Der Mann, der vor Computern warnt

"Permanente Ablenkung"

Welche Entwicklungen halten Sie für besonders fragwürdig?
Werner Seppmann: Die Liste ist fast unendlich lang. Von besonderer Bedeutung sind die negativen Auswirkungen der Digitalisierungsprozesse auf die Subjektverfassung und das Alltagsgeschehens, zu denen eine Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit und einer neuartigen Faktengläubigkeit gehören. Es findet aber auch ein schleichender Realitätsverlust und eine manipulative Beeinflussung des Denkens bei entgrenzter Computernutzung statt.
Denken wir nur an die Auswirkungen permanenter Ablenkung, wenn ein Text mit vielen Links versehen ist. Texte mit Verweisungen auf andere Texte und Quellen, Erklärungen und Informationen - als Hypertext glorifiziert - gelten als große Errungenschaft der Internets. Der Text soll lesbarer und zugänglicher, sein Verständnis gefördert werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Entsprechende Studien zeigen, dass sowohl die Leseleistung reduziert wird, als auch das inhaltliche Verstehen abnimmt, wenn der Nutzer mit einer entgrenzten Informationsflut konfrontiert wird und er von einem Informationsangebot zum anderen springt.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang von psychischen und intellektuellen Regressionsprozessen. Was ist darunter zu verstehen?
Werner Seppmann: Nicht nur der Form nach, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht, geht es um die Rückbildung, wenn nicht sogar den Verlust der Fähigkeit eines subtilen Verständnisses von Texten und sozio-kulturellen Zusammenhängen. Der Datenstrom stimuliert in günstigen Fällen zwar auch neue Gedanken und Assoziationen, aber er formt auch den Prozess der Wahrnehmung und des Denkens in einer Weise, dass die Veränderungen den Charakter eines kulturellen Paradigmenwechsels haben. Denn diese Konsequenzen sind keine temporären Episoden: Onlinelesen fungiert sehr oft (natürlich nicht in allen Fällen!) als Gegensatzprinzip zu einer intellektuell stimulierenden, Zusammenhänge verstehenden Textaneignung, weil eine ständige Ablenkung durch Links und Werbebanner, Videos und Bilder im Text das strukturierende Prinzip sind.
Weil die Nutzer der "Zusatzmöglichkeiten" immer wieder auf andere Seiten gelockt werden, wird verhindert, dass sie das Wesentliche überhaupt noch in den Blick zu bekommen. Es werden Barrieren aufgebaut, die verhindern einen Sachverhalt zu durchdringen. Immer mehr Nutzer klagen darüber, dass es ihnen immer schwerer fällt, bei der Sache zu bleiben und sich auf längere Passagen konzentrieren zu können.
Pädagogen müssen gegenwärtig mit Erschrecken feststellen, dass durch die Dominanz der Computertechnologie auch die Kulturtechnik der handschriftlichen Artikulationsfähigkeit verloren geht. Mittlerweile können schon Millionen von der Tastatur der elektronischen Apparate geprägten Kinder nicht mehr ausdauernd und leserlich schreiben.
Einige Schulbehörden haben schon vor dem Druck dieser problematischen Realität kapituliert und beschlossen, in den Schulen nur noch das Schreiben in Druckbuchstaben vermitteln zu lassen. Das hat eine fatale Konsequenz, die in der Zerstückelung und Fragmentarisierung von intellektuellen Prozessen besteht, weil Gehirnverknüpfungen ausbleiben, die das Denken stimulieren und für die Entwicklung von Phantasiepotenzialen unerlässlich sind.
Bleibt von den Chancen und Vorteilen des Computers Ihrer Einschätzung nach überhaupt nichts übrig?
