Der NSU und die V-Leute des Verfassungsschutzes

Zwei Seiten derselben Medaille? - Teil 9 der Telepolis-Serie zum "NSU"

Dem Studium der Stasi verdanken wir wesentliche Erkenntnisse über den Verfassungsschutz. Der Geheimdienst der untergegangenen DDR, die Staatssicherheit, kurz: Stasi, bildet die Vorlage zum Verständnis auch des Inlandsgeheimdienstes der Bundesrepublik. Die Stasi-Akten stellen die Blaupause dar. Unabhängig von ihrer Verfasstheit und ihren unterschiedlichen Legitimationsgrundlagen sind Geheimdienste vergleichbar aufgebaut, arbeiten mit ähnlichen Methoden, funktionieren in ähnlichen Strukturen.

Zum festem inneren Personal kommt angeworbenes äußeres Personal. Mit ihm schöpfen die Dienste einerseits Informationen aus beobachteten Gruppierungen ab und versuchen zugleich, auf diese Einfluss zu nehmen. Das geschieht schon allein dadurch, dass sich ihre Agenten in diesen Gruppen irgendwie verhalten müssen. Dass sie sich auch als Provokateure verhalten, ist eine der Optionen.

Selbstschutz und Eigenkontrolle sind oberstes Prinzip aller Dienste. Die Einhaltung der Konspiration durch die Informanten wird ständig überprüft. Dass V-Leute ihrerseits konspirativ gegen ihre Dienstherren zusammenarbeiten, ist theoretisch denkbar, aber eher ein kurzlebiges und begrenztes Unterfangen. Dafür haben die Dienste innere Kontrollmechanismen. Im Zweifel trennt sich ein Dienst von einem Spitzel. Er will und braucht die 100-prozentige Kontrolle über sein Handeln, um zu verhindern, dass es fremden Diensten gelingt, die Kontrollmechanismen auszuschalten und Doppelagenten zu gewinnen oder einzuschleusen.

Die Veröffentlichung und Vergesellschaftung der Stasi-Unterlagen hat in Deutschland die Aufklärung der Geheimdienste in einem Quantensprung vorangebracht. Die Stasi-Akten sind ein Schlüssel zur Unterwelt dieser Institutionen. So weiß man, dass die DDR-Staatssicherheit ohne ihre Inoffiziellen Mitarbeiter (IMs), die Spitzel eben, blind wie ein Maulwurf gewesen wäre. Sie hätte ihren politischen Auftrag nicht erfüllen können. Der hieß unter anderem: Sicherung der Macht der SED durch Zersetzung von Widerstand.

Wie die Stasi so der Verfassungsschutz. Bei ihm heißen die IMs "V-Leute", ohne die auch der bundesdeutsche Inlandsgeheimdienst handlungsunfähig wäre. Doch welchen politischen Auftrag hat er eigentlich? Dass er die Verfassung und die demokratischen Grundlagen der BRD schütze, erscheint im Lichte des NSU-Skandals als billige wie makabre Propaganda. Hat er weniger "zersetzt" als "aufgebaut"?

Soweit eine notwendige Vorbetrachtung - denn: Die NSU-Geschichte ist auch eine Verfassungsschutz-Geschichte.

Die NSU-Geschichte ist auch eine Verfassungsschutz-Geschichte

Am 26. Januar 1998 begann mit der Flucht von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe von Jena nach Chemnitz die offiziell erzählte Geschichte des NSU-Trios. Die inoffizielle, die Geheimdienstgeschichte, lief da bereits seit Jahren. 1992 beispielsweise rekrutierte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) den ostdeutschen Rechtsextremisten Ralf Marschner als V-Mann, der im NSU-Komplex eine zentrale Rolle spielt. Marschners Patronage ist ganz oben angesiedelt, in der Bundesregierung. 1994 wurden mindestens fünf weitere V-Leute geworben, die sich später in der rechtsextremen Szene um den NSU herum bewegen sollten: Tino Brandt, Thomas Richter, Michael See, Achim Schmid und Carsten Szczepanski.

Im selben Jahr wurde der Westimport Helmut Roewer Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) in Thüringen. Unter seiner Führung starteten mehrere Nachrichtendienste gemeinsame Anwerbe-Aktionen. Die erste begann 1997 unter dem Namen Operation "Rennsteig", an der neben dem Thüringer Landesamt (TLfV), das Bayrische Landesamt (BLfV), das BfV und der Militärische Abschirmdienst (MAD) beteiligt waren. Auf der "Rennsteig"-Liste sollen über 70 Namen von Neonazis gestanden haben, die auf eine Zusammenarbeit angesprochen werden sollten. Unter anderem Marcel Degner aus Gera, André Kapke, Ralf Wohlleben, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Holger Gerlach (alle aus Jena).

