Der Mann, der vor Computern warnt

Grafik: TP

Ein Interview mit dem Soziologen Werner Seppmann - Teil 1

Computer sind 2017 ein so selbstverständlicher Bestandteil des Alltags wie Schuhe. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die vor ihnen warnen. Einer davon ist Werner Seppmann, der damit sogar ein ganzes Buch gefüllt hat: Die Kritik des Computers. Reinhard Jellen hat ihn interviewt.

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Herr Seppmann, Sie vergleichen die Auswirkungen der Computertechnik mit denen der Kernenergie. Halten Sie das nicht für ein wenig übertrieben?
Werner Seppmann: Nein. Zuallererst sollte uns zu denken geben, dass die Entwicklung des Computers von militärischen Interessen determiniert ist - und die Computer-Technologie diese Kainsmale immer noch mit sich herumschleppt. Der große Computer-Pionier und gleichzeitig unerbittliche Kritiker einer in ihren Konsequenzen unreflektierten Informatisierung, Joseph Weizenbaum, hat vehement darauf hingewiesen, dass der Computer nicht nur im Krieg geboren wurde, sondern dass fast alle Forschungen und Entwicklungen vom Militär präjudiziert wurden und heute noch werden. Alleine aus diesem Grund kann nicht gesagt werden, dass der Computer eine wertfreie Technologie wäre.
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Viele Entwicklungen geben berechtigen Anlass für Befürchtungen, dass die Computertechnologie den Menschen, ebenso wie die Atomkraft, aus der Hand gleitet. Damit meine ich nicht die phantastischen Geschichten, dass die Roboter die Menschen beherrschen würden. Das sind intellektuelle Geisterbahninszenierungen. Aber nicht zu unterschätzen ist das Gefahrenpotenzial bestimmter technologischer Verselbstständigungsvorgänge.
Können Sie das konkretisieren oder ein Beispiel dafür geben?
Werner Seppmann: Selbst Kommunikationsprozesse werden zunehmend automatisiert, so dass es immer häufiger geschieht, dass Computer stellvertretend für die Menschen untereinander kommunizieren. Oder denken wir an den vollautomatisierten Börsenhandel, in dem kontrollierende Instanzen, wenn die Programme einmal in Gang gesetzt sind, nicht mehr eingreifen können. Geradezu erschreckend sind die Perspektiven der Cyberkriegsführung, deren Grundlage destruktive Aktivitäten sind, also das Eindringen in gegnerische Netzwerke, die von überlebenswichtiger Bedeutung sind, um sie zu zerstören. Problematisch ist, dass durch die netzspezifischen Anonymisierungmöglichkeiten die Hoffnung bei den Aggressoren besteht, unentdeckt zu bleiben. Dadurch reduzieren sich jene Hemmschwellen, die so manchen konventionellen Krieg doch noch verhindert haben.
Aber noch aus einem anderen Grund drängt sich ein Vergleich mit der Atomenergie auf. Von ihren Protagonisten in den 50er und 60er Jahren wurden im Prinzip die gleichen Argumente benutzt, die wir heute auch von den Computerideologen hören: Mit Hilfe der Nuklear-Technologie ließen sich alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, alle kulturellen und zivilisatorischen Probleme lösen.
Die Grundtendenz des vorherrschenden "Atom-Bewusstseins" war eine grenzenlose Naivität. Ich erinnere mich an die Prognosen in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift Anfang der 60 Jahre, dass zukünftig nicht nur die Autos mit kleinen Atommeilern angetrieben würden, sondern im Haushalt auch die Staubsauger. Und das alles natürlich risikofrei und zu den minimalsten Kosten. Wir wissen, was daraus geworden ist.
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In der Durchsetzungsphase des Nuklear-Komplexes waren - gelinde gesagt - ebenso wie bei den IT-Technologien Mythos und Realität nicht deckungsgleich: Die Verbreitung der IT-Technologien ist in vergleichbarer Weise mit ideologischen Legitimationsformeln und mehr noch mit falschen Behauptungen umstellt.
