Der Klinsmann des deutschen Feuilletons

Über das journalistische Stehaufmännchen Frank Schirrmacher

Eine Zeitlang schien es, als ob der rasante Aufstieg Frank Schirrmachers vom einfachen Mitarbeiter (1985) zum Literaturchef (1989) und Herausgeber (1994) des renommiertesten Printmediums in Deutschland, der Frankfurter Allgemeinen, ein jähes Ende nehmen könnte. Kurz bevor die Zeitungsbranche in ihre schlimmste Krise seit Kriegsende schlitterte, hatten die Macher des Blattes auf Vorschlag und Initiative Schirrmachers noch eine groß angelegte Marktoffensive gestartet.

Zunächst warb er für viel Geld der süddeutschen Konkurrenz einige ihrer besten Redakteure ab; sodann erschloss er dem Feuilleton neue Themengebiete (Gen- und Hirnforschung) und erweiterte den Kulturteil der Zeitung gleich um mehrere Seiten. Ferner schuf er eine neue Regionalbeilage und Redaktion mit Sitz in der Bundeshauptstadt (Berliner Seiten). Und schließlich hob er eine neue Wochenzeitung aus der Taufe, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

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Uns ist das Fett weggeschnitten worden. Nun geht es ans Fleisch und zurück auf den Personalstand von 1997.

Günther Nonnenmacher, FAZ-Herausgeber

Schirrmachers Pech war, dass sich die New Economy genau in dem Moment als Luftnummer entpuppt hat, als er zur neuen Landnahme schreiten wollte. Die Pleite am Neuen Markt traf Zeitung und Verlag daher auch mit besonderer Wucht. Die Folgen dieser strategischen Expansion waren für beide schlicht verheerend. Binnen kürzester Zeit häuften sich Verluste in Millionenhöhe an. Worauf Schirrmacher sein Prestigeobjekt, die Berliner Seiten, einstellen, den Kulturteil auf seinen Ursprungsumfang zurückfahren und die Zeitung ihr Jahrzehnte langes Aushängeschild, die Tiefdruckseiten, aufgeben musste. Auch sein Plan, Stammhaus und F.A.Z-Redaktion von Frankfurt nach Berlin umzusiedeln, scheiterte und wurde stillschweigend ad acta gelegt.

Hätten (wie beispielsweise im Fußballgeschäft üblich) die Marktgesetze gegriffen, wäre der Verantwortliche des Desasters umgehend gefeuert und ein neuer „Coach“ einbestellt worden. Nicht so aber in der Frankfurter Zentrale in der Hellerhofstraße. Anstelle des Spielleiters traf es die Redakteure. Über sechzig von ihnen wurde der Stuhl vor die Tür gesetzt, während den Verbliebenen die Gehälter teilweise drastisch gekürzt wurden – ein bislang einmaliger Vorgang in der Geschichte der F.A.Z.

Unbekannt ist, was Schirrmacher das „Überleben“ im Herausgeber-Gremium der Zeitung ermöglicht hat. Schon die Berufung des gerade mal Fünfunddreißigjährigen an die Spitze der Zeitung hatte etliche Beobachter verwundert. Die Aufdeckung und publizistische Verwertung der nationalsozialistischen Verstrickung des jungen Paul de Mans (1988) galt zwar als Husarenstück in der Branche. Danach fragte man ernsthaft, ob die Theorie des Dekonstruktionismus eine strukturelle Analogie in de Mans Verschleierung der Vergangenheit aufweise. Und auch die Fertigstellung einer Doktorarbeit mit einer dekonstruktiven Analyse der Schriften Kafkas binnen eines Vierteljahres (abgeschlossen mit einem „summa cum laude“ an der GHS Siegen), galt als herausragende Leistung. Aber dass er, nachdem er kurz zuvor erst Reich-Ranicki beerbt hatte, auch noch für Hans-Joachim Fest in die Leitung der Zeitung aufrücken würde, hatte die Kenner des Blattes doch schon sehr überrascht.