Das Prozedere sah unter anderem vor, die Kandidaten während ihres Bundeswehrdienstes auf eine Kooperation anzusprechen. Das sollte der Nachrichtendienst der Armee, der MAD, tun. Im Zwangssystem Militär, so das mutmaßliche Kalkül, würde den Angesprochenen ein "Nein" schwerer fallen bzw. schwerer gemacht. Nach ihrem Wehrdienst sollten die rekrutierten Rekruten vom jeweiligen Landesamt übernommen werden. Deshalb spielte es überhaupt keine Rolle, wenn eine ausgewählte Person erst kurz vor ihrer Entlassung kontaktiert wurde, wie es zum Beispiel bei Uwe Mundlos war. Eine Woche vor seinem Ausscheiden sprach ihn der MAD auf eine Kooperation an. Mundlos soll damals abgelehnt haben.

Werbungsfelder Bundeswehr und Gefängnis

Neben dem Werbungsfeld Bundeswehr fanden Ansprachen und Rekrutierungsversuche zum Beispiel im Rahmen von Strafverfahren und in der U-Haft statt. Auch dort sind die Kandidaten in einer schwachen, relativ wehrlosen Lage und leichter zu manipulieren oder gar zu erpressen. Sich einer Anwerbung zu widersetzen, erfordert mehr Courage, als ihr nachzugeben. Ein Verfahren, das auch bei anderen terroristischen Vereinigungen wie der RAF oder der Bewegung 2. Juni erprobt und zum Teil erfolgreich angewandt wurde.

Wie viele der aufgelisteten Personen der OP Rennsteig als V-Leute gewonnen wurden, entzieht sich der Kenntnis der Öffentlichkeit. Von "deutlich unter zehn" sprach im NSU-Untersuchungsausschuss II des Bundestages der ehemalige BfV-Verantwortliche Axel Minrath mit dem Decknamen "Lothar Lingen". Allerdings hat dieser Mann im November 2011 mindestens sieben V-Mann-Akten aus der "Rennsteig"-Aktion vernichten lassen, zusätzlich mindestens eine achte Akte des V-Mannes "Tarif" alias Michael See.

Gesichert ist die Spitzeltätigkeit von Marcel Degner, dessen Name sich auch auf der "Rennsteig"-Liste befindet.

Marcel Degner

Arbeitete für den Thüringer Verfassungsschutz unter dem Decknamen "Hagel" und war im rechtsextremen Netzwerk Blood and Honour (B&H) von Thüringen in führender Position. Über die B&H-Strukturen von Sachsen hatte er Kontakt zum unmittelbaren Umfeld des untergetauchten Trios. Kurioserweise behauptete Degner vor dem Oberlandesgericht (OLG) in München, er sei nie V-Mann gewesen. Weil er sich mit dieser Falschaussage belastete, sprach ihm das Gericht - nicht weniger kurios - ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Die Bundesanwaltschaft hatte gegen ihn wegen Falschaussage Anzeige erstattet. Ein Manöver der ganz neuen Art: Mögliches Hintergrundwissen musste Degner auf diese Weise nicht preisgeben.

Tino Brandt

1994 vom Thüringer Verfassungsschutz (VS) rekrutiert, Decknamen "Otto", später "Oskar". Mit Brandt baute der VS das neonazistische Kameradschafts-Netzwerk Thüringer Heimatschutz (THS) auf. Brandt radikalisierte die Szene und wandte selber exzessiv Gewalt an. Das Amt hielt seine schützende Hand über ihn, trotz über 30 Strafverfahren wurde er nicht verurteilt. Vor Hausdurchsuchungen wurde er regelmäßig gewarnt. Mindestens bei einer Durchsuchung war als Staatsschützer auch der Onkel der später in Heilbronn erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter dabei.

