Der Krieg in Jemen eskaliert

Saudi-Arabien hat in die Kämpfe des Militärs gegen den schiitischen Huthi-Stamm eingegriffen, auch der Iran ist in den Konflikt verwickelt

Am 11. August dieses Jahres startete die jemenitische Regierung eine groß angelegte Militäroffensive. Sie sollte den seit 2004 andauernden Konflikt mit dem Huthi-Stamm ein für alle Mal beenden. Drei Monate danach sind die schiitischen Rebellen noch immer nicht besiegt und der Konflikt droht nach dem Eingreifen saudi-arabischer Truppen, sich regional auszuweiten.

Fünf Tage lang stiegen immer wieder dicke Rauchwolken rund um den Gipfel des Jebel al Dukhan auf. Der 2000 Meter hohe Berg in der Nähe der Stadt Khubah markiert die Grenze zwischen dem Königreich Saudi-Arabien und der Republik Jemen. Saudische Luftwaffe und Artillerie beschossen Stellungen der Huthi-Rebellen, die angeblich vom Norden Jemens in saudisches Territorium eingedrungen waren. Dabei sollen sie einen saudischen Grenzposten und 11 weiter Soldaten verletzt haben.

Alle Bilder: Screenshots Aljazeera

Nach fünftägigen Kämpfen sei es endlich gelungen, so Prince Khaled bin Sultan, der stellvertretende Verteidigungsminister Saudi-Arabiens, das Gebiet von den schiitischen Rebellen wieder zu säubern. Mohammed Abdel-Salam, der Sprecher der Huthis, nannte die Operation „eine ungerechtfertigte Aggression“ und beschuldigte die saudische Luftwaffe, auch Phosphorbomben einzusetzen. Außerdem würden sie Angriffe tief in jemenitisches Staatsgebiet fliegen. „Wir haben keine Ziele im Jemen angegriffen“, entgegnete das saudische Verteidigungsministerium. „Wir kümmern uns nur um unser Territorium.“

Derzeit richtet die saudische Armee, laut der Aussagen der Rebellen, eine Pufferzone an der Grenze ein. Kampfflugzeuge und Artillerie beschießen einen Streifen jenseits der Grenze, um eine rebellenfreie Zone einzurichten. „Ihr Ziel scheint eine Art Niemandsland zu sein“, meinte Huthi-Sprecher Mohammed Abdel-Salam.

Der Leidtragende der Kämpfe ist wie üblich die Zivilbevölkerung Das UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) ist extrem besorgt über die aktuelle Zuspitzung des Konflikts. Nach den Auseinandersetzungen am vergangenen Wochenende sind alleine Samstag und Sonntag zwischen 130 und 140 Familien und am Montag noch einmal 80 Familien im UNHCR Flüchtlingslager Al Mazrak angekommen. „Zusammen etwa 2000 Personen“, stellte Andrej Mahecic, der UN-Sprecher fest. „Die meisten davon kommen aus Khuba, wo sie Schutz vor den Kämpfen in der Provinz Saada gesucht hatten. Das bedeutet, das ist nun ihre zweite oder dritte Flucht.“ Seit dem Ausbruch des Konflikts 2004 wurden, wie das UNHCR schätzt, insgesamt etwa 175.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Mehrere Tausend mussten sterben.

Was in der Grenzregion zwischen Saudi-Arabien und Jemen tatsächlich passierte, ist nicht klar. Jedenfalls war der Angriff auf die saudischen Grenztruppen ein willkommener Anlass, der jemenitischen Regierung unter Präsidenten Ali Abdullah Saleh etwas unter die Arme zu greifen.

Am 11. August hatte Saleh die Operation „Verbrannte Erde“ gestartet. Das vorgegebene Ziel war die Huthi-Terroristen, die einen Staatsstreich planten und eine schiitische Republik gründen wollten, ein für alle Mal „auszurotten, wo und wie auch immer“. Seit 2004 war es immer wieder zu kriegerischen Konflikten zwischen dem Staat und den Huthis im Norden des Landes gekommen. Bisher war jedoch der Aktion der “verbrannten Erde“ wenig Erfolg beschieden. Die Huthis leisten, trotz aller Erfolgsmeldungen der Regierung, weiter ungebrochen Widerstand und zuvor unbeteiligte Gruppen haben sich ihrem Kampf angeschlossen ("Wir sind bewaffnet, Analphabeten, hungrig und zornig"). Zudem weiteten sich die Kämpfe aus und finden nicht mehr alleine in der nördlichen Saada-Region statt. Zum Teil kamen sie der Hauptstadt Sana sehr nahe.

Die Auseinandersetzungen haben kein absehbares Ende und verstärken die ökonomische Krise des Landes. Zu den Problemen im Norden kommt eine explosive Stimmung im Süden. Dort protestiert eine unzufriedene Bevölkerung, die sich von der Zentralregierung vernachlässigt fühlt, immer wieder für eine Abspaltung vom Norden.

