Der Krieg um Afrin könnte den Islamischen Staat wieder erstarken lassen

Bild: SDF

Die Türkei scheint mit dem angekündigten Vormarsch auf Manbij einen militärischen Konflikt mit den USA zu riskieren, die Sorge haben, dass ihr Einfluss in Syrien und im Irak weiter schwinden könnte

Im türkisch-kurdischen Krieg in Afrin melden PYD und YPG weiterhin, dass trotz der Luftangriffe und heftiger Kämpfe die türkischen Verbände mit den aus Idlib herangeschafften Söldnermilizen, die weiterhin "Freie Syrische Armee" (FSA) genannt werden, aber großteils aus dschihadistischen Gruppen bestehen, nicht vorankommen würden. Während die türkische Seite Erfolge und viele getötete YPG- und auch IS-Kämpfer meldet, aber nur von 3 getöteten türkischen Soldaten spricht, behauptet die YPG-Pressestelle, es seien Dutzende von türkischen Soldaten und viele der FSA-Söldner getötet worden. Als Beweis werden Ausweise, Waffen, Ausrüstung und einige Leichen gezeigt. Man hat allerdings den Eindruck, dass das meiste von FSA-Kämpfern stammt. In einer anderen Meldung wird von 30 getöteten türkischen Soldaten gesprochen.

Propaganda gehört auf beiden Seiten zum Krieg und soll auch immer dazu dienen, die Bevölkerung zu beeinflussen. Die türkische Regierung schreibt den türkischen Medien vor, was und wie sie zu berichten hat. Daily Sabah, ein AKP-Medium, spricht denn auch schon vom "Krieg gegen den Terror". Das funktioniert, weil es keine unabhängigen Medien mehr gibt. So wird u.a. behauptet, dass man in Afrin auch den IS bekämpft, der dort seit langem vertrieben ist. Wird Kritik an der einmal wieder völkerrechtswidrigen Invasion durch den Nato-Mitgliedsstaat laut, werden Journalisten und Internetnutzer, die sich nicht gemäß der vorgegebenen Propaganda äußern, verhaftet. Am Dienstag wurden nach der türkischen Nachrichtenagentur AA mindestens 96 Menschen wegen der Unterstützung der "YPD/YPG-Terrorgruppe" verhaftet.

Das Bild soll die Folgen der türkischen Bombardierung in Afrin zeigen. Bild: SDF

Die von den USA unterstützte SDF haben nach eigenen Angaben türkischen Stellungen in Shebah westlich von Manbij (Manbidsch) ausgeführt. Das sei in Reaktion auf den Angriff auf Afrin sowie auf andere vereinzelte Angriffe und auch Artilleriebeschuss entlang der türkisch-syrischen Grenze etwa bei der Grenzstadt Ras al-Rayn im Gouvernement al-Hasaka geschehen. Ein Motiv könnte sein, die Türkei zu provozieren und die USA zu einer eindeutigen Haltung zu zwingen.

Der türkische Präsident Erdogan hat schon beim Start der Invasion mit der Operation "Olivenzweig" erklärt, dass Afrin schnell erledigt sein würde und man dann gegen Manbij vorgehen werden. Das wird von den SDF und lokalen Kräften kontrolliert, überdies dürften sich hier auch noch US-Soldaten aufhalten.

Erdogan scheint einen direkten Konflikt mit den USA zu riskieren, weil er davon ausgehen kann, dass Washington auch hier die Kurden fallenlassen wird. Die USA, insbesondere Präsident Barack Obama, so sagte er gestern, hätten die Türkei betrogen und Manbij nicht den "rechtmäßigen Besitzern" nach Vertreibung des IS zurückgegeben. Größere Gruppen der "FSA" hatten sich im Dezember übrigens den SDF angeschlossen.

Die SDF/YPG kontrollieren jedenfalls nicht selbst Manbij, sondern hatten sich Ende 2016 daraus zurückgezogen. Verwaltet wird es von einem "Militärrat", der aus Vertretern verschiedener lokaler Gruppen besteht. Erdogan drohte an, nicht nur Manbij zu erobern, sondern das ganze Gebiet zu "säubern". Angeblich seien in Afrin IS-Kämpfer aus den Gefängnissen unter der Bedingung freigelassen worden, dass sie gegen die Türken kämpfen. Damit scheint man die abstruse Behauptung, die türkischen Verbände würden in Afrin gegen den IS kämpfen, glaubhafter machen zu wollen.

So soll der Pentagon-Sprecher Adrian Rankine-Galloway AA gesagt haben, dass SDF-Mitglieder, die von Manbij nach Afrin gehen und dort die Kurden unterstützen, "nicht mehr unsere Partner" sind. Man trainiere, berate und unterstütze die Streitkräfte, die gegen den IS kämpfen, aber man gebe ihnen keine Befehle. Falls die Waffen für andere Zwecke verwendet würden, werde man geeignete Maßnahmen bis hin zur Beendigung der militärischen Unterstützung geben.

IS-Foto von einem Angriff auf Al-Baghouz.

Tatsächlich sorgen sich die US-Streitkräfte, dass der Krieg in Afrin dazu führen könnte, dass sich SDF-Verbände, mit denen man weiterhin Krieg gegen IS-Gruppen an der syrisch-irakischen Grenze führt und mit denen nach der Eroberung von Raqqa ein von den USA kontrolliertes Gebiet in Syrien gesichert wird, gegen die Türken stellen und damit im Kampf gegen den IS nachlassen.

Dass der IS keineswegs ganz niedergeschlagen ist, ließ sich am Wochenende beobachten, als IS-Verbände parallel zur türkischen Offensive schwere Angriffe gegen SDF-Stellungen etwa beim Dorf al Bahra oder Gharanij im Süden der Provinz Deir Ez-Zor führten und viele SDF-Kämpfer töteten und verletzten. Am Samstag bombardierten US-Flugzeuge ein in der Nähe gelegenes IS-Lager bei As Shafah, von den Amerikanern als IS-Hauptquartier bezeichnet. Dabei sollen um die 150 "IS-Terroristen" getötet worden sein.

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