2001 wurde Brandt enttarnt - und zwar vermutlich aus dem Amt selber heraus. Das lässt einen Verdacht aufkommen: Sollte er dem Trio nicht zu nahe kommen? Mit seinem Abschalten enden die Berichte über die Verbindung von Ralf Wohlleben zum Trio. Am Beispiel Brandt wurde wiederholt die Grundfrage aufgeworfen, ob Neonazi-V-Leute nicht den Verfassungsschutz für ihre Zwecke ausnutzen? Brandt kolportiert das selber. Das taugt allerdings dazu, seine Position in der Szene - auch rückblickend - zu festigen, was wiederum dem VS dienlich ist.

Die Berichte, die Brandt für das LfV über die Szene gefertigt hat und die im Prozess in München ausschnittsweise präsentiert wurden, belegen dagegen: Er war ein eifriger Spitzel, der seinem VM-Führer eine Flut von Informationen über seine angeblichen Kameraden verriet. Zur Zeit sitzt Brandt wegen vielfachen Kindesmissbrauches eine mehrjährige Haftstrafe ab. Sein Wirken in der kriminellen Prostitutionsszene ist bisher nur ansatzweise bekannt.

Mario Brehme

Stellvertreter von Brandt im THS. Nach dem Untertauchen des Trios reiste Brehme zusammen mit dem Jenaer Neonazi André Kapke nach Südafrika, um nach einer Ausstiegsmöglichkeit für die zwei Uwes zu suchen. Vor dem OLG München wurde Brehme als wahrscheinliche Geheimdienstquelle verdächtigt, nachdem er dort einen skurrilen Auftritt hingelegt hatte. Er spielte den Clown, stand immer wieder auf und versuchte, das Gericht vorzuführen, beispielsweise indem er den Vorsitzenden Richter zwang, Fragen zu wiederholen, weil er sie angeblich akustisch nicht verstanden hatte. Doch offensichtlich hatte ihn die Inszenierung zu viel Einsatz gekostet. Als er von einem Anwalt der Nebenklage gefragt wurde, ob er MAD-Quelle gewesen sei, machte er den Fehler, zu zögern und dann zu sagen, dazu habe er keine Aussagegenehmigung.

Andreas Rachhausen

Aktiv im THS in Saalfeld und seit 1997 V-Mann des LfV Thüringen alias "Alex". War in die Abdeckung der Flucht des Trios im Januar 1998 nach Chemnitz involviert. Nach den Ereignissen des 4. November 2011, als die Polizei nach Beate Zschäpe fahndete, hing in der Polizeidirektion in Gotha ein Schaubild mit den Fotos und Namen des Trios Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe und allen möglichen Querverbindungen zu anderen Personen - darunter Andreas Rachhausen.

Juliane W.

In Jena Freundin von Ralf Wohlleben und V-Frau des thüringer LfV. War an der Flucht des Trios beteiligt. Ermittler trafen sie einmal in der Wohnung von Uwe Mundlos nach dessen Untertauchen an. Sie besaß einen Schlüssel. Damit hatte der VS Zugang zur Wohnung des Gesuchten. Der Polizei wurde das vom LfV vorenthalten.

Tibor R.

V-Mann des LfV Thüringen alias "Tristan". War zusammen mit Ralf Wohlleben und Carsten Schultze in Jena in der NPD aktiv. Kontakte zu B&H in Chemnitz, unter anderem zu Enrico R.

Enrico Rickmann

Gehörte zur rechtsextremen Szene in Thüringen und Sachsen und war V-Mann. Er kannte das Trio schon zu Jenaer Zeiten und zählte nach dessen Untertauchen zum Umfeld in Chemnitz. Er kannte den Angeklagten André Eminger. Wie das Trio hatte auch Rickmann Kontakt zur rechtsextremen Szene in Ludwigsburg. Ein früheres Mitglied der Ludwigsburger Szene sagte jetzt Ende Januar 2017 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg, es habe ihn verwundert, dass Mundlos diese Verbrechen begangen hat, vielmehr hätte er "dem Rickmann das zugetraut".

Michael See

V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) von 1994 bis 2002, Deckname "Tarif". Einer der wenigen bekannten V-Leute des BfV in Thüringen, die mit "T" beginnen, darunter "Tacho", "Teleskop", "Terrier", "Tinte", "Tobago", "Tusche". Eingesetzt wurde "Tarif" unter anderem in der FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) in Thüringen. Er gab in Absprache mit dem BfV die Neonazi-Publikation "Sonnenbanner" heraus. Nach eigener Aussage habe ihn Kapke nach einer Unterbringungsmöglichkeit des Trios nach dessen Abtauchen gefragt. See will das seinem VM-Führer gemeldet haben. Der Dienst bestreitet das.