Trotzdem werden die IT-Technologien von der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit immer noch positiv beurteilt …
Werner Seppmann: Das stimmt, aber das ist auch bei der Bewertung des Individualverkehrs der Fall. Obwohl seine problematischen Aspekte bekannt sind, ist das Auto immer noch affektiv besetzt. Natürlich deshalb, weil es größere und kleinere Vorteile bei Lebensgestaltung mit sich bringt und im Mittelpunkt vieler "Lebensträume" steht. Auch die verbreitete Haltung gegenüber dem Computer und dem Internet ist vorrangig Ausdruck der Tatsache, dass die Vor- und Nachteile ihrer Verwendung eng miteinander verbunden sind. Wer möchte schon auf die Hilfe des Internets bei der Bewältigung vielfältiger Alltagsprobleme, bei der Informationsbeschaffung und zunehmend auch beim Konsum von Unterhaltungsangeboten verzichten.
Deshalb wird bereitwillig verdrängt, dass für die Nutzung all dieser Dinge ein bemerkenswerter Preis in der Form des Verzichts auf informationellen Selbstbestimmung bezahlt werden muss. Wer bei Google surft, liefert sich den umfassenden Erfassungs-, Klassifizierungs- und den darauf aufbauenden Beinflussungsstrategien aus. Der Internetkosmos ist durch eine faustische Symbiose von Transparenz, die für den Nutzer verpflichtend ist, und Anonymität, der sich die Herren der erfassten Daten erfreuen können, geprägt.
Der Umfang der digitalen Ausspähung bleibt dabei ebenso im Dunkeln wie die Kriterien, mit denen die Unmengen von Daten, die der Nutzer selbst liefert bearbeitet und welche Schlüsse aus ihnen gezogen werden. Man erfährt als Betroffener nur, dass man nicht eingestellt oder der beantragte Kredit verweigert wird. Bei allen problematischen Aspekten muss immer berücksichtigt werden, dass die Entwicklung erst am Anfang steht und niemand wirklich weiß, wohin die Reise geht. An ein informationsgesellschaftliches Paradies als Zielpunkt kann nur glauben, wer von grenzenloser Naivität ist.
Nach ihren Ausführungen ist dieser Bereich der Ausspähung und informationstechnologischer Berechnung nur die Spitze des Eisberges...
Werner Seppmann: Das ist leider richtig: Die Digitalisierung hat viel weitgehendere Konsequenzen. Mit Hilfe der Netzinformationen werden beispielsweise soziale Selektionsprozesse organisiert: Internetrecherchen sind heute ein gängiges Mittel bei Einstellungsverfahren: "Das Netz vergisst nichts!" - und die Betroffenen wissen nicht, wer Informationen über ihn sammelt, welchen Wahrheitsgehalt und welche Konsequenzen sie haben.
Aber die Konsequenzen, mit denen ich mich vorrangig in meinem Buch beschäftige, gehen noch weiter: Computernutzung geht in nicht wenigen Bereichen mit dem Verfall von Fertigkeiten und auch intellektuellen Rückbildungsprozessen einher. Worum es geht, zeigt ein einfaches Beispiel: Wer sich nur auf das Navigationssystem seines Autos verlässt, verliert schleichend seine geographische Orientierungsfähigkeit.
Welche Entwicklungen halten Sie für besonders fragwürdig?
Werner Seppmann: Die Liste ist fast unendlich lang. Von besonderer Bedeutung sind die negativen Auswirkungen der Digitalisierungsprozesse auf die Subjektverfassung und das Alltagsgeschehens, zu denen eine Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit und einer neuartigen Faktengläubigkeit gehören. Es findet aber auch ein schleichender Realitätsverlust und eine manipulative Beeinflussung des Denkens bei entgrenzter Computernutzung statt.
Denken wir nur an die Auswirkungen permanenter Ablenkung, wenn ein Text mit vielen Links versehen ist. Texte mit Verweisungen auf andere Texte und Quellen, Erklärungen und Informationen - als Hypertext glorifiziert - gelten als große Errungenschaft der Internets. Der Text soll lesbarer und zugänglicher, sein Verständnis gefördert werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Entsprechende Studien zeigen, dass sowohl die Leseleistung reduziert wird, als auch das inhaltliche Verstehen abnimmt, wenn der Nutzer mit einer entgrenzten Informationsflut konfrontiert wird und er von einem Informationsangebot zum anderen springt.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang von psychischen und intellektuellen Regressionsprozessen. Was ist darunter zu verstehen?
