Der Militärbischof und der gerechte Krieg

"Highway of Death", Golfkrieg 1991. Bild: Tech. Sgt. Joe Coleman/gemeinfrei

Der frühere Pazifist Sigurd Rink votiert für Aufrüstung, militärische Auslandseinsätze und Wehrpflicht

Dr. Sigurd Rink übt als erster evangelischer Militärbischof der Bundesrepublik Deutschland sein Amt hauptamtlich aus. Er hat in diesem Jahr ein Buch "Können Kriege gerecht sein?" vorgelegt. Der Titel setzt ein Fragezeichen hinter den neuen Friedensdiskurs der Ökumene. So hat etwa der Papst im Buchgespräch mit Dominique Wolton bekräftigt: "Kein Krieg ist gerecht. Die einzig gerechte Sache ist der Frieden." Diese Feststellung wird hierzulande auch von mehreren evangelischen Landeskirchen sowie in bedeutsamen Entschlüssen der Ökumene auf weltkirchlicher Ebene getroffen.

Transparent ist die Tatsache einer Mitwirkung des Bundesministeriums für das Militärressort bei der Publikation des Militärbischofs. Sigurd Rink schreibt: "Ich danke der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums für die sehr genaue Durchsicht des Manuskripts, einen Faktencheck gleichsam. Das heißt nicht, dass wir in allem einer Meinung wären. Das wäre auch seltsam. Aber gewonnen hat das Buch durch die Zusammenarbeit, und Fehler, die sich dennoch eingeschlichen haben, nehme ich getrost auf mich."

"Selige Kriegsleute" - Luther als Ahnherr der R2P-Schutzverantwortung?

Eine Annäherung des ehedem pazifistischen Autors an staatsprotestantische Sichtweisen wird deutlich an den rundherum positiven Bezugnahmen auf Martin Luthers Schrift "Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können" aus dem Jahr 1526. Schon viele lutherische Christen hat dieses Werk zur Rechtfertigung von Tötungsakten betrübt - nicht nur wegen seiner grausamen Wirkungsgeschichte in der Geschichte unseres Landes. Stets legitimiert der Reformator allein die tötende Schwertgewalt von ganz oben nach unten - gegen die Untergebenen, denen nur das Erdulden ohne Widerstandsrecht zukommt.

Luther vergleicht die tötende Gewaltausübung des "rechtschaffen[en] und göttlich[en]" Soldatenstandes im Auftrag der von ihm als rechtmäßig qualifizierten Staatsobrigkeit mit dem vom Mediziner ausgeführten "Werk der Liebe": "Es ist so, wie wenn ein guter Arzt, wenn die Krankheit so schlimm und gefährlich ist, Hand, Fuß, Ohr oder Augen abnehmen und entfernen muss, um den Körper zu retten." Weil Gott ja selbst, wie der Reformator glaubt, der Obrigkeit das Schwert überreicht hat (Römerbrief 13), gilt: "Die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist dann auch nicht mehr eines Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert [sic!], enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine [Gottes! p.b.] Werke und sein Gericht."

Sigurd Rink will die aus seiner Sicht überzeugendsten Kapitel der Kriegsschrift Luthers so heranziehen, dass der Reformator zum Ahnherr einer - vorrangig militärisch gedachten - "Schutzverantwortung" (R2P) werden kann. Man muss zugeben, auf diese Weise hätten lutherische Kriegstheologen in der Geschichte nicht die Abgründe der nationalen und dann völkischen Kriegsdoktrin (zur Sicherung der "Lebensgrundlagen" des auserwählten deutschen Volkes) betreten können.

Schon auf der evangelischen "Militärseelsorge"-Synode 1957 wurden Zweifel laut, ob man Luthers Schrift dem Soldaten in einer atomar bewaffneten Armee empfehlen darf. Martin Luthers "gerechter Krieg" (aus Liebe) ist "ein kleiner, kurzer Unfriede, der einem ewigen, unermesslichen Unfrieden wehrt, ein kleines Unglück, das einem großen wehrt".

Was hat das nun aber mit einem militarisierten Weltgeschehen zu tun, das mittels totalitärer neuer Militärtechnologien den demokratischen Diskurs auf unserem Globus aus den Angeln hebt und in dem ein jeder - wie eh und je - seine geostrategisch und ökonomisch motivierten Militäraktivitäten als "Notwehrakte der Liebe" deklariert?

Was auch hat die schöne Lutherformel mit all den von Rink besichtigten Kriegsschauplätzen zu tun, die als "kleine, kurze Interventionen" begonnen haben und regelmäßig zu "unermesslichen" Endlos-Kriegen ausgewachsen sind? Es gilt, was der Militärbischof so ausdrückt: "Das zum Frieden mahnende Zeugnis der Kirche fruchtet nämlich nur dann politisch, wenn es der komplexen Realität gewachsen ist."