Carsten Szczepanski

Seit Anfang der 1990er Jahre rechtsextremistische Aktivitäten in Berlin und Brandenburg. Anführer einer Ku Klux Klan-Gruppe. Nach einem lebensgefährlichen Übergriff auf einen Asylbewerber zu acht Jahren Haft verurteilt. 1994 wurde er im Gefängnis Brandenburg als V-Mann "Piatto" des brandenburgischen Verfassungsschutzes verpflichtet. Verfassungsschutzpräsident war damals der frühere Bundesanwalt Wolfgang Pfaff, der in der alten Bundesrepublik oberster RAF-Fahnder der Bundesanwaltschaft war. Szczepanski hatte engen Kontakt zur rechtsextremen Szene in Chemnitz um das Trio herum und sollte bei Waffenbeschaffungen mitwirken. Seine VM-Tätigkeit wurde 2000 beendet.

Immer wieder wird spekuliert, ob Szczepanski nicht schon vor 1994 oder auch noch nach 2000 für einen Dienst tätig war, was aber nicht belegt ist. Im Prozess in München trat er verkleidet im Zeugenstand auf, angeblich aus Schutzgründen. Einer seiner VM-Führer ebenfalls. Ein anderer VM-Führer "Piattos" ist heute VS-Präsident in Sachsen.

Thomas Starke

War die erste Anlaufstelle des Trios in Chemnitz, wohin es 1998 floh. Starke war einmal mit Zschäpe liiert und hatte Sprengstoff nach Jena geliefert. Im November 2000 wurde er im Zusammenhang mit dem Landser-Strafverfahren als V-Person (VP 562) des Landeskriminalamtes (LKA) Berlin angeworben. Die Bundesanwaltschaft war involviert.

Nach dem Auffliegen des NSU wurde Starke abgeschaltet. Er ist heute einer der neun Beschuldigten im NSU-Komplex, gegen die die Bundesanwaltschaft Ermittlungsverfahren führt. Ob Starke schon vor 2000 als V-Mann für einen Nachrichtendienst tätig war, ist bisher nicht bestätigt. Starke, Jahrgang 1967, war zu DDR-Zeiten "Inoffizieller Mitarbeiter Kriminalpolizei" (IMK) der politischen Polizei K 1 in Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz damals hieß. Sprich: Er war Polizei-Informant. Er gehörte einem Fußball-Fanclub namens "Satan-Angels" an, der durch Provokationen und Schlägereien auffiel. Etwa 20 Mitglieder zählte die Stasi zu den "Satan-Angels". Ihre Namen hat die Stasi-Unterlagen-Behörde in den herausgegebenen Akten geschwärzt. Starke nennt sich heute Müller.

Nick Greger

Ehemaliger Neonazi-Kader mit Kontakten zu Carsten Szczepanski. Wie Starke ebenfalls vom LKA Berlin als V-Person (VP 598) angeworben. Nach eigener Aussage soll er im Oktober 2013 von LKA-Beamten aufgesucht und aufgefordert worden sein, zu Carsten Sz. öffentlich keine Auskünfte zu geben.

Mirko Hesse

V-Mann des BfV mit Decknamen "Strontium", Führungsfigur der rechtsextremen Hammerskins in Chemnitz. War 1999/2000 an der Produktion der letzten CD der rechtsradikalen und später verbotenen Musikgruppe Landser beteiligt, zusammen mit dem Chemnitzer B&H-Kader Jan Werner sowie den V-Personen Starke, Marschner und Toni Stadler.

Michael Probst

Betrieb in Chemnitz zusammen mit seiner Frau Antje den rechten Szene-Laden "Sonnentanz". Bei den Probsts machte Szczepanski ein Praktikum als Freigänger. Ob Probst V-Mann war, ist nicht belegt, aber er hatte VS-Kontakte. Nach eigener Angabe habe ihm der Dienst angeboten, ein Verfahren gegen ihn einstellen zu lassen.

Kai Dalek

Sein Name steht auf der Adressliste von Mundlos, so wie die der V-Leute Tino Brandt, Thomas Starke und Thomas Richter (s.u.). Dalek soll von 1987 bis 1998 V-Mann des LfV Bayern gewesen sein. War zunächst in der Deutschen Alternative (DA) aktiv, die 1989 von dem Neonazi-Prominenten Michael Kühnen gegründet wurde. In den 1990ern steuerte Dalek das Neonazi-Netzwerk im nordbayrischen Franken (eine Art Fränkischer Heimatschutz) sowie das Thule-Netz, eine geschlossene Internetplattform mittels der szeneintern Informationen verbreitet wurden. Unter anderem stellte er sogenannte Todeslisten mit den Namen politischer Gegner zusammen.