Werner Seppmann: Nicht nur der Form nach, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht, geht es um die Rückbildung, wenn nicht sogar den Verlust der Fähigkeit eines subtilen Verständnisses von Texten und sozio-kulturellen Zusammenhängen. Der Datenstrom stimuliert in günstigen Fällen zwar auch neue Gedanken und Assoziationen, aber er formt auch den Prozess der Wahrnehmung und des Denkens in einer Weise, dass die Veränderungen den Charakter eines kulturellen Paradigmenwechsels haben. Denn diese Konsequenzen sind keine temporären Episoden: Onlinelesen fungiert sehr oft (natürlich nicht in allen Fällen!) als Gegensatzprinzip zu einer intellektuell stimulierenden, Zusammenhänge verstehenden Textaneignung, weil eine ständige Ablenkung durch Links und Werbebanner, Videos und Bilder im Text das strukturierende Prinzip sind.
Weil die Nutzer der "Zusatzmöglichkeiten" immer wieder auf andere Seiten gelockt werden, wird verhindert, dass sie das Wesentliche überhaupt noch in den Blick zu bekommen. Es werden Barrieren aufgebaut, die verhindern einen Sachverhalt zu durchdringen. Immer mehr Nutzer klagen darüber, dass es ihnen immer schwerer fällt, bei der Sache zu bleiben und sich auf längere Passagen konzentrieren zu können.
Pädagogen müssen gegenwärtig mit Erschrecken feststellen, dass durch die Dominanz der Computertechnologie auch die Kulturtechnik der handschriftlichen Artikulationsfähigkeit verloren geht. Mittlerweile können schon Millionen von der Tastatur der elektronischen Apparate geprägten Kinder nicht mehr ausdauernd und leserlich schreiben.
Einige Schulbehörden haben schon vor dem Druck dieser problematischen Realität kapituliert und beschlossen, in den Schulen nur noch das Schreiben in Druckbuchstaben vermitteln zu lassen. Das hat eine fatale Konsequenz, die in der Zerstückelung und Fragmentarisierung von intellektuellen Prozessen besteht, weil Gehirnverknüpfungen ausbleiben, die das Denken stimulieren und für die Entwicklung von Phantasiepotenzialen unerlässlich sind.
Bleibt von den Chancen und Vorteilen des Computers Ihrer Einschätzung nach überhaupt nichts übrig?
Werner Seppmann: Die Frage kann jeder beantworten, nachdem er sich mit den konkreten Wirkungsweisen einer intensiven und alternativlosen Nutzung der "Geistesmaschinen" beschäftigt hat. So gilt das Internet zwar nicht zu unrecht als durch Medien erweiterte und intensivierte Kommunikation. Aber es gibt eine problematische Kehrseite, die immer dominanter wird: Es ist eine technische Einrichtung mit bisher ungeahnten Manipulationsmöglichkeiten. Im Nebel der Anonymität des Netzes werden beispielsweise Einflusskampagnen zur politischen Meinungsbeeinflussung und Verhaltensteuerung organisiert. Mittlerweile auf automatisierter Grundlage.
Es werden sogenannte Twitter-Bots eingesetzt. Das sind Programme, die bei der Mail-Kommunikation das Verhalten echter Nutzer simulieren, um auf die Empfänger auf Grundlage ihres bisherigen Netzverhaltens und der Berechnung zukünftiger Reaktionswahrscheinlichkeiten in manipulativer Absicht einzuwirken. Schon 30 Prozent der Twitter-Beiträge (vorsichtig geschätzt) sollen von solchen Automaten stammen. Wahlen in den USA werden durch sie ebenso beeinflusst, wie in Europa das Konsumentenverhalten gesteuert. Aber auch Denunziationskampagnen werden mit diesen "Kommunikations"-Automaten ebenso organisiert, wie gegenwärtig nach eigener Aussage Wahlkampfinitiativen der AfD.
