Der Klang der Stille nach den Schüssen

Von einer besseren Politik träumen: "Bobby" und der Kennedy-Mythos

"One Moment in time" sang vor Jahren Whitney Houston, und ein bisschen wirkt "Bobby" wie die filmische Variante dieses Liedes: Ein Augenblick ist es manchmal, in dem die Zeit und das Leben sich verdichtet, an dem sie auch eine andere Wendung nimmt, und die Geschichte sich verändert. "Bobby" ist genau genommen nichts anderes, als die Beschwörung eines solchen Augenblicks, des Augenblicks, an dem die Geschichte Amerikas während der letzten Jahrzehnte eine folgenschwere Wendung nahm. Es ist der Augenblick des endgültigen Verlusts der Unschuld, der Hoffnung, der völligen Vertreibung aus dem Paradies, das die Nachkriegszeit für die USA und für den Westen bedeutete. Es ist der Augenblick, in dem Robert Kennedy kurz nach Mitternacht am 5 Juni 1968 im Hotel Ambassador von Los Angeles von drei Schüssen eines Attentäters schwer getroffen zu Boden sinkt. 26 Stunden später ist er tot.

Bilder: Kinowelt

Emilio Estevez, der Regisseur des Films, war damals sechs Jahre alt. Er erinnert sich noch genau daran und dass er es war, der seinem Vater, dem Schauspieler Martin Sheen, am Morgen die Nachricht vom Attentat überbrachte. Der 5.6.68 ist ein Datum, das viele derjenigen, die es erlebten, nie wieder vergessen konnten. Am Abend zuvor hatte Kennedy die Vorwahlen von Kalifornien für sich entschieden, und es schien wahrscheinlich, dass er der Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten werden würde. Nur drei Monate nach Beginn seiner Kandidatur gegen den Willen des Parteiestablishments, aber "mit dem Volk" gekürt - und mit guten Chancen auf den Sieg gegen Nixon. Der Mord an Kennedy war der letzte in einer schrecklichen Serie von politischen Attentaten, die alle Hoffnungsträger des politischen Aufbruchs der US-Bürgerrechtsbewegung der Sechziger auslöschte - von John F. Kennedy über Malcom X bis zu Martin Luther King.

Der Querschnitt Amerikas

Estevez hat einen Spielfilm gedreht, aber er mischt in ihn Dokumentaraufnahmen aus Kennedys Wahlkampf und Ausschnitte aus dessen Reden. Vor allem aber erweckt "Bobby" eine Epoche wieder zum Leben. Fast ununterbrochen läuft Musik, laufen Hits jener Jahre. Man sieht die Kleider, die Mode, sieht Zeitungssausschnitte und Fernsehbilder, die in Richtung der Räume, die Autos. Alles hat heute schon einen nostalgischen Flair, und ist doch noch sehr nahe.

Personen werden vorgestellt, die einen Querschnitt Amerikas und seiner Generationen bilden. Sie werden von einem der großartigsten Darsteller-Ensembles der letzten Jahre gespielt, von Anthony Hopkins und Demi Moore, von Sharon Stone und Martin Sheen, von Heather Graham und Harry Belafonte, von Lindsay Lohan und Elijah Wood und vielen mehr. Und es ist ein Genuß zu erleben, wenn Demi Moore eine besoffene, abgetakelte Sängerin spielt, die sagt: "We are all whores, but some of us get paid." Alle diese Personen haben private Schicksale, aber alle sind sie auch berührt vom Geschehen der Epoche. Latinos und Schwarze kämpfen um Gleichberechtigung. Der Vietnamkrieg ist präsent, schwebt als Damoklesschwert vor allem über der Zukunft der jungen Männer. Man heiratet, um nicht dorthin versetzt zu werden oder wählt Kennedy, der verspricht, den Krieg zu beenden.

Die verflossene Jugend

Das eigentliche Thema des Films ist die verflossene Jugend. Es ist ein "68" ohne 68er, ein apokalyptischer Sechzigerjahre-Moment-Film, bei dem die Hauptsache, die Aufbruchstimmung vor dem Desaster, nachdem alles anders wurde und nie wieder herstellbar war, gut auf den Punkt gebracht wird und im Starrummel nicht untergeht. Und darum ist dies ein Film, der einigen sehr bekannten Schauspielern beim Altern und beim Altsein zusieht. Hopkins und Belafonte, aber auch Hilary Graham, nicht zuletzt Stone und Moore.

"Bobby" ist überaus berührend, aber nur selten kitschig. Ein bewegendes Zeitporträt. Eine Hommage auch an ein Stück Architekturgeschichte, das vor einem guten Jahr abgerissen wurde. Eine Hommage an die Filmgeschichte, an "Menschen im Hotel" von Vicki Baum. Eine Hommage aber vor allem und zuerst an Robert Kennedy, mit dessen Tod der liberale Traum von einer Gesellschaft in Gleichheit und Gerechtigkeit zu Ende ging. Ein Stück Trauerarbeit, dabei sehr unterhaltsam, emotional, und kämpferisch, indem er Kennedys Anspruch unausgesprochen zwischen den Bildern für die Gegenwart einfordert, daran erinnert, was uns heute fehlt. Die Botschaft des Films ist eindeutig. Es geht darum, dort anzuknüpfen, wo Kennedy aufgehört hat. Es geht um eine wirkliche Kehrtwende, es geht um die Revolution. Und einmal wird es geschehen.

