"Der Mord steckt in uns allen"

Ex-Kriminalpolizist Josef Wilfling über Verbrechen in Deutschland

Josef Wilfling ist ehemaliges Mitglied der Münchener Mordkommission und war unter anderem für die Aufklärung der Morde an Walter Sedlmayr und Rudolf Mooshammer zuständig. In seinem zweiten Buch Unheil - Warum jeder zum Mörder werden kann zeigt er anhand der Schilderung diverser Mordfälle erneut auf, dass die Untat inmitten der Gesellschaft schlummert.

Herr Wilfling, Ihr Buch trägt den Untertitel "Warum jeder zum Mörder werden kann". Können Sie uns das erläutern? - Und warum wird nicht jeder zum Mörder?
Josef Wilfling: Der Mord steckt in uns allen drin. Die Erfahrung zeigt, dass starke negative Emotionen wie Hass, Existenzangst oder Habgier hier ausschlaggebend sind. Aber gottseidank kommen die meisten Menschen nicht in Situationen, dass der innere Kampf zwischen der Vernunft und diesen negativen Gefühlen, die von einem Menschen Besitz ergreifen können, überhaupt stattfindet.
Aber es gibt doch auch Täter, die rational vorgehen?
Josef Wilfling: Wir unterscheiden zwischen rationalen und emotionalen Tätern und Tatmotiven. Es gibt immer einen Unterschied zwischen dem eiskalten Kalkül und Emotionen wie Eifersucht, Hass oder Neid. Und es gibt natürlich auch Taten, bei denen ein emotionaler Hintergrund besteht, aber die Tötungshandlung dann akribisch geplant wird, wie zum Beispiel im Fall Marianne Bachmeier. Diese hatte die Erschießung des Mörders ihrer Tochter im Gerichtssaal über Wochen vorbereitet.

"Jeder Mord hat eine Vorgeschichte"

Was sind die häufigsten Motive für Mord?
Josef Wilfling: Das häufigste Mordmotiv sind Habgier und Besitzstandwahrung. Wenn der Besitz bedroht ist, werden die Menschen gefährlich. Oft ist es auch die Angst: Existenzangst, Zukunftsangst und Angst vor dem Verlassenwerden. Jede Woche liest man von sogenannten Familientragödien, in denen Väter deswegen ihre Familie auslöschen. Der Kraillinger Doppelmord war so ein Fall: Dem Mann drohte die Insolvenz, er brauchte dringend Geld und aus diesen Ängsten heraus wurde der Mord verübt. So entstehen die meisten Morde. Das wird in den Medien nur nicht so registriert, weil Angst nichts Verwerfliches ist. Weiter gibt es noch die sogenannten niedrigen Beweggründe wie Hass, Eifersucht und Rachegelüste in Nachbarschaftkriegen, Verwandtschaftskriegen und so weiter.
Jeder Mord hat eine Vorgeschichte und ist meistens Ergebnis einer unheilvolle Entwicklung: Wie wenn sich ein Unwetter zusammenbraut und ab einem gewissen kritischen Punkt ausbricht. Viele Menschen nehmen, wenn sie Probleme haben, Drogen und Alkohol, viele Menschen verfallen in Depressionen oder lösen ihre Probleme durch Suizid. Und ein kleiner Prozentsatz löst das Problem durch Aggression, Gewaltanwendung, Mord. Nicht zu vergessen ist hierbei, dass manche Menschen aufgrund geringer Bildung oder Charakterdefiziten zur Gewalt neigen.
Welche Rolle spielt der Suff dabei?
Josef Wilfling: Das sind die Totschlagsdelikte. Hier spielt der Alkohol eine sehr große Rolle. Der Alkohol ist einer unserer Hauptarbeitgeber. Vor allem bei roher Gewalt, häuslicher Gewalt und spontanen Gewalttaten: Alkohol enthemmt und im entsprechenden Zustand neigt man zu Gewalttaten. Bei den jüngeren Tätern steht das sehr stark im Vordergrund. Gäbe es keinen Alkohol, hätte die Polizei nur halb soviel Arbeit.
Sind die Motive für solche Taten während ihrer Laufbahn gleich geblieben?
Josef Wilfling: Ja. Seit Adam und Eva sind die Gewaltmotive gleich geblieben. Dafür stehen auch die sieben Todsünden. Bei den alten Römern hat es die gleichen Verbrechen auch schon gegeben. Brutalität und Grausamkeit stecken in uns allen und sind nicht zeit- oder ortsgebunden. Sie sind unabhängig von äußeren Einflüssen. Die brutalsten Morde wurden im wohlhabenden München begangen, von einem Polizisten und einem Postboten. Da würden selbst die Leute in Kolumbien, wo jeden Tag ein Mord geschieht, die Hände vor das Gesicht schlagen. Dieses Böse ist zeitlos und trotzdem ist kein Mord wie der andere. Deswegen ist es so wichtig zu sehen, wo die Tat ihren Anfang genommen hat.