In welchem Sinne prägt der Computer die Lebensverhältnisse "in einer negativen Weise", wie Sie schreiben?
Werner Seppmann: Beispielweise dadurch, dass durch den Einsatz der Rechenautomaten in Kombination mit den mobilen Kommunikationsmitteln in vielen Lebensbereichen ein lebensfeindlicher Rhythmus erzwungen wird. Die unmittelbare Ausdrucksformen dieses Prozesses ist der Zwang zu immer beschleunigteren Reaktionen und die Bewältigung gleichzeitiger Aufgaben.
Multitasking wird letzteres auf Neudeutsch genannt. Es würde ohne die Verallgemeinerung des Internet auch die Zunahme der Arbeit auf Abruf in der gegenwärtig dramatischen Weise nicht geben. Es wird durch die "normative Kraft" (mit ihrem Prinzip ständiger Erreichbarkeit) der Smartphone- und der Internetkommunikation ein Rhythmus durchgesetzt, dem zu folgen für die betroffenen Subjekte immer anstrengender und zermürbender wird.
Aber schon durch die "normale" Kommunikationspraxis (es soll nicht wenige Menschen geben, die nachts aufstehen, um ihren Mail-Eingang zu kontrollieren) wird die Wahrnehmung und das Verhalten vieler Menschen mit dem Nonstop-Betrieb der globalisierten Produktions- und Zirkulationsprozesse des entgrenzten Kapitalismus synchronisiert. Die sofortige Reaktion auf eine Mail ist zum normativen Zwang geworden. Es hat sich eine Tendenz zum permanenten Funktionieren als Gegensatzprinzip zum rhythmischen Verlauf menschlichen Lebens mit seinen Tätigkeits- und Ruhephasen durchgesetzt.
Durch die technologisch determinierte Formierung der Computer-Anwendung wird ein besonders intensiver Eindruck einer Zwangsläufigkeit erzeugt, die nicht mehr in Frage gestellt wird: Die Verantwortlichkeit für Entscheidungen wird der formalisierenden Apparatur übertragen. In vielen Bereichen von Bürokratie und Administration fungiert der Satz nicht als Metapher, sondern ist als Feststellung einer vermeintlichen Faktizität gemeint, wenn gesagt wird, dass "der Computer so entschieden" habe.
In solchen Reaktionsmustern wird deutlich, in welchem Maße die Computerverwendung abstrakt-präjudizierend wirkt, sie die Nutzer davon entwöhnt, überhaupt noch alternative Möglichkeiten in Betracht zu ziehen oder nach den Gründen von Entscheidungen und Entwicklungen zu fragen.
In welchem Sinnen sprechen Sie von einer neuen Form sozialer Absonderung?
Werner Seppmann: Besonders negative Konsequenzen hat die mittlerweile zum Standard gewordenen manische Nutzung der digitalen Handys, die ja mittlerweile zu Taschencomputern mutiert sind. Für viele ist der Smartphonegebrauch wichtiger als ein unmittelbarer Weltzugang und die personenbezogene Kommunikation geworden. An fast jedem Familientisch kann beispielsweise eine neue Form der Beziehungslosigkeit beobachtet werden, weil jeder auf das Smartphone-Display starrt und sein Gegenüber mit Missachtung straft.
Alle Untersuchungen, die sich mit den sogenannten "Neuen Medien" beschäftigen, dokumentieren darüber hinaus eine Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit, die mit einer normativen Bedenkenlosigkeit korrespondiert, wie die zunehmenden Hasstiraden im Netz zeigen.
Meine Erfahrung ist, dass das Internet auch neue Informationschancen bietet …
Werner Seppmann: Das ist prinzipiell richtig, aber eben nur prinzipiell. Denn bei der "Informationsarbeit" am Computer kommt ja nicht die tatsächlich existierende informative "Grenzenlosigkeit" und "Vielgestaltigkeit" des Internet-Netzes zur Geltung. Prägend sind vorrangig die selektierenden Organisationsprinzipien der Suchmaschinen. So ist mittlerweile offenkundig, dass die Reihenfolge von Suchergebnissen auf die Meinungsbildung einen entscheidenden Einfluss haben.
