Der Makel der sozialen Herkunft

Könnte eine Quote für Arbeiterkinder in Aufsichtsräten und Führungsetagen deutscher DAX-Konzerne Türen öffnen?

Deutschland ist eine klassenlose Gesellschaft. Wer es schaffen will, muss nur fleißig genug lernen. So zumindest lautet das immer wieder gehörte Mantra über die Aufstiegschancen in der Bundesrepublik. Die Realität gleichwohl lässt sich in nackte Zahlen fassen.

Von 100 Akademikerkindern schaffen 71 den Sprung an die Universität, von 100 Arbeiterkindern nur 24. Unzählige Studien, erstellt zwischen den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und heute, belegen: Über die Berufswahl entscheiden weniger die eigenen Fähigkeiten als vielmehr die eigene soziale Herkunft. Wer doch den sozialen Aufstieg versucht, stößt auf seinem Weg auf zahllose Hindernisse und nicht selten werden ihm von denen, die es bereits geschafft haben, noch zusätzliche Steine in den Weg gelegt.

Die Initiative ArbeiterKind.de versucht seit 5 Jahren junge Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten auf ihrem Weg nach oben die Steigbügel zu halten. Derzeit arbeiten etwa 5.000 freiwillige Mentoren für die Organisation. Sie fahren in Haupt- und Realschulen, um den Schülern zu zeigen, dass ein Weg an die Universität möglich ist und in vielen Städten treffen sie sich zu Stammtischen, um sich gegenseitig zu unterstützen.

"Wir führen immer wieder Diskussionen über die eigene Identität", sagt Katja Urbatsch, Gründerin von ArbeiterKind.de und erste Akademikerin ihrer Familie gegenüber Telepolis. Derzeit promoviert sie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Ausgebremst - Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt" hat sie über die unsichtbaren Hürden für Arbeiterkinder an deutschen Universitäten geschrieben.

Manchmal haben die Familien der Studenten kein Verständnis für den eingeschlagenen Bildungsweg. Manche haben den Kontakt abgebrochen, weil sie sich immer wieder für ihr Studium rechtfertigen mussten.

Doch nicht nur das Unverständnis der eigenen Familie sei ein Hindernis. "Für viele ist die Studienfinanzierung ein großes Problem." Arbeiterkinder wüssten oft nicht, welche Möglichkeiten es überhaupt gäbe, ein Studium finanziell abzusichern. Sie stellten vielfach gar nicht erst die Frage, ob es für sie möglich wäre ein Stipendium zu erhalten, obwohl gerade diese Form der Studienfinanzierung für sie besonders interessant ist.

Dazu kämen vielfach noch die Probleme an der Universität selbst. Während Kinder aus akademischen Familien ihre erste Hausarbeit einfach von ihren Eltern gegenlesen lassen könnten, seien Arbeiterkinder dabei auf sich allein gestellt. "Die Uni setzt oftmals viele Studienkompetenzen einfach voraus", sagt Urbatsch. Arbeiterkinder jedoch könnten zumindest einen Teil davon nicht so leicht erfüllen wie Kinder mit einer akademischen Sozialisierung. Die Stammtische von ArbeiterKind.de versuchen hier Hilfestellung in allen Lebenslagen zu geben.

Doch neben der ganz praktischen Arbeit zur Unterstützung studierender Arbeiterkinder versucht ArbeiterKind.de auch Einfluss auf Entscheidungen an den Universitäten selbst zu nehmen. So traf sich Urbatsch kürzlich mit der Hochschulrektorenkonferenz, um dort von ihren eigenen Erfahrungen und Problemen und denen ihrer Mitstreiter zu berichten: "Das Thema Studierende der ersten Generation steht jetzt auf der Agenda."

Ob ihre Arbeit in der Zukunft jedoch wirkliche Früchte tragen wird, wird sich noch zeigen müssen. Der Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann von der TU Darmstadt sagte gegenüber Telepolis:

In der Privatwirtschaft gilt das Prinzip der sozialen Gleichheit. 83 Prozent der Spitzenpositionen in der Privatwirtschaft stammen aus dem Bürger- oder Großbürgertum.

Heißt, selbst wenn es ein Arbeiterkind an der Universität geschafft haben sollte, steht anschließend immer noch der Makel der sozialen Herkunft im Wege. Der falsche Habitus für die angestrebte Position ist für viele eine nur schwer zu überbrückende Hürde. Nur in Organisationen, so Hartmann, mit einem stärkeren demokratischen Einfluss sei dieser Makel schwächer.

Je stärker der Einfluss der Bevölkerung auf eine Organisation ist, umso höher ist auch der Anteil der normalen Bevölkerung an deren Führungsebene.

Eine wirkliche Veränderung kann daher wohl nur auf politischer Ebene erreicht werden. Hartmann sagt: "Man müsste in allen Bereichen den Einfluss der Bevölkerung stärken, wie beispielsweise bei der Frauenquote." Eine Vorstellung, die derzeit sicherlich noch mit verständnislosem Kopfschütteln abgetan werden würde. Trotzdem könnte eine Quote für Arbeiterkinder in Aufsichtsräten und Führungsetagen deutscher DAX-Konzerne die Tür öffnen, die derzeit vielfach verschlossen bleibt, und so den Zugang für die unteren Schichten auf Dauer sichern.

Bis dahin bleibt den studierenden Arbeiterkindern erst einmal nur eines. Hartmann sagt: "Wirklich ausgleichen können Arbeiterkinder ihren anderen Habitus nicht, sie können den Unterschied jedoch verringern." ArbeiterKind.de "versucht, die schwersten Handicaps auszugleichen." Nicht ohne Grund hat die in Hamburger Gruppe von ArbeiterKind.de damit begonnen einen neuen Workshop auszuarbeiten. Der Arbeitstitel dafür ist Programm: "Pimp my Habitus".

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