Der Luxus der Nichtfotografie

Idomeni 2016. Bild: R. Stumberger

Warum das Bild des Sozialen selten denen zugute kommt, die abgebildet werden - Ende der Fotografie 2

Heute ist Sonntag und ein seltsamer Frieden liegt mittags über dem Lager. Zwischen den aus alten Brettern und Decken zusammengeflickten Hütten und den bunten Kuppelzelten steigt ab und zu Rauch in den blauen, sonnigen Himmel auf, manche Familien kochen sich ihr Mittagessen auf improvisierten Feuerstellen selbst. Menschen kauern vor ihren Unterschlupf, Kinder spielen im Sand. "Hello Friend" ist ihr Standardsatz, wenn die Leute aus den NGOs vorbeigehen. Männer sind dabei, irgendwo Holz zu organisieren, sehr gefragt sind die Steckdosen in einem Raum des alten Bahnhofgebäudes, hier können die Akkus der Handys aufgeladen werden - sie sind eines der wichtigsten Dinge im Camp, um Informationen über die aktuelle Lage zu erfahren.

Mittlerweile hat sich auch ein Kleinstgewerbe etabliert, auf alten Pappkartons werden Öl, Zigaretten, Konservendosen und andere Lebensmittel zum Verkauf angeboten. Unter der noch milden Sonne bietet sich so das Bild eines anarchistisch-chaotischen, aber soweit friedlichen Campingplatzes. Ein Schein, der sich sehr schnell verflüchtigen kann.

Plötzlich stürmen ein paar junge Männer über die Gleise, bewaffnet mit Eisenstangen und Knüppeln und verschwinden hinter einem Gebäude. Doch der kurze Aufruhr ebbt wieder ab, ohne dass es zu einer Schlägerei kommt. Ich streiche mit meiner Kamera im April 2016 durch dieses Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, das dann im Mai geräumt wurde. Vorher waren die Bilder der hier hausenden Flüchtlinge um die Welt gegangen.

Hier ist alles, was der Fotograf braucht: Menschen, Szenen, Schicksale, Protest. Man kann sich in dem Lager frei bewegen, anders als in den vom griechischen Militär eingerichteten. Niemand hindert einen am Fotografieren. Ich habe die Hand an meiner Nikon, aber mir ist leicht übel. Ich will nicht das Objektiv auf diese Menschen richten, die hier ungeschützt den Blicken und der Wahrnehmung von Fremden ausgesetzt sind. Ich will nicht mehr an dieser Bildprojektion teilnehmen, die Welt mit Fotografien überschwemmen. Ich leiste mir den Luxus, nicht zu fotografieren. Eineinhalb Stunden lang.

Dann treffe ich auf den 22-jährigen Achmed. Er versucht, mit seinen Verwandten und Freunden im Lager irgendwie zu überleben. Zusammen mit seiner 34-jährigen Schwester Mahabad, deren vier Kinder und Ehemann ist Achmed aus dem Norden Syriens vor den Kämpfen geflohen, hier im Camp hat er Freunde gefunden. Kurden wie er, die aus dem irakischen Mosul geflohen sind.

Sie campieren nahe dem Grenzzaun. Metallisch glänzt er in der Sonne und im Stacheldraht hängen zerfetzte Wolldecken mit der Aufschrift des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nation und Reste von Kleidungsstücken. Ein verbeultes Blechschild trägt die Aufschrift "Staatsgrenze" und verweist mit einem Pfeil auf einen "Checkpoint" zur Registrierung, das Ganze auch in arabischer Schrift. Von einem Checkpoint ist allerdings nichts zu sehen, nur die Gleise, die hinüber nach Mazedonien führen. Quer über die Schienen versperrt ein schweres Eisengitter den Zugang, direkt dahinter ist ein Militär-Panzerwagen mit Tarnbemalung postiert.