Der Traum von einer besseren Politik

Kennedy war selbst ein Stück politische Mythologie. "The once and future king", dieses Bild nach dem Titel des Camelot-Romans von T.H.White ist im Film recht elegant als eine Anspielung auf "Camelot" untergebracht, jenen Hof des sagenhaften König Arthur, an dem die Ritter seiner Tafelrunde saßen - das war das Bild, in das einmal die 1000 Tage der Präsidentschaft John F Kennedys gefasst wurden. Der Traum von einer Fortsetzung dieses bereits untergegangener Traumes idealer Herrschaft in der Moderne verkörperte die Kandidatur Robert Kennedys - und das Motiv Camelots und des "once and future king" ging so auf diesen über; genau darauf basiert der Film.

Es geht also hier nicht um den realen Kennedy, sondern um den Traum von einer besseren Politik - unabhängig von einzelnen Fakten, wie der Tatsache, dass der Mann, der eine der bewegendsten Reden nach der Ermordung Martin Luther Kings hielt, eben diesen fünf Jahre zuvor übers FBI bespitzeln ließ. Auch biographisch wäre das zwar erklärlich, denn ziemlich viele zeitgenössische Beobachter berichten von einer Veränderung in Kennedys Charakter nach der Ermordung seines Bruders, aus mancher Perspektive eine Läuterung.

Aber das ist nicht das Thema, sondern eben der Mythos. Und die Frage, die "Bobby" stellt, ist nicht der reale Kennedy, sondern die, wie sich politisches Charisma eigentlich darstellen lässt. Kennedy kommt persönlich nicht vor - so wie früher im US-Kino historische Präsidenten zumeist gesichtslos, allenfalls von hinten gezeigt wurden: Nur in Dokumentaraufnahmen, kein Darsteller stellt ihn nach. Und der Zauber der vergangenen Zeit, das Pathos von Kennedys Reden verfängt durchaus - jedenfalls beim US-Publikum, dem das Kürzel RFK noch etwas sagt.

Daneben geht es natürlich auch um die Hoffnung, die mit Kennedy starb. Der Patriotismus und mit ihm das Selbstbild Amerikas ist unter Bush in eine massive Krise gekommen, die USA ertragen es derzeit nicht, in den Spiegel zu blicken, denn daraus zuckt ihnen eine hässliche Fratze entgegen. Nur dumme Amerikaner sind derzeit ungebrochen stolz darauf, Amerikaner zu sein. Aber wo wäre ein Ausweg?

Das politische Äquivalent zu James Dean

Die Krise Amerikas sitzt tiefer, als das sie durch einen Wechsel an der Spitze einfach behoben wäre. Also flüchtet man sich in die scheinbar unschuldige Vergangenheit. Sie ist ein wenig zu rein und licht, wie Estevez sie ausmalt - um das zu erkennen, muss man sich nur einmal Filme aus der Zeit ansehen. Ein Rassist macht noch keinen Rassismus, und einen Verteidiger des Vietnam-Krieges findet man in seinem Ambassador-Hotel überhaupt nicht. Ronald Reagan erscheint nur auf den Fernseh-Schirmen. Aber ganz offensichtlich sind historische Gerechtigkeit und ein abgewogenes Sozialportrait auch nicht sein Ziel, sondern ein Gegenentwurf, der die Fratze im Spiegel mit einem Idealtyp konfrontiert.

Es ist gesagt worden, dass Hollywood Amerika gerade auf ein neues Selbstbild einstimmt, um zur Heilung einer tief verwundeten Nation beizutragen. Mag sein. Mag auch sein, dass hier der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird, dass also die schlechten Mittel sich nicht verändern, sondern nur die Vorzeichen. Aber eigentlich ist das Phänomen Robert Kennedy, noch mehr als sein Bruder, der Zeit und Möglichkeiten hatte, einige Unschuld zu verlieren, so etwas wie das politische Äquivalent zu James Dean. Er ist nur Möglichkeit, nur Versprechen, reizvoll gerade als Unerfüllter, als Leerstelle und Projektionsfläche. Heute gibt es nur Obama und Hillary, die diese großen Schuhe beim besten Willen dann doch nicht ausfüllen.

Man muss nicht glauben, dass es immer die großen Männer sind, die Geschichte machen, um zu erkennen, dass Robert Kennedy für viele Hoffnung verkörperte, ihren persönlichen Träumen politische Gestalt gab. Dann fallen Schüsse und dann singen Simon and Garfunkel aus dem Off "The Sound of Silence". Es ist diese Stille nach den Schüssen, die bis heute nachklingt. (Rüdiger Suchsland)

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