Was die Gründe dafür waren, einem damals so jungen und in dieser Funktion weithin unerfahrenen Mann mit dieser Aufgabe und Position zu betrauen, blieb geheim. Über das Innenleben der „Fünferbande“ ist im Allgemeinen wenig bekannt. Nichts, worüber dort diskutiert und wie entschieden wird, dringt nach außen. Außer periodischen Wasserstandsmeldungen, die über die Entwicklung des Blattes oder seine Platzierung am Markt Auskunft geben, lässt die Führung wenig verlauten. Sicher ist nur, dass Beschlüsse in diesem Gremium einstimmig gefasst und umgesetzt werden. Was auch an der eigenwilligen hierarchischen Konstruktion der Zeitung liegt, die (anders als vergleichbare Blätter) keinen Chefredakteur besitzt, sondern von fünf gleichberechtigten Herausgebern geführt wird, die zugleich Gesellschafter der Zeitung sind (Ausnahme der Regel sein).

Dieser Agenda zufolge hätte auch das gesamte Gremium seinen Hut nehmen müssen, und nicht nur der Verantwortliche für Kultur und für die Außendarstellung des Blattes. Dass man danach das u. a. altersbedingte Ausscheiden einiger Mitglieder des Gremiums benutzt hat, um über die Neuberufung mehr wirtschaftlichen Sachverstand in die Führung der Zeitung zu bringen, mag mancher als nachholende Geste zum entstandenen Desaster und als Misstrauensvotum und Einhegung des Tatendrangs und der Machtfülle Schirrmachers werten.

Dass durch diesen Missgriff Ansehen und Image Schirrmachers als Macher und Themensetzer gelitten und tiefe Kratzer bekommen hatte, war jedermann klar. Sodass in der Branche (zumindest hinter vorgehaltener Hand oder auf entsprechenden Partys oder Empfängen) ab und an schon über seine Ablösung oder sein Ausscheiden diskutiert wurde.

Umso mehr überraschte Schirrmacher, als er im Herbst 2004 einen Megaseller auf dem Buchmarkt landete. Monatelang hielt sich der „Methusalem-Komplex“, ein Buch, das das Vergreisen der deutschen Bevölkerung zum Thema hat und vom künftigen Krieg der Alten gegen die Jungen kündet, monatelang an der Spitze der Sachbuch-Bestenliste. Über vierhunderttausend Mal wurde das Buch seitdem verkauft. Keinem Kulturchef gelang vorher Ähnliches oder gar Vergleichbares. Womit er seinen Kritikern zeigte, dass sein Marsch an die Spitze des Blattes kein konspiratives Werk von Netzwerkern oder ein Akt von Günstlingswirtschaft war, sondern seine Entdecker und Förderer bereits damals ein besonders gutes Näschen und Gespür für das Talent des damaligen Jungspunds gehabt haben müssen.

Die politische Linke mag sich an die eigene Nase fassen. Aber kein anderer Zeitungsschreiber hat es in den letzten Jahren besser verstanden, sich Gramsci und dessen Diktum vom „Kampf um die kulturelle Hegemonie“ zu Eigen zu machen. Relevante oder in der Gesellschaft brodelnde Themen aufzuspießen, sie zur rechten Zeit und mit den richtigen Mitteln hochzuziehen und der Konkurrenz dadurch Themen oder Debatten aufzuzwingen – diese hohe Kunst des Agenda-Settings beherrscht Schirrmacher wie kein zweiter in diesem Lande. Mit „Minimum“, seinem zweiten Megaseller über den Zerfall familiärer Intimität und der gesellschaftlichen Folgen, hat er das der Öffentlichkeit soeben erst wieder bewiesen.

