Der Jugendverderber

"Moral ist Desinteresse, wenn sie abstrakt ist". Heute wäre Jean-Paul Sartre 100 geworden

Ein Leben als Gesamtkunstwerk: Jean-Paul Sartre, berühmt als Modephilosoph, verdammt als Meisterdenker, beneidet als Frauenheld und Lebenskünstler, erfand den Intellektuellen und begründete eine ganz eigenständige Variante des Existentialismus. Der Erbe der skeptischen Aufklärer bleibt in Erinnerung als Philosoph des Widerstands gegen jede Vereinahmung, als unerbittlicher Verteidiger der menschlichen Freiheit. Zugleich als höchst aktueller Denker: Heute stünde er in der ersten Reihe im Kampf gegen die Lager von Guantanamo.

Zu viel Charme, Zigarettenrauch und Kaffeehausduft ist in dieser Philosophie, um sie nicht all jenen verdächtig zu machen, die sich als Sachwalter des Wahren, Schönen und Guten verstehen. Zuviel ist darin von Freiheit die Rede, davon dass es ganz einfach sei, das Richtige zu tun, dass man nur die scheinheiligen Ausreden abwerfen und wählen müsse - um nicht postwendend alle Hüter von Anstand, Pflicht und Moral auf den Plan zu rufen.

Das machte Jean-Paul Sartre, der heute vor 100 Jahren, am 21. Juni 1905, geboren wurde, und vor 25 Jahren, am 15. April 1980, starb, natürlich umgekehrt gerade attraktiv. Und das nicht nur in jenem gewissen Alter, in dem alles attraktiv ist, was sich antibürgerlich gibt. Sartre war glamourös, aber nicht gefällig, seine scharf geschliffenen Sätze konnten ebenso bezaubern wie verletzen, aber gerade der Glanz seiner Formulierungen weckte Verdacht: Konnte jemand, der so schön schrieb, auch Substanz haben? Konnte man ein wirklich ernsthafter Philosoph sein und gleichzeitig der weltweit meistaufgeführte Bühnenautor? Konnte man seriöse Romane schreiben und trotzdem Filmdrehbücher verfassen? Durfte man sich politisch einmischen, auf der Straße an der Spitze einer Demonstration marschieren und zugleich beanspruchen, ein Künstler zu sein? War es schließlich überhaupt möglich, dass diese Texte dauerhaften Wert hatten, wenn doch allgemein bekannt war, dass sie ihr Autor in einem lärmenden Pariser Lokal geschrieben hatte, womöglich nachdem er schon zwei Gläser Wein und einen Whisky getrunken hatte?

Besonders in Deutschland, wo auch die Kunst Arbeit zu sein hat, wo kein Autor mehr bewundert wird als Thomas Mann, aber nicht dafür, dass er emigrierte und aus dem Exil gegen Hitler kämpfte, sondern weil er über Jahrzehnte immer nach dem Takt der Uhr zwischen 9h morgens und 12.45h seine Kinder aus dem Haus schickte und Weltliteratur auf dem Reißbrett verfasste, um dann nach dem Mittagsschlaf "ein bürgerliches Haus" zu führen, war Sartre suspekt. Ein Wunderkind, dem alles leicht fiel und scheinbar nichts Arbeit war - obwohl er zu Lebzeiten etwa 40 Bücher und unzählige Artikel veröffentlichte -, der dicke Philosophieschinken schrieb, in denen er, anstatt sich in langen Fußnoten mit den Kategorientafeln von Immanuel Kant auseinanderzusetzen, am Beispiel eines Restaurantkellners Jahrzehnte vor Habermas erklärte, was Intersubjektivität und Kommunikatives Handeln sind.

Und dann die Frauen: Nicht verheiratet, ohne Kinder und Kinderwunsch, dafür lebenslang liiert mit der Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1908-1986), mit der er eine ebenso öffentliche wie liebevolle wie überaus treue Beziehung führte - die beide keineswegs hinderte, manchmal mehrere Geliebte auf einmal zu haben und darüber in ihren Büchern, diskret aber offen zu schreiben. Sartres Persönlichkeit schillerte wie sein Werk - er war, mit anderen Worten, das Gegenteil eines anständigen deutschen Philosophieprofessors.

