Der Mann, der Jack Carter erfand: Ted Lewis, Meister des Brit Noir

Get Carter

Ein Aufsatz in drei Teilen und mit einer Coda für Frau Monssen-Engberding - Teil 1

Die klassische Kriminalgeschichte zelebriert die Stabilität von Recht und Gesetz. Am Anfang wird jemand umgebracht, der Detektiv oder der Inspektor ermittelt, am Ende wird der Schuldige identifiziert und seiner Strafe überantwortet. Daneben gibt es die dunklere Variante, die wir im Kino aus dem Film noir kennen und in der Literatur aus den Büchern von Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Ross Macdonald, Jim Thompson und David Goodis. Es geht da nicht mehr so sehr um Recht und Gesetz, als vielmehr - als Ausdruck des Unbehagens an der Gesellschaft und ihrer Institutionen - um den Versuch, wenigstens vorübergehend so etwas wie Gerechtigkeit herzustellen. Das ist eine nicht undramatische Akzentverschiebung, mit der man sich besonders im Vereinigten Königreich, der Heimat des gepflegten Landhauskrimis, sehr schwer tat. Britische Vertreter des Noir-Romans, zumal solche mit literarischem Niveau, waren lange Zeit sehr selten bis nicht vorhanden. Derek Raymond brachte es mit seinen existentialistisch angehauchten "Factory Novels" zu einiger Berühmtheit, und nach ihm David Peace mit seinem "Red-Riding Quartet" genauso. Der Mann jedoch, den Peace und viele andere Autoren seiner Generation als eines ihrer wichtigsten Vorbilder nennen ist weitgehend unbekannt geblieben oder in Vergessenheit geraten. Eine Erinnerung.

Wer hätte das nicht schon mal erlebt. Man begegnet jemandem, der einem irgendwie bekannt vorkommt. Dann stellt sich heraus, dass es ein alter Schulfreund ist, den man seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat. Mit etwas Glück fand man den Menschen damals sympathisch und muss sich jetzt nicht fragen, wie das sein konnte. Mit weniger Glück konnte man den alten Freund noch nie leiden und will nur schnell weg, ohne dass es allzu peinlich wird. Vielleicht kommen unbestimmte Schuldgefühle in einem hoch, weil man früher, als Kind, ein paar Dinge gemacht hat, die einem später leid getan hätten, wenn man sie nicht verdrängt oder schlicht vergessen hätte - bis dieser alte Schulfreund auftauchen musste. So ähnlich ergeht es dem Photographen Peter Knott. Schwierig wird die Sache dadurch, dass Brian Plender, der alte Schulfreund, Knott in einen Autounfall verwickelt hat und im Kofferraum von Knotts Luxuslimousine eine Frauenleiche liegt.

Der von Plender absichtlich herbeigeführte Zusammenstoß eines brandneuen Mercedes und eines nicht mehr so neuen Opel Cortina spielt sich im Nordosten Englands ab. Das ist der Schauplatz von sechs der neun Romane, die Ted Lewis zwischen 1965 und 1980 veröffentlichte. Als Referenzpunkt ist immer London mitzudenken, wo Lewis’ bekannteste Figur - in Jack Carter’s Law (1974) - in einen Krieg der Unterwelt verstrickt wird. Die beiden anderen Romane sind nur deshalb nicht in Nordengland angesiedelt, weil Lewis die Handlung in Gegenden außerhalb des Vereinigten Königreichs verlegt hat: nach Mallorca in Jack Carter and the Mafia Pigeon (1977) und in das fiktive Amerika von Hank Janson und James Hadley Chase in Boldt (1976). Carter hat in London als Villain Karriere gemacht, als er für ein fatales Wochenende in seine Heimatstadt fährt (Jack’s Return Home, 1970). In GBH (1980) versteckt sich der Boss einer Londoner Gangsterbande in einem Haus am Strand im Norden Englands, wo er seinen inneren Dämonen begegnet, und auch Peter Knott hat eine Weile lang in London gelebt, ehe er nach Nordengland zurückkehrt, um da mit einer Vergangenheit konfrontiert zu werden, die seine Zukunft zerstören wird. Der reiche Süden und der arme Norden, soviel lässt sich schon aus der Konstruktion von Lewis’ Romanen ableiten, vertragen sich nicht gut miteinander.

