"Der Koran ist eine menschliche Schöpfung und potenziell fehlbar"

Der iranische Philosoph Abdulkarim Soroush wagt sich auf gefährliches Terrain

„Der Prophet (Mohammad) hatte die Schlüsselrolle bei der Schaffung des Korans. Seine Persönlichkeit spielte eine wichtige Rolle bei der Ausformung dieses Textes; seine Lebensgeschichte, sein Vater, seine Mutter, seine Kindheit und sogar seine psychische Verfassung habe eine Rolle darin. All’ das ist der absolut menschliche Charakter der Offenbarung.“ Mit diesen Worten, die Soroush in einem Interview äußerte, steht er seit einigen Monaten im Zentrum einer kontroversen Diskussion im Iran. Er sprach gegenüber dem niederländischen Radioreporter Michel Hoebink anlässlich der bevorstehenden englischen Veröffentlichung seines 1999 in Farsi erschienen Buch beim renommierten Verlag Brill in Leiden. Mit diesem Buch, Bast-e tadschrobe-he nabavi (Die Expansion der prophetischen Erfahrung) begibt sich Soroush, der zu den prominentesten modernen muslimischen Reformisten gehört und weltweit vielleicht der bekannteste schiitische Denker ist, auf ein neues Terrain.

Abdulkarim Soroush, Jahrgang 1945, hatte in den 60er Jahren als Schüler des Schriftgelehrten und engen Vertrauten Khomeinis, Ayatollah Motahari (gest. 1979), die klassischen Disziplinen der schiitischen Theologie, wie fiqh, kalam und auch islamische Philosophie studiert. Er studierte später an der Teheraner Universität zunächst Pharmazie, Mitte der 70er Jahre in London und Oxford analytische Chemie und parallel dazu Wissenschaftstheorie und Philosophie.

Letztere prägten das Gerüst seines wissenschaftlichen Denkens, am stärksten die Theorien von Popper, Hegel und Kant. Soroush ist ebenfalls bestens mit den verschiedenen Denkrichtungen im Islam vertraut. Die Lehren des mittelalterlichen Theologen al-Ghazali (gest. 1111), des Mystikers Maulana Rumi (gest. 1273) und nicht zuletzt die des großen schiitischen Denkers Sadr al-Din al-Shirazi, genannt Mullah Sadra (gest. 1640), bilden Soroushs historisch-theologisches und erkenntnistheoretisches Fundament des schiitisch-islamischen Wissens. Soroush gehört zu den wenigen großen muslimischen Denkern, die akademische Spitzenqualifikation in modernen Natur- und Geisteswissenschaften haben.

Politisch fiel er vor der Revolution (1979) nicht auf, hatte jedoch religiös-ideologische Affinitäten zur Geistlichkeit. Nach der Revolution stand er anfangs im politischen Streit an der Seite des Ayatollah Mesbah Yazdi, der heute als Chefideologe und Scharfmacher der Gewalt und Intoleranz des Gottesstaates gilt, und verteidigte die islamische Ideologie gegen die Linken und Marxisten.

Von Ayatollah Khomeine 1980 zum Mitglied des Stabs der „Kulturrevolution“ berufen, distanzierte er sich davon später und trat 1983 aus. Die Kulturrevolution sollte Andersdenkende (Marxisten, linke Reformmuslime) aus den Universitäten entfernen und die Lehre, besonders die Geisteswissenschaft, islamisieren. Bis heute noch werfen viele Intellektuelle der Revolutionsgeneration vor, mitverantwortlich für die massiven gewaltsamen Säuberungsaktionen in den Universitäten zu sein, denen tausende andersdenkende Studenten und Lehrende zum Opfer fielen. Als einflussreichstes Mitglied des siebenköpfigen Stabs kann Soroush an den Aktivitäten dieses Gremiums nicht unbeteiligt gewesen sein. Er selbst hat bis heute noch keine überzeugende Antwort geliefert.

Doch Soroush gehörte zu den ersten, die die Entgleisung der Revolution erkannt und sich früh abgesondert haben. Seine Landsleute, zumeist jahrelang im fernen Exil, vergessen jedoch, dass er für eine kurze Zeit mit einem Regime zusammenarbeitete, das zumindest zeitweise die Masse des iranischen Volkes hinter sich wusste.

Soroush befasste sich nach seinem Rückzug mit der Kritik der islamischen Ideologie des Establishments und dessen Versuch der Islamisierung der Geisteswissenschaften. Unvergessen bleibt seine Kritik der faschistischen Lesart des Korans durch das konservative klerikale Establishment und dessen zivile Anhänger gegen Ende der ersten Dekade der Islamischen Republik. Es war jene blutige Zeit (1988), in der Khomeinis Truppen im Krieg gegen den Irak innerhalb von vier Monaten eine Niederlage nach der anderen erlitten haben. Der Ayatollah hatte sein Ziel, erst Kerbela und dann Jerusalem den „Ungläubigen“ zu entreißen, nicht erreicht und musste gedemütigt der Waffenstillstandsresolution der Vereinten Nationen zustimmen, was er mit dem Schlucken eines Bechers Gift verglich.