Werner Seppmann: Die Frage kann jeder beantworten, nachdem er sich mit den konkreten Wirkungsweisen einer intensiven und alternativlosen Nutzung der "Geistesmaschinen" beschäftigt hat. So gilt das Internet zwar nicht zu unrecht als durch Medien erweiterte und intensivierte Kommunikation. Aber es gibt eine problematische Kehrseite, die immer dominanter wird: Es ist eine technische Einrichtung mit bisher ungeahnten Manipulationsmöglichkeiten. Im Nebel der Anonymität des Netzes werden beispielsweise Einflusskampagnen zur politischen Meinungsbeeinflussung und Verhaltensteuerung organisiert. Mittlerweile auf automatisierter Grundlage.
Es werden sogenannte Twitter-Bots eingesetzt. Das sind Programme, die bei der Mail-Kommunikation das Verhalten echter Nutzer simulieren, um auf die Empfänger auf Grundlage ihres bisherigen Netzverhaltens und der Berechnung zukünftiger Reaktionswahrscheinlichkeiten in manipulativer Absicht einzuwirken. Schon 30 Prozent der Twitter-Beiträge (vorsichtig geschätzt) sollen von solchen Automaten stammen. Wahlen in den USA werden durch sie ebenso beeinflusst, wie in Europa das Konsumentenverhalten gesteuert. Aber auch Denunziationskampagnen werden mit diesen "Kommunikations"-Automaten ebenso organisiert, wie gegenwärtig nach eigener Aussage Wahlkampfinitiativen der AfD.
In welchem Sinne prägt der Computer die Lebensverhältnisse "in einer negativen Weise", wie Sie schreiben?
Werner Seppmann: Beispielweise dadurch, dass durch den Einsatz der Rechenautomaten in Kombination mit den mobilen Kommunikationsmitteln in vielen Lebensbereichen ein lebensfeindlicher Rhythmus erzwungen wird. Die unmittelbare Ausdrucksformen dieses Prozesses ist der Zwang zu immer beschleunigteren Reaktionen und die Bewältigung gleichzeitiger Aufgaben.
Multitasking wird letzteres auf Neudeutsch genannt. Es würde ohne die Verallgemeinerung des Internet auch die Zunahme der Arbeit auf Abruf in der gegenwärtig dramatischen Weise nicht geben. Es wird durch die "normative Kraft" (mit ihrem Prinzip ständiger Erreichbarkeit) der Smartphone- und der Internetkommunikation ein Rhythmus durchgesetzt, dem zu folgen für die betroffenen Subjekte immer anstrengender und zermürbender wird.
Aber schon durch die "normale" Kommunikationspraxis (es soll nicht wenige Menschen geben, die nachts aufstehen, um ihren Mail-Eingang zu kontrollieren) wird die Wahrnehmung und das Verhalten vieler Menschen mit dem Nonstop-Betrieb der globalisierten Produktions- und Zirkulationsprozesse des entgrenzten Kapitalismus synchronisiert. Die sofortige Reaktion auf eine Mail ist zum normativen Zwang geworden. Es hat sich eine Tendenz zum permanenten Funktionieren als Gegensatzprinzip zum rhythmischen Verlauf menschlichen Lebens mit seinen Tätigkeits- und Ruhephasen durchgesetzt.
Durch die technologisch determinierte Formierung der Computer-Anwendung wird ein besonders intensiver Eindruck einer Zwangsläufigkeit erzeugt, die nicht mehr in Frage gestellt wird: Die Verantwortlichkeit für Entscheidungen wird der formalisierenden Apparatur übertragen. In vielen Bereichen von Bürokratie und Administration fungiert der Satz nicht als Metapher, sondern ist als Feststellung einer vermeintlichen Faktizität gemeint, wenn gesagt wird, dass "der Computer so entschieden" habe.
In solchen Reaktionsmustern wird deutlich, in welchem Maße die Computerverwendung abstrakt-präjudizierend wirkt, sie die Nutzer davon entwöhnt, überhaupt noch alternative Möglichkeiten in Betracht zu ziehen oder nach den Gründen von Entscheidungen und Entwicklungen zu fragen.
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