Den Sturm zeichnen

Ted Lewis’ Kriminalromane sind, wie alle guten Krimis, Gesellschaftsromane. Die strukturelle Gewalt, die sich in einem auf sozialer Ungleichheit basierenden System äußert und von den Benachteiligten als solche erfahren wird, auch wenn kein Blut fließt, wird in eine explizite Form der Gewalt übersetzt, in Prügeleien, Einschüchterung und Mord. Lewis’ Gangsterbanden sind Wirtschaftsunternehmen mit Spezialisierung auf Geschäftsbereiche wie Glücksspiel, Prostitution und Pornographie, wo der Konkurrenzkampf besonders brutal (oder auch nur: brachialer als bei anderen, im Wettbewerb stehenden Unternehmen) ausgetragen wird. Die gesellschaftlichen Gegensätze in Lewis’ England, dem Mutterland des Manchester-Kapitalismus, finden ihre Entsprechung in der Geographie, im Großen wie im Kleinen. Der industriell geprägte Norden ist dem Süden gegenüber benachteiligt. Unten, im Schatten der Stahlwerke, liegen die Wohnquartiere der Arbeiter; oben, in der Heide, stehen die Häuser der Reichen. Wer den Aufstieg geschafft hat blickt hinüber auf die andere Seite des Flusses, wo er nicht wieder hin will, ohne sich doch ganz losmachen zu können. Regelmäßig führt der Weg zur Fähre, weil sich die Frage stellt, wer da wie vom einen Ufer zum anderen fährt.

Die letzte konkrete Ortsangabe, die wir auf Jack Carters Reise in den Norden erhalten, ist das seit der industriellen Revolution mit London durch eine Eisenbahnlinie verbundene Doncaster. Jack muss da umsteigen, um in seine Heimatstadt zu gelangen. Es ist leicht zu erraten, wohin er fährt: nach Scunthorpe im Nordosten (in der Grafschaft Lincolnshire), einem Zentrum der Stahlproduktion. Die Hinweise sind zahlreich. Eine der Figuren in Jack’s Return Home heißt Thorpe, Carter mischt sich auf der Flucht vor der Polizei unter die Fans des örtlichen Fußballvereins (Scunthorpe) United und so weiter. Lewis’ bevorzugter Schauplatz ist Humberside, die Gegend um das Mündungsgebiet des Flusses Humber, wo er sich gut auskannte. Mit den Eckpunkten Barton-upon-Humber sowie den weiter südlich gelegenen Orten Scunthorpe und dem im Roman erwähnten Grimsby lässt sich ein gedachtes Dreieck bilden, innerhalb dessen viele von Lewis’ Protagonisten unterwegs sind. Seine Bücher sind stark autobiographisch gefärbt.

Edward "Ted" Lewis war ein Einzelkind. Geboren wurde er am 15. Januar 1940 in Manchester. Sein Vater, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, wurde erst zur spürbaren Präsenz im Leben des Sohnes, als dieser sechs war. Wer die entwicklungspsychologische, sich auf die prägende Wirkung der frühen Kindheit konzentrierende Betrachtungsweise mag, wird hier schnell fündig werden. Das Selbstzerstörerische im Wesen des Ted Lewis könnte damit zu tun haben, dass der Vater bis 1946 abwesend und danach nicht so war, wie der Sohn ihn sich erträumt hatte. Die Beziehung war problematisch. Einige, die Ted gut kannten, sprechen von einem Vaterkomplex. Mit vierzehn Jahren fing er mit dem Trinken an, danach hörte er nicht mehr damit auf. Jo White, Teds Ex-Frau, gab nach seinem Tod ein Interview, in dem sie sich den Alkoholismus, der auch ihre Ehe zerstört hatte, als Ausdruck der Rebellion gegen den Vater erklärte, dessen Anerkennung der Sohn scheinbar dringend benötigt hätte, ohne sie je zu bekommen. Fest steht, dass in seinen Büchern immer und überall getrunken wird.