Seit zwei Monaten lebte Achmed mit Verwandten und Freunden hier, tagsüber ist es heiß, die Nächte sind kalt, sagte er damals, als ich ihn interviewte. Wie viele andere auch hat Achmed Verwandte, die sich bereits in Deutschland aufhalten und dahin wollte auch seine Familie. Und nein, in die von der griechischen Regierung aufgestellten Camps wollten sie nicht, sie fürchteten, dass sie in die Türkei zurückgeschickt würden. Dabei wollen sie schon zurückkehren in ihre Heimat - wenn der Krieg vorbei ist. Und bis dahin? Was soll geschehen? "Wir warten hier, bis die Grenze aufgemacht wird", sagte Achmed damals im April.

Wo Achmed heute ist, weiß ich nicht, geblieben ist ein Foto. Ich habe dann doch fotografiert. Weil - ich lebe ja vom Journalismus. Und beim Betrachten des Bildes hat es mich schon wie ein Blitz getroffen.

Denn es erinnert mich an ein berühmtes Flüchtlingsbild, das vor 80 Jahren aufgenommen wurde. An einem kaltem Märztag 1936 fuhr die US-amerikanische Fotografien Dorothea Lange müde und abgespannt von einem Auftrag für eine staatliche Behörde zurück Richtung Norden. Sie hatte noch sieben Stunden Fahrt auf der nassen Landstraße vor sich und war in Gedanken bei ihrer Familie, als sie aus den Augenwinkeln heraus das Schild "Erbsenpflücker-Camp" wahrnahm.

Eines der Bilder, die dort entstehen, wird später hunderttausendfach in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern abgebildet und wird schließlich zu einer "Ikone" der sozialdokumentarischen Fotografie wie auch zum visuellen Symbol für das Amerika der Depressionszeit: Das Bild der "Migrant Mother", der "Heimatlosen Mutter". Dieses Bild stammt aus einer Serie von fünf Bildern, die Lange in dem Wanderarbeitercamp von Nipomo, Kalifornien, im März 1936 aufgenommen hat. Das Lager beherbergt sozial deklassierte Familien von Wanderarbeitern. Es sind Flüchtlinge aus dem Norden der USA, die dort vor Staubstürmen und sauren Böden geflohen sind.

Die Fotoserie scheint quasi als Vorlage für die heutigen Bilder aus Idomeni zu sein: Sie zeigt ein behelfsmäßiges Zelt vor dem Hintergrund mehrerer Bäume; im Zelt die Mutter sitzend mit dem Kleinkind auf dem Schoß, an ihrer rechten Seite stehen zwei weitere Kinder. Vor dem Zelt liegt ein Koffer, der Deckel leicht geöffnet, und in einem Schaukelstuhl sitzt ein verträumt und in sich versunken blickendes Mädchen, ein Teenager. Alle abgebildeten Personen blicken mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis direkt in die Kamera der Fotografin, die ähnlich schicksalshaft wahrgenommen zu werden scheint wie die Staubstürme, die Arbeitslosigkeit und das Elend der Unterkunft.

80 Jahre liegen zwischen den Fotos der Flüchtlinge in Nipomo und Idomeni, und nichts, aber auch gar nichts scheint sich geändert zu haben: Noch immer sind Menschen auf der Flucht vor dem Tod oder einem Leben, das keines ist. Noch immer blicken sie ungeschützt in die Kameras und werden von Fotografen abgelichtet. Und noch immer ändert sich dadurch wenig an ihrem Schicksal.

Die heimatlose Mutter lebte 1978 - inzwischen 75-jährig - in einem alten Wohnwagen in Kalifornien von Sozialhilfe. Und Achmed lebt inzwischen vielleicht in einem der vielen Flüchtlingscamps um Thessaloniki oder ist in die Türkei zurückgebracht worden. Das bittere Fazit scheint zu sein: Die sozialdokumentarische Fotografie ist noch mehr als wie je zuvor zu einem medialen Spektakel ohne Konsequenzen geworden.

Es folgt III: Das Super-Selfie und die Schnäppchenjagd

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