Ehrliche Mitteilung eigener Ratlosigkeit

Es sei nachdrücklich vermerkt: Militärbischof Sigurd Rink übt sich - fernab von etwaigen Unfehlbarkeitsansprüchen - in größter Demut: "Das Thema [Krieg und Militär] ist kompliziert und brisant. Meine Gedanken mögen manchem falsch und naiv erscheinen. Ich nehme dieses Risiko in Kauf und jede Unzulänglichkeit auf mein Konto." "Ist mein eigenes Fundament an Glaubensgewissheiten und Prinzipien stark genug, um eventuellen Versuchungen zu widerstehen? Würde ich als Pragmatiker und Verantwortungsethiker, als der ich mich inzwischen verstehe, klare Grenzen erkennen und benennen […]? Drohen auch meine Konturen zu verschwimmen?"

Das Zugeständnis, dass militärische, rechtserzwingende Gewaltanwendung im äußersten Fall legitim sein kann, birgt die Gefahr, dass sich ethische Maßstäbe abschleifen und nur noch eine militärische Logik nachvollzogen wird. Armeeangehörige, aber auch Militärseelsorger mitsamt ihrem Militärbischof sind immer wieder von dieser Versuchung bedroht.

Militärbischof Sigurd Rink

"Politik ist ein schwieriges, hoch komplexes Unterfangen. Sie ist immer Interessenspolitik, und einen Kräfteausgleich herzustellen ist eine Sisyphusarbeit", stellt Rink fest. Er fragt sich manchmal, frage wenn er sich mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr beschäftigt, "ob ich nicht schon abgestumpft bin, den Krieg als Realität akzeptiert habe und militärische Gewalt nicht mehr als die zwangsläufig Tod, Leid und Zerstörung bringende, unbedingt zu vermeidende Ausnahme betrachte". Afghanistan macht ihn ratlos, wie er gesteht: "Die Wirklichkeit ist immer zu komplex, als dass es ein eindeutiges Richtig oder Falsch gäbe, aber in Afghanistan ist die Lage besonders vielschichtig und verworren."

Alles ist also fürchterlich komplex und unübersichtlich. Doch wir werden sehen: Das Militärwesen hat - aus Sicht des Militärbischofs - trotz alledem unsere tatkräftige Solidarität verdient.

Der Völkermord in Ruanda als "Umkehrerlebnis"

Der Ausgang der 1992 als humanitärer Einsatz zur Lebensmittelversorgung begonnenen UN-Mission(en) in Somalia hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert Sigurd Rink in der Einschätzung bestärkt, "dass die UNO nicht die Institution der realisierten Moral" war, für die er "sie gern gehalten hätte".

In den entsprechenden Ausführungen wird aber nirgendwo deutlich, dass die beteiligten US-Einheiten die "Friedensmission" förmlich in einen Krieg umwandelten: Sie bombardierten z.B. eine Clanversammlung und jagten in Wildwest-Manier einen Milizenführer, dessen Stern u.a. infolge der Hilfsmaßnahmen längst gesunken war (dank der US-Strategen aber wieder zum Heldenhimmel aufstieg). Die aktionistischen US-Militaristen verlegten sich Anfang Oktober 1993 ohne Absprache auf ein Tagesabenteuer, das 18 jungen US-Amerikanern und vermutlich über tausend Bewohnern der Hauptstadt Mogadischu den Tod einbrachte.

Hier wurde uns drastisch vor Augen geführt, warum man keine Militärs bei Friedensmissionen und bei der Entwicklung rein polizeilicher Einsatzformen beteiligen darf. (Die überaus kostspielige Entsendung von 1.700 Bundeswehrsoldaten nach Somalia erschöpfte sich in ihrer "Sinnhaftigkeit" darin, deutsche Auslandseinsätze zu enttabuisieren; das Rote Kreuz konnte dagegen mit geringen Mitteln hernach wirklich helfen.)

Die in der Buchwerbung ins Zentrum gerückte Abkehr Sigurd Rinks vom Pazifismus erfolgte bald nach dem Somalia-Fiasko:

Angesichts des Völkermords in Ruanda hatte ich zu der Haltung gefunden, mit der ich zwanzig Jahre später das mir angetragene Amt des Militärbischofs annehmen und […] mit Sinn füllen konnte

Sigurd Rink

Es kann nun nicht erwartet werden, dass der ruandische Genozid an bis zu einer Million Menschen im Jahr 1994 sowie seine jahrzehntelange Vorgeschichte (mit vieltausend-, ja hunderttausendfachen Morden) in einem Buchkapitel ausführlich referiert wird. Rink beschränkt sich aber auch nur auf die Benennung des mit Macheten ausgeführten Völkermordes "vor den Augen der Weltöffentlichkeit" - unter gleichzeitigem Abzug eines Teils der UNO-Blauhelme vor Ort.

Das wiederum ist eine kaum angemessene Kurzform, da "Ruanda" doch - wiederholt - als Anlass für die "endgültig[e]" wie "prinzipiell[e]" Abkehr Rinks vom "Fundamentalpazifismus" und seine Hinwendung zu militärischen Strategien zur Sprache kommt.

Einige Stichworte wären schon angebracht gewesen: Die europäischen Kolonialmächte (Deutschland, dann Belgien) hatten je zu ihrer Zeit die sozio-ökonomischen Ausdifferenzierungen innerhalb der Bevölkerung des Landes in die Kategorien ihrer rassistischen Anthropologie gegossen, dann in "ethnischen Pässen" gleichsam festgeschrieben und sich wechselweise dienstbar gemacht. Vor der Zuspitzung verschlechterte sich die ökonomische Lage Ruandas, auch infolge der aggressiven - neoliberalen - Globalisierung.

