Der Mann, der vor Computern warnt

"Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit"

In welchem Sinnen sprechen Sie von einer neuen Form sozialer Absonderung?
Werner Seppmann: Besonders negative Konsequenzen hat die mittlerweile zum Standard gewordenen manische Nutzung der digitalen Handys, die ja mittlerweile zu Taschencomputern mutiert sind. Für viele ist der Smartphonegebrauch wichtiger als ein unmittelbarer Weltzugang und die personenbezogene Kommunikation geworden. An fast jedem Familientisch kann beispielsweise eine neue Form der Beziehungslosigkeit beobachtet werden, weil jeder auf das Smartphone-Display starrt und sein Gegenüber mit Missachtung straft.
Alle Untersuchungen, die sich mit den sogenannten "Neuen Medien" beschäftigen, dokumentieren darüber hinaus eine Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit, die mit einer normativen Bedenkenlosigkeit korrespondiert, wie die zunehmenden Hasstiraden im Netz zeigen.
Meine Erfahrung ist, dass das Internet auch neue Informationschancen bietet …
Werner Seppmann: Das ist prinzipiell richtig, aber eben nur prinzipiell. Denn bei der "Informationsarbeit" am Computer kommt ja nicht die tatsächlich existierende informative "Grenzenlosigkeit" und "Vielgestaltigkeit" des Internet-Netzes zur Geltung. Prägend sind vorrangig die selektierenden Organisationsprinzipien der Suchmaschinen. So ist mittlerweile offenkundig, dass die Reihenfolge von Suchergebnissen auf die Meinungsbildung einen entscheidenden Einfluss haben.
Die den Suchvorgängen zugrunde liegende algorithmischen Programme verstärken jedoch Mehrheitsmeinungen und verdrängen Ansichten von Minderheiten, denn als Suchergebnis wird vorrangig das präsentiert, was schon auf großes Interesse (das oft durch Einflussinitiativen stimuliert wurde) gestoßen ist. Hinzu kommt, dass die meisten Nutzer in der Regel nur die ersten beiden Einträge (die zumeist auch noch kommerzielle Schaltungen sind) zur Kenntnis nehmen. Das wird systematisch ausgenutzt. Alleine schon dadurch wird wirksam der Möglichkeit vorgebaut, dass alternative Ansichten sich in einer relevanten Intensität zur Geltung bringen können.
Es ist also gar nicht nötig, dass Inhalte verfälscht oder verzerrte und sachwidrige Behauptungen verbreitet werden. Es reicht aus, dass nur bestimmte Sichtweisen in der Vordergrund gerückt werden und kritische Sachverhalte im rauen und grauen Meer der Informationen untergehen. Eine Konsequenz dieses Informationsimperialismus ist der allmähliche Verfall eines kritischen Realitätsbildes, weil es eine wirkungsmächtige Tendenz gibt, das netzvermittelte "Wissen" (das mittlerweile fast einen Monopolstatus besitzt) für bare Münze zu nehmen. Man googelt, ohne die tatsächlich vorhandenen Informationsmöglichkeiten auszuschöpfen, lässt sich von der vermeintlichen "Vielfalt" blenden, ohne dem Aspekt der Verlässlichkeit noch besondere Achtung zu schenken.
Welche Konsequenzen hat das Ihrer Meinung nach für die Nutzer?
Werner Seppmann: Durch die herrschenden Formen der Computernutzung (nicht nur durch die Google-Dienste) werden neuronale Umbau- und Rückbildungsprozesse in Gang gesetzt: Es verändern sich die kreativen, zum Selbstdenken unverzichtbaren Regionen des Gehirns. Es schwindet auch die Fähigkeit zur Konzentration und zur Unterscheidung, aber auch das Erkennen von Zusammenhängen und Beziehungsverhältnissen bildet sich strukturell zurück. Hinzu kommt, dass das Internet in vielen Fällen die Orientierungen eines herrschenden Geistes verstärkt. Es existieren regelrechte Wiederholungseffekte des Aufgeschnappten, wodurch die "Öffentliche Meinung" zu einer Karikatur ihrer selbst geworden ist.
Die Multiplikationswirkung eines herrschenden Geistes durch digitale Kommunikationsprozesse wurde durch das Projekt eines "Sozialen Netzwerkes" deutlich, das seine Teilnehmer aufgefordert hatte, favorisierte Bilder zu verbreiten. Das Ergebnis war - anders als erwartet - keine Vervielfachung und Intensivierung ästhetischer Erfahrungen, weil in der Mehrzahl bloß jene Bilder weitergeleitet wurden, die man selbst im Rahmen dieses Projekts erhalten hatte. Es fand mit Ausweitung des Kreises der Beteiligten eine zunehmende Konzentration auf ein immer engeres Spektrum von Bildern statt. Die intendierte Seh- und Erlebniserweiterung endete in einer medialen Kreisbewegung, in der Verbreitung des Immergleichen.