Wie Sokrates galt Sartre zu Lebzeiten mehr als alles andere als ein Verderber der Jugend. Einen Schierlingsbecher reichte man ihm zwar nicht, doch skandierte die französische Rechte auf öffentlichen Versammlungen allen Ernstes "Tötet Sartre!" und nur knapp entging Sartre 1961/62 zwei Bombenanschlägen auf seine Pariser Wohnung. Wer würde heute noch einen Philosophen für so wichtig halten, dass man ihn töten müsste? Dieser Hass hatte zwar auch politische Gründe - Sartre polemisierte seinerzeit stark gegen den französischen Algerienkrieg -, doch für nichts wurde er mehr gehasst als dafür, dass er die etablierten Posen und alle Anpassung ablehnte und jener Rebell blieb, als der er begonnen hatte.

"Die Einheit dessen, was ich tue, ist die Philosophie" - daran ließ Sartre freilich nie einen Zweifel. Alles Weitere in seinem Werk war nur eine Folge der Kernidee jener Philosophie: Dass man für sein Denken einzustehen habe, keinen Unterschied machen dürfe zwischen Reden und Handeln. "Engagement" nannte er dieses Gebot, aktiv zu werden, sich der Welt und ihren Herausforderungen zu stellen um jeden Preis - auch um den des Irrtums. "Ein Intellektueller ist einer, der sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen" - in seiner unbestechlichen öffentlichen Persönlichkeit war Sartre politische Instanz und moralisches Vorbild.

Begonnen hatte das alles in der französischen Provinz: Bei seinen Großeltern war der kleine Jean-Paul aufgewachsen, nachdem sein Vater sehr früh gestorben war. Diese ersten zehn Jahre, in denen er von seinem Großvater, einem Onkel Albert Schweitzers, Privatunterricht erhielt, schildert er in seiner Autobiographie "Die Wörter" (1964) als paradiesische goldene Zeit, in der das altkluge Kind - "Man hatte mir den Gehorsam nicht beigebracht" - einsam und verträumt die Welt und die Literatur, vor allem aber das Denken für sich entdeckte. Für Sartre war Denken das Selbstverständlichste der Welt. Und so wandte er sich in den 20er Jahren während Studiums der Phänomenologie zu, die das Denken neu in der menschlichen Erfahrung verankern wollte.

Parallel schrieb er an "Der Ekel" (1939), seinem erfolgreichsten Roman, und an "Das Sein und das Nichts" (1943), seinem philosophischen Hauptwerk. Dies begründete den Existentialismus, jene skeptische Philosophie der Nachkriegszeit, die Freud und Marxismus, Hegel und Heidegger sehr eigenständig verband, und weit - auch durch Albert Camus, Raymond Aron, Maurice Merleau-Ponty, Paul Nizan und andere junge Autoren - über akademische Zirkel hinaus über 20 Jahre zur dominierenden Denkrichtung wurde. Wesentlichen Anteil daran haben die Stücke und Romane, in denen Sartre sein Denken ausdrückte und popularisierte. "Der Teufel und der liebe Gott", "Die Fliegen" und "Hinter geschlossenen Türen" wurden weltweite Erfolgsstücke; seine grandiose vierteilige Romanfolge "Die Wege der Freiheit" über die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs ist vergleichsweise unentdeckt.

Für jedermann verständlich denkt Sartre hier die großen Fragen des Jahrhunderts durch: Totalitarismus und Freiheit, Widerstand und Liebe. Beispiel Freiheit: "Die Existenz geht der Essenz voraus", so lautet eine der zentralen Aussagen von Sartres theoretischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts". Der Mensch sei "zur Freiheit verurteilt", hat er das später ausgedrückt. Anders gesagt: Der Mensch allein ist verantwortlich für die Bedingungen seines Lebens. Sind sie schlecht, unfrei, verbrecherisch, liegt es an ihm, sie zu ändern. "Es gibt keine Ausreden" - in dieser Einsicht läst sich Sartres lebenslanges Denken zusammenfassen. "Die Hölle, das sind die anderen." lautet sein berühmtestes Zitat (aus dem Stück "Huis clos"). Wie nur wenige vertrat Sartre ein Pathos der Distanz des Individuums, das Verlangen, unabhängig zu bleiben.

