Der Jude ist schuld

Es gibt keinen Kampf der arabischen Welt gegen den westlichen Imperialismus, weswegen Bin Ladin eine Bewegung der arabischen Einheit gegen die Juden schaffen will

Rechte wie linke Publizisten sind sich einig, von Arundhati Roy über Rudolf Augstein bis hin zu Dieter Stein: Der Kampf, an dessen Spitze sich Usama Bin Ladin - zurecht oder nicht - gestellt hat, ist ein antiimperialistischer. Vielleicht kommt der ein oder andere auf die Idee, dieses Verdikt zu hinterfragen. Ein Denkanstoß könnten die Anschläge in Israel sein.

Wie soll eigentlich die vom Kapitalismus befreite Gesellschaft nach dem Sieg der vermeintlichen arabischen Antiimperialisten aussehen? Niemand schreibt es. Denn niemand weiß es. Aus einem einfachen Grund: Es gibt keinen gemeinsamen Aufstand der arabischen Welt gegen den westlichen Imperialismus. Denn es gibt keine einheitliche arabische Welt, ebenso wenig wie es wirkliche gemeinsame Interessen dieser gibt.

Das hat schon vor vielen Wochen der Sudanese Hashem Hassan in einem Leserbrief an die in London erscheinenden Tageszeitung Al-Quds Al-Arabi geschrieben, der in Deutschland weit weniger beachtetet wurde als in Großbritannien. Hashem Hassan schreibt, man müsse aufhören, Usama Bin Ladin "als Stiefsohn der amerikanischen und westlichen Hegemonie darzustellen. Er ist der rechtmäßige Sohn arabisch-muslimischer Ohnmacht. (...) Wir haben unsere Heimat und unser Volk so weit untergraben, dass es leichte Beute der Interessen Amerikas, Israels und anderer wurde."

Diese von Hashem Hassan angesprochene Uneinigkeit ist so schwer nicht zu entdecken, betrachtet man die jüngste Geschichte. Nur einige Beispiele: Der blutige Krieg zwischen der PLO und der jordanischen Armee 1970. Die Vertreibung der palästinensisch-arabischen Terroristengruppe Fedajin aus Jordanien in den Libanon, wo sie dann zum Zerfall desselben beitrugen. Die Invasion irakischer Truppen im Iran 1980 wegen des ideologischen Gegensatzes zwischen dem islamischen Fundamentalismus im Iran und dem eher weltlichen Irak, der einen Aufstand der Schiiten im Süden aufgrund iranischen Einflusses fürchtete. Bin Ladin selbst warf noch im Dezember 1998 in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC der PLO und der "sogenannten Palästinensischen Autonomiebehörde" vor, "mit Ungläubigen zu sympathisieren" (Kampf gegen den Kreuzzug des Westens).

Jeder Staat im Nahen Osten verfolgt ganz eigene Interessen, die denen seiner Nachbarn oft widersprechen. Es gibt keinen antiimperialistischen Befreiungskampf. Doch es existiert eine Idee, die viele Menschen - zumindest einer großen Minderheit - in diesen Staaten verbindet. Diese Idee benutzt Bin Ladin, um Sympathisanten mit unterschiedlichsten Hintergründen für sich zu begeistern. Diese Idee ist es auch, die bisweilen Konflikte zwischen den arabischen Staaten überdeckt. Was im Westen so oft freudig schaudernd als radikaler Antiimperialismus goutiert wird, ist der Wille nicht nur zur Vernichtung Israels, sondern aller Juden weltweit.

Als er 1998 die "Internationale Islamische Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzritter" ausrief, spielte Bin Ladin ganz bewusst auf diese Idee an. In einem Interview mit Newsweek, das am 11.1.1999 erschien, sagte er: "Die [Internationale Islamische] Front ist ein Dach für alle Organisationen, die den Jihad gegen Juden und Kreuzfahrer kämpfen. Die Reaktion der moslemischen Nationen war größer, als wir erwartet hatten. Wir drängen sie alle, den Kampf zu beginnen, oder zumindest anzufangen, sich auf den Kampf gegen die Feinde des Islams vorzubereiten."

