Der Kult um Manga

Kann das Comic-Phänomen aus Japan im Rahmen eines Ausstellungsprojekts in Berlin enträtselt werden?

Seit einigen Jahren sind japanische Comics, so genannte Manga, in aller Munde. Wer Manga bei Google eingibt, kann durch 1,210,000 Einträge browsen. Der Terminus scheint tatsächlich verbreiteter als zum Beispiel Yakuza und kurz davor so selbstverständlich zu werden wie Sushi. Es gibt allerdings kein spezifisches Werk, das die Popularisierung derzeit vorantreiben, keinen Manga-Künstler, der als Lichtgestalt das Medium repräsentieren würde. Vielmehr scheint, dass im Zuge einer immer stärker in die Breite reichenden Asien-Faszination und einer Popkulturalisierung der Welt, Manga zur Speerspitze der Avantgarde avanciert ist, ohne dass diese Sonderstellung auf eine fundierte Grundlage zurückzuführen wäre. Was Manga genau ist, wer die Protagonisten sind und wie weit die Geschichte dieses Mediums zurückreicht - dieses Wissensvakuum auszufüllen hat sich die Ausstellung "Manga - Die Welt der japanischen Comics" im Berliner Museum für Ostasiatische Kunst vorgenommen.

Gewaltverherrlichend, pornografisch und ohne Moral? Abgesehen von wiederkehrenden Versuchen, die (japanische) Popkultur zu dämonisieren und zu pathologisieren, werden Mangas in den Traktaten von Medien-Theoretikern und Experten häufig als Vehikel für einen globalen Paradigmenwechsel mobilisiert. Douglas Rushkoff verschwendet in "Children of Chaos" immerhin nicht weniger als 15 Seiten um die Nachkriegs-Geschichte von Manga nachzuerzählen. Die von ihm als Screenagers identifizierte Generation habe nicht nur die Zukunft im Gesicht, sondern auch die entsprechenden Medien in der Hand (u.a. Manga) - die Renaissance einer von Kindern verwalteten Pop-Kultur werde uns durch die sinnentleerte und kraftlose Wüste neuen Horizonten entgegenführen.

Katsuhiro Otomo war als Macher von "Akira" im Ausland lange Zeit synomym mit Manga - Anime, Animation und Manga verschmolzen in der westlichen Wahrnehmung fälschlicherweise zu einem Konstrukt

Filmtheoretiker David Brodwell sieht, wie letztens bei einem Vortrag im Berliner Arsenal, ein komplementäres Szenario aufkommen. Er spricht von einer Orientalisierung der globalen Kultur, von einem Prozess, in dem immer mehr Elemente aus der asiatischen Gegenwartskultur die Vormacht westlicher Codes durchdringen, um letztendlich Dominanz zu erringen. Nintendo, Manga und Hong Kong-Kino - visuelle Medien, die nicht nur fröhlich am Konvergieren sind, sondern auch Manga in den verschiedensten Ausprägungen und Variationen denkbar erscheinen lassen.

"Manga" (sich zusammensetzend aus den chinesischen Zeichen man = "spontan, witzig" und ga = "Bild) scheint in der Tat überall auf: Wong Karwai-Filme wirken wie manga, auch den Streifen von Tsukamoto Shinya wird dies nachgesagt. Damit sind die Schnitttechniken gemeint (u.a. extreme Cut-Ups), außerdem Figuren und Themenwahl. Manga-like sind auch Fonts, Logos, Schriftzüge- und typen. Tomato, aber insbesondere Designers Republic haben Manga in diesem Kontext popularisiert. Auch manga-phile Icons werden gerne von Modedesignern auf T-Shirts oder von Spiel- und Interfacedesignern in der vernetzten Umwelt platziert. Man könnte auch die Verwendung von chinesischen bzw. japanischen Schriftzeichen dieser Faszination mit Form zurechnen. Was Manga (insbesondere inhaltlich) ausmacht, bleibt derweil diffus.

Mit "Akira", das in Japan als Serie ab Dezember 1982 in "Young Magazine" erschien, wurde vor fast zehn Jahren der Grundstein für den Manga-Boom im deutschsprachigen Raum gelegt.

Die Ausstellung im Ostasiatischen Museum will viele Vorurteile aus dem Weg räumen und präsentiert deshalb ein weites Spektrum an Arbeiten. Die stilistische Vielfalt soll heraus gearbeitet werden - das zentrale Motiv der Ausstellung ist Zeit. In den Vordergrund rücken häufig stille Arrangements, um zu zeigen, dass es sich bei Manga nicht nur um Bilderfolgen im Hochgeschwindigkeitstaumel handelt. Angesichts dieser Ansätze, die den Reichtum an Erzähltechniken im Manga thematisieren, hätte man sich auch eine historisch kritische Auseinandersetzung mit diesem Medium vorstellen können. Dass Manga auf die Holzschnittkunst des 19. Jahrhunderts zurückgeht, ist zwar eine durchaus gängige Lesart, doch fördert sie auch eine ideologisch gefärbte Rezeption.

