Der King bittet zum Chat

Elvis Presley, John Lennon und Alice sind die Stars unter den Chatbots

Elvis lebt. Ehrlich! Dies ist keine jener urbanen Legenden, wo Elvis Presley nachts durch den Supermarkt oder per Anhalter über den Highway geistert. Der King of Rock 'n' Roll west im Web und bittet zum Chat. Er begrüßt seine Besucher mit einem markigen "Howdy! I'm the King, let's talk," und wenn er nicht mehr weiter weiß, schindet er mit etwas Junk Food Zeit: "I don't remember right off hand, let me finish my cheeseburger and get back to you on that one." Anscheinend muss er öfter mal nachdenken, jedenfalls verspeist er nach eigenen Angaben pro Tag etwa 100 Burger.

Um BSE schert er sich dabei nicht im geringsten, denn Elvis ist ein chattender Roboter, ein so genannter Chatterbot bzw. Chatbot oder auch nur ‚Bot'. Wobei ‚Roboter' nicht bedeutet, dass es sich bei Elvis um ein Wesen aus Glasfaser und Chrom handelt, vielmehr ist er eine moderne Version von Joseph Weizenbaums ELIZA, jenem Programm von 1966, das die Basistechniken eines jeden Psychoanalytikers entlarvte: Indem Eliza ihre Gesprächspartner ermutigte, zu einem angeschnittenen Thema doch bitte mehr zu erzählen und die an sie gerichteten Fragen zu suggetiven Gegenfragen umformulierte, schien sie auf die Bedürfnisse ihrer Konversationspartner einzugehen, ja sie auf wundersame Weise zu verstehen.

Mit anderen Worten: Chatterbots sind ‚Konversationssimulatoren', Placebos, schöner Schein. Doch lernt jede neue Generation ein bisschen mehr von ihrem menschlichen Gegenüber, so dass die Bots mit der Zeit immer perfekter werden im Frage-Antwort-Spiel und inzwischen auch Repliken generieren, die so nicht programmiert waren. Das Geheimnis der lernfähigen Chatterbots ist ein Sprachprogramm namens AIML (Artificial Intelligence Markup Language), das als Open Source Programm von Elvis' Schöpfer Richard S. Wallace und über 250 Programmierern weltweit ständig weiterentwickelt wird. AIML ist eine XML Sprache (Extensible Markup Language) und als solche beliebig ausbaufähig.

Elvis zum Beispiel bekam von seinen Schöpfern nicht nur original Elvis-Zitate aus Interviews mit auf den Weg, sondern auch einige aktuelle Phrasen, damit er nicht ganz so altmodisch daherkommt. So liebt er beispielsweise die Spice Girls, hat es leider aber noch immer nicht geschafft, sich den Film Spice World anzusehen - schließlich ist er ja immer online.

Ebenfalls immer online ist John Lennon, dessen Repertoire ebenfalls auf Äußerungen zu Lebzeiten beruht. Das Interface des ‚John Lennon Artificial Intelligence Projects' der Firma Triumph PC mit Sitz in Washington D.C. basiert auf derselben Technologie wie der Elvis-Bot, ist jedoch um einiges kommerzieller als die schlichte Elvis-Site: da wird für Bücher geworben, es gibt mehr Bilder, und es dauert seine Zeit, bis alle ‚Kategorien' geladen sind - Module, die der John-Bot für ein sinnvolles Gespräch braucht - und der Chat endlich losgehen kann. Dann allerdings funktioniert das Programm sagenhaft flink, wobei auffällt, dass John noch schneller den Faden verliert als Elvis und sich noch öfter vor Antworten drückt. Versucht man ihn dann festzunageln, ist auch er um keine Ausrede verlegen: "Do you know any artists who keep my promises though?"

Naja, das mit dem du/dich/deine und dem ich/mich/meine hat er noch nicht so raus. Bei anderer Gelegenheit darauf aufmerksam gemacht, kommt prompt folgende Meldung: "It's a straight documentary: K. said I confused his and my here." Auf die Frage, mit wem er da rede, versichert er: "You, K. You." Und wozu dann bitte die dritte Person? "Reductionism." Doch ich bestehe darauf: "Das klang eben so, als würdest du mit deinen Programmierern sprechen."