Hamas-Führer Scheich Yassin

Der Kampf, den Bin Ladin anführen will, ist keiner gegen Amerika. Es ist ein Kampf gegen das Judentum, als dessen Agent Amerika angesehen wird. Sayyid Qutb, einer der Väter des modernen islamischen Fundamentalismus, hat schon in den sechziger Jahren Imperialismus, Kommunismus und Freimaurertum als antiislamische Bewegungen alle auf eine jüdische Weltverschwörung zurückgeführt. In diese Tradition stellt sich Bin Ladin:

"Großbritannien und Amerika agieren im Namen Israels und der Juden, um jede Macht zu zerschlagen, und zwar mit der Zielrichtung, den Juden den Weg zu ebnen, die moslemische Welt einmal mehr zu teilen und zu versklaven und den Rest ihres Reichtums zu plündern. (...) Es ist kein Geheimnis, dass die moslemische Welt in diesen Tagen von einer grausamen Offensive der Juden und der Kreuzfahrer unterworfen wird."

Auch die Angriffe auf Afghanistan sieht Bin Ladin keineswegs als amerikanische an. Anfang November sagte er seinem Biographen, dem pakistanischen Journalisten Hamid Mir, in einemInterview für die Zeitung "Daily Ausaf": "Die jüdische Lobby hat Amerika und den Westen als Geisel genommen."

Diese Sichtweise ist im Westen allgemein bekannt. Allerdings nicht unbedingt als die Bin Ladins, sondern eher als fundamental-oppositionelle Kritik von rechts und bisweilen auch von links. Horst Mahler zum Beispiel schreibt in seinem Kommentar Independence-Day live vom 12. September: "Seit 1916 haben die Stämme Judas und Israels zielstrebig die politischen und militärischen Potentiale der USA usurpiert, um unter deren Schutz - gestützt auf die erkaufte Balfour-Erklärung - zum zweiten Male zu versuchen, das ihnen von Jahwe verheißene Land an sich zu bringen und ethnisch zu säubern."

Ganz anders und doch sehr ähnlich klingt die im Spiegel zitierte Aussage des Vaters Mohammed Attas: "Es seien die Juden gewesen, sagt er. Der israelische Geheimdienst, der Mossad. Es habe nur so aussehen sollen, als steckten Muslime dahinter." Eigentlich ist ja egal, wer in den Flugzeugen saß, der Jude steckt in jedem Fall dahinter.

Die Kraft dieses unterschiedlichste Völker, Ideologien und Terrorgruppen verbindenden Gedankens wollte Saddam Hussein schon im zweiten Golfkrieg zum Schmieden einer Allianz benutzen. Als der Irak zivile Ziele in Israel angriff, hieß es in den offiziellen Mitteilungen der irakischen Armee: "Die Raketen machten Tel Aviv und andere Ziel zu einem Krematorium." (zitiert nach Friedrich Schreiber, Michael Wolffsohn: "Nahost") Dieser Begriff des Krematoriums ruft wohl nicht zufällig Erinnerungen an Gaskammern und Schornsteine hervor.

Damals war Husseins Strategie nicht erfolgreich. Zum einen, weil das westliche Engagement zu stark war, zum anderen, weil nach seinen Kriegen gegen den Iran, die irakischen Kurden und Kuweit keiner der arabischen Nachbarn an eine Allianz unter irakischer Führung um der bloßen Einheit willen glaubte.

Heute sieht das aufgrund wirtschaftlicher und militärischer Interessen des Westens und aufgrund des von beiden Seiten - bei Scharons und Arafats Politik ist die Verteidigung des eigenen Existenzrechts kaum von Vergeltung und Aggression zu trennen - verschärften Nahostkonflikts etwas anders aus. Was heute die arabischen Nachbarn - bei allen Interessenkonflikten - vielleicht vereinen könnte, brachte Ahmed Abu Halabiya, Mitglied des von der palästinensischen Autonomiebehörde berufenen "Fatwa-Rates" vor gut einem Jahr in einem vom Fernsehen der Autonomiebehörde übertragenen Freitagsgebet auf den Punkt: "Habt kein Mitleid mit den Juden, egal wo sie sind, in welchem Land auch immer. Kämpft gegen sie, wo immer ihr seid. Wann immer ihr sie trefft, tötet sie. Wo immer ihr seid, tötet die Juden und jene Amerikaner, die wie sie sind - und die, die ihnen beistehen - sie sind alle in einem Schützengraben, gegen die Araber und die Moslems ..." (Konrad Lischka)