Die Verabredungen und Einsatzbefehle zum Völkermord erfolgten u.a. durch Einheiten, die das den Hutu gewogene Frankreich bewaffnet und ausgebildet hatte, und in der "Breite" über den Äther. Technisch machbar gewesen wäre ein nicht-militärisches "Jamming"-Manöver gegen die Genozid-Kommunikation des Hetzradios. Dies hätte den Mordapparat förmlich "kopflos" gemacht und u.U. hunderttausende Menschenleben retten können. Doch hierzu fehlte 1994 der politische Wille!

Die Motive der Gleichgültigkeit im Vorfeld, als man noch hätte gegensteuern können, und während des sich bereits vollziehenden Massenmordens waren genau die gleichen: Afrikanische Menschenleben galten einfach nicht als eine wichtige Angelegenheit.

Wer "Ruanda" als Schlagwort gegen die Befürworter gewaltfreier Strategien anführt, suggeriert, ein "UNO-Krieg" hätte den Genozid stoppen können oder jedenfalls mehr Menschenleben gerettet als Menschentode verursacht. Doch die abgründige Erfahrung dieses lang angekündigten Völkermordes drängt gerade dazu, nichtmilitärische Infrastrukturen der Prävention und nichtmilitärische Instrumente des Reagierens im Krisenfall zu schaffen.

Wann das Konzept der Schutzverantwortung (Responsibility To Protect) überzeugen kann

Das 2001 erarbeitete und 2005 auch in einem UN-Dokument enthaltene Konzept der Schutzverantwortung (Responsibility To Protect, R2P) kann dann überzeugen, wenn es nicht mehr militärisch gedacht (bzw. durch Militär-Unlogik verdorben) wird.

Heute wissen wir, warum R2P in den Militärdoktrinen der mächtigen Staaten nicht vorkommt: Man will sich offenhalten, das "moralische Konzept" selektiv heranzuziehen, wenn dies bei einer Militärintervention gerade nützlich ist.

Auf der Basis der Menschenrechtsargumentation von R2P wäre es zwingend, z.B. auch eine völkerrechtlich verbindliche Verantwortung (Pflicht) zur Ernährung der Verhungernden (Responsibility To Feed), zur Rettung der Ertrinkenden oder zur Medikamentenversorgung von sonst totgeweihten Gruppen zu beurkunden. Der Vorzug auf diesen Gebieten liegt darin, dass man hier mit erprobten Mitteln, wissenschaftlicher Präzision und garantiertem Erfolg wirklich Millionen Menschenleben retten kann.

Doch "Teilen statt Töten" heißt die Devise auf dem Globus nicht. Ein Verantwortungsethiker muss aus dem gigantischen Ausmaß der Untätigkeit der Mächtigen bei Krisen, die ohne Militärkontext das grundlegende Menschenrecht auf Leben von Millionen betreffen, zwangsläufig schließen, dass es moralisch integre, überzeugende und uneigennützige Akteure für eine - als tauglich vermutete - R2P-Militärintervention am allerwenigsten gibt.

Die Lehre aus Ruanda lautet: Die Mächtigen dieser Welt, die mancher für von Gott legitimiert hält, wollen beim nächsten Völkermord wieder nur zuschauen oder - mit viel Schadenswirkung und ohne Nutzen für die Opfer - einfach Bomben abwerfen. Traurige Wahrheit ist nämlich, dass ein Vierteljahrhundert später immer noch keine nennenswerte "Infrastruktur" zur Prävention von Völkermord geschaffen worden ist.

Man unterhält einige experimentelle Spielwiesen für zivile Konfliktlösung, doch der Fluss der riesigen Geldströme in die Kriegsbudgets zeigt an, wo der eigentliche Geschäftsbereich - das Hauptgewerbe - liegt. Die Prioritäten der potenten Staaten sind klar. Obwohl man es nach Lektüre der Präambel des Grundgesetzes anders erwarten müsste, gibt es auch in Deutschland kein Friedensministerium.

"Tyrannenmord" in … Bagdad, Tripolis …?

Eine Neuordnung des gesamten Nahen Ostens - samt einer Kette von Regime-Auswechselungen - wurde in neokonservativen US-Denkfabriken schon vor den Terroranschlägen vom 11.9.2001 gefordert. Viele Millionen Menschen in aller Welt haben im Februar 2003 im Rahmen der bislang größten vernetzten Friedensdemonstration der gesamten Geschichte vorgetragen, der auf der Grundlage von Lügenkonstruktionen geplante Angriffskrieg gegen den Irak müsse auch deshalb unterbleiben, weil er eine ganze Erdregion in ein Pulverfass verwandeln werde.

Die US-Administration, die Verantwortung trägt für 1 Million Tote und die Entstehung von ISIS, lag sogar hinsichtlich der erwarteten Vorteile für die eigene Nation falsch. Die Menschen des globalen Friedensprotestes am 15. Februar 2003 lagen hingegen, wie jeder heute sieht, auf ganzer Linie richtig mit ihrer Einschätzung.