Wer weiß, dass Japan nach dem zweiten Weltkrieg mit westlicher, insbesondere amerikanischer Popkultur überschwemmt wurde, also in einer Zeit, als Manga gerade dabei war sich durch Zeichner wie Osamu Tezuka und Kitazawa Rakuten in Form von fiktionalen Langformen des Story-Manga als Massenkultur zu etablieren, wird sich kaum vorstellen können, dass sich das Genre in dieser Phase ohne Einfluss von außen entwickelt hat. Nichts weniger als das Fantasma von kultureller Kontinuität klingt deshalb auch in diesem von der Japan Foundation initiierten Projekt an: Der Traum einer nationalen Kulturtradition, die schon in der Prämoderne postmodern war.

Kitano Takeshi hat diese Idee mal ironisch in einem seiner mangahaften Bilder verarbeitet: Zu sehen ist eine unbekleidete Yakuza-Gruppe. Die Mitglieder sind so dicht aneinandergerückt, dass die farbenfrohen Ganzkörpertatoos sich zu einem Bild zusammensetzen - ein Hauptmerkmal traditioneller Ästhetik denkt den Körper in Koexistenz mit der Umwelt, unterscheidet weder zwischen Figur und Grund, noch zwischen Innen und Außen.

Mit Hideaki Annos "Evangelion" änderte sich Mitte der 90er vieles im Manga-Universum: Das selbstreferentielle Werk ging zurück zu den Basics, verzichtete auf Photorealismus und Actionfilm-Dynamik

Solche formalen Elemente ziehen sich allerdings als Leitmotiv durch die gesamte visuelle Kultur, lassen sich u.a. auch in der Werbung wiederfinden. Ausserdem wäre zu untersuchen inwiefern die Präsenz solcher Methoden, einer momentbedingten Wiederkehr (etwa rückwärtsgewandte Nostalgie) verschuldet ist. Doch bleibt dazu wenig Gelegenheit, wenn es darum geht Manga museal zu würdigen. Die Akzeptanz dieses Genres mit Verweis auf Manga-Museen, Manga-Schulen und -Lehrstühle zu belegen, sprich, Manga als Hochkultur auszugeben, scheint dabei so gut gemeint wie verwirrend.

Manga ist nicht wegen dieser Vorstöße ein schillerndes Phänomen und so dermassen im Alltag des Durchschnitts-Japaners etabliert. Wichtiger scheint da die street-credibility: Von jung und alt gelesen zu werden - in überfüllten U-Bahnen auf endlosen Strecken zur Arbeit oder zur Schule, auf Klos, zu Hause: überall - dann irgendwo nicht weggeschmissen, sondern liegengelassen, um dann wieder von anderen Leseratten aufgegriffen zu werden: Der Manga-Kreislauf durchläuft alle Lebensbereiche und Altersgruppen und zwar nicht nur auf medialer Repräsentationsebene. Das Manga-Fieber spielt sich vielmehr auch auf haptischer Basis in den Händen aller Fans ab.

In "Evangelion" sind die minderjährigen HeldInnen oftmals wie paralysiert und haben einfach zu viel Zeit - inneren Monologen und Selbstzweifeln wird stattgegeben

Davon zeugt auch der große Schwarzmarkt an DIY-Produktionen - LeserInnen, die zu Manga-ZeichnerInnen geworden sind, Geschichten um- und weiterschreiben, ihre Produkte auch auf kommerzieller Basis erfolgreich feilbieten. Manga im Kunstkontext zu betrachten, wie dies auch ein Experten-Panel letztes Wochenende im Ostasiatischen Museum tat, kann demnach nicht nur ästhetische Belange zum Thema haben, sondern vor allem auch soziale. (Wer sorgfältig Anime, Animation und Manga auseinanderdifferenziert kommt übrigens zu einem ähnlichen Schluss).

Eine vom mittlerweile zu Weltruhm gelangten Künstler Takashi Murakami anfänglich mitinitiierte Galerie in Tokio hat eben auch dies gezeigt: Manga-AutorInnen wie Kyoko Okazaki im White Cube auszustellen, hat vor allem zum Ziel, ein Publikum der konzentrierten Betrachtung von Bildern zuzuführen, dem die ästhetische Wahrnehmung extrem unreflektiert von der Hand geht. Als Meilenstein des Kapitels "Manga im Kunstkontext" bleibt daher in Erinnerung, wie sich Mitte der 90er Tausende von Kids ihren Weg in den 10. Stock von einem Hochhaus in Shibuya bahnten und ihren Gang durch die erste Inkarnation von P-House machten. Eine Galerie hatten die meisten damals zum ersten Mal in ihrem Leben betreten...

Manga - Die Welt der japanischen Comics, bis 16. September im Museum für Ostasiatische Kunst. Lansstr. 8, 14195 Berlin

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