Der Koran und der muslimische Feminismus

Die ehemalige Marxistin und Frauenrechtlerin Latifa Jbabdi über Gender Jihad, Fundamentalisten und Marxismus

Seit Jahrzehnten kämpft Latifa Jbabdi für Frauenrechte und Demokratie in Marokko. Unter König Hassan II. saß die ehemals marxistische Aktivistin mehrere Jahre im Gefängnis. Heute ist sie Präsidenten der „Union de l’Action Feminine“, die ihren Sitz in der Hauptstadt Rabat hat und entscheidend die Neufassung des marokkanischen Familienrechts mitgeprägt hat. Ein Gespräch mit der unerschrockenen wie beeindruckenden Frau über Gender Jihad, Marxismus und Fundamentalisten.

In einigen Artikeln der westlichen Presse entsteht der Eindruck, Sie gehörten zu den islamischen Feministinnen, die für den „Gender Jihad“ kämpfen. Sind Sie vom Marxismus zum Islam übergewechselt?

Latifa Jbabdi: Oh, mein Gott, ich habe mit dieser Art von „Jihad“ nichts zu tun. Einige Journalisten machen seltsame Interpretationen und verändern die Meinung der interviewten Person. Manchen mangelt es eben an Professionalität.

Sie sind also keine islamische Feministin?

Latifa Jbabdi: Nein, keinesfalls. Aber natürlich habe ich mich weiter entwickelt: Von einem radikalen Marxismus-Leninismus der 70er Jahren zu einem modernen Demokratieverständnis.

Was halten Sie als Präsidentin der „Union de l’Action Feminine“ vom islamischen Feminismus?

Latifa Jbabdi: Zuerst einmal kann man von einem islamischen Feminismus gar nicht sprechen. Dieser Begriff ist für mich absurd. Man kann keine Feministin sein und sich gleichzeitig mit einer islamistisch-fundamentalistischen Bewegung identifizieren.

Ich bin eine feministische Muslimin, aber keine feministische Islamistin. Ich bin eine Bürgerin Marokkos und gehöre zu einer muslimischen Gesellschaft. Aber zu allererst halte ich mich an die universellen Werte der Menschenrechte. Die „Union de l’Action Feminine“ hat lange vor den so genannten islamistischen Feministinnen für Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen gekämpft. Wir haben die Mauer des Schweigens gebrochen und erheblich zum neuen marokkanischen Familienrecht beigetragen. Die islamistischen Feministinnen sind auf den „Frauen-Zug“ erst später aufgesprungen. Sie haben nur den Islam als Referenzrahmen. Und den interpretieren sie in einer rigiden, reaktionären und orthodoxen Weise.

Wir wollen mit dem Begriff Jihad nichts zu tun haben

Aber gerade das werden die islamischen Feministinnen vehement abstreiten. Sie plädieren für eine komplette Gleichstellung von Mann und Frau, für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen, die auch keinen Schleier oder Kopftuch tragen müssen. Asra Nomani ist ein gutes Beispiel.

Unser Projekt basiert auf Modernität und Demokratie. Wir wollen soziale Veränderung und die absolute Gleichstellung der Geschlechter. In unseren Kampf haben wir auch eine muslimische Dimension, die Sie ruhig auch islamisch nennen können, mit eingebaut. Die Fundamentalistinnen haben immer gegen uns gearbeitet. Sie sind nicht islamisch, sie sind islamistisch und reaktionär.

Es gibt aber muslimische Frauen aus Kanada, Indonesien, Nigeria, den USA und vielen anderen Ländern, die sich als islamische Feministinnen verstehen. Anstatt islamische Feministinnen, bevorzugen sie den Begriff „Gender Jihad“.

Latifa Jbabdi: „Gender Jihad“ ? Da widerstrebt sich etwas in mir.

Sie begreifen die islamische Geschichte als eine Geschichte des Machismo, die von Frauen neu interpretiert und analysiert werden muss. Frauen können frei wählen, was sie tun und lassen wollen. Bei aller Offenheit begreifen sie sich als Muslime und ihre Religion als wichtigen Faktor des Lebens. Letztes Jahr im Oktober gab es über „Gender Jihad“ sogar eine Konferenz in Barcelona (Islamischer Feminismus).