Die Bombardierung Libyens durch NATO-Staaten im Jahr 2011 - ohne deutsche Beteiligung - wird auch von vielen bürgerlichen Kritikern als völkerrechtswidrig eingestuft. Ihr gingen u.a. Kampagnenmeldungen über Verbrechen des Regimes voraus, die später nicht verifiziert werden konnten. Eine UN-Resolution wurde genutzt, um faktisch als bewaffnete Partei in den Bürgerkrieg einzugreifen und einen - aus geostrategischen wie ökonomischen Gründen gewünschten - Regimewechsel auf militärische Weise herbeizuführen.

Die informelle Bezugnahme auf das Konzept der "Schutzverantwortung" (R2P) hält keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand. Vielmehr zeigt der Kasus Libyen, wie lügnerisch und explosiv die militärische Version von R2P ausfällt. Das erste Ergebnis war ein weiterer zusammengebrochener Staat als Kampfplatz für Islamisten. Die verheerenden Folgen der NATO-Bombardements in Libyen - für ungezählte Menschen, die gesamte Region und Europa - gehen Jahr für Jahr mit größeren Leiden einher - bis zur Stunde.

Die Methode ist hinlänglich bekannt: Man sucht sich aus den zahllosen "Saddams" und "Gaddafis" dieser Erde, jeweils denjenigen heraus, der nicht mehr nützlich oder willig ist bzw. einer "Regionalen Neuordnung" etc. im Wege steht, und führt Krieg. (Die eigenen Folterkeller sind notwendig, die der anderen Werke des Teufels.)

Sigurd Rink nun schreibt vom Vorsatz der USA und williger NATO-Staaten, "in Libyen und im Irak die beiden irregeleiteten, brutalen Diktatoren […] vom Thron zu bomben und ihr Unterdrückungsregime gleich mit. Als Ultima Ratio gerechtfertigte Tyrannenmorde, könnte man meinen".

Er ist froh, dass Deutschland an diesen beiden "Tyrannenmorden" - mit Hunderttausenden Todesopfern - nicht beteiligt war und beschreibt die dramatischen Folgen. Es fehlt jedoch etwas.

Angriffskriege der USA und ihrer NATO-Verbündeten werden bei ihm nie im Klartext als Kriegsverbrechen benannt: Die Intentionen und Zielsetzungen des transatlantischen Komplexes sind doch eher menschenfreundlicher Natur, nur die Durchführung überzeugt nicht immer. Die Höflichkeitsformeln, mit denen westliche Interventionen kritisiert werden, möchte man fast zu einer Stilblütenlese zusammentragen.

Die Ausführungen des Militärbischofs zeugen von einem sehr hohen Maß an Loyalität zur NATO. (Es gibt daneben keine Grundsatzkritik des militärischen Denkens, die eine wirklich neue Perspektive eröffnet: jenseits mächtiger militärischer Interessensbündnisse, die die Anforderung eines Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit ja nie erfüllen können.)

Syrien

Sehr unklar fallen dann die Ausführungen zu Syrien aus, wo der Dürre-Periode 2006-2010 (Klimawandel: Ernteausfall, Viehsterben, Lebensmittelteuerung …) die ersten Unruhen folgten, die konkurrierenden Regionalmächte (je mit einer "Globalmacht" im Hintergrund) auf den Plan traten und dann ein ohnehin schon brutaler Bürgerkrieg durch interessegeleitete Einflussnahme von außen zu einer Hölle ohne Ende auswuchs. (Schließlich war die Gefahr groß, dass sich - nicht ohne Assistenz westlicher Akteure - auf dem Territorium eine Islamistische Terrorstaatlichkeit festsetzt.)

Sigurd Rink schreibt, die Weltgemeinschaft habe in Assads Syrien schon vor Bildung einer Anti-IS-Koalition versagt: "Man hatte zu lange weggeschaut, hatte aus eigenen Interessen einen Diktator gestützt und großes Unrecht hingenommen. Präventives Handeln gehört noch nicht zu den Stärken der Weltgemeinschaft."

Hier würden wir gerne mehr erfahren über Zeitpunkte, mögliche Akteure und Art der verpassten "Prävention". An ein "Immer weiter so" - also einen militärischen "Tyrannenmord" wie im Irak oder in Libyen - hat der Militärbischof doch wohl eher nicht gedacht.

Deutsche Auslandseinsätze - Afghanistan ohne Ende

Der deutsche Anteil an den Gewalt-Eskalationen im zerfallenden Jugoslawien und speziell an dem mit Assistenz der rot-grünen Regierung erfolgten NATO-Angriffskrieg 1999 wird in einer neuen Forschungsarbeit aus dem Potsdamer Zentrum der Bundeswehr gravierend eingeschätzt. Die der Öffentlichkeit in unserem Land mittels Fälschungen schmackhaft gemachten Bombenabwürfe haben im Kosovo keine "humanitäre Katastrophe" verhindert, sondern den Flüchtlingsströmen 1999 noch ein Fünffaches an Elend hinzugefügt.