Als Zeuge vor Gericht in München trat Dalek überaus selbstbewusst auf und provozierte die Verteidiger von Wohlleben. Er sprach durchgängig von "wir", ehe sich herausstellte, dass er mit "wir" den Verfassungsschutz meinte. War Dalek nur ein normaler V-Mann oder mehr? Bei der DDR-Staatssicherheit gab es eine Kategorie zwischen IMs und Offizieren, sie hieß: Hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter (HIM).

Bei seiner Befragung vor Gericht machte Dalek eine Ausführung, die rätselhaft ist. Dabei ging es um Tino Brandt und den Hamburger Neonazi-Kader Christian Worch, Gründer der Partei "Die Rechte". Dalek verfügte über eigene Beziehungen zu Worch. Dass Tino Brandt V-Mann war, hatte Dalek zwar nicht offiziell erfahren, vermutetet es nach eigenen Worten aber aufgrund von dessen Verhalten und Stellung in der Szene, die seiner ähnlich war.

Als Dalek erfuhr, dass Brandt einen eigenen Kontakt zu Worch aufbaute, will er das rigoros unterbunden haben. Unter anderem dadurch, dass er Christian Worch sowie Thomas "Steiner" Wulff, Ex-NPD-Chef von Hamburg, von Brandts V-Mann-Tätigkeit erzählt habe. Ein V-Mann informiert zwei Rechtsextremisten über eine andere VS-Quelle, die er damit potentiell gefährdet? Oder waren Worch und Wulff etwa selber Quellen, die nun vor einem unberechenbaren Szene-V-Mann geschützt werden sollten? Auch Michael Kühnen soll VS-Kontakte gehabt haben - wie ein kürzlich aufgetauchter Stasi-Bericht nahelegt.

Achim Schmid

Unter anderem Mitglied verschiedener rechtsradikaler Bands (u.a. "Höllenhunde"). Zusammen mit Ralf Marschner Teilnahme an gemeinsamen Konzerten. Schmid war V-Mann des LfV Baden-Württemberg offiziell von 1994 bis 2000, Deckname "Radler". Danach hatte der Verfassungsschutz aber noch mehrmals Kontakt zu ihm. Er war in die Operation "Terzett" des LfV Sachsen eingebunden, mit dem das Trio gesucht werden sollte. Schmid gründete in Schwäbisch Hall eine Ku Klux Klan-Gruppe (KKK), zu der neben dem Neonazi und V-Mann Thomas Richter auch mehrere Polizeibeamten gehörten. Einer war später Kollege der in Heilbronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter.

Thomas Richter

Bundesweit bekannt unter dem Decknamen "Corelli" als V-Mann des BfV. Tätig ab 1994. 2012 im Zuge der NSU-Aufarbeitung enttarnt und im Zeugenschutzprogramm des BfV untergebracht. Im April 2014 39-jährig gestorben. Als Todesursache wurde ein plötzlicher Zuckerschock diagnostiziert. Was ihn ausgelöst hat, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Entweder eine unerkannte Diabetes oder durch Beibringung eines Giftes, wie dem Rattengift Vacor. Auch nach zweimaliger Obduktion kann das erste nicht bestätigt und das zweite nicht ausgeschlossen werden. Grund: Der Nachweis von Vacor ist, selbst wenn es verwendet wurde, schwierig, weil es sich um einen "flüchtigen" Stoff handelt.

Richter war in einer Vielzahl rechtsextremer Gruppen unterwegs. Aus seiner fast 20jährigen Spitzel-Tätigkeit sollen beim BfV etwa 180 Aktenordner vorliegen. Eine der Gruppen war der KKK von Achim Schmid. Da Richter auch Kontakt zu Uwe Mundlos gehabt hatte und sein Name sich auf dessen Adressliste findet, stellen die beiden V-Männer Schmid und Richter ein Glied in der Verbindungskette zwischen dem Opfer Kiesewetter und dem mutmaßlichen Täter oder Mittäter Mundlos dar.

Petra S.

