Der Mythos von der Mondlandung

Peter Jacksons Roxy Kino in Neuseeland, ein historisierender Prachtbau wie aus der Glanzzeit Hollywoods. Foto: Tom Appleton

Es dauerte ein bisschen, bis der NASA-Mondlandungsfilm endlich hier in Wellington, Neuseeland, eintraf - das 50. Jubiläum von "Apollo 11" hätte ich um ein Haar ratzpatz verpasst

Der Film ist aber auch wirklich tödlich langweilig. Alle Behauptungen, dass Stanley Kubrick irgendetwas mit der ("angeblich") gefaketen Mondlandung von 1969 zu tun gehabt haben könnte, werden mit diesem Machwerk auf einen Schlag außer Kraft gesetzt.

Immerhin, es gibt genau zwei Momente im Film, die man gesehen haben muss. Gleich am Anfang sehen wir diese mehr als 100 Meter lange Rakete — ein echtes Monster. Ein wandelnder Iron Man. In Amerika benutzt man ja bis heute keine Maße, die auf dem Dezimalsystem basieren, man muss daher immer ein bisschen raten, was wohl mit "363 Fuß" gemeint sein könnte.

Diese "Saturn V" genannte Rakete, die speziell für den Flug zum terrestrischen Mond entwickelt worden war, reichte also 111 Meter vom Erdboden bis zur Spitze, ihr Durchmesser betrug 33 Fuß oder 10 Meter. Wobei ein Fuß niemals einfach nur 30 cm lang ist, sondern 0.3048 Metern entspricht, 33 Fuß betragen 10.0584 Meter. Man braucht regelrecht einen ganzen Satz Logarithmentafeln, um die einfachsten Konversionen zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Maßsystem vorzunehmen. Sowas kann schon gelegentlich mal komplett ins Auge gehen.

Hier, im Film, torkelt nun dieser gigantische Feuerwerkskörper auf einem Konvoi von winzigen, panzerartigen Kettenradfahrzeugen daher — Ziel: die Abflugstelle auf Cape Kennedy, dem früheren Cape Carneval. (Das zunächst Cape Canaveral hieß, und später wieder so hieß, aber zwischendurch zu Ehren Kennedys umbenannt worden war. Cape Carneval wurde es, soweit ich weiß, nur im Rheinland genannt.)

Wir sehen im Film, wie die Rakete daherkommt, aufrecht stehend - und der Konvoi nähert sich einer Stufe, er muss vom Gehweg ca. 15 Zentimeter herunterkommen auf die Straße. Jedem Zuschauer ist sofort klar, dass die gesamte Mondflug-Expedition an dieser winzigen Klippe bereits im Vorfeld scheitern wird.

Was geschieht jetzt? Was wird Amerika, was wird die NASA tun? Wir wissen es nicht, denn genau an dieser Stelle hat man "Stop" gesagt — quasi Filmriss— und die Szene auch nicht später wieder aufgegriffen.

Dabei weiß doch jedes Kind in den USA, dank dem allseits bekannten Bilderbuch von Dr. Seuss, wie es dem hochmütigen Schildkrötenkönig "Yertle the Turtle" erging. Von ganz hoch oben auf seinem Thron stürzte er herab, weil ganz unten eine unbedeutende kleine Schildkröte einmal husten oder rülpsen musste. So knapp ging auch hier die Mondrakete am Desaster vorbei - aber welchen Kommentar gibt es dazu im offiziellen NASA-Film? Null. Nada. Nicht ein Wort.

Die zweite Szene des Films kommt irgendwann auf halbem Wege und dauert nur "gefühlte" sieben bis zehn Sekunden. Jetzt haben wir schon etliche 100 namenlose Herren gesehen — waren auch Frauen dabei? Ich habe buchstäblich nicht darauf geachtet, der Eindruck dieses unaufmerksamen Betrachters war: alle männlich, alle weiß, alles Männer, die auf ihren Computerbildschirm blickten.

Und jetzt sehen wir, wirklich relativ lange, den grauhaarigen Hinterkopf eines Mannes, der auch auf seinen Bildschirm starrt - und sonst gar nichts. Am Hinterkopf erkennen wir ihn nicht, wenn wir ihn nicht ohnehin kennen würden. Aber wer würde ihn schon noch heute, 50 Jahre später, so gut kennen, dass er ihn am bloßen Hinterkopf erkennen könnte? Es steht auch daneben kein Name, keine Erklärung, kein Pfeil, der auf diesen Mann deutet und ihm einen Namen gibt.

So viel zum Thema NASA 2019 und ihrem Umgang mit der eigenen Geschichte. Das hat doch fast schon einen sowjetischen Zuschnitt. Gewiss, es wird nicht Trotzki aus dem Bild geschnitten neben Stalin - und was dergleichen Geschichtsrevisionen mehr waren -, aber man sieht ihn eben nur ein wenig überlang, namenlos, von hinten: Wernher von Braun. Er war dabei, er hat es miterlebt.

An dieser Stelle muss ich einflechten, dass man hier, in Neuseeland, nur 2 Grade der Distanz zu jedem beliebigen Menschen auf Erden kennt. So hatte ich einen älteren Freund, deutscher Jude, Jahrgang 1912, mit Namen Gerhard Rosenberg, der in Berlin das Französische Gymnasium besucht hatte. Einer seiner Mitschüler war eben dieser besagte Wernher von Braun gewesen.