Eine höchst prekäre Situation, in dem sich der Jemen befindet und dem Nachbarland Saudi-Arabien großes Kopfzerbrechen bereitet. Zum einen könnte Al-Qaida das Machtvakuum ausnützen und den Jemen „zu einem Schlachtfeld der Dschihadisten und als potentielle regionale Basis entwickeln“, wie es Dennis Blair, der US-Geheimdienstdirektor bei einer Anhörung des Kongresses forumulierte. Zum anderen gibt es Befürchtungen, je länger der Konflikt andauert und die Huthis der jemenitischen Armee standhalten, dass der Iran und seine Eliteeinheit der Republikanischen Garden sich entschließen, den schiitischen Rebellen mit Logistik, Training und Waffen zu Hilfe zu kommen. Eine jemenitische Hisbollah wäre der wohl schlimmste Albtraum, den man sich im königlichen Palast in Riad vorstellen könnte.

Gerüchte über eine Unterstützung aus dem Iran gibt es bereits seit dem Beginn der Großoffensive der jemenitischen Armee im August „Wir können zwar nicht offiziell den Iran beschuldigen“, sagte Jemens Präsident, „aber die Iraner haben uns angeboten zu vermitteln, also müssen sie Kontakte zu den Rebellen haben“. Ähnliche Vorwürfe richteten sich gegen Moqtada el Sadr, einem radikal-schiitischen Geistlichen aus dem Irak, der sich ebenfalls als Mediator zur Verfügung gestellt habe. In einer Videobotschaft bezeichnete damals der Klanführer Abdelmalik al-Huthi die Vorwürfe der Regierung als Lügen. „Wir verteidigen nur unsere kulturelle Identität. Der Krieg sei nur ein Teil der Diskriminierung, Marginalisierung und Ausgrenzung von uns als sozialer Gruppe.š Man werde nicht aus dem Ausland unterstützt. Militärische Ausrüstung können die Huthis auch direkt von der nationalen Armee bekommen.

Vor zwei Wochen wurde nun ein Schiff, das angeblich Waffen für die Huthi-Rebellen geladen hatte, von den jemenitischen Behörden an der Westküste Jemens aufgebracht. Laut Informationsminister Hassan Al-Lawzi, der auch Sprecher der Regierung ist, habe man Beweise an die Islamische Republik Iran weitergeleitet , die zeigten, dass iranische religiöse Gruppen die Huthis im Kampf gegen die jemenitische Armee unterstützten. „Die zuständigen Behörden“, so Hassan Al-Lawzi, „überprüfen die fünf Besatzungsmitglieder des Schiffs, das in verschiedenen arabischen Häfen Station machte."

Nach dem militärischen Eingreifen Saudi-Arabiens ist der jemenitische Präsident zuversichtlich. Am vergangenen Samstag, als es zu schweren Gefechten zwischen saudischen Truppen und Huthis gekommen war, versicherte Ali Abdullah Saleh, der Krieg habe nun erst begonnen. Was sich in den letzten Jahren des Konflikts ereignet habe, sei nur ein Training für die Armeeeinheiten gewesen. „Nun wird die Armee“, so der Präsident weiter, „ihren Angriff so lange weiterführen, bis es mit der tyrannischen, verräterischen Söldnergruppe (der Huthis) ein Ende hat." Saleh hofft wohl auf weitere Militäreinsätze Saudi-Arabiens, denn die jemenitische Armee zeigte sich in den letzten drei Monaten bei ihrer Aufgabe völlig überfordert.

Ganz so einfach und radikal, wie es sich der Präsident vorstellt, wird es allerdings nicht. Der Iran hat sich am Mittwoch gemeldet und seine Hilfe angeboten, im Jemen wieder Sicherheit herzustellen. „Iran ist dabei bereit“, sagte Außenminister Manouchehr Mottaki. „mit der Regierung von Jemen und anderen Nationen zu kooperieren." Die Kämpfe zwischen Regierung und schiitischen Rebellen könnten durch „kollektive Bemühungen“ beendet werden. Gleichzeitig betonte der Außenminister jedoch, Länder der Region sollten ernsthaft davor zurückhalten, in die internen Angelegenheiten Jemens einzugreifen. „Wer Öl ins Feuer gießt, muss wissen, dass er vom Rauch nicht verschont bleibt." Saudi-Arabien ist zwar nicht direkt angesprochen, aber jeder weiß, wer gemeint ist.

Kein Wunder, die jemenitische Regierung hat das iranische Angebot mit der Begründung abgelehnt, es gehe hier nicht um Religion, daher sei die Vermittlung des Irans nicht erforderlich. „Das ist kein Kampf von Konfessionen. Die Regierung ist nicht auf der Seite der Sunniten gegen Schiiten. Die jemenitische Regierung respektiert alle Konfessionen – aber das hier ist nur der Kampf gegen eine Rebellengruppe."

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