Arbeitete zunächst als V-Person des polizeilichen Staatsschutzes beim LKA Baden-Württemberg und wurde dann vom Verfassungsschutz übernommen, Deckname "Krokus". Eingesetzt war sie in der rechten Szene in der Region zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall. Später soll sie gegen die Linkspartei eingesetzt worden sein, was sie bestreitet. Sie gibt an, dort in Hohenlohe 2006 Beate Zschäpe im Kreis anderer Personen getroffen zu haben. Außerdem will sie Informationen erhalten haben über Ausspähaktivitäten der rechten Szene, die den in Heilbronn schwerverletzten Polizeibeamten Martin Arnold betroffen haben sollen. Kein Untersuchungsausschuss hat sie bisher als Zeugin gehört, ihr VM-Führer dagegen wurde in mehreren UAs wiederholt befragt.

Roland Sokol

Betreiber des neonazistischen Online-Versands Patria, dem noch Ende November 2011 eine der Propaganda-DVDs zu den zehn NSU-Morden und zwei Bombenanschlägen zugesandt wurde, als die mutmaßliche Verschickerin Beate Zschäpe längst inhaftiert war. Sokol war Mitglied der Band "Triebtäter", aktiv bei "Blood and Honour" (B&H), den Hammerskins und der Kameradschaft Karlsruhe, zu der auch Nicole Schneiders gehörte, heute Verteidigerin des in München angeklagten Ralf Wohlleben.

Sokol war einer der Gründer der Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa), die im Oktober 2014 durch eine gewalttätige anti-islamische Demonstration in Köln auf sich aufmerksam machten. Nach seinem Tod im September 2015 wurde er als langjähriger V-Mann des LfV BaWü enttarnt.

Markus Frntic

Eine zentrale Neonazi-Größe von Baden-Württemberg. Kroatiensöldner, aktiv beim KKK inklusive Kontakten zum V-Mann Schmid und dessen Haller Klangruppe. Mischte auch bei Blood and Honour mit und hatte Verbindungen zu B&H-Netzwerken in Ostdeutschland, unter anderem zu den V-Personen Degner und Starke. Außerdem war Frntic Mitgründer der B&H-Nachfolgeorganisation "Furchtlos&Treu" in BaWü, die schon vor dem B&H-Verbot gegründet wurde. In der Heilbronner Neonazi-Szene hatte er persönlich mit dem Aussteiger Florian H. zu tun, der 2013 in seinem Auto verbrannte. Im Oktober 2016 ergab sich im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages ein Hinweis darauf, dass Frntic eine V-Person einer Sicherheitsbehörde war oder noch ist.

Mike L.

War Vorsitzender der NPD-Jugendorganisation JN (Junge Nationaldemokraten) von Baden-Württemberg sowie V-Mann des LfV BaWü. Er hatte Kontakte zu Achim Schmid sowie über die JN-Strukturen zu Patrick Wieschke aus Eisenach, früherer JN-Chef von Thüringen, heute NPD-Landeschef. Wieschke wiederum hatte mit dem heute in München angeklagten Waffenbeschaffer Carsten Schultze zu tun, ehemals zweiter JN-Chef von Thüringen. Mike L. lebt in Harthausen, wo Tino Brandt vier Jahre lang Besitzer eines Hauses war.

Torsten O.

Er ist der Zeuge, der als erster von "NSU" sprach, als die Gruppe noch nicht bekannt war. 2003 berichtete er einem Vertreter des LfV BaWü von einer Terrorgruppe in Ostdeutschland namens "NSU" mit mehreren Mitgliedern, unter anderem einem Böhnhardt und einem Mundlos. Er habe aber nicht selber Kontakt zu der Gruppe gehabt, sondern will durch einen Mann davon erfahren haben, der für das Bundeskriminalamt (BKA) arbeitete.

O. war in Heilbronn als Privatdetektiv tätig, hatte mit dem polizeilichen Staatsschutz zu tun und wurde als Informant u.a. in der rechten Szene eingesetzt. Aus Quellenschutzgründen wurde er dann beim LfV als V-Mann (Deckname "Erbse") registriert, um damit aus Strafverfahren herausgehalten werden zu können. Im Gegensatz zu den polizeilichen Quellen sind die der VS-Ämter für Staatsanwälte tabu. Seine V-Mann-Tätigkeit soll von 1989 bis 1990 nur wenige Monate gedauert haben.