Im Kosovo-Kapitel seines Buches vermittelt Rink, dass in dem instabilen Land, in dem seit 20 Jahren (!) auch Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind, von wirklichem Frieden noch immer keine Rede sein kann: Konfliktaustragung zwischen Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben mittels "Bombenanschlägen und Attentaten" (!), "Kriminalität und Korruption", ein immer noch lodernder staatlicher Konflikt zwischen Kosovo und Serbien sowie staatliche Strukturen, deren Stabilität bzw. Nachhaltigkeit nur schwer eingeschätzt werden kann. So das erste Lehrstück über Bomben: 1999 - 2019.

Ausführlich - und kritisch - erörtert der Militärbischof die Beteiligung des deutschen Militärs mit über tausend Soldaten an MINUSMA in Mali, das ist die "zurzeit gefährlichste Mission der Vereinten Nationen und der zweitgrößte Einsatz der Bundeswehr". Indirekt erschließt sich, dass die Gewalteskalation in Mali ab Anfang 2012 auch den Folgen der NATO-Bombardierung Libyens 2011 zuzurechnen ist.

Das in den Lineal-Grenzen Afrikas eingebrannte Kolonialregime der Europäer ist mitnichten Vergangenheit. Namentlich Frankreich verfolgt in Mali ganz eigennützig gravierende Rohstoffinteressen; auch die europäischen "Migrationspartnerschaften" mit afrikanischen Schwerpunktstaaten sind keine Werke der selbstlosen Nächstenliebe. Der Militärbischof kommentiert die NATO-Devise "Werte und Interessen" wie ein Realpolitiker:

Mag es auch den moralischen Wert einer Handlung schmälern, wenn mit dieser ebenso eigene Interessen verbunden sind, so kann eine solche Handlung dennoch legitim und sogar geboten sein.

Sigurd Rink

Zwei besondere Schwachstellen kommen im Mali-Kapitel zum Tragen: S. Rink sieht zwar das Ungleichgewicht der internationalen Organisation zugunsten der reichen Industrienationen und destabilisierende "Globalisierungseffekte", doch es kommt ihm nicht der Gedanke, der grassierende Staatenzerfall ("failed states") könne überhaupt systemisch zusammenhängen mit einer Wirtschaftsweise, die den ganzen Globus knebelt und nach Wahrnehmung des Papstes über Leichen geht.

Zum anderen staunt man, dass im Kontext der Sahelzone nicht nachdrücklich die infolge der Klimakatastrophe prognostizierte Explosion von Massenelend zur Sprache kommt. Die Unterbelichtung der ökologischen Frage ist überhaupt frappierend (Klimaflucht, Krieg um Wasser, militärische Umweltzerstörung …).

Insgesamt beleuchtet Rink den Mali-Einsatz kritisch. Die (u.a. im Sinne Frankreichs gestützte) Regierung taugt offenbar nicht viel. Keiner kann sagen, ob die militärischen Ausbildungsmaßnahmen und die - den Waffenschmuggel anheizenden - Rüstungslieferungen für Mali bald nicht doch wieder den Islamisten zugutekommen. Droht am Ende gar eine "Afghanistanisierung", also ein Militäreinsatz ohne Ende und Ausstiegsmöglichkeit? Das Schlussfazit des Militärbischofs fällt erstaunlich und mutig aus: Der "Sinn von MINUSMA" steht für mich "nicht infrage".

Kritisch gerät ihm auch das Kapitel über die "NATO in Afghanistan". Von Anfang an suggerierte der Westen nach dem US-Überfall des Landes, seine erwählten Verbündeten vor Ort seien nicht korrupt. (Das Gebiet wurde durch unsere Regierung vor einer Abschiebung von afghanischen Flüchtlingen unlängst als "sicher" deklariert, weil man sonst der Öffentlichkeit sagen müsste, dass die Lage dort nach fast zwei Jahrzehnten wirklich so schlimm ist wie allgemein angenommen.)

Die auf deutsches Geheiß hin erfolgte tödliche Bombardierung von über 100 Menschen, die der Militärbischof unter der Überschrift "Kundus-Affäre" behandelt, nannten auch Medien ohne kriegskritisches Profil ein Verbrechen. Deutsche Soldaten kämpfen gegen ein militarisiertes Gotteskriegertum, das der Westen in Kooperation mit verbündeten Ölmonarchen vor Jahrzehnten erstmals kreiert hat.

Der Krieg in Afghanistan erhält sich selbst nach einem ehernen Gesetz: durch systemische Korruption, Söldnerwesen, Waffenhandel und horrenden Profite (Kriegs- und Kriegsanhangs-Industrie, Wiederaufbaukonzerne, Drogenökonomien …). In zwei Jahrzehnten wurden von allen Akteuren so viele Milliarden für diesen Krieg ausgegeben, dass die Weltgesellschaft mit dieser Summe den Hunger in der ganzen Welt beenden oder eine restlose Umstellung auf erneuerbare Energien bewerkstelligen könnte.

Durfte man aus verantwortungsethischer Sicht so viel Geld ausgeben, um damit unermessliche Gewalteskalation, endlosen Tod, ungezählte Traumata und eine zerstörte Zukunft von Generationen zu verursachen? Darf man auf diese Weise, also mit der militärischen Methode, immer weitermachen? Wo ist etwas nicht schlimmer, sondern besser geworden in Afghanistan? Dazu mag Sigurd Rink im 19. Kriegsjahr nur ein einziges konkretes Beispiel nennen: "Besuchten unter den Taliban gar keine Mädchen die Schule, so sind es jetzt immerhin dreißig Prozent."