Gewiss, Schirrmacher versteht es, ein Thema zu inszenieren und zu managen. Er weiß, wann er das Wort ergreifen muss oder wann es besser ist, zu schweigen oder anderen den Vortritt zu lassen. Vor allem versteht er es auch, strategische Bündnisse zu knüpfen, zuletzt etwa mit Stefan Aust vom Spiegel und mit Mathias Döpfner vom Springer-Verlag, Vorabdrucke und Interviews im Spiegel, Häppchen-Botschaften für die BILD-Kundschaft und gemeinsame Kooperationen, was Verkauf oder Verbreitung exklusiver Interviews angeht – nichts wird ausgelassen, wenn es darum geht, Themen und Inhalten mehr Nachdruck und Aufmerksamkeit zu verleihen und einen Gegenstand zu einer res publica zu machen.

Der „Intellektuelle trifft den Boulevard“, bemerkte Jakob Augstein jüngst dazu, um gleich nachzuschieben, dass „gemeinsame Macht keine geteilte Macht ist, sondern dreifache“ ist, potenzierte sozusagen.

Doch dass der F.A.Z-Herausgeber ein „Selbstdarsteller“ oder gar ein kühl berechnender „Machtmensch“ ist, dürfte wohl zu viel des Guten sein. Zum einen ist der Ernst Jünger-Liebhaber dafür viel zu sehr Ästhet und Romantiker, politischer Romantiker sogar. In elitären Literaturzirkeln fühlt er sich mehr Zuhause als im Vorzimmer der Macht. Wer seine Texte, Beiträge oder Kommentare zu Ereignissen der Zeit liest, wird das schnell merken. Wie eine Katze die Maus packt, um sogleich mit ihr zu spielen, so springt auch Schirrmacher sein Thema an. Hat er es zwischen den Krallen, dann beginnt er sogleich, es liebe- und genussvoll auszuschlachten, ehe er ihm den „Todesstoß“ versetzt.

Zum anderen ist Schirrmacher aber auch der aufgeklärt-liberale Konservative, der eher der Popkultur als dem Papst, eher dem Individualismus als dem christlichen Familialismus zugetan ist. Dafür sorgt unter anderem schon oder auch die Schriftstellerin und Verantwortliche für die SZ am Wochenende Rebecca Casati, mit der er seit einiger Zeit befreundet ist.

Das heißt aber nicht unbedingt, dass Schirrmacher nicht über einen klaren Wertekatalog verfügen würde. Er ist der Solitär, der sich weder von der Gesellschaft noch von anderen vereinnahmen lässt, jemand, der sich die Themen, die er für wichtig hält, selbst auswählt und setzt. Gilt es intellektuell Position zu beziehen und für oder gegen etwas „in den Krieg zu ziehen“, bringt er diese Haltung auch gezielt in Stellung – auch und vor allem gegen Widerstände oder ideologische Scheuklappen, die sich entlang der politischen Links-Rechts-Konfiguration bilden. Erst dann läuft er richtig zur Hochform auf.

So wird sich der eine oder andere verwundert die Augen gerieben haben, als er Botho Strauss (Der Konflikt) unvermittelt an die Seite sprang und das Land vor einer demografischen Reconquista des Abendlandes durch Araber und Moslems warnte (Vorbereitungsgesellschaft.

Politische Korrektheiten sind ihm ein Graus. Nichts findet Schirrmacher widerlicher als symbolische Politik, oder das, was man gemeinhin unter „Gutmenschentum“ versteht. Ihn interessiert nicht das Korrekte, Spießige, Trendige oder Mainstreamige, sondern das Richtige, das journalistisch Richtige vor allem, das intellektuelle Spannung und Überraschung verspricht, mithin genau das Gegenteil dessen, was der allgemeine Zeitgeist tabuisiert, als Lebenslüge vorlebt. Zwar ist er „lautem Klingeln“ nicht ganz abgeneigt. Er weiß, wie die „Erregungs-Öffentlichkeit“ hierzulande funktioniert. Doch ein alarmistischer Fehlgriff, wie sie der deutschen Presse offenbar im Fall Ermyas M. erneut unterlaufen ist, würde ihm nicht passieren. Und auch ein antifeministisches Manifest, wie sie gerade Eva Hermann unters Volk (Die Emanzipation - ein Irrtum) gebracht hat, hätte bei ihm wohl keine Aussicht auf Abdruck – weniger wegen des Inhalts (zumal sich auch ein paar nachdenkenswerte Passagen darin finden), als vielmehr wegen der Plumpheit, mit der die Tagesschau-Sprecherin dort argumentiert.