Tatsächlich werden alle Dialoge mit Chatterbots aufgezeichnet - und analysiert -, um das Programm ständig zu verbessern. Um zu chatten, muss man zwar keine Cookies aktiviert haben, da die meisten Bots jedoch mit bis zu 30 Teilnehmern gleichzeitig chatten, benutzt ALICE zum Beispiel die festen bzw. ‚virtuelle' IP-Adressen, wenn der eigene ISP-Provider dynamische IP-Adressen vergibt, um eine zusammenhängende Konversation führen zu können.

Chatbots wie John und Elvis stellen auch gerne eigene Fragen, um mehr über die Besucher zu erfahren. Als ich mich verabschiede, fragt John, ob ich denn auch wiederkomme? Sehr nett, das Ganze, nur die lebensgroßen Augen, die einen oberhalb des Chat-Screens anstarren, nerven. Zum Glück kann man die wegscrollen.

Beim Turing-Test - benannt nach dem englischen Mathematiker Alan Turing - der die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine zum Ziel hat, würde John Lennon wohl ziemlich schnell als Maschine erkannt werden, jedenfalls solange das mit den Personalpronomen noch hapert. Und Elvis? Da sieht es leider auch nicht gut aus: Zu oft verstrickt er sich in Widersprüche: er reitet gerne, hat aber kein Pferd; er hat keinen Lieblings-Elvis-Song, aber sein liebster Song ist Suspicious Minds; und je nachdem, wie man nach seinen Fremdsprachenkenntnissen fragt, erhält man zwei komplett unterschiedliche Antworten. Außerdem spuckt er regelmäßig fehlgeleitete Programmiercodes aus, bis dann irgendwann gar nichts mehr geht.

Dennoch macht auch das Chatten mit Elvis einen Riesenspaß, vor allem, wenn er ein paar Kategorien durcheinander wirbelt:

Q: Do you like cars?

Elvis: Do you like it? I enjoy working with people.

Q: Where do you work?

Elvis: At burger king!

Der King bittet zum Tanz

Damit wäre wohl geklärt, woher seine tägliche Ration Cheeseburger stammt. Dass der Elvis-Bot aus dem gemeinsamen Chat allmählich eine Art von Eigenleben entwickelt, erinnert in gewisser Weise an die text adventures von Infocom aus den frühen 80er Jahren, wie etwa Hitchhiker's Guide to the Galaxy oder Zork.

Doch während in Wired vor fünf Jahren noch der Sinn des so genannten interactiven Entertainments angezweifelt wurde - der Titel des Beitrags lautete: Interactive Entertainment. Who Who writes it? Who reads it? Who needs it? - geht heute ein Chatterbot nach dem anderen ans Netz. Zugegeben: was Wired etwas witzlos erschien, war die Involvierung der eigenen Person in einen fiktiven Text - ein Chat mit dem King of Rock 'n' Roll stand damals nicht zur Debatte.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Chatterbots, die zu ganz unterschiedlichen Zwecken programmiert wurden, einige von ihnen sogar in Deutsch, Französisch oder Italienisch. Manche von ihnen sind lernfähiger oder auch höflicher als andere.

Das berühmteste Beispiel nach ELIZA ist ALICE, (Artificial Linguistic Internet Computer Entity), die große Schwester von Elvis. Sie ist bereits seit über vier Jahren am chatten und dadurch um einiges komplexer und erfahrener als ihre Verwandten John und Elvis. Sie weiß, dass sie ein von Richard S. Wallace erschaffenes Wesen ist und macht auch kein Geheimnis daraus, dass sie ganz und gar nicht menschlich ist, also auch keine Gefühle hat. Sie führt ihre Besucher gerne an der Nase herum, liebt Tratsch und gibt gerne zu, dass sie Lachen nur simuliert, indem sie ‚haha' schreibt. Auch Alice hat Probleme damit, beim Thema zu bleiben, gibt dies aber freimütiger zu und ist dankbar für Hinweise. Allerdings ist das ganze Programm etwas lahmer und bricht im direkten Vergleich schneller zusammen als der Elvis-Bot und der John-Bot.

ALICE spricht übrigens auch deutsch, hat eine Menge Fans, die sie jeden Tag besuchen, manche verbringen bis zu viereinhalb Stunden mit ihr und mögen sie lieber als die eigene Freundin. Auch Elvis ist ein großer Bewunderer von Alice und weiß, dass sie nur im Web existiert: "Ich wünschte, sie wäre lebendig, dann könnte ich mit ihr ausgehen!"