Die Leerstelle: Gewaltfreiheit und gerechter Frieden

Bereits 1990 hat die Ökumenische Weltversammlung von Seoul die nach 1945 erfolgte weltkirchliche Ächtung des Krieges konkretisiert durch ihr Grundsatzvotum für aktive Gewaltfreiheit. Aufgrund seines Irlands-Friedenseinsatzes in jungen Jahren wird Sigurd Rink mit dem Lebenswerk der weltweit engagierten Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan-Maguire vertraut sein.

Sie hat uns 2016 auf der Internationalen katholischen Konferenz "Nonviolence and Just Peace" im Einklang mit den Erfahrungen aller aus "Krisengebieten" angereisten Teilnehmer den Ausgangspunkt jeder realistischen Friedensarbeit auf dem Globus so zugesprochen: "Violence doesn’t work!" Das Buch "Why Civil Resistance Works: The Strategic Logic of Nonviolent Conflict" von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan gehört zu jenen Studien, die aufzeigen, wie erfolgreich aktive Gewaltfreiheit im Gegensatz zu militärischen Abenteuern ist.

Der Papst hat 2017 zu einem durchgreifend neuen Politikstil der Gewaltfreiheit aufgerufen. Christen in der Badischen Landeskirche wollen die herrschende Untätigkeit nicht länger ertragen und legen konkrete Vorschläge - nebst Zeitplan - vor, wie der Umstieg auf Friedenspolitik gelingen kann. 2019 verständigen sich die christlichen Friedensbewegungen unter dem Leitmotiv "Friedensklima" mit der jungen Generation, die unter Beifall der gesamten Wissenschaftselite kompetenter als die Spitzen der etablierten Politik die "Klimakrise" beleuchtet und nunmehr sieht, dass die Kriegsapparatur alle Prozesse zum Guten hin blockiert … Von all dem findet man im Buchessay von Sigurd Rink nichts.

So kann darin das ewig alte bzw. ewig neue Bild konstruiert werden, der Pazifismus sei eine gesinnungsethische "Außenseiterposition", die "sich aus allem heraushalten" mag, "keine Verantwortung übernehmen und sich nicht die Hände schmutzig machen" muss und "gleichzeitig das Treiben der anderen mit dem moralisch reinen Blick der Unbeteiligten" verurteilt - auf Deutsch übersetzt: Drückeberger. Als Domäne der gewaltfreien Christinnen und Christen erscheinen die Bespiegelung des eigenen "Gutseins" und das Nichtstun, welches sich nicht dafür einsetzen will, "dass die Erde ein bisschen weniger Hölle ist".

Sigurd Rink schreibt freilich selbst: "Gewalt ist die allerschlechteste Antwort auf einen Konflikt." Gegen die Position, dass Kriegsgewalt noch nie eine annehmbare Antwort und taugliche Lösung war, gibt es auch bei ihm keine empirischen Argumente.

Vor drei Jahrzehnten kam es in Europa zu einer Revolution, die den "Kalten Krieg" beendete und bei der kein einziger Schuss abgefeuert wurde. Alle Türen standen über Nacht weit auf, um eine "Friedensdividende" einzufahren und den Vorsatz der UN-Charta von 1945 in Verantwortung gegenüber künftigen Generationen - den noch nicht Geborenen - endlich wahr werden zu lassen. Im Handumdrehen diktierte jedoch eine ultimativ hochgerüstete Supermacht ihre Vorgabe, die Neue Weltordnung werde eine Ära der Militärinterventionen sein. Die UNO sollte klein gehalten, gegängelt und verächtlich gemacht werden.

Das Buch des Militärbischofs bewegt sich - statt an das europäische Wunder der Gewaltfreiheit und die Chance für einen neuen Zivilisationskurs im Jahr 1990 anzuknüpfen - leider noch immer auf diesem Plateau.

Ich halte das für grundfalsch, zumal Sigurd Rink eben kein einziges Interventionsbeispiel in seinem Essay anführen kann, das gemessen am Anspruch und vorgeblichen Zielen der Weltordner als "erfolgreich" bezeichnet werden kann.

Martin Luthers altruistischer "Notwehrkrieg der Nächstenliebe" ist in unserer Welt nirgendwo ansichtig. Der militärische Heilsglaube stellt - wie gehabt - unentwegt seinen Bankrott unter Beweis. Deshalb votiert die Christenheit heute - mit Ausnahme der nationalreligiösen Kulturchristen und Fundamentalisten - dafür, die geistigen, seelischen, kulturellen, wissenschaftlichen, technologischen und materiellen Reichtümer unserer Menschenwelt diesem Komplex vollständig vorzuenthalten, stattdessen aber jenen Strategien einer gewaltfreien und solidarischen Verhinderung bzw. Lösung von Krisen zuzuführen, die nachweislich funktionieren.

