Der Macbeth-Effekt

Körperliche Reinlichkeit und saubere Moral

Pontius Pilatus wusch sich die Hände, um seine Unschuld am Todesurteil an Jesus zu verdeutlichen. Sich von seinen Sünden rein zu waschen, ist eine religiöse Vorstellung, die nicht nur das Christentum kennt. Verhaltensforscher sind nun der Frage nachgegangen, inwieweit moralische Vorstellungen und Reinigung des Körpers miteinander in Verbindung stehen – und siehe da, Menschen neigen eher zur Reinlichkeit, wenn sie sich moralisch beschmutzt fühlen.

In Shakespeares Stück Macbeth irrt Lady Macbeth, die Frau von Macbeth, die ihren Mann dazu anstachelte, Duncan (den König von Schottland) zu töten, um selbst den Thron zu besteigen, voller Schuldgefühle nächtens durch das Schloss. Sie wäscht sich immer und immer wieder die Hände, die in ihrer inneren Wahrnehmung blutbefleckt sind, wobei sie zu sich selbst spricht:

Wie, wollen diese Hände nimmer rein werden? (…) Das riecht immer noch nach Blut; alle Gewürze von Arabien können diese kleine Hand nicht anders riechen machen. Oh, oh, oh!

Nach Meinung der beiden Verhaltensforscher Chen-Bo Zhong von der University of Toronto in Ontario und Katie Liljenquist von der Northwestern University in Chicago erweist sich Shakespeare mit dieser Szene als wahrer Kenner der menschlichen Psyche – und Lady Macbeths Obsession stellt nicht nur zwanghaftes Verhalten dar, sondern könnte ihr tatsächlich ein wenig innerliche Erleichterung gebracht haben.

Beim Händewaschen verschwinden nicht nur die anhaftenden Keime, sondern auch ein Teil der Schuldgefühle (Bild: Science)

Die Wissenschaftler wollten es genau wissen und untersuchten, ob es wirklich möglich ist, sich von Sünden rein zu waschen. Unter dem Titel Washing Away Your Sins: Threatened Morality and Physical Cleansing veröffentlichen sie ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazin Science.

Viele Religionen kennen die Vorstellung einer rituellen Reinigung, von Bädern oder verschiedenen Formen des körperlichen Waschens. Christen und Sikhs praktizieren die Taufe als Aufnahmeritual in die religiöse Gemeinschaft, im Islam und im Hinduismus werden rituelle Waschungen unter anderem vor dem Gebet vorgenommen.

Offensichtlich ist das sich reinwaschen eine weltweit verbreitete Idee in menschlichen Köpfen. Auch in der Sprache spiegelt sich die Verbindung von Sauberkeit und Moral. Im Deutschen ist die z.B. die Rede vom reinen Gewissen, von schmutzigen (oder reinen) Gedanken oder einem unbeflecktem Ruf. Es ist möglich, sauber zu handeln oder vorzugehen, eine weiße oder saubere Weste zu haben oder sich von etwas rein zu waschen. Oder jemand hat eine Untat begangen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Aber gibt es einen Zusammenhang zwischen physischer und moralischer Reinheit, der sich im realen Verhalten heutiger Menschen nachweisen lässt? Chen-Bo Zhong und Katie Liljenquist wollten das genau wissen und untersuchten anhand einer ganzen Versuchsreihe bei Freiwilligen, ob erstens eine moralische Herausforderung zu einem verstärkten Bedürfnis körperlicher Reinigung führt und zweitens, ob körperliches Waschen bei moralischen Gefährdungen tatsächlich das Gewissen erleichtert.

Die Probanden sollten sich z.B. an eine unmoralische Handlung in ihrem eigenen Leben erinnern und dann Wort-Fragmente komplettieren. Die „Sünder“ neigten sehr viel stärker als die Vergleichsgruppe dazu, „saubere“ Begriffe wie Waschen, Dusche oder Seife zu wählen. Andere Versuchsteilnehmer schrieben handschriftlich eine Kurzgeschichte ab, die in der ersten Person erzählt war und von einer selbstlosen Tat oder einem unethischen Akt berichtete. Dann konnten sie aus einem Produktkatalog wählen, der sieben Dinge (von Nektar über Schokoriegel bis Zahnpasta) enthielt. Auch hier entschieden sich die Kopisten der „sündigen“ Storys signifikant häufiger für die Reinigungsprodukte. Zum gleichen Ergebnis kamen die Forscher bei der Variante, das Freiwillige an eine eigene unmoralische Handlung dachten und dann als Geschenk zwischen einem Bleistift und einem antiseptischen Erfrischungstuch wählen konnten. Die unmoralischen Kandidaten griffen sehr viel häufiger zum Erfrischungstuch.

Im letzten Studienteil beschrieben die Teilnehmer erneut eine eigene Untat und ein Teil von ihnen reinigte sich danach die Hände mit einem Feuchttuch. Diejenigen mit den so gewaschenen Händen waren anschließend wesentlich seltener bereit (41 Prozent), sich umsonst an einer weiteren Studie eines angeblich verzweifelt darauf angewiesenen Studenten zu beteiligen, als diejenigen mit ungewaschenen Händen (74 Prozent). Mit gereinigten Händen fühlten sich die Probanden offensichtlich moralisch besser. Die Wissenschaftler nennen das den Macbeth-Effekt. Sie kommen zum Fazit:

Es bleibt noch festzustellen, ob saubere Hände wirklich zu einem reinen Herzen führen, aber unsere Studien weisen daraufhin, dass sie zumindest zum Gefühl eines reinen Gewissens nach moralischen Verfehlungen beitragen.

Bezogen auf Lady Macbeth darf diese Erleichterung durch das Händewaschen bezweifelt werden, denn so wie Shakespeare sie beschreibt, leidet die ehrgeizige Dame an einer Zwangsstörung und bräuchte dringend eine Therapie. Aber im Fall von Pontius Pilatus könnte der Effekt funktioniert haben. Vielleicht hat er sich nach dem Händewaschen wirklich besser gefühlt und sich selbst ein bisschen mehr geglaubt, dass er „unschuldig am Blut dieses Menschen“ sei. (NT Matthäus 27). (Andrea Naica-Loebell)

Anzeige