"Alice Schwarzer hat vermutlich mehr Menschenleben gerettet als sie selber ahnt"

Wie steht es mit der Häufigkeit von Morden?
Josef Wilfling: Die Tötungsdelikte sind in den letzten 15 Jahren deutschlandweit fast um die Hälfte gesunken. Dafür gibt es ein ganzes Bündel von Ursachen: Laut Experten spielt der demographische Faktor eine große Rolle, weil je mehr junge Menschen es gibt, je mehr Gewalt gibt es auch. Das ist ein Faktum. Auch hat sich die Rolle der Frauen, also der größten Opfergruppe, stark verändert: Die Emanzipation und das Selbstbewusstsein von Frauen ist heutzutage ein anderes als früher. Man kann von Alice Schwarzer halten was man will, aber sie hat vermutlich mehr Menschenleben gerettet als sie selber ahnt. Heute existieren auch ganz andere Hilfen für Frauen und es gibt eine ganz andere Gesetzeslage. Auch ist die Toleranz in der Gesellschaft zumindest im sexuellen Bereich gestiegen: Früher waren zum Beispiel Morde an Homosexuellen an der Tagesordnung.
Ausschlaggebend für das Sinken der Mordrate war natürlich auch die Abschreckung über eine hohe Aufklärungsquote anhand der DNA-Tests. Der Rückgang der geplanten Mordtaten hat sich zeitgleich mit dem Aufkommen dieses neuen Ermittlungsverfahrenseingestellt. Wir waren in München die ersten, die die sogenannten Altfälle damit systematisch aufgearbeitet haben und schon im ersten Jahr konnten wir sieben Morde klären, die teilweise 30 Jahre zurück lagen. Der Abschreckungseffekt ist also ganz wichtig. Der Grund warum die Zahl der Verkehrstoten von 12.000 auf 4.000 Tote zurückgegangen ist, liegt darin, dass die Strafen drastisch verschärft worden sind.
Gilt dies zum Beispiel für die Vereinigten Staaten auch, wo es in vielen Staaten noch die Todesstrafe gibt?
Josef Wilfling: Auch wenn ich ein Gegner der Todesstrafe bin: Das gilt dort genauso. Nehmen wir New York, das eine kriminellsten Städte gewesen ist. Die konsequente Verfolgung auch von Kleinstdelikten hat die Verbrechensquote um mehr als die Hälfte reduziert.
Wie verändert man sich selbst während der Jahre?
Josef Wilfling: Man wird - falls man denn einer war - vom Idealisten - ich war schließlich auch einmal ein 68er - zum Realisten. Man sieht die Dinge viel nüchterner und wird zum Pragmatiker. Dennoch habe ich immer noch ein positives Menschenbild, weil es immer noch viel mehr anständige als bösartige Menschen gibt. Das habe ich gerade auch in meinem Beruf entdeckt: Wo viel Leid ist, ist immer auch viel Menschlichkeit. Das wird oft übersehen. Dennoch muss man jeden Tag auch gegen die Vorurteile ankämpfen, die sich aufbauen. Das ist völlig normal.
Raymond Chandler hat einmal geschrieben, dass nicht so einfach aufzuklären wäre, wie der lang und komplett durchgeplante Meistermord á la Agatha Christie, während die Morde, von den der Täter 5 Minuten vor der Tat nicht weiß, dass er zum Mörder wird, echte Probleme bereiten. Stimmt das mit ihren Erfahrungen überein?
Josef Wilfling: Da hat er nicht ganz unrecht. Ein amerikanischer Kriminologe hat gesagt: Wer von tausend Fehlern, die man bei einem geplanten Mord begehen kann nur fünfzehn vermeiden vermag, muss ein Genie sein. Je intelligenter sich einer hält und umso akribischer eine Tat geplant ist, desto mehr Fehler werden gemacht. Ich habe selber erlebt, dass selbst die profansten und einfach strukturierte Beziehungstaten schwieriger zu klären waren, als die geplanten, wobei man aber hinzufügen muss, dass dies immer vom Einzelfall abhängt.