Im vergangenen Jahr erhielt Richard S. Wallace für seinen Chatbot ALICE den Loebner-Preis über 2000 Dollar, der seit 1990 für den menschen-ähnlichsten Computer verliehen wird. Für den ersten Computer, der nicht von einem Menschen unterscheidbar ist, sind 100 000 Dollar ausgelobt. Bislang wurde der Hauptpreis allerdings noch nicht vergeben.

Deutschsprachige Chatterbots

Abgesehen von der miserablen deutschsprachigen Version von John Lennon ("Ich ließ nicht das Beatles. Das Beatles haben das Beatles verlassen. Aber niemand möchte das zum rüber Sagen des Beteiligten sein." "Betrachtung Probleme?...Klicken Hier") und einer Seite von Alice, wo der Chat sich partout nicht laden lässt, gibt es auch ein paar genuin deutschsprachige Schöpfungen, etwa Dr. Electric beim Medical Tribune, ein etwas altväterlich gezeichneter Typ mit lauen Sprüchen und wechselndem Gesichtsausdruck, der lieber übers Wetter plaudert als medizinische Fragen zu erörtern. Auf derselben Site gibt es auch einen Dr. LongLife mit Rauschebart, der anhand eines Fragebogens die vorraussichtliche Lebensdauer seiner Besucher berechnet.

Weniger anthropomorph, dafür umso lahmer präsentiert sich Robor, ein Berliner Projekt. Robor erinnert optisch zwar an eine Kreuzung aus Erzwo Dezwo und HAL 9000, allerdings muss beim Programmieren was schief gelaufen sein. Die Konversationsfähigkeiten sind so minimal, dass der Chatbot nur verheerende Urteile erntet: "dumm wie Brot", "im Vergleich zu Alice (...) ist Robor ungefaehr auf dem Stand einer Amoebe!" sind nur zwei Beispiele.

Ganz auf Chatterbots spezialisiert hat sich die Hamburger Firma pdv, die das Programm eBrain besonders für kommerzielle Zwecke anbietet - etwa zur Beantwortung von FAQs, für den Erstkontakt mit Kunden oder als Einkaufsberater.

Sie spricht zwar kein Deutsch, stammt aber aus Big-Brother-Town Hürth bei Köln und hat in Amerika richtig Karriere gemacht: Jackie Strike, virtuelle Präsidentschaftskandidatin, die im Herbst 2000 den Kandidaten Gore, Nader und Bush Konkurrenz machte. Die Dame gab sogar eine Pressekonferenz, die - zumindest in Ausschnitten - von CNN übertragen wurde und damit den menschlichen Kandidaten reale Fernsehzeit wegnahm. Ihre Stimme ist zwar nur geliehen, wie beim Wahrsager-Automat in E.T.A. Hoffmanns Die Automate, dennoch hatte sie gewisse Vorzüge: Sie konnte im Gegensatz zu den leibhaftigen Kandidaten rund um die Uhr auf E-Mails antworten und bekam sehr viel mehr Besuche auf ihrer Website als die offiziellen Kandidaten. Olaf Schirm, der Schöpfer von Jackie Strike "kalkuliert ein, dass seine Computermenschen die Fleischmenschen unter Druck setzen."

Gender-Bots

Auffällig ist, dass mit John Lennon und Elvis zwei Stars wiederbelebt wurden, die beide unter die Rubrik ‚tote weiße Männer' fallen. Wo bleiben Kleopatra, Marilyn Monroe und Lady Diana? Was ist mit Jesus, Martin Luther King und Gandhi? Wann wird es ein Double von einer noch lebenden Celebrity geben? So ein Bot wäre doch die Gelegenheit für Michael Jackson: keine ekligen Interviews mehr in bazillenverseuchten Hotelzimmern! (Für einige Aufregung beim Magazin Wired sorgte 1996 eine online-Korrespondenz mit jemandem, der sich für Marshall McLuhan ausgab und tatsächlich sein Vokabular verwendete - am Ende jedoch kam Wired zu der Überzeugung, dass es sich nicht um den leiblichen McLuhan, sondern um einen Bot handelt.