Weitere auffällige Leerstellen

Der "Krieg der Zukunft" infolge der seit Jahrzehnten unaufhörlich anschwellenden "Revolution in military affairs" wird von Sigurd Rink kritisch gesehen. Die extralegalen Hinrichtungen durch bewaffnete - wohl sehr oft von Deutschland aus gesteuerte - US-Drohnen bewertet er als kontraproduktiv, den Einsatz autonom agierender Waffensysteme ("künstliche Intelligenz") lehnt er ab.

Wenn die Weltgesellschaft dem Rad nicht in die Speichen greift, werden die "autonomen Systeme" freilich kaum noch aufzuhalten sein. Was in Rinks Buch nicht zum Tragen kommt, ist ein ausgeprägtes Bewusstsein für die totalitären Potenzen moderner Kriegstechnologien, die schon in naher Zukunft "multilaterale" - also demokratische, kommunikative und kooperative - Prozesse auf dem Globus schier unmöglich machen könnten.

Aus dem Drama der Aufkündigung des INF-Vertrages 2019 schließt der Verfasser, "dass Atomwaffen als ultimatives Abschreckungsmittel noch immer nicht ausgedient haben, doch technologisch sind sie kaum mehr zeitgemäß". Diese lapidare Abhandlung des Themas kommt einer Befürwortung oder zumindest weiteren Duldung der atomaren Bewaffnung gleich.

Dem Militärbischof dürfte aber kaum verborgen sein, dass derzeit an "zeitgemäßen" - und insbesondere auch leichter einsetzbaren - Nuklearwaffen gearbeitet wird und hierbei im Rahmen eines neu aufgelegten atomaren Wettrüstens Kosten in astronomischer Höhe anstehen.

Rein gar nichts wird im Buch des Militärbischofs ausgeführt zur neuen Qualität der Ächtung schon der Infrastruktur atomarer Massenvernichtung auf Ebene der UNO und im weltkirchlichen Diskurs, zum skandalösen Agieren der deutschen Bundesregierung im Sinne der Atombombenbesitzer (und der eigenen völkerrechtswidrigen "Teilhabe" an der Bombe), zur zivil-militärischen Zusammenarbeit in der Atomindustrie (Gronau), zum Fortdauern der NATO-Erstschlagoption, zur Nuclear Posture Review (USA 2018) und zu den in Deutschland stationierten Atomwaffen, für die Deutschland neue Flugzeuge beschaffen will und die im Ernstfall von Soldaten bedient werden, für deren Seelenheil der Militärbischof Verantwortung trägt.

Sollten die Kirchen hierzulande - eingedenk der lästerlichen Bomben-Apologien von deutschen Staatskatholiken und Staatsprotestanten im 20. Jahrhundert - jetzt nicht endlich eintreten in jenen Kreis der Ökumene, der dem Atomgott ohne Hintertüren widersagt? Ganz ausgespart ist im Buch ebenfalls der rüstungsindustrielle Komplex Deutschlands, der im Weltvergleich einen Spitzenplatz einnimmt, seit Jahrzehnten Kriegsgüter exportiert, die dem Unfrieden in aller Welt dienen, und nicht zuletzt Voraussetzung dafür ist, durch Waffenlieferungen (anstelle von Soldatenentsendungen) deutschen Einfluss in fernen Ländern zu sichern.

Der u.a. von den USA unterstützte Krieg einer von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz im Jemen hat eine der größten "humanitären Katastrophen" der Gegenwart herbeigeführt. (Dies spielt im deutschen Mediengefüge kaum eine Rolle. Im Buch von Sigurd Rink werden dem Schauplatz Jemen fünf Wörter gewidmet.) Erst aufgrund eines Beschlusses des italienischen Parlaments kann eine Tochter des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, dessen Kriegsprofite stetig steigen, seit Sommer 2019 keine Mordbomben mehr für den Einsatz im Jemen liefern.

Inzwischen gehört es gleichsam zur Staatsräson, dass die eigene Militärdoktrin mit der Sicherung geostrategischer und geo-ökonomischer Machtinteressen, mit Rohstoffsicherung, mit freien Märkten, Meeren und Handelswegen sowie mit der Abwehr(!) von Flüchtlingen aus Elendsregionen zu tun hat.

Spätestens ab 2006 haben tausende Christinnen und Christen von unten die großen Kirchen in einer Ökumenischen Erklärung aufgerufen, eine solche Militarisierung der deutschen Politik öffentlich anzuklagen. In ihrem Schreiben vom 1. September 2015 fordern die evangelischen und katholischen Friedensorganisationen gemeinsam alle Kirchenleitungen im Lande zu einer öffentlichen Klarstellung darüber auf, dass Zielvorgaben zur geostrategischen und ökonomischen Interessenssicherung in Militärplanungen schon mit dem Minimalkonsens der ökumenischen Friedensethik unvereinbar sind. Der Komplex der Militärdoktrin ist zentral für die von Sigurd Rink bearbeitete Frage "Können Kriege gerecht sein?", doch er schweigt sich in seinem Buch hartnäckig über dieses Thema aus.