Lesen Sie auch Krimis? Welche Autoren waren denn der Realität am nächsten?
Josef Wilfling: Ich lese gerne Krimis, aber ein richtiger Fan bin ich von Heidi Rehns historischen Kriminalromanen. Die schreibt sehr gut und hat auch immer entsprechend recherchiert. Man bekommt einen richtigen Einblick in die Zeit vor 150 Jahren. Sie hat einen großartigen Roman über den Mord an einen Nähmaschinengeschäftsbesitzer zur Zeit der Industrialisierung geschrieben, als die Schneider arbeitslos wurden. Einfach herrlich! Weniger gerne lese ich Mankell. Da frage ich mich immer, ob der noch richtig tickt. Es kommt dann auch immer der einsame Rächer aus Afrika, weil der Großvater des Opfers vor dreißig Jahren dort einmal Söldner war und Verbrechen begangen hat. Das ist alles sehr unrealistisch.
Wie sieht´s beim Fernsehen aus?
Josef Wilfling: Man Lieblingskommissar ist und bleibt Colombo. Ganz realistisch wird hier dargestellt, wie der Ermittler sich zurücknimmt, abwartet und mit Understatement arbeitet. Wobei das natürlich nicht die ganze Realität einfängt. Gute Unterhaltung muss aber nicht immer eins zu eins mit der Realität zu tun haben. Andererseits ist der Krimi ein geeignetes Genre, um dem Menschen den Spiegel vorzuhalten, Problembereiche aufzuzeigen und soziale Randgruppen zu beleuchten. Dort wo der Liebesroman aufhört, beginnt der Krimi, wie im richtigen Leben auch.
Welche soziale Klasse mordet am meisten: Arbeiter, Bürgertum oder der Adel? Unterscheiden sich deren Verbrechen in Motiv und Ausführung?
Josef Wilfling: Da existieren keine Statistiken darüber. Es gibt natürlich viel mehr arme Menschen und Mittelständler als Leute in Grünwald. Wir sind zwar mehr in der sozialen Unterschicht tätig, aber grundsätzlich gibt es hier überhaupt keine Unterschiede und alle deren Motive können genauso gut bei Multimillionären greifen. Gerade München ist prädestiniert dafür. Hier haben wir sehr viele Tötungsdelikte in der gehobenen Gesellschaft: Sedlmayr, Mooshammer, ein Chefarzt, ein BMW-Manager etcera. Die negativen Emotionen, von denen ich eingangs gesprochen habe, können überall und jeden Menschen ergreifen. Es haben auch schon Pfarrer gemordet.
Können Sie eine Abschätzung abgeben, wie viele Morde unentdeckt bleiben?
Josef Wilfling: Es gibt eine Untersuchung der Universität Münster die besagt, dass auf einen entdeckten Mord mindestens ein unentdeckter kommt. Es wird geschätzt, dass 1000 bis 1200 Tötungsdelikte jährlich gar nicht erkannt werden. Manche greifen sogar noch höher. Ich hingegen veranschauliche nur und beteilige mich nicht an solchen Spekulationen. Aber ich habe selber mit dem Serienmörder Horst David einen Fall gehabt, der sieben Morde gestanden hat, wobei vier gar nicht als solche erkannt gewesen waren. Begangen hat er mindestens doppelt so viele. Hier gibt es wahrscheinlich eine wirklich hohe Dunkelziffer.
Apropos unentschlüsselte Morde: Sie haben erzählt, dass in München die DNA-Analyse eingeführt wurde. Haben Sie eine Meinung zu der Vernichtung von Asservaten im Fall Buback und auch beim Oktoberfest-Attentat?
Josef Wilfling: Bei ins wurden die Asservate bei unaufgeklärten Fällen niemals vernichtet. Dass wir noch diese Asservate hatten, war unser Schlüssel zum Erfolg bei Fällen, die wie gesagt 30 Jahre lang her waren. Bei Fällen die offiziell als geklärt gelten, besteht hingegen die gesetzliche Pflicht, die Asservate nach einer gewissen Frist zu vernichten. (Reinhard Jellen)