik an den Vorgaben des Hegemons zu orientieren bereit ist.

Ein Imperium folgt der Logik des Entweder-Oder. Entweder Freund (Klientel-Staat) oder Feind. Das bekannte: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Zbigniew Brzezinksi, einer der einflussreichsten US-Strategen der letzten Jahrzehnte, nennt Klientel-Staaten mit erfreulich brutaler Offenheit einfach die Vasallen.1

Die Verhaltensmatrix eines Imperiums entspricht dem folgenden Schema.2

Die Logik imperialer Kriege. Bild: SPR

Die USA sind ein solches Imperium.

Der Jemen-Krieg als imperialer Krieg der USA

Aus dieser einfachen Feststellung folgt mit dieser Logik Imperialer Kriege im Verbund mit wenigen Fakten über die involvierten Länder im Grunde bereits alles, was man braucht, um auch den Jemenkrieg zu verstehen. So jedenfalls nach dem Ansatz der SPR-Erklärung.

Was gibt dieser Ansatz für ein besseres Verständnis des Jemenkrieges her? Ich denke: Einiges.

Am wichtigsten: Mit diesem Ansatz ändert sich die ganze Perspektive, von der her wir auf den Jemenkrieg schauen. Die von uns bisher betrachteten Erklärungsversuche waren partielle:

  1. Die saudische Angst (Paranoia) einer Bedrohung durch den angeblich hinter den schiitischen Huthis stehenden Iran? (So schon in Warum Krieg gegen den Jemen jetzt?).
  2. Bisher geheim gehaltene Öl- bzw. Gas-Vorkommen im Jemen? (So in Der wahre Grund des Jemen-Kriegs).
  3. Jemens geostrategisch bedeutsame maritime Position? (So in Jemens Reichtum als Kriegsgrund - Zweiter Versuch).

Der SPR-Ansatz ist hingegen ein ganzheitlicher: In ihm lassen sich alle oberen partiellen Erklärungsversuche berücksichtigen - und, was für eine gute Erklärung nötig zu sein scheint, kohärent miteinander verbinden; und dieser Erklärungsansatz ist zudem ein struktureller: Jedes Imperium, jedes Staaten-System, das der obigen Logik folgt und sich in gleicher Lage wie die USA befindet, würde genauso reagieren, wie die USA mit Hilfe ihrer Vasallen im April 2015 auf die Lage im Jemen reagiert haben: mit dem Einsatz militärischer Macht.

Dies besagt im Kern: Auch hinter dem Jemenkrieg steckt der imperiale Hegemon (die USA). Und die "offizielle Kriegspartei" (die Saudis & die Emiratis etc.) erfüllt - und zwar in diesem Falle offenkundig liebend gerne - nur die Vasallenpflicht. Das ist seit Obama die übliche Praxis - und heißt Führung auf Distanz. Der Libyen-Krieg war ein solcher Distanz-Krieg. Die USA: der oberste Kriegsherr, dem die Satrapen Frankreich, England und eine arabische Koalition die größte Drecksarbeit (die Bombardierungen) abnahmen. Dito im Jemen.

Wie passt der Jemen in das obige imperiale Logik-Schema? So: Schema-Ausgangsfrage (1): War der Jemen 2015 ein US-Klientel-Staat?

Antwort: Bis Ende 2014, d.h., zuvor unter dem langjährigen Saleh und dann nach dessen Rücktritt speziell unter dessen Nachfolger Hadi ganz klar JA. (Das SPR-Projekt führt hier mit Recht die Rede des ehemaligen CIA-Chefs John O. Bennon vor dem CFR (Council of Foreign Relations) als Beleg an. Mit der Machtübernahme durch die anti-amerikanischen und anti-israelischen Huthis im September 2014 dann aber mindestens ebenso klar NEIN. Die Huthi-dominierte neue Regierung war (damals) auch durch noch so viel saudisches oder sonstiges Geld nicht käuflich; eine "Akquise als Klientel-Staat" (J) war nicht möglich. Folglich blieb - siehe die Verzweigung unter (10) - nur die Alternative (11): eine "militärische Aktion".

Dass diese "militärische Aktion" keine direkte US-Aktion war, vielmehr nur eine indirekte Distanz-Aktion der genannten (vom Hegemon natürlich mit allem Nötigen bestens - sogar auf deren eigene Kosten - versorgten) Vasallen, sprengt diese Matrix keineswegs, ist vielmehr lediglich eine von deren zahlreichen Verfeinerungs-Möglichkeiten. Und das ist ein weiteres Argument für dieses (bisher übrigens rein deskriptiv verwendete) Schema.