1947 zog die Familie nach Barton-upon-Humber, wo Teds Mutter einen Süßwarenladen betrieb. Sein Vater war in der Geschäftsleitung eines Steinbruchs in Melton Ross tätig, auf halber Strecke zwischen Scunthorpe und Grimsby - so wie der Vater von Victor Graves, dem Helden von The Rabbit (1975). Victor besucht eine Kunsthochschule, in den Sommerferien arbeitet er im Steinbruch. Man kann in ihm ein Selbstportrait des Autors als wütender, vom Elternhaus unverstandener junger Mann erkennen. Teds Eltern waren offenbar sehr streng und an kleinbürgerlichen Wertvorstellungen orientiert. Ihr Verständnis für die künstlerischen Ambitionen des Sohnes war begrenzt. Vielleicht wäre Ted Buchhalter im Steinbruch geworden oder etwas in der Art, und er hätte sich dann womöglich noch früher tot gesoffen, wenn da nicht Henry Treece gewesen wäre, sein Englischlehrer an der Barton Grammar School. Treece schrieb Gedichte und historische Romane über Wikinger und Kelten, die so erfolgreich waren, dass er es sich 1959 leisten konnte, aus dem Schuldienst auszuscheiden. Beide, der Lehrer und sein Schüler, werden heute in Barton mit Gedenkplaketten geehrt.

Ted (damals noch Edward) Lewis hatte immer seinen Block dabei, in dem er Beobachtungen notierte oder in Bildern festhielt. Brian Greene, der eine ganze Reihe von Texten über Lewis im Internet platziert hat und nach jetzigem Stand einer der beiden Autoren ist, von denen einer das erste Buch über ihn veröffentlichen wird, erzählt die Anekdote, in welcher der junge Edward bei einem Familientreffen plötzlich verschwunden ist. Sein Cousin Alf entdeckt ihn schließlich auf dem Dachboden, wo er hinaus auf den strömenden Regen blickt. Auf die Frage, was er da mache, erhält er die Antwort: "Drawing the storm". Den Sturm zeichnen, meint Greene durchaus zu recht, sei auch das gewesen, dem sich Lewis später, in seiner Kunst, gewidmet habe. Der Sturm, dem er sich da aussetzte, scheint ihn erst zerzaust und dann umgebracht zu haben. Ob die Kunst, die visuelle wie die mit den Buchstaben auf einem Blatt Papier, ihm dabei half, länger durchzuhalten oder ob er sich erst durch sie Dingen annäherte, die ihn kaputt machten, wird eine offene Frage bleiben.

Der Regen regnete

Henry Treece überzeugte Teds Eltern, dass das künstlerische Talent ihres Sohnes gefördert werden musste. Die Eltern gaben ihre Zustimmung eher widerwillig, und auch danach wuchs ihr Verständnis nicht, wie in The Rabbit nachzulesen ist. Ted besuchte vier Jahre lang die Hull School of Art and Design, spielte zu der Zeit Klavier in einer Jazzband und ging nach abgeschlossener Ausbildung nach London, wo er als Zeichner für Werbefirmen und Kinderprogramme der BBC und als Buchillustrator arbeitete. Daneben schrieb er seinen ersten Roman. All the Way Home and All The Night Through, erschienen 1965 bei Hutchinson, ist heute ein ebenso seltenes wie begehrtes Sammlerobjekt. Weil auch auf dem Markt für vergriffene Bücher Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, kann man sich Lewis’ Erstling kaufen oder aber eine Klassiker-Gesamtausgabe.

Lewis’ Debütroman habe ich vor ein paar Jahren mal gelesen, und wenn die Erinnerung nicht trügt, lohnt sich die Investition nur für Vollständigkeitsfanatiker. All the Way Home ist ein Erstling von der Sorte, den manch ein arrivierter Autor später lieber ungeschehen machen würde. Martin Compart zitiert Lewis’ Lektor mit den Worten: "Ted war einer der unmöglichsten und arrogantesten Menschen, die mir je begegnet sind. Er war vollkommen davon überzeugt, er sei der beste Schriftsteller, der je auf Erden gewandelt ist." Mag sein, dass er seine schwülstige Romanze tatsächlich gut fand. Vielleicht verbarg er hinter der zur Schau gestellten Arroganz seine Unsicherheit und Verletzlichkeit. Ich weiß es nicht. Sein Held heißt Victor Graves wie der Protagonist von The Rabbit, ist aber eine ungleich plattere Figur. Victor Nummer 1 besucht die Kunsthochschule, spielt in einer Band und verliebt sich in eine Frau, was Lewis zu Szenen und Dialogen inspiriert, auf die man gern verzichtet hätte. Diese meine Erinnerung deckt sich mit der Lektüreerfahrung derer, die das Buch ebenfalls gelesen haben. Im Feuilleton ist das der Punkt, an dem man konstatiert, dass da ein junger Autor seine Stimme sucht, diese aber noch nicht gefunden hat.

