Der Kampf um die Inhalte

Privatunternehmen Google als Tor zum Wissen der Menschheit

Internetnutzer sollen künftig in fünf der renommiertesten Bibliotheken der Welt online stöbern können - dank Suchmaschinenprimus Google. Die Bibliotheksbestände der drei US-Universitäten von Stanford, Harvard und Michigan sowie der britischen Oxford-Universität und der New York Public Library sollen zu einem großen Teil nach und nach gescannt, digitalisiert und anschließend online verfügbar gemacht werden - kostenlos per Google-Suche. Das letztlich profitorientierte Mammutprojekt will das in Büchern akkumulierte Wissen dieser Bibliotheken allen Menschen verfügbar machen. Privatunternehmen Google schwingt sich zum universellen Wissensvermittler auf - und hebt den Konkurrenzkampf zwischen den großen Suchmaschinen auf eine neue Ebene: Jetzt geht es um die Inhalte.

Die Vereinbarungen, die Google mit den fünf renommierten Bibliotheken getroffen hat, erlauben die Digitalisierung von rund 15 Millionen Büchern und Dokumenten. Die einzelnen Bibliotheken sind mit unterschiedlich großen Buch- und Dokumentenbeständen beteiligt. So wird Google den Großteil der acht Millionen Werke der Stanford University sowie fast alle sieben Millionen Bücher und Dokumente der University of Michigan digital verarbeiten. Oxford erlaubt Google nur den Buchbestand vor 1900. In Harvard werden rund 40.000 Werke digitalisiert und von der New York Public Library in einem Pilotprojekt zunächst nur "zerbrechliches Material" ohne Copyright. Im Gegenzug für ihr kulturelles "Rohmaterial" erhalten die Bibliotheken eine digitale Kopie ihrer Bestände http://www.timesonline.co.uk/article/0,,2-1403621,00.html .

Vollständig werden nur diejenigen Bücher und Dokumente online zugänglich sein, die urheberrechtlich nicht geschützt sind bzw. bei denen das Copyright auf Grund ihres Alters erloschen ist. Urheberrechtlich geschützte Werke werden zwar auch digitalisiert. Online wird es aber nur eine kurze Zusammenfassung sowie einen Link zum Bestellen des Buches geben.

Das ehrgeizige Digitalisierungsprojekt ist Teil des kürzlich gestarteten Google-Print-Programms, das ähnlich wie Amazons Suchmaschine Search inside the book die Suche vor allem in wissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften erlaubt, die Google bereits digitalisiert hat.

Die Suchmaschine trägt sämtliche Kosten, die das ehrgeizige, auf eine Dauer von zehn Jahren veranschlagte Projekt verschlingen wird. Konkrete Angaben über die Kosten gibt es von Google nicht. Experten schätzen, dass das Scannen eines 300-Seiten-Buches rund 10 US-Dollar kosten wird. Insgesamt kämen so auf die Suchmaschinenfirma Kosten in Höhe von schätzungsweise mindestens 150 Millionen US-Dollar zu, die Google leicht verschmerzen kann. Werbeeinnahmen fließen mehr als reichlich in die Kassen der kalifornischen Firma. Außerdem ist Google allein durch den Börsengang im August dieses Jahres schlagartig um 1,7 Milliarden US-Dollar reicher geworden.

"Noch bevor wir mit Google anfingen, träumten wir davon, die unglaubliche Breite an Informationen, die Bibliothekare so liebevoll organisieren, online durchsuchbar zu machen", beschreibt Larry Page, einer der beiden Google-Gründer, das Projekt mit blumigen Worten. Google habe nämlich eine Mission zu erfüllen. Es gehe darum, das Wissen der Menschheit zu den Menschen zu bringen. "Und wir freuen uns, dass wir mit Bibliotheken zusammenarbeiten können, um diese Mission Wirklichkeit werden zu lassen."

Das klingt nach "Google won't be evil", jener Beschwörungsformel, die gerade im Umfeld des spektakulären Google-Börsengangs von den Google-Gründern sogar in offiziellen Schriftstücken gern und oft zum Besten gegeben wurde ("Google won't be evil!") Und Googles PR-Maschine läuft mal wieder wie geschmiert. Denn auch die Vertragspartner in den beteiligten Universitäten und Bibliotheken loben das Projekt in höchsten Tönen. Von einem revolutionären Quantensprung in der Zugänglichmachung von Büchern, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, spricht etwa Ronald Milne, Chef-Bibliothekar in Oxford.

"Dies ist der Tag, an dem sich die Welt verändert", ist John Wilkin von der Michigan University überzeugt. Und Sydney Verba, Direktor der Harvard Bibliothek, meint, die Google-Suche liefere ein "revolutionäres neues Werkzeug", das sowohl Wissenschaftler als auch die breite Öffentlichkeit uneingeschränkt nutzen könnten, um Material in den beteiligten Bibliotheken zu finden.

Die kritischen Stimmen, die sich bisher zum neuen Google-Projekt geäußert haben, gehen im Konzert der euphorischen Jubelworte bislang weitgehend unter. Je größer Googles Datenbanken werden, heißt es etwa im Weblog ResourceShelf, das von Suchspezialist und Bibliothekar Gary Price betrieben wird, desto schwieriger werde es sein, per Google sowohl "unpopuläre" Webseiten als auch sehr spezielle Buchinhalte zu finden, zumal für die Büchersuche bisher keine eigene Suchmaske existiere. Die digitalisierten Bücher könnten in Googles Ozean durchsuchbarer Webseiten und Informationen untergehen, weil sie von den "normalen" Suchalgorithmen ignoriert bzw. in den Suchergebnislisten erst weit unten unter "ferner liefen" angezeigt würden .