Die den Suchvorgängen zugrunde liegende algorithmischen Programme verstärken jedoch Mehrheitsmeinungen und verdrängen Ansichten von Minderheiten, denn als Suchergebnis wird vorrangig das präsentiert, was schon auf großes Interesse (das oft durch Einflussinitiativen stimuliert wurde) gestoßen ist. Hinzu kommt, dass die meisten Nutzer in der Regel nur die ersten beiden Einträge (die zumeist auch noch kommerzielle Schaltungen sind) zur Kenntnis nehmen. Das wird systematisch ausgenutzt. Alleine schon dadurch wird wirksam der Möglichkeit vorgebaut, dass alternative Ansichten sich in einer relevanten Intensität zur Geltung bringen können.
Es ist also gar nicht nötig, dass Inhalte verfälscht oder verzerrte und sachwidrige Behauptungen verbreitet werden. Es reicht aus, dass nur bestimmte Sichtweisen in der Vordergrund gerückt werden und kritische Sachverhalte im rauen und grauen Meer der Informationen untergehen. Eine Konsequenz dieses Informationsimperialismus ist der allmähliche Verfall eines kritischen Realitätsbildes, weil es eine wirkungsmächtige Tendenz gibt, das netzvermittelte "Wissen" (das mittlerweile fast einen Monopolstatus besitzt) für bare Münze zu nehmen. Man googelt, ohne die tatsächlich vorhandenen Informationsmöglichkeiten auszuschöpfen, lässt sich von der vermeintlichen "Vielfalt" blenden, ohne dem Aspekt der Verlässlichkeit noch besondere Achtung zu schenken.
Welche Konsequenzen hat das Ihrer Meinung nach für die Nutzer?
Werner Seppmann: Durch die herrschenden Formen der Computernutzung (nicht nur durch die Google-Dienste) werden neuronale Umbau- und Rückbildungsprozesse in Gang gesetzt: Es verändern sich die kreativen, zum Selbstdenken unverzichtbaren Regionen des Gehirns. Es schwindet auch die Fähigkeit zur Konzentration und zur Unterscheidung, aber auch das Erkennen von Zusammenhängen und Beziehungsverhältnissen bildet sich strukturell zurück. Hinzu kommt, dass das Internet in vielen Fällen die Orientierungen eines herrschenden Geistes verstärkt. Es existieren regelrechte Wiederholungseffekte des Aufgeschnappten, wodurch die "Öffentliche Meinung" zu einer Karikatur ihrer selbst geworden ist.
Die Multiplikationswirkung eines herrschenden Geistes durch digitale Kommunikationsprozesse wurde durch das Projekt eines "Sozialen Netzwerkes" deutlich, das seine Teilnehmer aufgefordert hatte, favorisierte Bilder zu verbreiten. Das Ergebnis war - anders als erwartet - keine Vervielfachung und Intensivierung ästhetischer Erfahrungen, weil in der Mehrzahl bloß jene Bilder weitergeleitet wurden, die man selbst im Rahmen dieses Projekts erhalten hatte. Es fand mit Ausweitung des Kreises der Beteiligten eine zunehmende Konzentration auf ein immer engeres Spektrum von Bildern statt. Die intendierte Seh- und Erlebniserweiterung endete in einer medialen Kreisbewegung, in der Verbreitung des Immergleichen.
In dieser Episode spiegelt sich eine verbreitete Konsequenz des digitalen Kommunikationsmodus; durch sie wurde deutlich, dass die "Sozialen Netzwerke" intellektuelle Gleichschaltungsmaschinen sind, die manipulative Wirkungen haben, weil sie standarisieren und homogenisieren. Verstärkt wird ein verbreiteter Konformismus, und gefördert wird eine latente Bereitschaft, sich noch bereitwilliger den Mehrheitsmeinungen und Einstellungstrends anzuschließen, als es sowieso schon geschieht.
