Der Kreationismus und die USA

Eine für Europäer schwer zu verstehende Verrücktheit

Ein Rückblick eines Wissenschaftlers an seinem 100. Geburtstag auf sein Leben und seine Arbeit zeigt einige generelle Probleme der englischsprachigen Länder auf, was die Geschichte des Lebens betrifft.

Am 2. Juli veröffentlichte Science einen Artikel von Ernst Mayr, den er anlässlich seines 100. Geburtstags geschrieben hatte. Mayr ist eine Leitfigur der Evolutionstheorie und auch im Niederschreiben deren Geschichte. Mayr erzählt, dass er sich nicht ganz sicher ist, wann er zum Evolutionsforscher wurde. Im Gymnasium, das er einst besuchte, war die Evolutionstheorie selbstverständlich. Er erhielt alle Ausbildung inklusive des Doktorgrades in Deutschland. Wie bei vielen der besten Evolutionsforscher endete seine Laufbahn damit, in den USA zu lehren. Also warum ist die Evolutionstheorie im Gegensatz zum Kreationismus (biblische Schöpfungslehre) immer noch so ein großes Thema in den Staaten?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten die meisten Industrienationen öffentliche Massen-Bildungseinrichtungen ein, die unter zentraler Kontrolle der jeweiligen Regierung standen. Ein Hauptmotiv war, die jeweilige Wirtschaft international konkurrenzfähig zu halten. Doch in den USA entfiel dieses dringliche Bedürfnis nach Wettbewerbsfähigkeit. Zudem hatten seit dem Bürgerkrieg von 1860 im Süden Sonderrechte des jeweiligen Bundesstaates starke Unterstützung gefunden. Im Ergebnis entwickelte sich in den USA ein fast völlig dezentralisiertes Bildungssystem, das von jedem Bundesstaat einzeln verwaltet wird. Während Europas Nationen landesweit standardisierte Lehr- und Prüfungsstandards entwickelten, fand dies in den USA nicht statt. Die Kreationisten haben diese Dezentralisierung sowohl gefördert als auch ausgenutzt.

Kreationistische Strömungen

"Young Earth"-Kreationisten glauben an ein einziges Schöpfungsereignis, das vor maximal 10.000 Jahren stattfand. Sie nehmen die Bibel und insbesondere das Buch Genesis wörtlich.

"Old Earth"-Kreationisten glauben wie die "Young Earth"-Kreationisten an einen einzigen Schöpfungsakt, der jedoch mehrere Milliareden Jahre dauerte. Sie akzeptieren zumindest die modernen Geowissenschaften samt Analyseverfahren für die Bestimmung des Erdalters. Dass sich jedoch aus einer Spezies eine neue entwickeln kann, lehnen auch sie ab.

"Day-Age" und "Gap"-Kreationisten glauben an eine ältere Erde. Für sie hat der Schöpfungsakt in sieben sehr langen Tagen ("Day-Age") stattgefunden oder in sieben Tagen, zwischen denen sehr lange Pausen ("Gap") waren.

Bild der Wissenschaft 12/1999 S. 52

Wie die Rassentrennung in Schulen bis in die 60er war auch der Kreationismus in den Südstaaten des Bürgerkriegs am stärksten verbreitet, obwohl er sich keineswegs auf diese Staaten beschränkt! Dennoch kenne ich niemand aus den Südstaaten, der von der Evolutionstheorie vor dem College gehört hatte. Lehrer werden oft auf subtile und auch nicht so subtile Weise davon entmutigt, die Evolutionstheorie überhaupt zu erwähnen. Dank Lehrern, die sich vor dem Thema drücken und vielen Glaubensrichtungen, die aktiv gegen sie vorgehen, bekommen viele Studenten nur die Argumente der Kreationisten zu hören.

In der Vergangenheit versuchten die Kreationisten, Gesetze erlassen zu bekommen, die die Evolutionslehre offiziell verbieten sollten, wie im "Scopes Monkey Trial" von 1925, einem der berühmtesten Gerichtsfälle des 20. Jahrhunderts: Scopes war Biologielehrer und benutzte ein Lehrbuch, in dem auch die Evolutionstheorie besprochen wurde. Er wurde zunächst verurteilt, doch in der Berufung wurde der Fall aufgrund einer Formsache entschieden und nicht aufgrund der Verfassung. (1968 entschied der oberste US-Gerichtshof schließlich, dass Gesetze, die die Evolutionslehre verbieten, der Verfassung. widersprechen).

In den Vereinigten Staaten hat der "tiefe Süden" die schlechtesten Testergebnisse. Unter den Industrienationen sind die USA bei Tests stets am unteren Ende der Skala zu finden, obwohl die Ausgaben für Bildung durchaus über dem Durchschnitt liegen.

Die Bildung ist in Umfragen meist eine der wichtigsten Faktoren im Wahlkampf. Die Kandidaten präsentieren sich üblicherweise als Befürworter einer Bildungsreform und verweisen, wo möglich, auf Programme, die sie als Gouverneur gestartet hatten. Doch kaum sind sie zum Präsidenten gewählt, passiert nichts Wesentliches mehr. Die traurige politische Wahrheit ist, dass die Gegner der Reformen organisiert sind und ihre Befürworter nicht.

Staatliche Einrichtungen, die von lokal gewählten Beamten geführt werden, sind anfällig, von Interessensgruppen beeinflusst zu werden. Die wichtigsten dieser Interessensgruppen sind hier Baufirmen, Lehrergewerkschaften, Schulbuchverlage und Kreationisten. Die lokalen Baufirmen nutzen ihren politischen Einfluss, um lukrative Aufträge zu ergattern. Die Lehrergewerkschaften, wie bundesstaatliche und städtische Gewerkschaften generell, gehören heute zu den erfolgreichsten Gewerkschaften, im Gegensatz zu den landesweiten Gewerkschaften beispielsweise der Postarbeiter und Fluglotsen.

Die Schulbuchverlage verkaufen in jedem Bundesstaat andere Schulbücher – ein Riesengeschäft. Das traurige Ergebnis sind Schulbücher unglaublich mieser Qualität, wie sie Richard Feynman beschreibt (später auch als Kapitel seines autobiografischen Buchs " Sie belieben wohl zu scherzen, Mister Feynman!" erschienen). Und, natürlich, die Kreationisten: Als Teil der politischen "religiösen Rechten" konnten sie in den letzten Jahrzehnten ihren Einfluss deutlich ausweiten, als Reagan ein Wahlversprechen gab, das landesweite Bildungsministerium aufzulösen. All diese politischen Kräfte arbeiten darin zusammen, das US-Bildungssystem dezentral zu halten, den im Volk weit verbreiteten Wunsch nach Reformen zu ignorieren und als Ergebnis den Kreationismus in den USA beharrlich aufrechtzuerhalten.

Viele Leute unterschätzen die Kreationisten. Ihr letzter Trick ist "intelligente Design-Theorie”, für die meist an den Universitäten geworben wird. Zur Information über die neuesten Entwicklungen in diesem Bereich empfehle ich das gerade erschienene Buch "Creationism's Trojan Horse: The Wedge of Intelligent Design" von Barbara Forrest und Paul R. Gross. Harvard-Professor Edward O. Wilson sagt, es ist "...dasStandardwerk über modernen Kreationismus".

Ich frage mich…wenn Mayr in den Vereinigten Staaten aufgewachsen wäre, hätte er sich je mit Biologie beschäftigt ?!

Richard Harper studierte Evolutionstheorie an der University of California in Santa Barbara und war Mitglied des Center for Evolutionary Psychology (Richard J. Harper)

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