Der Neandertaler in mir

Wir sind alle Neandertaler - manche mehr, andere weniger

Welcher Anteil meines Erbguts stammt vom Homo neanderthalensis? Ein Selbstversuch beim Genanalysedienst 23AndMe

Nein, der Befund ist kein Grund zur Sorge. Die Forschung glaubt schon lange nicht mehr, dass der Neandertaler ein zwar starker, aber dummer Bruder des modernen Menschen war (Großes Gehirn und intelligenter als gedacht). Vielleicht sind die 2,9 Prozent ja die Erklärung, warum Mützen, Helme und Hüte in Standardgröße auf meinem Schädel stets drücken. Denn der Kopf des Neandertalers muss größer und länger gewesen sein als der des Homo sapiens. Und ich habe, wie mir die Seite mit meinen Testergebnissen auf 23AndMe erklärt, etwa mehr seines Erbguts in jeder meiner Zellen als der Durchschnitts-Europäer.

Ermittelt hat das der US-Anbieter über eine Speichelprobe. Das Testkit, rund 100 Dollar teuer, enthielt ein Röhrchen, in das ich kräftig spucken musste. Vom Rückversand des Päckchens bis zur E-Mail "Ihre Testergebnisse sind da" vergingen etwa vier Wochen.

Wer zu den ersten Kunden von 23AndMe zählte, für den war das in der Regel ein eher banger Moment. Denn der Dienst (eine Gründung der Ehefrau des Google-Gründers Sergej Brin) warb zunächst mit der Aussicht, die eigene genetische Veranlagung für 254 Erbkrankheiten zu erfahren.

Details über das persönliche Risiko, irgendwann im Laufe des Lebens an Brustkrebs oder Parkinson zu erkranken, im Mailorder-Verfahren ins Postfach zu stellen, hat dem Unternehmen nicht nur Interesse, sondern auch viel Gegenwind beschert: Eine genetische Veranlagung sagt nur selten einen konkreten Verlauf voraus - könnte aber zu konkreten Aktionen der Betroffenen führen. Zum Jahresende 2013 musste 23AndMe diesen Zweig seines Dienstes auf Veranlassung der Überwachungsbehörde FDA denn auch einstellen.

Die Recherche des eigenen Stammbaums

Seitdem beschränkt sich 23AndMe auf in dieser Hinsicht harmlose Informationen. Interessant sind diese aber immer noch: Für die weltweite Gemeinde der Genealogen nämlich. Die Auswertung auf der Website bietet eine bequeme Abkürzung für die Recherche des eigenen Stammbaums.

Die Verteilung meiner Vorfahren mütterlicherseits

Sie zeigt nämlich, wie sich die eigene Verwandtschaft unterschiedlichen Grades weltweit verteilt. Alle anderen Nutzer, die die Analyse als Cousins und Cousinen identifiziert hat, kann man direkt über 23AndMe anschreiben. So erreichte mich schnell auch Post einer älteren Dame aus der Ukraine, die auf der Suche nach ihren Vorfahren war.

Ebenfalls interessant, aber nun wirklich ohne praktische Auswirkungen sind zwei andere Bereiche, über die 23AndMe informiert. Mein Erbgut hat zum Beispiel vor allem nord- und osteuropäische Wurzeln, die meisten meiner Verwandten kommen aus Deutschland, Schweden, der Ukraine und Polen.

Wo meine Cousins und Cousinen leben - die Verteilung wird allerdings wesentlich von der 23AndMe-Nutzerverteilung bestimmt

Eine Gencode-Melodie

Und während meine Vorfahren mütterlicherseits vor allem in Europa, Nordafrika und Nordasien verbreitet waren, kommt die väterliche Linie eher aus Nord- und Ostafrika, Osteuropa, Kleinasien und dem Nahen Osten. Eine kleine Gruppe meiner Genverwandten ist sogar bis ins ferne China gewandert. Schließlich gibt es noch die "Ancestry Tools".

Eine individuelle Gen-Melodie fürs Handy

Darüber lässt sich dem eigenen Gencode zum Beispiel eine Melodie zuordnen, die für jeden Menschen einzigartig ist. Wer mag, kann den kurzen MP3-Sound auch herunterladen und in Zukunft als wirklich individuellen Klingelton für das Handy benutzen. (Matthias Matting)