Latifa Jbabdi: Das macht für mich keinen Sinn. Da werden ganz unterschiedliche Konzepte miteinander vermischt. Jihad? Was ist das für ein Jihad? Wir wollen mit dem Begriff „Jihad“ nichts zu tun haben. Der kommt aus einer Zeit, als man den Islam in andere Regionen verbreiten wollte. Diejenigen, die heute das „Jihad-Konzept“ adaptieren, sind Terroristen. Es ist unsinnig einen Begriff, der aus einer historischen Epoche vor 14 Jahrhunderten stammt, auf die heutige Zeit zu übertragen.

Man sagt, dass im 7. Jahrhundert zur Zeit des Propheten Mohammed, eine mehr oder wenig ideale Gesellschaft in der Stadt Medina gegeben hätte. Damals habe es keine Frauen gegeben, die dem Mann gehorsam sein mussten. Unter „Jihad“ verstehen die islamischen Frauenrechtlerinnen nicht den bewaffneten Kampf im Sinne al-Qaida (Explosives Martyrium). Vielmehr sollen die heiligen Schriften, insbesondere natürlich der Koran, von Frauen neu interpretiert und analysiert („Tafsir“) werden. Heutige Wertvorstellungen bezüglich der Geschlechter würden ihrer Meinung nach auf eine männliche Leseart zurückzuführen sein. Das Stichwort ist „Ijtihad“, also die Weiterentwicklung und Anpassung religiöser Konzepte an moderne Zeiten.

Latifa Jbabdi: Ehrlich gesagt, wir haben das Gleiche gemacht, als wir für eine Neufassung des marokkanischen Familiengesetzes kämpften. Unser Mitglieder, unser Anwälte und viele andere haben den Koran noch einmal gelesen und eine feministische Interpretation geliefert. Natürlich waren die Fundamentalisten total dagegen, da ausgerechnet wir, die Säkularisten den „Ijtihad“ eröffneten. Im Islam gibt es zwei Tendenzen, die eine ist „Ijtihad“ und die andere ist „Taklit“, was eine Beibehaltung traditionaler Werte und Interpretationen meint.

Wie liest man den Koran aus einer feministischen Perspektive?

Latifa Jbabdi: Wir sind von den islamischen Grundsätzen der Gleichheit aller und der sozialen Gerechtigkeit ausgegangen und haben dafür Belege im Koran gesucht. Über zwei Jahre hat der Prozess des Neulesens gedauert und wir haben viele Stellen gefunden, die unsere Werte und Prinzipien verteidigen. Auf dieser Koran-Basis bekamen wir in der religiös geprägten Mehrheit der marokkanischen Bevölkerung große Sympathien für unser Anliegen. In den 80er Jahren hatten wir es versäumt, in der richtigen Sprache mit den Menschen zu kommunizieren. Heute haben wir einen Weg gefunden mit den Menschen über unser Projekt auf eine Art und Weise zu sprechen, dass sie es auch verstehen. Eben den richtigen Code für einen Kommunikation.

Nadia Yassine, die Führerin der Bewegung „Gerechtigkeit und Spiritualität“, erschien im Interview äußerst radikal und modern ("Die Rolle der Frau muss sich ändern"). Für Demokratie, Moderne und die Rechte der Frauen. Das neue marokkanische Familiengesetz sei ihr bei weitem nicht genug, sagte sie mir.

Latifa Jbabdi: Das ist doch alles nur pure Demagogie. Als wir begannen, für eine Veränderung des Familienrechts zu kämpfen, wurden wir von Nadia Yassine öffentlich als Ungläubige bezeichnet. 1992 gab es sogar eine „Fatwa“ mit Todesstrafe gegen unsere Organisation. Damals hatten wir die Aktion „1 Million Unterschriften für die Änderung des Familiencodes“ begonnen. Die Zeitung von „Gerechtigkeit und Spiritualität“ war damals von der Regierung geschlossen worden, da sie zu Gewalt und Mord aufgerufen hatte.

2000 organisierten wir mit 60 anderen Gruppen, Assoziationen und Parteien eine große Demonstration für eine Neufassung des Familiencodes. Die Fundamentalisten, darunter auch Nadia Yassine, veranstalteten in Casablanca eine Gegenveranstaltung mit dem Tenor: Der Islam ist in Marokko in Gefahr und die Reform des Gesetzes ist gegen die Religion und obendrein vom Westen diktiert.

Die Leute wollen Veränderung und die Islamisten versprechen ihnen ein besseres Leben

In Interviews präsentiert sich Nadia Yassine stets liberal, aufgeschlossen und kritisch gegenüber einer islamischen Geschichte, die von Männern geschrieben wurde.