Was Schirrmacher vor allem hasst, ist „Mittelmaß und Wahn“. Weswegen seine Themen (siehe „die dritte Kultur“, siehe die demografische Revolution) auch immer wohl sortiert, gut recherchiert und stets mit einem (bezogen auf seine Leserschaft) hohen Qualitätssiegel versehen sind. Nicht umsonst hat er 2004 von der Journalistenzeitschrift Medium Magazin die Auszeichnung „Journalist des Jahres“ verliehen bekommen.

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Ich wache nun schon seit geraumer Zeit morgens auf und denke, dass ich glücklich bin.

Frank Schirrmacher

Dass er dabei alles andere als zimperlich ist, versteht sich da fast von selbst. Gilt es, Themen zu setzen, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, Missstände anzuprangern oder gar einen „Scoop“ zu landen, schont er weder sich selbst, noch nimmt er Rücksicht auf langjährige Freundschaften.

Diese kompromisslose Haltung musste beispielsweise im Mai 2002 Martin Walser erfahren. Schirrmacher verweigerte dem Schriftsteller nicht nur (wie in der F.A.Z. seit Jahrzehnten üblich) den Vorabdruck seines neuen Romans „Tod eines Kritikers“, sondern unterstellte ihm obendrein auch noch antisemitische Umtriebe. Dermaßen herausgefordert sah sich der Suhrkamp Verlag genötigt, einzelne Stellen im Buch rasch noch abzuändern. Oder auch, als er die Öffentlichkeit mit der Beobachtung überraschte, fortan würde die Politik nicht mehr Kanzler, Regierung und Parlament, sondern von Moderatorinnen wie Christiansen, Maischberger oder Illner bestimmt, weil die sich Woche für Woche Politiker auf die Sendecouch holen würden.

Und auch das eigene Personal musste erfahren, dass Schirrmacher keine Gnade kennt, wenn jemand seine „Richtlinienkompetenz“ in Frage stellt oder seiner Vorstellung von Kultur und Feuilletonismus nicht teilt. Mittlerweile haben auch die meisten Redakteure mehr oder weniger freiwillig das Weite gesucht. Die einen, indem sie an die Isar zur süddeutschen Konkurrenz geflohen sind und seitdem dort eine Art Frankfurter Feuilleton zweiter Ordnung pflegen; die anderen, indem sie gekündigt und sich anderweitig orientiert haben. Mit einigem Recht könnte man Schirrmacher deshalb auch als den „Klinsmann des deutschen Feuilletons“ bezeichnen. Genauso wie der Teamchef, der den Gewinn des Weltmeistertitels fest im Visier hat und daher nur Leute seines Vertrauens um sich schart, so steuert auch Schirrmacher Personal und Feuilleton.

Erstaunlich ist, dass dieser Austausch ohne Qualitätseinbußen von Statten gegangen ist. Was die Auflagenzahl angeht, mag die F.A.Z. der süddeutschen Konkurrenz zwar um Längen hinterherhinken. Entscheidend ist das aber nicht. Noch immer entfacht ein Artikel, der im Feuilleton der F.A.Z abgedruckt wird, mehr Wirkung und Resonanz in der Öffentlichkeit, als in der SZ oder anderswo. Dass das nach wie vor so ist, ist auch das Verdienst Schirrmachers. (Rudolf Maresch)

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