Benjamin Gärtner

Von 2001 bis 2007 V-Mann des LfV Hessen in der rechtsextremen Szene von Kassel, Deckname "Gemüse". Sein Quellenführer war Andreas Temme, der beim NSU-Mord an Halit Yozgat am Tatort Internetcafé war. Gärtner unterhielt unter anderem mehrere Kontakte zum Thüringer Heimatschutz (THS). Von vielen Treffs und Neonazi-Aktivitäten, an denen Gärtner beteiligt war, fehlen Berichte. Der Verfassungsschutz sorgt bis heute um ihn. Als er 2013 als Zeuge vor dem OLG in München aussagen musste, hatte er einen Rechtsbeistand dabei, der von dem Dienst bezahlt wurde.

Johann Helfer

Über 20 Jahre lang V-Mann des LfV von Nordrhein Westfalen (NRW) in der rechtsextremen Szene von Köln mit Kontakten auch zu ostdeutschen Rechtsextremisten, die zum Umfeld des NSU-Trios zählten. Auch bei Helfer stellt sich, wie schon bei Dalek, die Frage, ob er mehr war als nur V-Mann. Sein Anwalt betont die "wertvolle Arbeit", die sein Mandant innerhalb des Verfassungsschutzes "im Kampf gegen Rechtsextremismus" geleistet habe, und erklärt, Helfer sei kein V-Mann, sondern ein "fester Mitarbeiter des LfV mit einem monatlichen Salär" gewesen. Das Amt bestreitet das.

Sebastian Seemann

V-Mann des LfV NRW in der rechtsextremen Szene in Dortmund, außerdem Drogendealer und Waffenhändler, Mitglied in der Schutztruppe ("Streetfighting Crew") der rechtsradikalen Band "Oidoxie" mit Kontakten unter anderem in die Szene von Kassel. Kontakt außerdem zu Robin Sch., der mit der Angeklagten Beate Zschäpe in Briefwechsel stand.

Toni Stadler

Neonazi aus Brandenburg, der unter anderem mit Carsten Szczepanski/"Piatto" sowie dem Neonazi Robin Sch. bekannt war. Etwa ab 2000 V-Mann des Verfassungsschutzes Brandenburg. War damals in Druck und Vertrieb der letzten CD der rechtsextremen Musikgruppe Landser einbezogen. Wurde 2002 bei der Verbreitung einer anderen neonazistischen CD durch das LKA Berlin festgenommen und dadurch enttarnt. 2003 zog Stadler nach Dortmund um. Laut Aussage eines Polizei-Informanten (Thomas M., V-Person "Heidi") in Dortmund soll Stadler kurz vor dem NSU-Mord an Mehmet Kubasik im April 2006 an einen oder beide Uwes eine Waffe übergeben haben. Im U-Ausschuss von NRW, zu dem er polizeilich vorgeführt werden musste, bestritt er das.

Am Tag des Mordes am 4. April 2006 war Stadlers Handy in der Funkzelle des Tatortes Mallinckrodtstraße eingeloggt. Das hatte das BKA ermittelt, wurde aber erst mit Verspätung bekannt. War ein ehemaliger V-Mann in der Nähe des Mordes? Wenn ja, warum?

Carsten Schultze

Angeklagter in München, ehemals Kameradschaft Jena, THS, NPD-Jugendorganisation. Bekannt ist, dass er nach dem Auffliegen des NSU vom LfV Thüringen als V-Mann angeworben werden sollte (Operation Delhi). Er soll abgelehnt haben. Fraglich ist, ob sein Ausstieg aus der rechten Szene in den 2000er Jahren mit Hilfe des Verfassungsschutzes geschah.

Das NSU-Trio

Hatte das NSU-Kerntrio oder jemand von ihm Verfassungsschutzkontakte? Offiziell wird die Frage bestritten, doch abschließend beantwortet ist sie nicht. Selbst die Staatsanwaltschaft Gera mutmaßte nach dem Verschwinden der drei Jenaer, dass sie Informanten des Verfassungsschutzes sind und von dem Dienst geschützt werden.

Die Strafverfolger richteten eine entsprechende Anfrage an den Dienst, die der negativ beschied. Doch spätere Aktenfunde geben dem Verdacht immer wieder neue Nahrung. So war nach den Ereignissen des 4. November 2011 (Stichwort: Eisenach und Zwickau) in Protokollnotizen über die Lagebesprechungen in der Polizeidirektion (PD) Gotha am 5. und 6. November 2011 festgehalten worden: "Die Zielfahndung nach dem Trio wurde 2002 eingestellt. Es wurde bekannt, dass das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) die Zielpersonen abdecke." - "Der PD-Leiter will alles tun, um Frau Zschäpe zu finden, bevor sie vom LfV abgezogen wird." - "Zumindest eine Person des Trios soll bis 2003 Mitarbeiter des Staatsschutzes gewesen sein."

