"Der Mensch ist besser als sein Ruf"

Der Unternehmer Dennis Hack über seine gerade öffentlich gestartete Facebook-Alternative und die Schwierigkeiten, eine Öffentlichkeit zu finden

Herr Hack, Sie sind im Hauptberuf Geschäftsführer eines schwäbischen Familienunternehmens, das weltweit einer der Marktführer für Trampoline ist. Wie kommt man mit diesem Hintergrund auf die Idee, eine Facebook-Alternative auf die Beine stellen zu wollen?
Dennis Hack: Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Ich glaube, der Mensch ist viel besser als sein Ruf und da ich seit eh und je sehr internetaffin bin, war mir klar, dass die Echtzeitkommunikation hier enormes Potential bieten könnte, um den Menschen mit einem effektiven Online-Werkzeug zu unterstützen. Das funktioniert aber nur unabhängig, also nicht kommerziell, und es musste vor allem völkerverbindend und lösungsorientiert sein. So ist Human Connection mit der Uhr des Wandels und seinem Netzwerk entstanden.
Sie arbeiten bereits seit sechs Jahren mit einem Team an diesem Netzwerk. Worin bestehen die Schwierigkeiten?
Dennis Hack: Es gibt leider insgesamt noch wenig Bewusstsein für ein Netzwerk wie Human Connection. Der Großteil der Bevölkerung hat weder den Namen Human Connection noch Markus Fiedler jemals gehört. Jedoch hat zum Beispiel Markus Fiedler den wohl größten Skandal beim Monopolist digitaler Wissensnetzwerke aufgedeckt. Und hier kommen wir zu einem Problem: Wie kann es sein, dass zwar eine halbe Million Menschen den Film "Die dunkle Seite der Wikipedia" gesehen haben, aber dieser nirgendwo in der Presse erwähnt wurde? Gibt es Journalisten, die Angst bekommen? Angst ist wohl das größte Problem, denn es hemmt die Reichweite und ohne Reichweite keine neuen Spender und man kommt nur Schritt für Schritt voran und leidet somit ständig unter Unterfinanzierung.
Dann wären da noch Verleumdungen professioneller Sorte, sowie auch das plumpe Abstempeln als Verschwörungstheoretiker - "die waren doch beim bösen KenFM". Dazu die hohen Erwartungen, Misstrauen, viel Einarbeitungszeit, auf monetärer Ebene deutlich bessere Jobangebote für Programmierer anderswo, Krankheit, Mangel an Sorgfalt durch Unterbesetzung. Auf Entfernung zu arbeiten stellt hohe Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit aller Beteiligten. Zuletzt gibt es da noch meinen eigentlichen Hauptberuf als Geschäftsführer von Eurotramp; da ist auch nicht immer alles in Butter und das stellt mich in Summe vor ein kompliziertes Zeitmanagement.
Ende Oktober wurde nun eine öffentlich nutzbare Version vorgestellt, auf der sich jeder registrieren kann. Kurz gesagt: Was ist bei ihnen grundlegend anders, als bei den gängigen Portalen?
Dennis Hack: Unser Netzwerk ist quellcodeoffen, gemeinnützig und transparent. Es geht darum, dass wir unsere Lebenszeit zurückgewinnen und die Menschen in die Aktion bringen, sprich, wieder zurück ins echte Leben. Human Connection ist ein "Linux der sozialen Netzwerke" und wenn man sich die Mission anschaut, geht es um nichts geringeres, als die Probleme der Welt offen zu adressieren und sie friedlich zu lösen.

