Der Krieg hat schon begonnen - und jeder kann mitmachen

Überlegungen zu der Ars Electronica 98 Publikation: Information. Macht. Krieg.

An einen erweiterten Kunstbegriff, der die Differenz zwischen Leben und Werk, zwischen Text und Kontext einzieht, haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Die diesjährige Ars Electronica unternahm nun einen weiteren Schritt, der konsequent, sofern auch die Kriegskunst zur Kunst gehört, in einen erweiterten Kriegsbegriff einführt. Es sind dann auch Kriegskünstler, bestallte Meister dieser hohen "Kunst", im Dienste der US Air Force, der chinesischen Volksarmee oder des russischen Verteidigungsrates, die versuchen - Clausewitz, Sun Tzu oder Mao zitierend - das Kriegstheater des 21. Jahrhunderts zu entwerfen.

Was sich als roter Faden durch die unter dem Titel "Information. Macht. Krieg" publizierten Beiträge zieht, ist jedenfalls die These, daß sich der "InfoWar" vom Frieden nicht unterscheiden lasse - oder vielmehr, mit deutlicheren Worten, daß der Krieg immer schon begonnen habe. Der informatorische Kampf der Zukunft werde nicht länger eine "Ausnahme" sein im Sinne der Clausewitz'schen ultima ratio der Politik, die einen politischen Konflikt mit militärischen Mitteln zur Entscheidung zwingt, sondern der "Normalfall" einer permanenten wie totalen Mobilisierung. Es scheint, als ob ausgerechnet im Todesjahr Ernst Jüngers seine aus den 20er Jahren stammenden Überlegungen zur "totalen Mobilmachung" und zum "totalen Krieg" aus den Think Tanks der Großmächte im zeitgemäßen cyberdelischen Gewand reimportiert werden.

Die Autoren des Bandes, deren Biodaten zu einem guten Teil auf eine langjährige Expertenschaft in Sachen Kriegsführung verweisen, sei es als ziviler Berater und Theoretiker, sei es als Angehöriger einer Streitmacht, sind sich darin einig, daß mit dem 20. Jahrhundert auch der "klassische" Krieg an ein Ende kommen wird. "Klassisch" ist der völkerrechtlich gehegte Krieg als Auseinandersetzung zwischen Nationalstaaten unter der Geltung scharfer Unterscheidungen zwischen Krieg und Frieden, Zivilisten und Kombattanten, Schlachtfeld und zivilem Raum.

Friedrich Kittler, Foto: Sabine Starmayr

Hatte der erste Weltkrieg diese Differenzen noch weitgehend berücksichtigen können und die Anwendung der bereits zur Verfügung stehenden Massenvernichtungswaffen auf das Schlachtfeld beschränkt, so wurde der WK II zum totalen Krieg im Sinne einer Entdifferenzierung des Zivilen und Militärischen an der "Heimatfront" genauso wie bei der Bekämpfung des Feindes. Unterschiede zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen militärischen und zivilen Zielen der Zerstörung wurden nicht mehr gemacht. Diese Kriegsführung - man denke an den Russlandfeldzug oder den allierten Luftkrieg - kostete die blutigsten Opfer unter der Zivilbevölkerung. Aber ausgerechnet diese Einziehung der genannten Differenzen des "klassischen" Krieges soll nun für die Zukunft Menschenleben verschonen: man verspricht uns einen "unblutigen" Krieg mit "non lethal weapons", einen "sanften Angriff" mit allenfalls "sanften Verletzungen", ein Krieg ohne "Gewehre" und "Kugeln", kurz: einen soft war. Aber womit wird gekämpft?

Waffe - und selbstredend Ziel der Waffen des Anderen - ist die Information. Neu daran ist nicht, so der Tenor, daß ein Krieg dank besserer Informationen gewonnen werden soll - Spionage und Nachrichtendienste, Verschlüsselung und Täuschung spielen seit Jahrhunderten eine wachsende, auch zunehmend von Techniken abhängige Rolle -, "unerhört an Information Warfare ist nur", so Friedrich Kittlers durchaus repräsentative Einschätzung, "daß Spionage, Nachrichtentechnik und Kriegsspiel allesamt in einem globalen Computernetz zusammenfallen." Die Manipulation von Information ist nicht länger ein Mittel im Krieg, sondern der Krieg selbst. Der Kriegsschauplatz ist kein Schlachtfeld an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, sondern der Cyberspace, die "Infosphäre". Statt Soldaten kämpfen hier Programmierer und Hacker.