Schuld ist das Googlesche Page-Rank-System, das Webseiten in den Suchergebnislisten u. a. nach ihrer Linkpopularität auflistet. Wissenschaftlich relevante Informationen interessieren oft nur einen kleinen Kreis von Nutzern, werden dementsprechend weniger häufig besucht und verlinkt. Spezialinhalte, die nur einen kleinen Kreis von Google-Nutzern interessieren, gehen deshalb bei der "normalen" Google-Suche unter.

"Making a database bigger doesn't make it better", bringt Price seine Kritik auf den Punkt und rät den Bibliotheken, sich nicht auf Google oder andere Suchmaschinen zu verlassen, sondern ihr Material selbst online zu stellen - ein Ratschlag, der sich mit der angespannten Finanzlage vieler öffentlicher Bibliotheken kaum verträgt.

Wo aus Geldmangel beispielsweise teure wissenschaftliche Spezialzeitschriften nicht mehr angeschafft werden können, ist erst recht kein Geld für aufwändige Digitalisierungsprojekte vorhanden. Hier könnte sich künftig gar ein Boomerang-Effekt einstellen. Was online verfügbar ist, muss nicht mehr extra angeschafft werden. Universitätsleitungen, aber auch Städte und Gemeinden könnten ihre Mittel für Bibliotheken erheblich zusammenstreichen. Diese Gefahr mag derzeit noch gering sein, weil Google seinen Nutzern ungehinderten Zugang nur zu copyright-freiem Material erlaubt. Doch was hindert Google daran, von den Verlagen in Zukunft auch die Veröffentlichungsrecht zu erwerben oder neue Bücher selbst und zwar kostengünstig, weil nur online zu verlegen?

Google wird schon jetzt mit Verlagen zusammenarbeiten, um bei urheberrechtlich geschütztem Material festzulegen, wie viel Textseiten online einsehbar sein sollen, erklärte Google-Sprecherin Susan Wojcicki bei der Vorstellung des Digitalisierungsprojekts. Man werde neben den Buchseiten Werbeanzeigen platzieren. Die Einnahmen daraus würden mit den Verlagen geteilt. Daneben zeigen die Preview-Seiten der Online-Bibliothek, dass Google außerdem Links zu Online-Buchläden sowie zu örtlichen Bibliotheken anbieten wird.

Google Print ist nicht das erste und nicht das einzige Projekt zur Digitalisierung von Büchern und Dokumenten. Auch die US-amerikanische Library of Congress, die im Rahmen des National Digital Information Infrastructure and Preservation Program (NDIIPP) mit zahlreichen Universitätsbibliotehken zusammen arbeitet, das Internet Archive oder die Digital Library der Universität von San Francisco verfolgen umfangreiche Digitalisierungsprojekte. Was die geplante Online-Bibliothek des kalifornischen Such- und Werbegiganten von den bereits existierenden Projekten unterscheidet, sind erstens die Projektgröße von mehr als 15 Millionen Büchern und Dokumenten, zweitens die finanziellen Mittel, die den einzelnen Projekten jeweils zur Verfügung stehen, sowie drittens die Tatsache, dass es sich bei Google um ein profitorientiertes Privatunternehmen handelt, das seine Cyber-Bibliothek nicht als Non-Profit-Stiftung, sondern als Geschäft betreibt, in das Google eine erhebliche Summe investiert.

Analysten gehen davon aus, dass sich diese Investitionen schon mittelfristig bezahlt machen werden. Der Suchmaschinenfirma werde es durch die Bereitstellung exklusiver Inhalte gelingen, mehr Nutzer auf ihre Suchseiten zu ziehen, was automatisch auch zu einer Steigerung der Werbeeinnahmen führen werde. Studenten und Wissenschaftler würden Google vermehrt als Recherchewerkzeug benutzen, und der Durchschnittsuser würde verstärkt bei Google suchen, weil er davon ausgeht, bei Google mehr Informationen als anderswo zu finden. Darüber hinaus verschafft sich Google mit seiner Online-Bibliothek wieder einmal einen erheblichen Vorsprung gegenüber der Suchmaschinenkonkurrenz.

Die suchtechnologischen Unterschiede zwischen den konkurrierenden Suchmaschinen werden tendenziell immer geringer, weswegen es den einzelnen Anbietern schwerer fällt, sich rein technisch von der Konkurrenz abzuheben. Deshalb müssen die Suchmaschinenfirmen andere Mittel und Wege finden, um Konkurrenten in den Schatten zu stellen.

Der eine Weg führt über das Image. Google hat als vorgeblich "beste" Suchmaschine noch immer einen großen Image-Vorsprung. Doch andere Suchmaschinen sägen längst an Googles Thron, und die Gunst der Surfer kann sehr schwankend sein. Deshalb geht Google jetzt den zweiten Weg und bietet neue Inhalte an, die es exklusiv so nur bei Google gibt. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die anderen Suchmaschinen nachziehen werden. Die nächste Runde im Kampf um die größten Kuchenstücke vom äußerst lukrativen Suchmaschinenwerbemarkt ist eingeläutet. US-Börsenprofis haben das sofort bemerkt und gebührend honoriert. Nach der Ankündigung des kostenintensiven Digitalisierungsprojekts stiegen Google Aktien um satte fünf Prozent.

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