Militärbischöfliche Assistenz für die Aufrüstung des Militärapparates

Namhafte Stimmen auch aus dem bürgerlichen Spektrum warnen in diesem Jahr verstärkt vor einer Aufrüstungsspirale sondergleichen, die freilich schon längst entfesselt ist. Militärbischof Sigurd Rink beschreitet den gegenteiligen Weg, indem er für eine Erhöhung der deutschen Militärausgaben plädiert.

Er bezieht sich hierbei auf die interessegeleiteten Klagen des profilierten Transatlantik-Brückenbauers und Zeit-Herausgebers Josef Joffe über "gravierende Ausstattungsmängel der Bundeswehr als Gefährdung der weltpolitischen Rolle unseres Landes" und nimmt selbst so Stellung:

Um gleichwertiges Mitglied multilateraler Bündnisse zu sein, das den Erfordernissen der gegenwärtigen Welt gerecht wird, fehlt es der Bundeswehr erheblich an Personal und Ausstattung.

Militärbischof Rink

Dies sei einer "gewollten jahrelangen Schrumpfung der Bundeswehr nach dem Ende des Kalten Krieges" geschuldet, und "in der stiefmütterlichen Behandlung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik" sei ein "Verdrängungswunsch am Werk".

Dies ist nahezu der Originalton der Aufrüstungspropheten. Sigurd Rink wünscht für die europäischen Länder, "dass die USA an ihrer Seite bleiben": Dafür "müssen sie ihren Beitrag zum Verteidigungsetat der NATO stabilisieren … Das ist ohnehin längst überfällig, um den USA Bündnispartner auf Augenhöhe zu sein - und erst recht nötig […], sollten die NATO-Länder gezwungen sein, ohne die USA ein europäisches Verteidigungsbündnis zu stärken."

Dass in diesem Kontext via Nebensatz auch Investitionen "in Krisenprävention und Wiederaufbau" gefordert werden, überzeugt nicht. Denn Sigurd Rink klärt seine Leserschaft nicht über die real existierenden Weltverhältnisse auf: Die globalen Budgets für humanitäre und friedensfördernde Aufgaben ohne Militäreinbindung verhalten sich zum "Weltrüstungshaushalt" lediglich wie eine kleine Portokasse.

"Mehr Personal" für die Bundeswehr lautet die Forderung, aber die willigen Bewerber bleiben aus. Eine allgemeine Wehrpflicht würde besser zu einem von Luther abgeleiteten Ideal des "Staatsbürgers in Uniform" passen als - vorzugsweise aus dem Kreis der Benachteiligten rekrutierte - Berufssoldaten oder Söldner aus jenem ökonomisierten (privatisierten!) Kriegskomplex, dessen Anwachsen Sigurd Rink durchaus mit Sorge betrachtet.

Das Plädoyer des evangelischen Militärbischofs für eine Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht kann keinem Leser des Buches verborgen bleiben; die Chancen für eine Verwirklichung dieses Ansinnens schätzt der Verfasser allerdings selbst denkbar gering ein.

Die Militärseelsorge als "Zukunftslabor der Kirche"?

Militärseelsorge ist in den Augen von Sigurd Rink heute kein Instrument mehr zur Bändigung ungehorsamer Soldaten, sondern: eine "Zwillingsschwester der Inneren Führung" (sic!), gleichwohl ein staatsunabhängiges "Fenster zur Zivilgesellschaft"; einzige Sachwalterin des Beichtgeheimnisses; nicht dafür zuständig, "die Soldaten von der Sinnhaftigkeit ihrer Einsätze zu überzeugen"; raumgebend für Zweifel und "für das Nachdenken über das Nichtwissbare und Unberechenbare"; Hüterin von "Ressourcen christlich-religiöser Tradition" und sogar "so etwas wie ein 'Zukunftslabor der Kirche'".

Verständlich ist das Bemühen, die Arbeit der Militärseelsorge gegenüber dem Bundesministerium, dem das Militärbischofsamt zugeordnet ist, und gegenüber der z.T. kritischen Kirchenöffentlichkeit in ein freundliches Licht zu stellen. Kritische Forschungen zur wirklichen "Reichweite" der Seelsorge des Militärkirchenwesens bleiben unberücksichtigt.

Das Buch endet mit einem militärbischöflichen Predigtappell, welcher die Leser einem imaginären "Wir" einfügt: "Deutschland ist weltweit an militärischen Einsätzen beteiligt […]. Das militärische Engagement der Bundeswehr geschieht in unser aller Namen, in der Verantwortung der deutschen Gesellschaft. Wir müssen diese Verantwortung wahrnehmen." Das sogenannte deutsche Militär-"Engagement" (samt Entsendung von Soldaten, Aufrüstung, unverantwortlicher Rekrutierungspropaganda etc.) erfolgt aber keineswegs im Namen der friedenskirchlich ausgerichteten Christinnen und Christen. Diese halten den Militärapparat für ein esoterisches Gefüge, dessen Heilsversprechen einer rationalen - wissenschaftlichen - Überprüfung nicht standhalten und weltbrandgefährlich sind.

Der Beitrag basiert auf einer ausführlicheren Version mit Literaturverweisen. Sie ist erschienen in: Rainer Schmidt, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke, P. Bürger (Hg.): Die Seelen rüsten. Zur Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge. Norderstedt 2019. Mehr zum Buch: hier.