Man könnte hier nun für einen Moment innehalten, aufatmen und sich darüber freuen, daß der Krieg der Zukunft in den globalen Datennetzen stattfinden soll, denn auf diesem "virtuellen" Kampfplatz scheint man keine "realen" Toten befürchten zu müssen. "Wenn die US Army ihren nächsten Krieg im Cyberspace ausrichten will und Milliarden-Beträge in Software investiert statt in Bomben und Granaten - dann soll sie doch!" Diese gelassene Haltung, welche anscheinend vom InfoWar-Jargon à la "Non Lethal Weapons" oder "humaner Krieg" bewußt gefördert wird, verkennt allerdings den ganz handgreiflichen "Schrecken" des neuen Krieges.

Es ist ein Verdienst des von Gerfried Stocker und Christine Schöpf zusammengestellten ausgezeichneten Bandes, darin nicht nur die Armee-Strategen und ihre cyberdelische Nachhut vom "sanften Krieg" predigen zu lassen, sondern auch nach den voraussichtlichen Opfern Ausschau zu halten, die der Netzkrieg diesseits des Dataverse verursachen würde. Die Cyber-Attacke auf die Rechner und Datenbanken von Banken, Versicherungen, Flughäfen, Polizeidienststellen, etc. könnte zwar, so Stocker, "sehr sauber und unblutig mit dem Computer geschehen, stellt aber in jedem Fall einen gewaltsamen und folgenschweren Angriff auf die zivile Bevölkerung dar."

Ein gezielter InfoWar-Angriff auf die Währung eines Landes könnte, so lautet die Lehre etwa aus der erfolgreichen Attacke der Hedge-Fonds auf die malayische Währung, einen "Schurkenstaat" womöglich effektiver botmäßig machen als eine schwer durchzusetzende UNO-Blockade. Desto unverzichtbarer beinahe alle essentiellen Sozialsysteme der Gesellschaft von der Wirtschaft über die Verwaltung bis zur Wissenschaft und Erziehung auf die Telekommunikations- und Computertechnik angewiesen sind und je weiter der Anteil an physikalisch-geschlossenen, exklusiv-lokalen Netzen sinkt, da die Akteure sich aus Kostengründen zunehmend des Internets bedienen, statt eigene Leitungen zu unterhalten, desto einfacher ist es für jeden Global Player vom Computerkid bis zur US Army, beliebige Ziele von einem beliebigen Ort aus zu bekämpfen. Die Folgen wären - darauf macht Ute Bernhardt nachdrücklich aufmerksam - in den zivilisierten Ländern verheerend: zwei Wochen ohne Strom, Geld oder Telefon würde jedes hochentwickelte Land in eine blutige Katastophe stürzen.

Die pure Möglichkeit eines informatorischen bellum omnium contra omnes führt aller nationaler Unterschiede der Info-War-Konzepte zum Trotz dazu, zunächst Maßnahmen zum Schutz der eigenen Informationsflüsse zu ergreifen und erst dann zur Überwindung fremder Firewalls zu schreiten. FBI-Direktor und Medien-Experte Michael A. Vatis etwa warnt sein Land vor einer "neuen Verwundbarkeit" der von der globalen Telekommunikation abhängigen Stellen in Wirtschaft und Staat durch "Cyber-Attacken". Die USA, deren Gegner seit einem Jahrhundert Tausende von Meilen von ihren Küsten entfernt waren, haben eine neue Grenze, die "Fünfte Dimension" des Cyberspace, und einen neuen Feind, "Individuen, Nichtregierungsorganisationen oder Staaten", die mittels Medien im Innersten der USA zuschlagen können. Diese Grenze muß gesichert werden, gegen mögliche "Aggressoren" muß ein Krieg geführt und gewonnen werden können.

Michael Geyer weist auf der Grundlage von Regierungsdokumenten ersten Ranges nach, daß sich die USA auf einen Kampf auch gegen "nicht-staatliche Akteure" einstellen und dabei implizit die Möglichkeit einräumen, "daß ein Kriegszustand genauso gut zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und einigen seiner Bürger eintreten kann". Daß bei diesem Waffengang der Zukunft "so etwas wie waffentechnische Chancengleichheit" herrschen wird, da Private wie Armeen sich ihr Equipment "auf dem freien Markt" besorgen, schafft laut Kittler das "nationalstaatliche Gewaltmonopol" ab. "Information Warfare kann von jedem PC-bestückten Schreibtisch aus beginnen." Wenn aber jeder mitmachen kann, wird nicht nur der klassische Krieg, sondern auch der klassische europäische Staat zur Geschichte und "geht das Ende Hobbes'scher Bürgerkrieg selber zu Ende". Und auch die römische Unterscheidung bello domique, im Krieg und zu Hause, welche auf die so lange gültige zeitliche und räumliche Trennung von Krieg- und Friedenszeiten hingewiesen hat, verliert im InfoWar ihre Bedeutung. Krieg wird in jedem Sinne des Begriffs zur Teleoperation, zur Heimarbeit.