Die Rache für die Niederlage an der Front nahm das Regime an etwa 5000 bereits verurteilten politischen Gefangenen, die auf persönlichen Befehl Khomeinis hingerichtet wurden. In diesem furchterregenden gesellschaftspolitischen Klima hielt Soroush in überfüllten Sälen eine Reihe von Vorträgen. Aus der Niederschrift dieser Vorträge entstand 1990 das Buch, das ihn zum bedeutendsten religiösen Intellektuellen bzw. Theoretiker des schiitisch-islamischen Modernismus machte, „Die theoretische Kontraktion und Expansion der Religion“. Das Buch wurde 2003 ins Arabische übersetzt.

Soroushs zentrale These in diesem Buch besteht in der strengen Unterscheidung zwischen Religion (din) und dem Wissen über Religion (marefat-e dini). Für Soroush ist din die offenbarte und unwandelbare Religion, die daher vollkommen ist. Das Wissen über die Religion jedoch ist tradiertes, theologisches Wissen und widerspiegelt damit die Meinungen und Interpretationen der Ulama und Forscher, die den religiösen Texten entnommen sind. Sie sind widerspruchsvoll und stets wandelbar.

Dies gilt sowohl für fiqh (islamische Jurisprudenz) als auch für kalam (Theologie), tafsir (Koran-Exegese) und t‘awil (hermeneutische Interpretation) sowie akhlaq (Ethik und Moral). Nach Soroush wandelt sich das Verständnis vom Buch (Koran) und von der Tradition (Sunna und Hadith), wenn sich das Wissen über andere Disziplinen verändert. Die Wandelbarkeit des religiösen Wissens geht mit dem Wandel des Wissens außerhalb der Religion einher. Aus diesem Grunde beklagt Soroush umso mehr, dass die Ulama nur marginale Kenntnisse über nicht-religiöse Disziplinen besitzen.

Der (schiitische) Islam weist Soroush zufolge zwei Varianten auf: den fiqh-Islam (islam-e fuqahati) und den philosophischen Islam (islam-e falsafi). Ersterer basiert auf Nachahmung (taqlid) und Gehorsam (eta’at), der philosophische Islam jedoch auf Zweifel (schak), Kritik (naqd) und Forschung (tahqiq).

Im fiqh-Islam ist kein Raum für ein Wenn und Aber, der muğtahid befiehlt und der muqaled (Nachahmer) leistet Gehorsam. Es kann dort keinen Platz für Zweifel und Kritik geben, weil der Gehorsam gegenüber dem muğtahid Pflicht ist. Der fiqh-Islam ist gleichsam Erzieher von Nachahmern, während dem philosophischen Islam die Rolle als Erzieher der mündigen Bürger zukommt. Den schiitischen Klerus macht Soroush als führenden Träger des fiqh-Islam aus. Soroush, der in der Tradition von Mullah Sadra steht, tritt für eine Versöhnung von aql (Vernunft) und wahy (Offenbarung) ein und möchte eine vernunftorientierte Re-Interpretation der Schari’a mit Hilfe der Prinzipien der Philosophie erreichen.

Hat Soroush zuvor das Wissen über die Religion als irdisch und menschlich-historisch bezeichnet, so schreibt er in seinem Buch „Die Expansion der Prophetischen Erfahrung“ (1999) diese Eigenschaften auch der koranischen Offenbarung zu. In dem einleitend zitierten Interview sagt er, dass die Offenbarung sich in diesseitigen, menschlich-gemeinschaftlichen Belangen irren kann. Was der Koran über die historischen Ereignisse, andere Religionen und andere praktische Dinge des Diesseits aussagt, muss nicht zwingend korrekt sein. Forderten die großen muslimischen Reformdenker wie Nasr Hamid Abu Zaid und Mohammad Arkoun bisher eine historisch orientierte Koranauslegung bzw. moderne Interpretation, so bricht Soroush explizit das größte Tabu der islamischen Koranexegese:

Der Koran ist eine menschliche Schöpfung und potenziell fehlbar.

Ein Aufschrei aus Teheran war die Folge, man wirft Soroush die Verneinung des Prophetentums Mohammads und der göttlichen Schöpfung des Korans vor. Soroush habe an der Wurzel der Prophetie und Offenbarung gesägt, sagte ein einflussreicher Ayatollah der großen Madrasa in Qom, Ayatollah Hamadani. Seine Aussagen seien schlimmer als die Salman Rushdis.

Sollten sie nicht auf Ignoranz, sondern Absicht beruhen, haben wir eine andere Pflicht und die Muslime müssen ihrer Pflicht nachkommen.