Beate Zschäpe

Sicher ist, dass das LfV Thüringen Ende der 1990er Jahre vorhatte, sie auf eine Mitarbeit hin anzusprechen. Es sei dann darauf verzichtet worden, heißt es. Sicher ist weiterhin, dass sie in den damaligen Jahren bei Vernehmungen durch die Polizei jede Menge Namen von Neonazis nannte, die beispielsweise an Kreuzverbrennungsaktionen nach KKK-Manier teilnahmen. Damit kann sie - rein faktisch - als Hinweisgeberin gelten.

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos

Auch sie sollten vom LfV auf eine Zusammenarbeit hin angesprochen werden, was dann aber unterlassen worden sein soll. Der Anwerbeversuch des MAD gegenüber Mundlos ist dagegen belegt. Bemerkenswerter Weise gehen die Eltern von Mundlos selber davon aus, dass ihr Sohn ein V-Mann war. In Zwickau hatten mindestens Zschäpe und Mundlos Kontakt zum Neonazi-Geschäftemacher und V-Mann Ralf Marschner. Das kann durch Zeugenaussagen als belegt gelten.

Ralf Marschner

Er ist der erste V-Mann, von dem bekannt wurde, dass eine Spur nach ganz oben führt - zur Bundesregierung. Ein Vertreter der Bundesanwaltschaft (BAW) erklärte vor dem U-Ausschuss des Bundestages, Marschners Akte sei selbst für die BAW gesperrt. Warum, ist unklar. Doch damit wird eine ganz neue Perspektive und unbekannte Dimension des NSU-Komplexes eröffnet.

Viele weitere V-Leute in Thüringen und Sachsen, die sich um das NSU-Trio herum bewegt haben, sind bis heute nicht enttarnt. Man kennt nur Decknamen.

Die Anzahl der Quellen, Informanten, Spitzel, um eine kriminelle und terroristische Organisation herum, wie sie der NSU darstellte, hatte eine nie gesehene Größe. Viele dieser V-Leute hatten untereinander Kontakt, ohne dass sie von ihrer Spitzeltätigkeit gegenseitig gewusst haben müssen.

Wo hört der Rechtsterrorismus auf, wo fängt der Staat an? Und umgekehrt.

Jedenfalls ist die Geschichte des NSU auch eine des Verfassungsschutzes. Diese Dimension ist erst in Ansätzen enthüllt. Aber sie erklärt den massiven Widerstand staatlicher Behörden bis hinauf zur Bundesanwaltschaft gegen die Aufdeckung der Hintergründe.

V-Leute, die zu Mördern werden - das wäre kein Einzelfall, wie folgendes Beispiel belegt: Im Januar 2008 tötete eine V-Person aus Rheinland-Pfalz, die auf die sogenannte Sauerland-Gruppe angesetzt war, in Heppenheim drei georgische Autohändler. Der Mann sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab. Die Hintergründe der Tat sind ungeklärt.

Ob die Sauerland-Gruppe mit dem Polizistenmord von Heilbronn im April 2007 in Verbindung steht, wird zur Zeit im NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg behandelt. Aufgeflogen ist der Heppenheim-Fall nur, weil die Ermittler ebenfalls auf die DNA-Spur der "unbekannten weiblichen Person" (uwP) gestoßen waren, die man schon beim Polizistenmord von Heilbronn gefunden hatte. Dadurch geriet der Dreifach-Mord von Heppenheim und die V-Person ins öffentliche Interesse. 2009 entpuppte sich die DNA-Phantom-Spur der "uwP" als die DNA einer Verpackerin, mit der die Wattestäbchen kontaminiert waren. Zu den vielen Fragen, die bleiben, gehört auch diese: Wie agiert der Verfassungsschutz aktuell mit nachrichtendienstlichen Mitteln bezogen auf den NSU-Skandal? Wie agiert er im Internet als wichtige Plattform der Auseinandersetzung? Und wie außerhalb der rechten Szene, zum Beispiel innerhalb der linken und alternativen Szene, die ohne Zweifel ebenfalls infiltriert ist? Wie verfolgt er dort sein Ziel, die Aufklärung über seine Verstrickung in den Mordkomplex zu verhindern?