Noch aber entwerfen die Nationalstaaten ihre Verteidigung als Angriff: Als ein Beispiel dieser Planungen sei die Joint Doctrine for Command and Control Warfare der US-Army zitiert, in der InfoWar definiert wird als Menge von "Aktionen, die der Erlangung von Informationsüberlegenheit dienen, indem Informationen, informationsbasierte Prozesse sowie Informationssysteme und Computernetzwerke des Gegners getroffen und die eigenen verteidigt werden." Der "heilige Gral" des InfoWar sei die Manipulation der gegnerischen Selbstbeschreibung - der Auffassung seiner "Lage" - in einem Maße, daß der "Feind davon überzeugt sei, daß die USA noch vor Einsetzen der Kampfhandlungen ‚gewonnen' haben, was eine Abhaltewirkung von Feindseligkeiten zur Folge hat."

George Stein, Foto: Sabine Starmayer

George J. Stein vom US Air Force War College fragt nach den Möglichkeiten, diese Art von Krieg in einer global vernetzten Welt zu führen, in der es kaum denkbar ist, den Feind nach alter Manier von kriegswichtigen Informationen abzuschneiden, indem man seine Boten abfängt, seine Brieftauben abschießt oder seine Telegraphenleitungen zerschneidet. Das Equipment, das nötig ist, um sich um sich all solcher Maßnahmen zum Trotz weltweit mit Nachrichten zu versorgen: etwa Satelittentelefon, Modem und Laptop, kann sich selbst ein wohlhabender Privatmann leisten. Die US Air Force ist der Ansicht, daß die "globale Infosphäre" eine derartige Redundanz von Kanälen anbietet, daß es aussichtlos erscheint, den Kommunikationsfluß zwischen der gegnerischen Führung und den Untergebenen zu stören.

Ziel des InfoWars dürfe daher nicht der Kommunikationsfluß des Gegners sein, den man in den Zeiten des Internets nur um den Preis der Vernichtung auch der eigenen Kommunikation völlig unterbinden könnte. Ziel des "guten InfoWarriors" sei also nicht die Übermittlung von Daten, sondern deren Interpretation. Angriffsziel sind jene "Mittler", welche die "riesige flirrende Infosphäre von Daten für den Entscheidungsträger in Informationen ‚umwandeln' bzw. übersetzen." Die black box zwischen Informationsinput und Entscheidungsoutput soll so nachhaltig gestört werden, daß die konventionelle Kriegsführung selbst zum Sieg nicht mehr notwendig wäre. Mit dieser black box ist aber nicht weniger gemeint als die gesamte Selbstbeschreibung einer Kultur oder zumindest ihrer Elite.

Zur Desorientierung der gegnerischen "Entscheidungsfindung" plant das US-Militär einen veritablen "Geistkrieg" gegen die Fähigkeit der gegnerischen Kultur, "to know itself". Netwar "means", schreiben John Arquila und David Ronfeldt in ihrem einflußreichen Artikel "Cyberwar is coming!" für die Zeitschrift für Comparative Strategy (vol. 12), "trying to disrupt or damage what a target population ‚knows' or think about itself and the world around it." Der "wahre Gipfel der Kunst", so Michael Geyer, bestehe in der "Unterwanderung oder Zerstörung des Wissens- und Glaubensgebäudes, d.h. des kollektiven Gedächtnisses als Sinndepot und der individuellen Selbstgewißheit als Quelle der Identität".

Erinnert man sich an die Überzeugung der Soziologen, etwa Niklas Luhmanns (vgl. dazu vom Verfasser: Verarbeiten, Speichern, Koppeln Zu Niklas Luhmanns verstreuten Bemerkungen über die Medien der Gesellschaft), daß die Massenmedien wesentlich an der Generierung eines Gedächtnisses der Gesellschaft und ihrer Selbstbeschreibungen beteiligt sind, dann klingen die Kriegsziele eines solchen soft war nicht ganz unwahrscheinlich.