Latifa Jbabdi: Alles nur Demagogie! Man kann das sehr leicht in der Presse der letzten Jahre nachlesen. Was sie sagt, ist eine Sache. Was sie tut eine andere.

Gegen Nadia Yassine läuft ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung, weil sie sich öffentlich für eine Republik und gegen die Monarchie aussprach.

Latifa Jbabdi: Ja, ich weiß. Sie will sich nun das Image eines moderaten, liberalen Islam geben. Für uns ist das ein Hohn. Wir wollten eine Revolution in Marokko machen, damals in den 70er Jahren, als wir Marxisten-Leninisten waren. Wir mussten dafür teuer bezahlen, verbrachten einen Teil unseres Lebens im Gefängnis. Wir haben viel geopfert, um Marokko in eine Demokratie zu verwandeln.

Sie mussten gezwungenermaßen die Strategie Ihres Kampfes für Demokratie und Frauenrechte ändern.

Latifa Jbabdi: Wir haben uns in den demokratischen Prozess in Marokko integriert, da es den Willen des Königs gibt, Reformen durchzuführen, wie man anhand des neuen Familiencodes und der Demokratisierung des politischen Prozesses erkennen kann. Es gibt einen Konsens zwischen dem König und der Opposition für Reformen. Nicht die Islamisten haben die Diskussion über eine Republik eröffnet, sondern die Oppositionsparteien. Marokko befindet sich in einem demokratischen Transformationsprozess. Die Zeiten der Konfrontation sind vorbei, um einen radikalen Wechsel der politischen Ordnung herbeizuführen. Jetzt geht es um eine pazifistische Evolution zu einem Rechtsstaat, zu einer demokratischen, konstitutionellen Monarchie. Wir haben es mit der Revolution versucht und das hat nicht funktioniert. Nun muss man andere Wege gehen.

Werden die Islamisten diesen Weg zur Demokratie wirklich unterstützen oder ist das Bekenntnis Nadia Yassines zur Republik tatsächlich nur Schall und Rauch?

Latifa Jbabdi: Lesen Sie doch einmal die Schriften von ihrem Vater, von dem sie die Führung der Bewegung „Gerechtigkeit und Spiritualität“ bekam. Er sagt, dass die Demokratie ein Produkt des Satans sein. Die einzige wahre Konstitution sei der Koran, der von Gott gegeben ist und das ganze soziale und politische Leben reguliert. Wer seine eigene Verfassung schreibt, erdreistet sich Gott zu spielen. Gott hat für den Menschen alles entschieden und niemand soll sich dagegen stellen. Parlament, Wahlen und alle anderen demokratischen Institutionen sind für ihn Produkte des Westens.

In der Presse wird der Familie Yassine nachgesagt, sie wolle eine Art iranische Republik installieren.

Latifa Jbabdi: Ja, da bin ich mir sicher. Und sie würde nicht zurückschrecken, noch weiter als Revolutionsführer Khomeini zugehen. Der Vater von Nadia Yassine ist den Taliban näher als den Ayatollahs im Iran. Man will das goldene Zeitalter reinstallieren, das es einmal vor 14 Jahrhunderten in Medina gegeben haben soll, als der Prophet Mohammed noch am Leben war.

Wie in anderen arabisch-islamischen Ländern haben die Fundamentalisten auch in Marokko großen Zulauf. Niemand macht sich Gedanken um eine mögliche Taliban-Diktatur.

Latifa Jbabdi: Die Fundamentalisten ziehen ihren Vorteil aus den sozialen und ökonomischen Problemen des Landes. Die Leute wollen Veränderung und die Islamisten versprechen ihnen ein besseres, gerechtes Leben. Obendrein noch mit Gott auf ihrer Seite. So bekommen sie ihr Publikum und ihre Anhänger. Auf der anderen Seite werden die Radikalen unglücklicherweise von der internationalen Politik gefüttert. Die Politik der USA ist der größte Verbündete der Fundamentalisten. Nichts unterstützt sie mehr, als die amerikanische Außenpolitik im Mittleren Osten. Jeder versteht es, wenn sie vom amerikanischen Satan sprechen, der Israel unterstützt und die Brüder im Irak okkupiert. Die USA sorgen für den Erfolg der islamistischen Mobilisierungskampagnen für den heiligen „Jihad“. (Alfred Hackensberger)