In dieser Episode spiegelt sich eine verbreitete Konsequenz des digitalen Kommunikationsmodus; durch sie wurde deutlich, dass die "Sozialen Netzwerke" intellektuelle Gleichschaltungsmaschinen sind, die manipulative Wirkungen haben, weil sie standarisieren und homogenisieren. Verstärkt wird ein verbreiteter Konformismus, und gefördert wird eine latente Bereitschaft, sich noch bereitwilliger den Mehrheitsmeinungen und Einstellungstrends anzuschließen, als es sowieso schon geschieht.
Meine Erfahrung ist, dass das Internet für mich ein unverzichtbares Rechercheinstrument darstellt …
Werner Seppmann: Diese positiven Seiten existieren natürlich. Das Internet kann für den Nutzer eine intellektuelle Goldgrube sein. Aber er muss schon Vorkenntnisse haben, wissen, was er sucht. Sind diese Kompetenzen nicht vorhanden, verliert er sich in den "Weiten des Netzes", die sehr oft unwirtliche Wüsten sind; und er wird im unmittelbaren Sinne des Wortes geführt (und oft auch verführt). Zunehmend auch durch durch rechtsextreme Einflussinitiativen, die sich geschickt der netzspezifischen Manipuationsmöglichkeiten durch die Anonymität des Internet bedienen.
Können Sie das erläutern?
Werner Seppmann: Die rechten Netzaktivisten können sich bei ihrem Vorgehen hinter unverdächtigen Anliegen verbergen, um faschistoide Vorstellungen in die gesellschaftlichen Normalitätszonen einzuschleusen. Der Grundlage ihrer Manipulationsinitiativen ist die Vortäuschung falscher Identitäten. Diese Besonderheit der Internet-Kommunikation erleichtert es, Resonanz in einer "bürgerlichen Mitte" zu finden, das eigene Gedankengut auch in Kreisen zu verbreiten, die man sonst nicht erreichen würde.
Die rechten Propagandisten präsentieren sich beispielsweise in einem Diskussionsforum als "besorgte Bürger", die das neue Asylantenheim in ihrer Nachbarschaft thematisieren - und finden sofort Anschluss an Verunsicherte, die auch Angst vor einer "Überfremdung" (und den Wertverlust ihrer Immobilie) haben.
Aber könnten die Nutzer sich nicht den negativen Konsequenzen der digitalen Technologien durch einem reflektierten Umgang mit ihnen entziehen?
Werner Seppmann: Dem haben die IT-Multis schon durch die Schaffung psychischer Abhängigkeitsstrukturen vorgebaut: Besonders die digitalen Geräte, die im alltäglichen Einsatz sind (Smartphones, Tablets, Computerspiele), werden so programmiert, dass nicht nur einfach die Reaktionsmuster gesteuert, sondern auch suchtähnliche Verhaltensweisen hervorgerufen werden, wie in jedem öffentlichen Verkehrmittel beobachtet werden kann.
Dass viele Nutzer an ihrem elektronischen Gerät wie die Drogenanhängigen an der Nadel hängen, ist kein Zufall, sondern Absicht und bis ins Detail geplant. Es ist symptomatisch, dass im Silicon Valley mehr Psychologen als Informatiker beschäftigt sind.
Wie laufen die Beeinflussungsprozesse konkret ab?
Werner Seppmann: Die eingesetzten Programme sind so strukturiert, dass rationale Entscheidungsinstanzen unterlaufen werden. Das gelingt mit sichtlichem Erfolg: Die Nutzer (die ja bekanntlich immer jünger werden und folglich immer wehrloser sind) werden durch die Stimulierung von biochemischen Prozessen (durch Dopamin-Ausschüttungen werden "Glücksgefühle" hervorrufen) zur ständigen Beschäftigung mit den Smartphones animiert.
Systematisch werden Spannungsbögen aufgebaut, um ein Verlangen nach unverzüglicher "Bedürfnisbefriedigung" durch die Smartphonenutzung zu erzeugen. Aber gerade weil dies nie so richtig erreicht wird, bleibt der digitale Beschäftigungsdrang erhalten und verstärkt sich sogar.
Er sorgt dafür, dass die Nutzer sehnsüchtig auf den nächsten "Kick" durch eine eingehende SMS oder E-Mail warten. Daher der ständige Blick auf das Display des "Taschencomputers". Die "Internet-Wirtschaft" ist jedenfalls mit dem Begriff Beeinflussungs-Industrie noch verharmlosend beschrieben.

In Teil 2 des Interviews äußert sich Werner Seppmann über negative Auswirkungen der Computer-Technologie auf das Gehirn.

(Reinhard Jellen)

Anzeige