Wichtig für eine etwaige spätere Bewertung dieser Aktionen ist aber: Auch indirekte Akteure - auch Distanz-Täter - sind Täter. Auch der Auftraggeber von Auftragsmördern ist des Mordes schuldig.

Warum leuchtet das in so einem Fall wie dem des Kashoggi-Mordes allen ein - aber nicht auch im Fall des hunderttausendfach größeren Mordens in Libyen und seit nunmehr über drei Jahre auch des (direkten wie indirekten) Mordens im Jemen? Oder umgekehrt: Was tat der Distanz-Befehlshaber beim Mord an Kashoggi denn anderes als genau das, was die USA, die NATO und andere US-Vasallen in einer unvergleichlich größeren Dimension zu Kriegszeiten - in unserer Anti-Terror-Welt also tagein tagaus - ebenfalls tun? Und warum sollte von MbS oder einem anderen Auftraggeber ein größeres Unrechtbewusstsein zu erwarten sein, als wir es bei den eigenen kollektiven Gewaltaktionen selbst zeigen? Ist denn der junge dynamische Prinz nicht nur dem großen Vorbild seines westlichen Herrn und Hegemons gefolgt?

Die der skizzierten Logik der Imperialen Kriege zu verdankende Perspektiven-Erweiterung lässt uns am Jemenkrieg jetzt - zusammen mit den früheren Erklärungsansätzen - vieles in einem neuem Licht erscheinen.

Der Jemen-Krieg - in einem neuen Licht

Warum dieser Krieg ausgerechnet im April 2015 von den Saudis vom Zaun gebrochen worden war? Meine 2015er Antwort darauf war: Weil die Eröffnung des Krieges exakt 5 Minuten vor Abschluss des Genfer Atomabkommens mit dem Iran ein klares Signal an die Obama-Administration und die anderen Unterzeichner des Genfer Abkommens sein sollte, dass sich Saudi-Arabien durch dieses Abkommen nicht gebunden - und sich insbesondere in seinen Anti-Huthi-Aktionen nicht eingeschränkt - sehen wird.

Als eine vom Imperium selbst initiierte bzw. - wovon auszugehen ist - zumindest gedeckte Aktion gewinnt diese selbst eine viel tiefere Relevanz-Dimension. Zum Beispiel als Drohung der USA gegenüber dem Iran, dass im Falle etwaiger Verstöße gegen dieses Abkommen die saudischen Verbündeten - zusammen mit dem dieses Abkommen ebenso vehement ablehnenden Partner Israel - zu einer Vergeltung nur allzu gerne bereit stehen würden. Eine derartig strukturierte Politik eines Imperiums ist nichts anderes als dessen übliche Doppel-Strategie, eine Strategie, in der im Mittleren Osten vor den USA lange Zeit England unschlagbarer Weltmeister war.

Die beim Jemen-Krieg bislang bestehende Erklärungslücke schließt sich dank der Logik Imperialer Kriege aber vor allem in geopolitischer Hinsicht. Diese ist stets an der Sicht von Imperien, nicht an der Sicht von deren Satrapen-Vasallen orientiert, wie wichtig sich letztere auch immer selbst nehmen mögen. Und so gewinnen jetzt auf einen Schlag auch die in den früheren Erklärungen ins Feld geführten geostrategischen Momente (der Besitz wie auch die Beherrschung der Transportwege von Gas und Öl - siehe nochmal Der wahre Grund des Jemen-Kriegs und Jemens Reichtum als Kriegsgrund - Zweiter Versuch) dank dieser Logik erst ihre wirkliche geostrategische Tiefe.

Der Fokus der Geostrategie der kommenden Jahrzehnte liegt auf dem Spannungsverhältnis USA versus China (evtl. China plus Russland). Erst damit rücken dann auch die Überlegungen zur Rolle des Iran - als dem wichtigsten Energielieferanten für China - an ihren für ein tieferes Verstehen des Jemen-Kriegs so zentralen Ort (siehe auch Bomben auf den Iran). Womit wiederum deutlich wird, wie sekundär - und wie rein propagandistisch - die Sunniten-Schiiten-Distinktion auch in diesem Kontext letztlich ist.

In Summa: Die Logik der Imperialen Kriege erklärt, wie sich für das Verstehen des Jemen-Krieges aus den bisherigen Puzzle-Blöcken nunmehr so etwas wie ein Gesamtbild ergibt.

Georg Meggle ist Analytischer Philosoph.

(Georg Meggle)

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