Der Kampf der Konservativen gegen die Windmühlen

"Die Schrift ist eine Zumutung": Schöne Veranschaulichung in einer Veröffentlichung des Grundschulsverbands. Die Lesbarkeit der Lehrerschrift ist nicht sehr viel besser als die der Schülerschrift. Aus: Kleine Kulturgeschichte der Handschrift

Weil in Hamburg den Grundschulen freigestellt wird, ob sie die Lateinische Schreibschrift noch lehren wollen, wird einmal wieder eine absurde Untergangshysterie geschürt

Hamburg führt als erstes Bundesland in der Grundschule eine Regelung ein, die einmal wieder Konservative auf die Palme bringt und sie um die Zukunft ihrer Kinder und der Kultur fürchten lässt. Die Hamburger Schüler müssen, was einer Forderung des Grundschulverbandes entspricht, mit Beginn des neuen Schuljahrs nicht mehr die Schreibschrift lernen, sie sollen nur eine "individuelle, flüssige und lesbare Handschrift" erwerben, was auch durch Druckschrift und schließlich mit der "Schulausgangsschrift als verbundener Schrift" oder Grundschrift geschehen kann.

Das Konzept der Grundschrift sieht das Erlernen formklarer Buchstaben vor, orientiert an der Druckschrift, die dann individuell verbunden werden können. Bei großen Schwierigkeiten können einzelne Schülerinnen und Schüler eine unverbundene Schrift über den Anfangsunterricht hinaus benutzen.

Bildungsplan Grundschule

Obwohl nun den Schulen nur offiziell freigestellt wird, ob sie nach dem Erlernen der Druckbuchstaben zusätzlich die Schreibschrift oder nur die "Grundschrift", also die durch Schwünge verbundenen Druckbuchstaben, lehren, sehen Konservative ein weiteres Moment einer obrigkeitstaatlichen Regelung und der Disziplinierung der Kinder fallen. Nur lesbar schreiben zu können, ist ihnen zu dürftig, gekonnt werden muss schon die eine "richtige" Schreibschrift, obgleich in Westdeutschland schon lange die an der Druckschrift orientierte Vereinfachte Ausgangsschrift eingeführt wurde. In Bremen gibt es keine Vorschriften, welche Schrift gelehrt wird, in Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg ist die Wahl freigestellt oder gibt es eine Bevorzugung der Vereinfachten Ausgangsschrift.

Zwar ist es bundesweit bereits üblich, die Grundschrift zu akzeptieren und vollzieht also die Regelung in Hamburg nur die Anerkennung des Faktischen, warnen die Konservativen einmal wieder vom Aussterben eines "Kulturguts", das sowieso am Verschwinden ist, weil die Durchsetzung mancher Standards, was man auch schon an der Rechtschreibreform gesehen hat, nicht mehr von oben nach unten verordnet gelingen kann, was freilich erst in den Nationalstaaten als Zwangsmaßnahme zur Vereinheitlichung eingeführt wurde. Während die einen individuell oder in einem Trend etwa Schreibweisen von Wörtern verändern, sind auch die Konservativen und Rechten ausgeschert und bleiben einfach beim Alten. Auch so zerfällt die Einheitlichkeit.

Michael Kretschmer (CDU) meint etwa: "Schreibschrift ist deshalb wichtig, weil damit die Motorik geschult wird." Allerdings wird sie nur anders geschult. Auch sein Kollege Dietrich Wersich, der CDU-Fraktionsvorsitzender, fürchtet Schlimmes: "Es ist nicht gut, wenn die gemeinsame Basis der individuellen Handschrift der Beliebigkeit ausgesetzt wird, zumal es ohnehin nur noch viel zu wenige verbindende und Kultur stiftende Lerninhalte in den Schulen gibt." Für die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Anna von Treuenfels ist gar die "Kulturtechnik des Schreibens" vom Untergang bedroht. Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, erklärte im Gegensatz zu anderen, die vor einer Entindividualisierung warnen, dass "die individuellen Ausprägungen der Schreibung" zunehmen würden. Und er meint, dass die Schreibmotorik verkrampfter und das Schreibtempo langsamer werde, "weil jeder Buchstabe einzeln geschrieben werden muss und keine schwungvollen Verbindungen dazwischen sind".

Nachdem die Kinder in der Grundschule nicht mehr Sitzenbleiben können, sondern sie mit schlechten Ergebnissen an zusätzlichen "Fördermaßnahmen" teilnehmen müssen, und man die Bildungspläne vom Wissen auf den Erwerb von Kompetenzen verlagert haben, sei die "Abschaffung" der Schreibschrift eine Bestätigung des "Trends zu Kuschelpädagogik und Entertainment-Schule in Hamburg", wird etwa von Wir wollen lernen!, dem "Förderverein für bessere Bildung in Hamburg", kritisiert. Der kämpft gegen die "Einheitsschule", hatte mit ein erfolgreiches Volksbegehren initiiert und will das alte Schulsystem erhalten, das offenbar auch der Verweichlichung Einhalt gebietet.

Grundschulen als Reservate der Schreibschrift?

Zwar sind wir schon lange ins Zeitalter von Computern, Note- und Netbooks und Smartphones eingetreten, die nach den Schreibmaschinen die Eingabe von Schrift von der Handschrift gelöst haben, wie dies Jahrhunderte zuvor bei der Ausgabe die Erfindung des Drucks vorgemacht hat. Nun hat jeder seine virtuelle Druckmaschine und benötigt kaum noch die Handschrift. Aber offenbar bedroht nicht das Verschwinden der Schreibschrift überhaupt, sondern nur das eines normierten Schriftbildes die von den aufgeschreckten Konservativen geschätzte Kultur, die trotz technischen Wandels und veränderten Anforderungen dieselbe bleiben soll, selbst wenn sie nur im Reservat der Grundschule überlebt. Allerdings rückt die wirkliche Kultur durch Computer und Tastatur, mehr und mehr auch durch Spracheingabe längst schon weit weg vom Handschriftlichen. Hier aber wollen die Konservativen dann doch nicht zu offensichtlich gegen die Windmühlen kämpfen.

Handschriftliche Briefe werden daher auch kaum mehr geschrieben, schon lange hat man auch in der Schule auf die Benotung des Schönschreibens verzichtet, mit der die Älteren noch in der Grundschule diszipliniert und formatiert wurden - mit oft zweifelhaftem Ergebnis. Bei der Abkehr vom Handschriftlichen geht es nicht nur um Lesbarkeit, schließlich ist die der Handschrift schon lange bei vielen eingebrochen, sondern auch um Schnelligkeit, da muss man in der Tat nicht den Unterschied zwischen Schreib- und Grundschrift bemühen. Die Disziplinierung der Körpermotorik beim Schreiben wird auch nur anders und entfällt nicht, wenn man keinen Stift mehr in der Hand führt, sondern mit den Fingern mehr oder weniger geschickt tippt oder wie mit Swype auf einem Touchscreen den Finger ohne abzusetzen über die virtuelle Tastatur gleiten lässt.

Was die Diskussion offenbart, ist die Absurdität des konservativen Schutzes einer Kultur, die sich längst schon im Wandel befindet - und zu deren Eigenschaften es auch gehört, sich verändern und weiter entwickeln zu können. Warum sollte man die deutsche Schriftkultur gerade bei einer einmal ausgewählten Schreibschrift einfrieren? Und warum sollte man gerade die Schreibschrift, will man sie denn wirklich erhalten, in der Grundschule verteidigen, während sie längst als Kulturtechnik überholt ist? (Florian Rötzer)

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