Der NSU und das unbekannte kriminelle Netz

Grafik: TP

Neonazis, V-Leute und Polizisten als Teil der organisierten Kriminalität - Folge 8 der Telepolis-Serie zum "NSU"

Zu Teil 1: Das Kiesewetter-Rätsel
Zu Teil 2: Die Nagelbombe in der Kölner Keupstraße
Zu Teil 3: Ein Verfassungsschützer während der Tat am Tatort
Zu Teil 4: Die Raubüberfälle des NSU
Zu Teil 5: Außen Ku-Klux-Klan - innen Verfassungsschutz
Zu Teil 6: Die NSU-Untersuchungsausschüsse der Parlamente
Zu Teil 7: Der Zschäpe-Prozess in München

An keinem der fast 30 Tatorte - zehn Morde, 15 Raube und drei Sprengstoffanschläge - wurde DNA-Material der beiden toten mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden. Stattdessen viele unbekannte DNA-Spuren. Und dann wurde im Oktober 2016 doch eine DNA-Spur von Böhnhardt sichergestellt, fünf Jahre nach dessen Tod und an einem Ort, der elektrisiert: dem Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens Peggy K. in einem Waldstück in Südthüringen.

Damit könnten sich ganze neue Räume im sogenannten NSU-Komplex öffnen. Kindermord, Kindermissbrauch, Kinderhandel? Das hätte eine eigene gesellschaftliche Dimension. Die DNA-Spur ist bislang unverändert gültig, allen aufgeschreckten Bemühungen bestimmter Medien sowie Vertretern des Sicherheitsapparates und der Politik zum Trotz, sie als übertragene Verunreinigung hinzustellen. Was aus dem DNA-Fund folgt, und ob es tatsächlich eine Verbindung zwischen dem ermordeten Kind und dem NSU gab, ist zur Zeit offen.

Eine andere ungeklärte DNA-Spur fand sich an einer Socke im ausgebrannten Wohnmobil von Eisenach, wo am 4. November 2011 Böhnhardt und Mundlos ums Leben kamen. Auf der Socke wurde einerseits DNA von Beate Zschäpe, der Komplizin der beiden Männer, sichergestellt, daneben aber die DNA eines unbekannten Mannes.

Die Ermittler bezeichnen die Spur bis heute als P 46. In der DNA-Analysedatei (DAD) des Bundeskriminalamtes (BKA) erzielte ein Abgleich von P 46 drei Treffer: Sie wurde zwischen 2002 und 2005 an Tatorten in Berlin, Hessen und Nordrhein Westfalen sichergestellt. In einem Fall ging es um Diebstahl, in den zwei anderen Fällen um Wohnungseinbrüche.

Die Einbrüche rechnen die Ermittler einer litauischen Tätergruppe zu. Doch obwohl die Spur auch an einem NSU-Tatort gefunden wurde, eben Eisenach, bezieht die Bundesanwaltschaft (BAW) die drei Eigentumsdelikte nicht in ihre NSU-Ermittlungen mit ein. Das bekräftigte die BAW-Vertreterin Anette Greger Ende September 2016 vor dem NSU-Ausschuss des Bundestages. Verständlich ist es nicht. Es passt aber zur Tendenz der obersten Ermittlungsbehörde, die Causa "NSU" möglichst klein zu halten - als "Kleinstzelle" mit zwei "Alleintätern".

Im Wohnmobil von Eisenach lagen auch Kindersachen, unter anderem ein Teddybär, eine Puppe, eine Wasserspritzpistole und eine rosa Sandale. Wem sie gehörten, ist nicht aufgeklärt. Spuren, die auch in Richtung Kinderhandel, also organisierte Kriminalität (OK), weisen könnten.

In den fünf Jahren seit Aufdeckung des NSU kam eine bundesweite Vernetzung von Neonazi-Figuren und -Gruppen zum Vorschein. Zwischen Jena, Chemnitz, Zwickau, Nürnberg, München, Ludwigsburg, Karlsruhe, Heilbronn, Kassel, Köln, Dortmund, Hamburg, Rostock, Hannover, Berlin, Leipzig, Dresden - um nur die größeren Orte zu nennen - gab es zahllose Querverbindungen und Überschneidungen. Besuche und Gegenbesuche hunderter Aktivisten, darunter dutzende V-Leute.

Gewalt und kriminelles Verhalten bestimmen den Alltag von Neonazis. Körperverletzungen, Freiheitsberaubungen, Hausfriedensbruch, Landfriedensbruch gehören zu ihrem Repertoire. Schon dadurch ergibt sich eine organische Nähe zu kriminellen Milieus, wo Diebstähle, Raube, Schutzgelderpressung, Geldeintreibung, Rotlicht- und Drogengeschäfte, Geldwäsche oder auch Menschenhandel betrieben werden. In dieser Welt - besser: Unterwelt - braucht man Türsteher, Fahrer, Kuriere, Bodyguards, Geldeintreiber, Einschüchterer.

Und man braucht viele Waffen. Gewalt ist die Währung in dieser Subkultur. Zwischen Organisierter Kriminalität (OK) und Polizei wiederum bestehen zwangsläufig Berührungsflächen aufgrund des Auftrages der Polizei, Kriminalität zu bekämpfen. Dabei operieren die Ordnungshüter auch mit zivilen Kräften, verdeckten Ermittlern oder sogenannten "Nicht offen ermittelnden Polizisten" (NoeP). Michèle Kiesewetter, die in Heilbronn ermordete Polizeibeamtin, arbeitete zum Beispiel ebenfalls als NoeP. Sie wurde als Lockvogel vor Razzien eingesetzt und war Drogenaufkäuferin.

Auch polizeilicher Verrat kommt in diesen Sphären immer wieder vor, Bestechungen und Warnungen vor Razzien zum Beispiel. Der Neonazi, V-Mann des Verfassungsschutzes und Kinderhändler Tino Brandt, Kumpan des NSU-Trios, wurde wiederholt vor Hausdurchsuchungen von Vertretern der Sicherheitsorgane informiert.

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