Der Mann, der Donnerstag war - ein Albtraum

Über die Weihnachtsferien: Chestertons Mystery-Thriller als Fortsetzungsroman bei Telepolis

Vom literarischen Werk des britischen Journalisten und Autors Gilbert Keith "G.K." Chesterton (1874-1936) ist hierzulande vor allem die Father Brown-Serie bekannt, die jeweils mit Alec Guinness, Heinz Rühmann und Ottfried Fischer prominent verfilmt wurde. Im angelsächsischen Sprachraum verbindet man den Namen Chesterton vor allem mit seinem Mystery-Spionagethriller The Man Who Was Thursday: A Nightmare aus dem Jahr 1908, der etliche Autoren beeinflusst hat.

In dieser Geschichte, die Telepolis nun in deutscher Übersetzung als Fortsetzungsroman bringt, geht es um einen Literaten, der von der Londoner Polizei als V-Mann für eine neue Spezialeinheit zur Terrorabwehr angeworben wird. Die Polizei schleust ihn undercover in eine Untergrundorganisation europäischer Anarchisten ein, die von sieben Intellektuellen geführt wird. Die Männer benennen sich konspirativ nach den Wochentagen. Kopf der Bande ist der mysteriöse "Sonntag", der Bombenattentate plant und Verräter in den eigenen Reihen aufspürt.

Doch in dem geheimnisvollen Zirkel ist nichts, wie es scheint. Niemand weiß, wer tatsächlich Anarchist, wer Doppelagent, vielleicht sogar Dreifachagent oder gar etwas ganz anderes ist. Zudem erschweren sich die Ermittler ihre Arbeit durch religiös beteuerte Schwüre. Als ein Anschlag beim Besuch des russischen Zaren verhindert werden soll, kommt es zu rasanten Verfolgungsjagden mit ungewöhnlichen Wendungen.

In jenem London nach der Jahrhundertwende hatten viele Bücherleser anarchistische Bombenattentate noch als Zeitungsnachrichten in Erinnerung. In den 1890er Jahren verwendeten Anarchisten den damals relativ neuen Sprengstoff Dynamit zur "Propaganda der Tat", um mit Attentaten auf Monarchen, Spitzenpolitiker und andere Machthaber die Massen "wachzurütteln". 1894 hatten Anarchisten den französischen Präsidenten Cranot und 1901 den US-Präsidenten McKinley erschossen, auf den deutschen Kaiser sowie die Könige von Spanien und Italien verübten sie erfolglose Anschläge.

Gilbert Keith Chesterton

Die geistigen Brandstifter machte man unter den Intellektuellen aus, wo sozialrevolutionäres Gedankengut wie Anarchismus und Marxismus gepflegt wurde. In einer Szene im Roman, in welcher der Literat von einem ungewöhnlich intellektuellen Polizisten als Undercover-Detektiv angeworben wird, bewertet der Polizist Philosophen als die viel gefährlicheren Verbrecher. Ein Dieb etwa achte im Prinzip das Eigentum, während es die Philosophen seien, die Eigentum gleich außer Kraft setzen wollten. Der Roman ist geprägt von philosophischen Diskussionen.

Vieles an Chestertons Roman mutet autobiografisch an. So führt die Hauptperson (wie Chesterton selbst) einen Stockdegen mit sich. Auch über Korpulenz verliert der stark übergewichtige Autor ein paar Zeilen. Chesterton selbst grübelte über Politik, Okkultismus und Religion und debattierte hierüber öffentlich kontrovers (etwa mit dem agnostischen Bürgerrechtler Clarence Darrow und seinen Schriftstellerkollegen H.G. Wells, George Bernhard Shaw und Bertrand Russel).

Aufgrund seines später erfolgten Übertritts zum Katholizismus und seiner religiösen Schriften wurde Chesterton vom Papst als einer der ganz wenigen Engländer posthum als "Verteidiger des Glaubens" geehrt. Seit August 2013 gilt er als Kandidat für eine Seligsprechung.

Zu Chestertons Fans gehörten etwa Franz Kafka, Robert Musil, Kurt Tucholsky, Ernst Bloch, Mahatma Gandhi sowie Hannah Arendt. Er soll auch die Schriftsteller C. S. Lewis, J.R.R. Tolkien und T.S. Eliot beeinflusst haben. Orson Welles faszinierte an Chestertons Thursday-Geschichte, dass die Handlung zu keinem Zeitpunkt wirklich voraussehbar war und er vertonte das Werk 1938 mit dem Ensemble seines Mercury Theater im Radio - zwei Monate, bevor Welles selbst die Welt mit seiner (nicht jedem als Hörspiel erkennbaren) Interpretation von Krieg der Welten verwirrte. Der prominente Wissenschaftsjournalist Martin Gardner kommentierte Chestertons metaphysischen Mystery-Roman 1999 in The Annotated Thursday.

Chestertons Geschichte über Literaten, die als Detektive eingesetzt werden, lag näher an der historischen Wahrheit, als man es vermuten möchte. So leitete von 1898 -1911 der vormalige Journalist und "Märchenerzähler" John Elbert Wilkie den vorgeblich zur Bekämpfung von Falschgeld gegründeten US Secret Service. Die hierdurch getarnte eigentliche Aufgabe des Secret Service bestand jedoch in der Vorfeldaufklärung zu geplanten Attentaten auf den US-Präsidenten. Hierzu bereiste Wilkie eigens Europa, um mit den dortigen Polizeichefs ein Netzwerk für Ermittlungen gegen Anarchisten zu knüpfen. Wilkies literarisches Talent bestand auch im Ersinnen von Schwarzer Propaganda, etwa während des Spanisch-Amerikanischen Kriegs.

Kreise von Intellektuellen wurden von Mächtigen stets als Brutstätte für Revolutionen oder Konterrevolutionen verdächtigt und durch Anwerben von V-Leuten infiltriert. Das Unterwandern oder gar Inszenieren von Geheimgesellschaften gehörte im 20.Jahrhundert zum Alltag von Geheimdiensten. Ein Jahr nach Chestertons Spionagethriller gelang es umgekehrt dem Autor William Le Queux mit seinem Verschwörungsroman Spies of the Kaiser (1908) eine Stimmung zu generieren, die zur Gründung des britischen Abwehrgeheimdienstes Security Service (MI5) führte. Die Erfolgsmeldungen in den ersten Jahren des Geheimdienstes dürften genauso ein Produkt der Fantasie gewesen sein wie die Geschichten Chestertons.

Teil 1: Die beiden Dichter von Saffron Park
Teil 2: Das Geheimnis des Gabriel Syme
Teil 3: Der Mann, der Donnerstag war (sic!)
Teil 4: Die Geschichte eines Detektivs
Teil 5: Das Festmahl unter hundert Ängsten
Teil 6: Entlarvt
Teil 7: Professor de Worms führt sich unsagbar auf
Teil 8: Der Herr Professor demaskieren sich
Teil 9: Der andere Bebrillte
Teil 10: Das Duell
Teil 11: Die Verbrecher machen Jagd auf die Polizei
Teil 12: Die ganze Erde in Anarchie
Teil 13: Haltet den Präsidenten!
Teil 14: Die sechs Philosophen
Teil 15: Der Anklagende

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