All the Way Home war literarisch wie kommerziell eine Enttäuschung. Lewis heiratete, wurde Vater, zog aufs Land (nach Essex), verdiente weiter Geld als Zeichner und Illustrator (beim Beatles-Animationsfilm Yellow Submarine überwachte er die Nachbearbeitung der Filmkader), hatte aber den Traum vom Schriftstellerberuf noch nicht aufgegeben. Wahrscheinlich waren es auch finanzielle Überlegungen (das gekaufte Haus war mit Hypotheken belastet), die ihn dazu brachten, es nach längerem Schweigen mit einem Krimi zu versuchen. Ein Schaden war das nicht, auch wenn er bei seinem bisherigen Verlag auf wenig Begeisterung stieß. Das von Hutchinson abgelehnte Manuskript landete schließlich beim Verlag Michael Joseph, wo ein Gutachter Lewis attestierte, dass er kein Englisch könne. Lewis’ Stil war an amerikanischen Hardboiled-Autoren wie Chandler und Hammett geschult, nicht an Agatha Christie. Das verstand nicht jeder. Am Ende nahm Michael Joseph das Buch trotzdem an, weil ein Lektor von dem Manuskript überzeugt war.

Jack’s Return Home ist um Klassen besser als die sehr bemühte Kunstschulromanze. Das Buch wirkt, als habe es ein ganz anderer Autor verfasst. Lewis soll ein Mensch gewesen sein, der elf Monate lang auf der faulen Haut lag, um dann, wenn er dringend Geld brauchte, in vier Wochen einen Roman zu schreiben (mit der Hand, in Schulhefte). Das war so oder es ist eine Legende. Überprüfen lässt sich, dass seine Bücher - auch die insgesamt weniger gelungenen - ab dem ersten Carter-Thriller sehr genau gearbeitet sind. Der lakonische Minimalismus ist das Produkt einer intensiven Schreibanstrengung. Schnell hingeschludert oder im Rausch des Schöpfungsakts zu Papier gebracht ist das nicht. Die romantische Vorstellung vom Künstler und seinem Werk war schon bei den Romantikern eine Illusion.

Leider hatte Lewis Pech mit der deutschen Übersetzung, die sich mir unverständliche Eingriffe erlaubt und selten den richtigen Ton trifft. Ich schreibe das hier trotz starker Beißhemmung. Mit solchen Urteilen trifft man oft Leute, die auch nur Opfer eines Kulturbetriebs mit unfairer Verteilung der dort zirkulierenden Gelder sind. Übersetzen ist ein schwieriges Geschäft und meistens miserabel entlohnt. Wer damit seinen Lebensunterhalt verdient, muss sich häufig zwischen Selbstausbeutung und dem kurzen Weg zur Abgabe des Manuskripts entscheiden. Literarische Feinheiten bleiben da häufig auf der Strecke. Andererseits wird eine Übersetzung nicht besser, wenn der Leser weiß, unter welch komplizierten Umständen sie angefertigt wurde. Der Käufer wird trotzdem mit einem Buch abgespeist, das nur einen sehr unzureichenden Eindruck vom Original vermittelt. Was mich stört, lässt sich an den ersten Absätzen ganz leicht zeigen. Das Original beginnt wie folgt:

The rain rained.
It hadn’t stopped since King’s Cross. Inside the train it was close, the kind of closeness that makes your fingernails dirty even when all you’re doing is sitting there looking out of the blurring windows. Watching the dirty backs of houses scudding along under the half-light clouds. Just sitting and looking and not even fidgeting.
I was the only one in the compartment. My slip-ons were off. My feet were up. Penthouse was dead. I’d killed the Standard twice. I had three nails left. Doncaster was forty minutes off.
I looked along the black mohair to my socks. I flexed a toe. The toenail made a sharp ridge in the wool. I’d have to cut them when I got in. I might be doing a lot of footwork over the weekend.