Meine Erfahrung ist, dass das Internet für mich ein unverzichtbares Rechercheinstrument darstellt …
Werner Seppmann: Diese positiven Seiten existieren natürlich. Das Internet kann für den Nutzer eine intellektuelle Goldgrube sein. Aber er muss schon Vorkenntnisse haben, wissen, was er sucht. Sind diese Kompetenzen nicht vorhanden, verliert er sich in den "Weiten des Netzes", die sehr oft unwirtliche Wüsten sind; und er wird im unmittelbaren Sinne des Wortes geführt (und oft auch verführt). Zunehmend auch durch durch rechtsextreme Einflussinitiativen, die sich geschickt der netzspezifischen Manipuationsmöglichkeiten durch die Anonymität des Internet bedienen.
Können Sie das erläutern?
Werner Seppmann: Die rechten Netzaktivisten können sich bei ihrem Vorgehen hinter unverdächtigen Anliegen verbergen, um faschistoide Vorstellungen in die gesellschaftlichen Normalitätszonen einzuschleusen. Der Grundlage ihrer Manipulationsinitiativen ist die Vortäuschung falscher Identitäten. Diese Besonderheit der Internet-Kommunikation erleichtert es, Resonanz in einer "bürgerlichen Mitte" zu finden, das eigene Gedankengut auch in Kreisen zu verbreiten, die man sonst nicht erreichen würde.
Die rechten Propagandisten präsentieren sich beispielsweise in einem Diskussionsforum als "besorgte Bürger", die das neue Asylantenheim in ihrer Nachbarschaft thematisieren - und finden sofort Anschluss an Verunsicherte, die auch Angst vor einer "Überfremdung" (und den Wertverlust ihrer Immobilie) haben.
Aber könnten die Nutzer sich nicht den negativen Konsequenzen der digitalen Technologien durch einem reflektierten Umgang mit ihnen entziehen?
Werner Seppmann: Dem haben die IT-Multis schon durch die Schaffung psychischer Abhängigkeitsstrukturen vorgebaut: Besonders die digitalen Geräte, die im alltäglichen Einsatz sind (Smartphones, Tablets, Computerspiele), werden so programmiert, dass nicht nur einfach die Reaktionsmuster gesteuert, sondern auch suchtähnliche Verhaltensweisen hervorgerufen werden, wie in jedem öffentlichen Verkehrmittel beobachtet werden kann.
Dass viele Nutzer an ihrem elektronischen Gerät wie die Drogenanhängigen an der Nadel hängen, ist kein Zufall, sondern Absicht und bis ins Detail geplant. Es ist symptomatisch, dass im Silicon Valley mehr Psychologen als Informatiker beschäftigt sind.
Wie laufen die Beeinflussungsprozesse konkret ab?
Werner Seppmann: Die eingesetzten Programme sind so strukturiert, dass rationale Entscheidungsinstanzen unterlaufen werden. Das gelingt mit sichtlichem Erfolg: Die Nutzer (die ja bekanntlich immer jünger werden und folglich immer wehrloser sind) werden durch die Stimulierung von biochemischen Prozessen (durch Dopamin-Ausschüttungen werden "Glücksgefühle" hervorrufen) zur ständigen Beschäftigung mit den Smartphones animiert.
Systematisch werden Spannungsbögen aufgebaut, um ein Verlangen nach unverzüglicher "Bedürfnisbefriedigung" durch die Smartphonenutzung zu erzeugen. Aber gerade weil dies nie so richtig erreicht wird, bleibt der digitale Beschäftigungsdrang erhalten und verstärkt sich sogar.
Er sorgt dafür, dass die Nutzer sehnsüchtig auf den nächsten "Kick" durch eine eingehende SMS oder E-Mail warten. Daher der ständige Blick auf das Display des "Taschencomputers". Die "Internet-Wirtschaft" ist jedenfalls mit dem Begriff Beeinflussungs-Industrie noch verharmlosend beschrieben.

In Teil 2 des Interviews äußert sich Werner Seppmann über negative Auswirkungen der Computer-Technologie auf das Gehirn.

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