Zwar hat sich der Klerus in seiner Gesamtheit noch mit solchen Äußerungen zurückgehalten, aber der Philosoph, der seit 10 Jahren nicht mehr im Iran lehren darf, hat sich nun auf ein gefährliches Terrain begeben. Einige prominente Intellektuelle aus verschiedenen Bereichen, darunter der Regisseur Madschid Madschidi, dessen Film „Das Lied der Spatzen“ im vergangenen Februar auf der Berlinale einen Silbernen Bären bekam und den Preis für den besten Schauspieler holte, warfen Soroush explizit Apostasie vor. Das wurde von reformorientierten Intellektuellen im In- und Ausland als eine große neue Gefahr angesehen.

„Der Iran hat genug Religionsgelehrte für Ausstellung einer Apostasie-Fetwa“, sagte der prominente iranische Journalist Akbar Gandschi. Iran brauche keine fiqh-Intellektuellen. Ein anderer prominenter Soroush-Anhänger erwiderte dem Soroush-Kritiker Ayatollah Dschafar Sobhani mit einem Denis Diderot-Zitat: Kein Philosoph habe bisher einen Priester getötet. Aber an den Händen der Priester klebe das Blut zahlreicher Philosophen.

Soroush lehrt seit Jahren an renommierten europäischen und amerikanischen Universitäten als Gastprofessor. In der bei Oxford University Press erschienenen Auswahl seiner Schriften, „Reason, Freedom and Democracy in Islam“ (übersetzt von Mahmoud und Ahmad Sadri, Oxford /New York 2000) wird Soroush als einer der führenden modernen Denker der islamischen Welt bezeichnet und hinzugefügt, dass seine Unterstützer und Kritiker ihn „Martin Luther des Islam“ nennen. In diesem Sommersemester wird er am Berkley Center for Religion, Peace, and World Affairs der Georgetown University lehren.

In Frankreich beginnt das Buch des bekannten französischen Publizisten Rachid Benzine, „Les nouveaux penseurs de l'islam“ (Die neuen Denker des Islams), erschienen beim renommierten Pariser Verlag Albin Michel, mit Soroushs oben erläuterter Kontraktion- und Expansiontheorie. Im Westen ist Soroush als einer der ganz großen muslimischen Denker anerkannt. Sein oben zitiertes Buch wird in diesem Jahr ins Englische übersetzt.

Soroushs Denkprozess deutet auf eine stets unruhige, nach Wahrheit dürstende Natur hin. Er taucht immer wieder auf und haucht dem maroden schiitisch-religiösen Diskurs neue spannende Impulse ein, wie mit seinem 1999 verfassten Buch „Die unruhige Natur der Welt“. Soroush ist, ungeachtet der Kritik an ihm, gegenwärtig der bekannteste und wirkungsvollste zeitgenössische schiitische Reformdenker. International ist er nahezu der einzig erfreuliche Lichtblick der letzten drei Jahrzehnte, den der Iran zu bieten hat. Seine neue Offensive, die nun durch die Übersetzung international zugänglich wird, dürfte dem gesamten islamisch-religiösen Diskurs neue Impulse geben.

Seine jährlichen Besuche im Iran wird er aber vermeiden müssen. Es ist das Schicksal von vielen herausragenden muslimischen Denkern, die im Ausland hoch geehrt werden, dass ihnen in ihren eigenen Ländern Gefahr für Leib und Leben droht. Dabei hat Irans Gesellschaft dem begnadeten Redner sehr viel zu verdanken. Soroush war es, der noch in der blutigen ersten Dekade der Islamischen Republik, wo überall „Tod den …, Nieder mit …“ die gesellschaftspolitische Kultur dominierte, die Kultur der Liebe, der Toleranz, des „Es lebe mein Gegner“ vertrat.

Soroush trifft allerdings nicht nur auf Ablehnung in der Geistlichkeit. Seine Werke werden in den renommierten religiös-kulturellen Zentren Irans rezipiert. Er gilt als Vater der neuzeitlichen religiösen Intellektualität Irans und Theoretiker der Reformbewegung. Der Mentor hat sehr viele prominente Schüler unter den Studenten und Absolventen hervorgebracht. Seine jüngste Offensive wurde von Ayatollah Sobhani aus Qom hart, aber sachlich kritisiert. Ein anderer Reformgeistlicher nannte sie „einen gesegneten Diskurs“. Soroush steht mit seinem streitbaren modernen Islamverständnis nicht alleine da. Die Geistlichen Mohammad Modschtahid Schabestari, Mohsen Kadivar und einige andere bewegen sich in dieselbe Richtung und stehen ebenso unter dem Druck des religiösen Establishments.

Soroush, dessen Islamverständnis von den großen muslimischen Mystikern und Poeten stammt, ist dem Spruch des berühmtesten der frühislamischen Mystiker, Mansur al-Halladsch, „Ich sah meinen Herrn mit den Augen meines Herzens. Ich sprach: Wer bist du? Er sagte: Ich bin Du!“, nahe. Halladsch wurde 922 n. Chr. hingerichtet. Im Zeitalter der Fetwa-Urteile der Ayatollahs gegen religiösen Modernisten hat Abdolkarim Soroush gefährliches Terrain betreten.

Kommentare lesen (58 Beiträge)
Anzeige