Beispiel Widerstand: So war Sartre nach kurzem Flirt mit dem Kommunismus einer der schärfsten Kritiker des Sowjet-Einmarschs in Ungarn 1956:

Es gibt keinen Sozialismus, wenn jeder zwanzigste Bürger im Lager sitzt.

Doch lehnte er auch 1964 den Nobelpreis (für seine Memoiren "Die Wörter") ab - das von ihm begründete Konzept der "engagierten Literatur" bedeutet Skepsis gegenüber jeder Möglichkeit der Vereinnahmung. So lieferte Sartre über Jahrzehnte das Grundmodell, nach dem ein Schriftsteller aufzutreten hatte.

Bis vor etwa 20 Jahren galt Jean-Paul Sartre unbestritten als einer der wichtigsten Denker des 20.Jahrhunderts. Man sah in seiner unbestechlichen öffentlichen Persönlichkeit ein unentbehrliches Vorbild, und Sartres sehr eigenständige Form des Existentialismus schien einen klugen Gegenentwurf zu den erstarrten Frontlinien im philosophischen Dreikampf zwischen Sprachanalytik, Heideggerscher Existenzphilosophie und Marxismus zu bieten. Dann kam die "Postmoderne", der von den Nach-68ern verkündete "Abschied von den Meisterdenkern" wurde Mode und traf in seinem Vatermordreflex auch Sartre, der für ein paar Jahre fast zu einer Sammelbezeichnung für alles theoretisch Verwerfliche wurde - obwohl ausgerechnet er aus dem Ernst seines Denkens nie eine Pose machte, er nicht, wie die deutschen Professoren, den raunenden Meisterdenker gab, und von der Kanzel oder der einsamen Berghütte aus schwer entzifferbare Wahrheiten verkündete.

J.P. Sartre und Simone de Beauvoir

"Während seiner gesamten Existenz hat Sartre nie aufgehört, sich neu in Frage zu stellen." Mit dieser Beschreibung trifft Simone de Beauvoir in ihrer "Zeremonie des Abschieds" Sartre weitaus besser in seinem widerständigen, quecksilbrig aktiven Denken. Dies zeigt sich auch in einem Buch, das jetzt, mit über 50jähriger Verspätung erstmals auf Deutsch erscheint: Die "Entwürfe für eine Moralphilosophie" ("Cahiers pour une morale"; in Frankreich erstmals 1983 veröffentlicht). Mit den Cahiers begann Sartre bereits Ende der 30er Jahre. In der jetzt veröffentlichten Form entstanden sie in den Jahren 1947/48, nachdem Sartre am Ende seines 1943 geschriebenen philosophischen Hauptwerks "Das Sein und das Nichts" angekündigt hatte, sein nächstes Werk dem Bereich der Ethik zu widmen, einer Ethik, "die ihre Verantwortlichkeiten gegenüber einer menschlichen Realität in der Situation übernimmt."

Die Cahiers blieben unveröffentlicht, wohl weniger weil Sartre in den Jahren, in denen er berühmt wurde, mit anderem beschäftigt war, als weil er manche philosophischen Fragen nicht in für ihn befriedigender Weise lösen konnte. Doch er hob die knapp tausend Druckseiten starken Hefte auf, um an ihnen weiter zu arbeiten, und verfügte ihre Veröffentlichung nach seinem Tod:

"Sie zeigen, was ich zu einer bestimmten Zeit machen wollte und dann aufgegeben habe. Es wird beim Leser liegen zu interpretieren, wohin sie hätten führen können." Trotz solcher Einschränkungen liegt mit den "Entwürfen" jetzt ein bedeutendes und über weite Strecken ausgereiftes philosophisches Werk vor - eine der wichtigsten Stellungnahmen des Existentialismus zu Fragen der Ethik. Seine Kernaussage - sofern sich 1000 Seiten überhaupt auf wenige Sätze reduzieren lassen - ist die Widerlegung jeder abstrakten Moral.

Moral ist Desinteresse, wenn sie abstrakt ist. Es ist eine Art, sich aus der Affäre zu ziehen.