In seinen Berliner Erinnerungen, die er angelegentlich eines Aufenthalts bei mir (1986) in die Maschine tippte, schrieb Gerhard: "Von Braun machte sich bei den Lehrern und der Schulleitung unbeliebt, weil er Geld für 'Aktien' in einem Unternehmen einsammelte, mit dem er ein Rennauto bauen wollte, und dann sollten die Aktionäre auch mitfahren dürfen. Er ist dann auf eine andere Schule umgeschult worden, auch weil er - ausgerechnet - in der Mathematik nicht mitkam."

Ich bilde mir ein, dass Gerhard im Gespräch erwähnt hätte, dieses Rennauto sollte Raketenantrieb haben und Wernher von Braun hätte versucht, von seinen haupsächlich jüdischen Mitschülern, oft Kindern wohlhabender Eltern, jeweils 500 Mark zu kassieren. Das klang immerhin schon wie ein ausgewachsenes Fuhrkutscherdelikt, es war, wie man damals gesagt hätte, mehr als nur eine Petitesse - oder ein kleiner Schülerstreich.

In der deutschen Ausgabe von Wikipedia heißt es aber: "…er besuchte bis 1925 das Französische Gymnasium Berlin" - also bis er 13 war. Dass er die Schule verlassen musste, bleibt unerwähnt, dafür findet sich etwas später, quasi ohne Zusammenhang, der Satz: "Mit 13 Jahren experimentierte er im Berliner Tiergarten mit Feuerwerksraketen."

Erst in der englischen Wikipedia erfahren wir: "Here [in Berlin]| in 1924, the 12-year-old Wernher, inspired by speed records established by Max Valier and Fritz von Opel in rocket-propelled cars, caused a major disruption in a crowded street by detonating a toy wagon to which he had attached fireworks. He was taken into custody by the local police until his father came to get him."

Was den Mondflug betrifft, so entblödete von Braun sich nicht, 1930, mit 18 Jahren, dem Stratosphären- und Tiefseeforscher Auguste Piccard anzuvertrauen: "Wissen Sie, ich plane, irgendwann einmal zum Mond zu fliegen." Piccard ermutigte ihn dazu mit wohlwollenden Worten.

Dass in Amerika schließlich John F. Kennedy zum treibenden Motor dieser Mondflug-Manie wurde, erscheint auf den ersten Blick fast unerklärlich. Gewiss, Kennedy war Katholik, und auch in Amerika trägt so manche katholische Schule auf ihrem Wappen das lateinische Motto "per aspera ad astra" [durch alle Widerstände hindurch können wir bis zu den Sternen hinauf gelangen].

Aber dieser Leitspruch war niemals wörtlich, sondern eher metaphorisch gemeint. Kennedy hatte nie Latein gelernt, wie man aus seinen Notizen zur berühmten "Ich bin ein Berliner"-Rede ersehen kann. Er war intellektuell eher ein Flachmann, seine Bücher ließ er sich, ebenso wie seine Reden, von anderen schreiben, seine Lektüre beschränkte sich auf leichtverdauliche Ware à la James Bond.

Wären Eisenhower oder Lyndon B. Johnson als erste auf diese Idee verfallen, man hätte sie für genauso bescheuert gehalten wie Trumps mexikanische Mauer

Kennedy konnte ein Mann wie von Braun beeindrucken, der auf alle Fälle Französisch, Deutsch und Englisch sprach, der am Französischen Gymnasium auch auf die Anfangsgründe von Altgriechisch und Latein gestoßen war, und der zudem mit 24 einen Doktortitel in Physik erworben hatte.

Die an sich völlig überflüssige Aufgabe, der amerikanischen Nation vorzuschreiben, innerhalb einer Dekade einen Menschen zum Mond hin und wieder zur Erde zurück zu bringen, hätte ohne Kennedys Glitzerimage nie irgendeine positive Resonanz gefunden. Wären Eisenhower oder Lyndon B. Johnson als erste auf diese Idee verfallen, man hätte sie, die Idee, für genauso bescheuert gehalten wie Trumps mexikanische Mauer oder so überflüssig wie des Donalds Weltraumpläne heute.

Tatsächlich stammte die Idee nicht von Kennedy selber, sondern von seinem wichtigsten Redenschreiber Ted Sorensen. Jahrzehnte nach Kennedys Tod outete er sich zudem als der wirkliche Verfasser von "Zivilcourage", also jenes Buches, für das Kennedy mit dem Pulitzerpreis geehrt worden war.

Es bedurfte jedenfalls auch damals schon eines "Aufhängers", eines märchenhaften Wettbewerbs, eines Wettlaufs zwischen Hase und Igel, wobei man statt der Tiere die Wörter USA und UdSSR einsetzte. Dieser Wettkampf, der immer wieder beschworen wurde, diente nur dazu, um zu kaschieren, dass es in erster Linie um die Reichweite der Raketen bei irdischen Zielen ging. Eigentlich sollten die Raketen als Ziel weniger den Mond als das Land des jeweiligen Gegners treffen und zerstören können.

Heute wieder sollen die erneut aufzunehmenden Mondflüge hauptsächlich dazu dienen, um entweder Russland oder China vom Himmel aus zu beschießen.

Die Konzepte ermangeln heute genau wie damals jeder nachvollziehbaren Sinnhaftigkeit. Die USA und viele ihrer Verbündeten, beispielsweise Chile, sind über weite Strecken von Armut der Bevölkerung und Zerfall der Infrastruktur bedroht, auch die ehemalige UdSSR ist quasi eine Trümmerlandschaft. Das Abladen und Verstauen nuklearer Sprengkörper auf dem Mond birgt zu allem Überfluss die Gefahr in sich, dass es dort zu gargantuanischen Explosionen kommt, die zu einem massiven Kometenbeschuss der Erde führen könnten. Resultat: eine zweite Dino-Episode, Auslöschung der gesamten Menschheit.