Moderation durch die Crowd

In einem Erklärvideo erwähnen Sie, dass die Moderation der Nutzerbeiträge bei Ihnen nicht durch Angestellte des Netzwerkes, sondern durch die Nutzer selbst erfolgen soll. Wie darf man sich das konkret vorstellen?
Dennis Hack: Kurz gesagt: Basisdemokratisch. Man macht einen - mit dem Gesetz in Einklang gebrachten - sogenannten Moderationsführerschein, ähnlich wie bei einer Fahrschule, nur online. Nach dem Abschließen aller Lektionen kann der angehende Moderator die theoretische Prüfung ablegen.
Wird ein Beitrag im Netzwerk gemeldet, werden über Zufallsauswahl zehn Moderatoren - die den Verfasser des gemeldeten Inhalts nicht kennen - gefragt, ob es sich um einen Verstoß handelt. Die meisten Fälle werden sehr eindeutig sein, jedoch werden unklare Fälle - wie zum Beispiel: fünf sagen ja, fünf sagen nein - nochmals bei erfahreneren Moderatoren zur Abstimmung gebracht. Können auch diese keine Eindeutigkeit feststellen, muss das Ganze dann wohl zur internen rechtlichen Prüfung. Alle bearbeiteten Fälle sollen dann später für die Moderatoren in einem Archiv aufrufbar sein, um die Moderation nach und nach einfacher und professioneller zu gestalten.
Finanziert ist dieses Programm leider noch nicht, jedoch wissen wir, dass es rechtlich möglich ist, es genauso zu machen. Diese basisdemokratische Form der Moderation ist bisher einzigartig und es bedarf der Programmierung einer kompletten Schulungsplattform sowie eines ganzen Systems innerhalb des Netzwerkes selbst. Dieser Traum ist momentan jedoch fern, solange wir uns nicht ordentlich finanzieren können und es eher um die Frage geht, wen man entlassen muss oder behalten kann. Derzeit haben wir einen Moderator angestellt, der davor bei einem ähnlichen, nur viel größerem Unternehmen angestellt war.
Während der Planung des Netzwerkes haben Sie auch mit mehreren Universitäten zusammen gearbeitet. Was ist dabei herausgekommen?
Dennis Hack: Letzten Endes hat sich bestätigt, wie attraktiv und notwendig Funktionen zur Förderung von guten Diskussionen und einer besseren Meinungsfindung sind, wie auch solche, die es den Nutzern ermöglichen, rasch etwas Gutes in der Welt bewirken zu können. Bei der Untersuchung waren die Highlights: CAN-DO, VERSUS, PRO-CONTRA-DISKUSSIONEN und der ACTION-BUTTON.
Was ist damit gemeint?
Dennis Hack: "CAN-DO" ist eine Aktions-Beitragsform, um etwa Do-it-Yourself-Anleitungen zu veröffentlichen, so dass jeder ganz einfach sofort etwas Gutes für sich, Mensch und Natur tun kann oder es bei Gefallen auf eine persönliche Liste setzt, um es später zu erledigen. Wenn ein Can-Do abgeschlossen wurde, markiert man es als solches und hat damit einen kleinen Meilenstein vollbracht. Damit füllt man eine ganz persönliche, nachhaltige Trophäensammlung.
"VERSUS" ist der Begriff für ein Gegenargument auf einen Beitrag eines anderen Nutzers. Per Zufallsverfahren gewählte Mitglieder bewerten dann nach basisdemokratischen Prinzipien die Stichhaltigkeit. Bei Human Connection möchten wir ALLE "Fake News" bestmöglich aufklären.
"PRO-CONTRA DISKUSSIONEN" sind ein sehr nützliches Werkzeug, damit wir all unser Wissen beitragen können und jeder sich eine möglichst eigene und differenzierte Meinung bilden kann. Wer braucht dann noch Kommentarspalten?
Mit dem "AKTIV WERDEN"-Button erhält man schließlich nach dem Lesen eines Beitrages Hinweise auf thematisch passende gemeinnützige Organisationen, Projekte und Can-Do's. Events und Gleichgesinnte lassen sich außerdem auf einer Karte anzeigen. Das heißt: Raus ins echte Leben! Eine Übersicht über die Basisversion mit allen geplanten, essentiellen Funktionen findet man hier.
Das Portal soll werbefrei sein. Wie finanzieren Sie sich?
Dennis Hack: Als gemeinnützige Organisation finanzieren wir uns natürlich durch Spenden. Momentan sind es knapp 2000 Menschen, die Human Connection mit einer monatlichen Spende unterstützen, sowie viele Einzelspenden und seit Ende Oktober gibt es auch das "Uhr des Wandels"-Partnerprogramm, bei dem auch kommerzielle Unternehmen mitmachen können, indem sie die völkerverständigende Idee von Human Connection bewerben. Jeder Bäcker, jeder Friseur, jede Bar, jedes Restaurant kann die Uhr des Wandels in Szene setzen.
Nochmals nachgefragt: In den großen Medien war bisher kaum etwas von Ihrer Idee zu hören. Angesichts der allgegenwärtigen Kritik an Facebook verwundert das. Machen Sie so schlechte Pressearbeit?
Dennis Hack: Ich denke eher, die Presse macht schlechte Arbeit. Aber, ja, wer weiß, vielleicht ist unsere Pressearbeit momentan gar nicht so gut, denn der Fokus liegt derzeit mehr auf unseren Unterstützern, die sich mit uns auf dem Weg zum Ziel nicht abhalten oder spalten lassen. Wir haben am 24. Oktober stolz auf die Eröffnung unseres Netzwerkes angestoßen und laden alle Menschen ein, sich bei Human Connection zu registrieren und uns bei Gefallen mit einer kleinen Spende zu unterstützen. Wahrscheinlich knacken wir diese Woche noch die 10.000-Nutzer-Marke.
Bei Fragen sind wir, nebst der Möglichkeit, uns eine Email zu schreiben, gerne auch in unseren öffentlichen Meetings für alle Interessierten und Journalisten da, um Rede und Antwort geben. Das ist übrigens auch einer der Gründe für Human Connection: Wir wollen wieder mehr miteinander sprechen und uns gegenseitig zuhören.

. (Paul Schreyer)