Sartre argumentiert für die Verschmelzung von Gewissen und Verantwortung. Ein moralischer Wert muss sich in der Situation beweisen, sonst bleibt er leere Behauptung. Wie schon Sokrates denkt Sartre vom ganz konkreten Leben her - nur Taten beweisen, was schöne Worte wert sind.

Wichtig für mich ist, dass ich getan habe, was zu tun war. Gut oder schlecht, darauf kommt es nicht so an. Hauptsache, ich habe es versucht.

In einer Epoche, in der die zeitgenössische Philosophie eher unkreativ, langweilig und in weiten Teilen in der fruchtlosen Alternative zwischen wissenschaftlichem Spezialistentum und oberflächlicher Populärphilosophie à la Sloterdijk erstarrt scheint, ist es höchste Zeit, Jean-Paul Sartre wieder zu entdecken. Gerade seine Uneindeutigkeit, das Widerständige seiner Person und seines Werks fasziniert an Sartre bis heute. Es sei besser, mit "Sartre zu irren, als mit Camus recht zu haben", schrieb sein Biograf Bernard-Henri Lévy. In Erinnerung bleibt Sartre, den noch sein politischer Feind Charles de Gaulle als Voltaire des 20.Jahrhunderts achtete, als ein Erbe der skeptischen Aufklärer, ein klassischer Liberaler, ein Autor, der der heutigen Pop-Literatur näher steht als Proust oder Joyce, ein höchst aktueller Denker:

Simone de Beauvoir, J.P. Sartre und Che Guevara

Wäre er heute am Leben, so darf man gewiss sein, stünde er in der ersten Reihe im Kampf gegen die Lager von Guantanamo. "Es ist nicht gut, meine Landsleute" schrieb er beispielsweise im berühmten Vorwort zu Frantz Fanons Pamphlet "Die Verdammten dieser Erde", "Sie, die Sie all die in unserem Namen begangenen Verbrechen kennen, es ist wirklich nicht gut, dass Sie niemandem auch nur ein Wort davon sagen, nicht einmal Ihrer eigenen Seele, aus Angst, über sich selbst zu Gericht sitzen zu müssen. Anfangs haben Sie nichts gewusst, ich will es glauben, dann haben Sie gezweifelt, jetzt wissen Sie, aber Sie schweigen immer noch. Acht Jahre Schweigen, das korrumpiert." Man kann solche Stellen und Argumentationen bruchlos auf Guantanamo beziehen - einen Skandal, gegen den heute kein Intellektueller und kein Künstler vernehmbar aufsteht.

Alle redeten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit …, [der Kolonialismus] ist unsere Schande, er missachtet unsere Gesetze oder macht sie lächerlich; er infiziert uns mit seinem Rassismus. Er verpflichtet unsere jungen Männer dazu, gegen ihren Willen für Nazi-Prinzipien ihr Leben zu lassen, gegen die wir vor zehn Jahren gekämpft haben; zu seiner eigenen Aufrechterhaltung führt er hierzulande den Faschismus ein. Unsere Aufgabe ist es, seinen Untergang zu beschleunigen. Nicht nur in Algerien, sondern überall, wo er auftritt. Das Einzige, was wir hier und heute tun können und müssen - und das ist unabdingbar - ist, dass jeder auf seiner Seite darum kämpft, Algerier und Franzosen von der kolonialen Tyrannei zu befreien.

Sartre war sich bewusst, dass es vom Schweigen zur Komplizenschaft nur ein ganz kleiner Schritt ist -und den wollte er nicht akzeptieren. Sartres Schriften zu Rassismus und Antisemitismus sind nur ein besonders brennend aktuelles Beispiel unter mehreren, seine Kritik der Konkurrenz ist ein zweites.

"Wenn die Literatur nicht alles ist, ist sie nicht der Mühe wert", war Sartre überzeugt - nur verstand er diesen Satz eben auch so, dass sich ein Künstler aus nichts heraushalten darf, ohne auch seine Kunst zu verraten. Nicht nur ein Schriftsteller darf daran glauben. Man muss ihn nur lesen.

Literaturtipps (Rüdiger Suchsland)

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