Igor Panarin, Foto: Sabine Starmayr

Die potentiellen Gegner der amerikanischen Cyberkrieger bestätigen die skizzierten Einschätzungen im wesentlichen dadurch, daß sie sich strategisch darauf einstellen. Igor Nikolaewitch Panarin, Professor der Fakultät für Nationale Sicherheit der russischen Akademie der Wissenschaften und Berater des Präsidenten, ist überzeugt, daß der Untergang der Sowjetunion bereits ein Ergebnis des "info-psychologischen Kampfes" gewesen sei: "Trotz ihrer militärischen Überlegenheit erlitt die UdSSR in der Infosphäre eine vernichtende Niederlage durch die USA. Infolgedessen verlor die sowjetische Elite ihre politische, geistige und wirtschaftliche Auorität, was letztlich zum Zerfall der UdSSR führte."

Angesichts dieser Einschätzung wundert es nicht, wenn Panarin das Problem der "psychologischen Sicherheit" des russichen Staates in den Mittelpunkt künftiger Verteidigungsanstrengungen rückt und fordert, für den "Schutz des Bewußtseins der politischen Elite und der Bevölkerung vor negativer Infobeeinflussung im Rahmen des globalen info-psychologischen Kampfes" zu sorgen. Auf die Frage, wie dieser Schutz konkret aussehen könnte, weiß Panarin keine Antwort, denn heute sieht es ganz so aus, als ob die USA "den globalen Informationsraum voll und ganz dominieren" würden.

Die Experten der chinesischen Volksbefreiungsarmee, Shen Weiguang und Wei Jincheng, geben in ihren Artikeln genauere Auskunft. Durch die "Globalisierung von Mediensystemen" haben die Möglichkeiten eines Einzelstaates, Nachrichten zu monopolisieren, in einer Weise abgenommen, und die Chancen der "einzelnen Bürger", sich weltweit zu informieren oder zu engangieren, in gleicher Weise zugenommen, so daß ein erfolgreicher InfoWar nur ein "Volksinformationskrieg" sein könne.

"Der Informationskrieg ist ein formloser, unblutiger Krieg", schreibt Shen, ein Krieg, der in einem "unsichtbaren Raum" stattfindet, ein Krieg, von dem man nicht mehr sagen könne, er sei "gerecht" oder "ungerecht", weil die Formlosigkeit und Komplexität des Krieges solche definitiven Aussagen nicht mehr gestatte. Selbst die Frage, ob ein InfoWar stattfinde, könne nur schwer eine Antwort finden, denn eine Fülle von Maßnahmen, die zur "Kriegspraxis" gehören, etwa die "Beeinflussung der öffentlichen Meinung, nachrichtendienstliche Abwehr und Überwachung des Netzes" gehörten bereits zum Alltag der globalen Mediengesellschaft und seien nur sehr bedingt als Elemente einer "militärischen Invasion" auf einen bestimmten Gegner zuzurechnen.

Wei konstatiert eine derartig dichte Verschmelzung der "Bereiche von Militär, Politik und Wirtschaft" im Netz, so "daß es nicht ganz klar ist, ob es sich um ein militärisches Kräftemessen, um bloße politische Polemik oder eine ökonomische Auseinandersetzung handelt", wenn auf dem "digitalisierten Schlachtfeld" gekämpft wird. Der InfoWar wird offenbar, anders als der klassische Krieg des Völkerrechts, weder erklärt noch in einer rechtlich definierten Gestalt geführt. Er hat weder Anfang noch Ende, denn er erzwingt keine endgültige Entscheidung, sondern bewegt sich auf verschiedenen Intensitätsstufen. Er ist nicht nur "unsichtbar", weil er in der "Fünften Dimension" stattfindet, sondern auch gestaltlos, weil er sich von anderen Formen der Auseinandersetzung im Rahmen des wirtschaftlichen Wettbewerbs nicht präzise abheben läßt. Shen, der in der Zeitung der Volksbefreiungsarmee bereits 1985 das Szenario des Informationskrieges vorgestellt hat, zieht daraus den logischen Schluß, daß der InfoWar immer schon begonnen hat: "Im Informationskrieg verschmelzen Kriegsvorbereitung und -durchführung. Die nach Hegemonie strebenden Staaten sind praktisch täglich mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt, genau wie sie jeden Tag Krieg führen."