Die deutsche Übersetzung erschien 1971 in der eigentlich recht schönen, ansprechend ausgestatteten Thriller-Reihe des Fischer Verlags mit 70er-Jahre-Appeal:

Der Regen fiel und fiel.
Seit Euston hatte es nicht aufgehört zu regnen. Im Zug war es schwül - jene dumpfe Luft, die einem die Fingernägel schmutzig macht, auch wenn man bloß auf seinem Platz sitzt und durch die beschlagenen Fensterscheiben schaut. Man sieht die schmutzigen Hinterhöfe der Häuser unter den schwach erhellten Wolken vorüberhuschen. Man sitzt ganz still da und starrt aus dem Fenster.
Ich war allein im Abteil. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und die Füße auf die Sitzbank gelegt. Die Illustrierte kannte ich schon auswendig, und den ‚Standard’ hatte ich zweimal durchgepflügt. Ich besaß noch drei Glimmstengel, meine Station, Doncaster, war erst in vierzig Minuten fällig.
Ich schielte an meinem schwarzen Anzug runter auf meine Socken. Ich krümmte eine Zehe; der Zehennagel schnitt scharf in die Wolle. Ich würde mir die Nägel schneiden müssen, sobald ich in einer Bude gelandet war. Konnte leicht sein, daß ich über das Wochenende eine Menge Fußarbeit leistete.

Da stimmt nicht viel. "Der Regen regnete" ist nicht dasselbe wie "Der Regen fiel und fiel". Die Wortwiederholung ist eines von Lewis’ Stilmitteln (Achtung: Literatur!) und kein Fehler eines unbeholfenen Schülers im Erlebnisaufsatz, den der Deutschlehrer zu korrigieren hat. Bei Lewis konkretisiert der zweite Satz den ersten. In der Übersetzung erfährt man im ersten Satz, dass es Dauerregen gibt und im zweiten gleich noch einmal. Diese Art von Redundanz hätte Lewis sich nicht geleistet.

"In a thin glass please", I said.

Rätselhaft ist der Ort, an dem Carter den Zug besteigt. Euston ist nicht weit von King’s Cross entfernt (dazwischen liegt das Britische Museum). Zuerst dachte ich, der Übersetzer hat den einen Bahnhof mit dem anderen vertauscht, weil Übersetzer oft seltsame Dinge machen. Damit habe ich ihm Unrecht getan. Es gibt englischsprachige Ausgaben mit Euston und solche mit King’s Cross. Warum das so ist, entzieht sich derzeit meiner Kenntnis. In den meisten Thrillern, die man so liest, wenn man sich an den Bestsellerlisten orientiert, wäre es ganz egal, ob einer von Euston oder King’s Cross aufbricht, von Buxtehude oder von Timbuktu. Lewis’ erster Carter-Roman hat eine so dichte Struktur und ist so voller Anspielungen, dass es nicht egal ist. Ich zitiere hier aus der ersten Taschenbuchausgabe (Pan Books) von 1971, weil Jack da vom Bahnhof meiner Wahl losfährt. Die Hauptverbindungslinie zwischen London und dem Nordosten beginnt in King’s Cross, nicht in Euston. King’s Cross ist der Bahnhof von Alexander Mackendricks The Ladykillers (1955), was der Filmfan Ted Lewis sicher wusste (und Carter eine Warnung hätte sein können) und ein wichtiger Knotenpunkt im interplanetaren Verkehrssystem von Dr. Who, der später im Roman noch erwähnt werden wird (dass Harry Potter einmal von King’s Cross aus ins Internat fahren würde, konnte Lewis nicht ahnen). Dies alles mit der Einschränkung, dass es doch Euston sein könnte.