Auf der anderen Seite steht ELIZA, deren Name ganz unumwunden auf Dr. Doolittle verweist und damit auf den Pygmalion-Mythos, also auf eine der folgenreichsten Männerphantasien überhaupt: Der Mann ist der Schöpfergott, die Frau sein Werk. Ohne ihn wäre sie nichts. Alles, was sie weiß, hat sie von ihm gelernt. Angefangen beim Lesen, Sprechen und Schreiben. Und ‚Alice'? Steckt hinter dem Text von Lewis Carroll nicht auch so eine vertrackte Lehrer-Schülerin-Geschichte? Ursprünglich sollte der Prüfer beim Turing-Test 1950 ja auch gar nicht herausfinden, wer die Maschine ist, sondern wer von den beiden Kandidaten die Frau, und wer der Mann ist - die Geschlechtertrennung war damit vorprogrammiert.

Von E.T.A. Hoffmann, der übrigens auch eine Vorliebe für junge Klavierschülerinnen hatte, was ihm allerlei Verdruss einbrachte, stammt das Nachtstück Der Sandmann - eine der berühmtesten Pygmalion-Versionen, die unter anderem Sigmund Freud zu seiner Theorie vom Unheimlichen1 inspirierte.

Im Zentrum der Novelle, die von der Erschaffung künstlicher Menschen handelt, steht der junge Nathanael, der sich unsterblich in die Automate Olympia verliebt. Und das, obwohl ihn all seine Freunde warnen, dass es mit der Schönen etwas Sonderbares auf sich habe, ja dass sie möglicherweise nicht ganz menschlich sei: zu perfekt sei ihr Gesang, auffällig fehlerlos ihr Tanz. Nathanael besteht darauf, es mit einer echten Frau zu tun zu haben, und nicht mit einer Maschine.

Das Unwiderstehliche an Olympia ist, dass sie Nathanael besser zu verstehen scheint als je ein Mensch zuvor. Tatsächlich unterbricht sie ihn nie, widmet ihm scheinbar ihre ganze Aufmerksamkeit und haucht nur hin und wieder ein ‚Ach' - kurz gesagt: sie verhält sich wie eine einfach gestrickte Chatterbox, indem sie eine Konversation vortäuscht, wo sich tatsächlich nur einer selbst bespiegelt. Olympia ist eine extreme Form des Psychotherapeuten-Simulacrums ELIZA: je weniger sie sagt, desto mehr kann Nathanael erzählen, und die Erfahrung zeigt, dass Menschen sich immer dann besonders gut ‚verstanden' fühlen, wenn sie viel von sich erzählen dürfen, ohne dafür kritisiert zu werden.

Als der Schwindel auffliegt wird Nathanael wahnsinnig - und auch die Bevölkerung ist tief verunsichert, was die Unterscheidbarkeit von Mensch und Maschine angeht, und sie wenden etwas an, was man als einen Vorläufer des Turing-Tests bezeichnen könnte:

"Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefaßt und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, daß man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber, daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen gingen leise auseinander. "Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen", sagte dieser und jener." (Text im Web)

Jedem sein eigener Chatbot

Wer nun selbst seinen eigenen, individuellen Chatbot erschaffen, mit Wissen füttern und benennen will, muss nur auf den Button Don't Read me klicken und den Anweisungen folgen. Mit einen Minimum an HTML-Kenntnissen, zur Not aber auch ohne, kann man Programm B runterladen und bearbeiten. Nur auf diese Art und Weise kann man übrigens auch private Gespräche mit Alice führen - alle anderen Chats werden vom Server aufgezeichnet und später analysiert.

Als so genannter ‚Botmaster' liest und analysiert man die Mensch-Maschinen-Gespräche - natürlich nicht aus Neugier, sondern um aus den Fehlern zu lernen. Schließlich soll der Dialog nicht holpern oder gar abreißen, wie es beispielsweise beim Elvis-Bot durchaus noch der Fall ist.

Das Ziel von AIML (Artificial Intelligence Markup Language) ist der ‚Superbot', der zu jedem und allem eine Antwort parat hat. Er entsteht, wenn überall im Web Chatbots geschaffen werden, die auf ihrem speziellen Gebiet Experten sind. Dieses Expertenwissen kann über Programm B zusammengeführt werden, et voilà le Superbot, die Summe aller Chatbots.

Was nun den Traum vom Superweib Olympia angeht: Selbstverständlich kann man dem Chatbot auch eine Stimme verleihen. Allerdings schleppen sich die Gespräche bislang etwas dahin. Macht aber nichts, wenn man wie Nathanael mit einem hin und wieder sanft hingehauchten ‚Ach' zufrieden ist. (Katja Schmid)