Jeder Export von Internet-Software etwa, die es amerikanischen Experten unbemerkt erlaubt, die Festplatten ihrer Nutzer durchzuschnüffeln, ist in diesem Sinne eine Kriegshandlung. Friedrich Kittler hatte schon 1995 darauf aufmerksam gemacht, daß die Unternehmenspolitik von Microsoft auf nichts weniger als die absolute Herrschaft über "das Medium Computer selbst" aus sei: mit dem neuen Betriebssystem Windows 95 tarne die Firma ihr Vorhaben, die Verbraucher zu Abhängigen der Microsoft Software zu machen, da diese alles, was sie tun, automatisch über Microsoft Net an die Zentrale mitteilen, und alles was sie brauchen, über dasselbe Netz beziehen. "Falls Strategien wie Windows 95 aufgehen, wird das Netz sehr bald einer allwissenden Spinne gehören, die die Computer ihrer Opfer (unter Ausschaltung von Handel und Konkurrenz) nur mehr mit eigener Software füttert." (FAZ, 9.9. 1995) Sobald Kunden zu Feinden werden, ist Windows 95 kein Programm mehr, sondern ein Waffe im InfoWar.

Diesem "Geistkrieg", der auf die "Orientierung" der Menschen, auf ihre "Kultur" und ihre "Identität" zielt, kann man sich im Zeitalter der "Globalisierung" und der weltumspannenden Vernetzung nicht durch Isolierung entziehen. Allenfalls gegen Nordkorea ist ein InfoWar nicht zu gewinnen, da die Einbindung dieses Staates in die Weltgesellschaft zu marginal ist. Das moderne China dagegen habe sich auf den Kampf einzustellen und eine "geistige Verteidigungslinie" zu errrichten, die einem (US-amerikanischen) Angriff auf die Selbstbeschreibung der Nation standhielte.

Da auch die chinesischen Experten davon ausgehen, daß an einem InfoWar jeder als Angreifer oder Angriffsziel in Frage kommt, der über die nötigen Telekommunikationseinrichtungen verfügt, müsse der InfoWar als "Volksinformationskrieg" geführt werden. Dank des hohen dual use-Potentials der Computertechnik verfüge das Volk über die nötigen "intelligenten Werkzeuge", um am "Informationskrieg teilnehmen zu können". Jeder Computer, jede Radiostation - man könnte ergänzen: jedes Mobiltelefon, jeder Satellitenkanal etc. - kann "als Mittel der Kriegsführung dienen". Die Nutzung aller zivilen Mittel zur Kommunikation und Information sowie die "Verflachung" der Kommandosysteme, die Dezentralisierung der Truppen und die hohe, "kreative" Autonomie der Kommandos sind die Maßnahmen, welche gegen die überlegenen "digitalisierten Truppen" der "Vereinigten Staaten" ergriffen werden könnten. Die Einheit des Volkes und die unüberschaubare Vielheit der Kommandos sei unbesiegbar: "Aus diesem Blickwinkel betrachtet, kommt der von der Kommunistischen Partei Chinas entwickelten Theorie des Volkskrieges und deren großartiger praktischer Umsetzung eine neue Bedeutung zu. Im Volkskrieg ist die Unterscheidung zwischen militärisch und zivil, zwischen Militärangehörigen und Zivilpersonen irrelevant. Auch das gesellschaftliche Leben im Informationszeitalter wird wesentlich davon geprägt sein, daß sowohl die Verwendung von Technologie als auch die Rolle des einzelnen einen immer neutraleren Charakter annehmen und die Unterscheidung zwischen militärisch und zivil verblassen wird."

Ist für die InfoWar-Doktrin der US Army auch jeder US-Bürger ein potentieller Kriegsgegner, so ist für die Chinesische Volksbefreiungsarmee jeder Bürger ein potentieller Cyber-Krieger. Wie auch immer - Michael Geyer hat gewiß recht mit seiner Einschätzung, daß das Militär dabei ist, "sich neu zu erfinden". Es kann wohl nicht anders, denn es muß auch im nächsten Jahrhundert sein Monopol gegen die Konkurrenz der globalen Konzerne verteidigen, die schon "die Staatsmonopole für Post, Funk und Telekommunikation" aufgerollt haben. Das Militär muß sich nach Kittlers Überzeugung gegen den naheliegenden Gedanken behaupten, "daß Computerkriege am besten der Computerindustrie selbst übertragen würden." Die Entdifferenzierung des Zivilen und Militärischen, den Shen und Wei prognostieren, führt wohlmöglich nicht zu einer Militarisierung der Gesellschaft, sondern zu einer Privatisierung der Armeen. Zum Kampf darum rüsten weltweit die Armeen und die Medien- und High-Tech-Konzerne.

"Information. Macht. Krieg. Ars Electronica 98", hrsg. v. Gerfried Stocker und Christine Schöpf, Springer Verlag: Wien, New York 1998, 336 S. (Niels Werber)

Anzeige