Aus dem Schneider ist der Übersetzer damit nicht. Zwischen beschlagenen und sich beschlagenden ("blurring") Scheiben besteht ein Unterschied, weil es da um die Vermittlung einer Stimmung geht wie bei den Wortwiederholungen, die der Übersetzer (oder sein Lektor?) so wenig mag wie allzu kurze Sätze (aus "close" und "closeness" wird "schwül" und "dumpfe Luft"). Bei sich beschlagenden Fenstern muss sich ein Autor auch nicht automatisch fragen lassen, wie sein Held da hinausschauen kann. Im Original sieht Carter die dreckigen Hinterseiten der vorbeiziehenden Häuser, keine schmutzigen Hinterhöfe. Das ist ein nicht unerheblicher Unterschied. Begleiterin der Industrialisierung und eines kaum gezügelten Wirtschaftsliberalismus war die Eisenbahn. Im England des 19. Jahrhunderts zogen Hunderte von Eisenbahngesellschaften ihre Schienennetze wie eiserne Adern durch das Land, um Menschen und Rohstoffe in die Wirtschaftszentren zu bringen. Dabei gab es auch Verlierer: Zum Beispiel Leute, die direkt an der Bahnlinie wohnen mussten, weil sie sich nichts anderes leisten konnten - schon gar nicht die Übernachtung in einem der Luxushotels, die an den Londoner Endbahnhöfen gebaut wurden.

Carter fährt nicht mehr mit der Dampflokomotive nach Doncaster, aber diese Zeit lag damals noch nicht so lang zurück (siehe die Eisenbahnbrücke in The Ladykillers). Mag sein, dass die Bewohner ihren Hinterhof sauberer halten sollten, falls sie einen haben. Lewis aber teilt uns mit, dass die Wände dieser Häuser schwarz sind, weil die Eisenbahn vorbeifährt. Das ist der Auftakt einer Reise in die englische Klassengesellschaft, in der die einen den Dreck abkriegen, dem die anderen ihren Reichtum verdanken (ein sehr gutes Buch über die Eisenbahn und das England des 19. Jahrhunderts ist Dombey and Son von Charles Dickens). Enden wird die Reise in einer Stadt der Hochöfen und auf dem Gelände einer jener alten Ziegeleien, deren hohe Schornsteine nichts Gutes für diejenigen verhießen, die in der falschen Richtung wohnten.

Der allein im Abteil sitzende Carter hat nicht seine Schuhe ausgezogen, sondern seine Slipper ("slip-ons" - in England traditionell mit der Oberschicht assoziiert, seit ein Schuster für King George VI. einen Schuh ohne Schnürsenkel angefertigt hatte). Er trägt auch nicht einfach einen schwarzen Anzug, sondern einen schwarzen Anzug aus Mohair, einer hochwertigen Naturfaser. Für einen wie ihn sind solche Details extrem wichtig. Man kennt das von Filmfiguren wie Tony Camonte (Paul Muni in Scarface) und von Tom Powers (James Cagney in The Public Enemy) oder von F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby. Der Gangster, der es in seinem Wirtschaftszweig nach oben gebracht hat, demonstriert seinen Erfolg durch die Anschaffung teurer Anzüge und anderer Konsumgüter. Carter möchte ein Villain mit Stil sein und hat kulturell dazugelernt. Er würde niemals die zwei Dutzend identischen Maßhemden im Kleiderschrank vorführen wie seine amerikanischen Vorbilder, weil das ordinär wäre. Aber der dezente Hinweis auf die Slipper und den Mohair-Anzug, der will schon sein.

Get Carter

In Scunthorpe angekommen, wird Carter ins "George" gehen und an der Bar ein Bier bestellen, das er aus einem dünnwandigen Glas statt einem groben Krug trinken will, was einiges Stirnrunzeln hervorruft. So soll es sein. Jack Carter hat es in London zu etwas gebracht und trinkt nicht mehr aus dem gleichen Glas wie die Leute, die hiergeblieben sind und zu denen er einst gehörte. Im Zugabteil wird das vorbereitet. Wer die Slipper und die Naturfaser entfernt, beschädigt die Figur und die literarische Qualität des Textes. Beschädigt wurde in Deutschland auch die Verfilmung von Mike Hodges. Ein Banause (um es freundlich zu sagen) hat beim Erstellen der Synchronfassung die Bar-Szene herausgeschnitten. Damit wurden die Industriearbeiter entfernt, in deren Kreis Carter sein Bier trinkt und der Mann mit den sechs Fingern an einer Hand. Mutationen dieser Art waren in den Industrierevieren recht häufig. Solche Details erzählen ihre eigenen Geschichten - oder eben nicht, weil ein Ignorant sie amputiert hat.