"Der Optimist" oder "Candide Reloaded"

Wo herrschen Intoleranz und Dummheit wie vor 250 Jahren? Oder besser: wo nicht?

Im Grunde ist die Sache ganz einfach: ohne Renaissance und Aufklärung als prägende Strömungen der europäischen Geschichte wären Dan Brown, die Macher von Popetown und die gesamte MTV-Redaktion auf klerikalen Scheiterhaufen gelandet, statt belanglose Serien und dubiose Verschwörungstheorien ohne Gefahr für Leib und Leben mehr oder weniger ungehindert verbreiten zu dürfen. Mit Renaissance und Aufklärung in der arabischen Welt hätte es keine Fatwah gegen Salman Rushdie, keinen Mord an Theo van Gogh und wahrscheinlich sogar kein 9/11 gegeben.

Eine der hervorragendsten Gestalten dieser als Aufklärung bekannten Epoche war Francois-Marie Arouet, genannt Voltaire (1694 - 1778). Wenn heute irgendwo auf der Welt die Freiheit des Gedankens oder des Wortes bedroht ist, wenn Fanatiker in Talar, Robe oder Burnus Andersdenkende und Andersgläubige steinigen, köpfen oder auf verbrennen wollen, wird Voltaire! zum Synonym für die Freiheit des Geistes, für furchtlose Spottlust und scharfsinnige Pamphlete gegen religiösen Dogmatismus oder staatlichen Obrigkeitsterror, getreu seinem Motto: Ecrasez l´infame!

Ein Fall für Voltaire!

Islamistische Fundamentalisten bedrohen Korankritiker mit dem Tod? Ein Fall für Voltaire! Die religiöse Rechte der USA zieht gegen Darwin und die Evolutionslehre zu Feld? Ein Fall für Voltaire! Europäische Zeitungen drucken in geschlossener Solidarität die provokanten Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung nach? Voltaire ist ihrer aller Chefredakteur! Und das Werk, dem er vor allen anderen heute noch diesen Ruf verdankt, ist die philosophische Erzählung Candide oder der Optimismus aus dem Jahr 1758.

Held dieser Erzählung ist der naive Jüngling Candide, der als unehelich geborener Neffe des Barons Tunder Ten Tronck auf einem Schloss in Westfalen aufwächst, erzogen von dem Philosophen Pangloss und in inniger Nähe zu der schönen Tochter des Barons, Kunigunde. Als er ihrer erotischen Neugier erliegt, wird er von dem paradiesischen Anwesen vertrieben. Nun nimmt eine aberwitzige Odyssee durch sämtliche Breiten der damals bekannten Welt ihren Anfang, die ihn von Bulgarien (das, um Loriot zu zitieren, "wie jeder weiß, gleich neben Westfalen liegt") über Holland, Italien, die Türkei, Afrika und Südamerika bis in das sagenhafte Eldorado führt. Von dort treibt ihn die Sehnsucht nach der geliebten Kunigunde wieder zurück nach Europa, ehe er am Bosporus endlich Frieden findet.

Doch egal, was ihm auf seinen Irrfahrten an Schrecklichem, Absurdem, Grausamen und Unmenschlichem widerfährt, wie oft er gefoltert und verstümmelt wird, immer glaubt er, dass es - gemäß den Worten seines alten Lehrers, Doktor Pangloss - nur zu seinem Vorteil ist, denn in der besten aller möglichen Welten ist eben alles zum Besten für Jedermann bestellt, solange man nur schönes Schuhwerk trägt und genügend Schweinefleisch zum Essen hat.

Dabei dient der geistreiche, satirische und nicht selten bittere Text Voltaire als Folie, vor deren abenteuerlichen Hintergrund er mit dem Elend seiner Zeit abrechnet: mit der Grausamkeit der Inquisition und der Arroganz der katholischen Kirche, verkörpert durch Jesuiten und andere Ordensgemeinschaften. Mit der Dummheit des Militärs und der Sinnlosigkeit von Kriegen jeglicher Art. Mit dem Elend der Sklaverei und fortschreitender Kolonialisierung. Mit der Neigung zum Aberglauben, vor allem im Angesicht von Naturkatastrophen wie dem Erdbeben von Lissabon (1755). Mit der demütigenden Rolle der Frau in der Gesellschaft und den Albernheiten des Literaturbetriebs. Mit Geißeln wie Liebe, und Sexualität, die zu nichts anderem führen als Syphilis und Tod.

Bestandsaufnahme unserer Gegenwart

Es bedarf also nur geringer Modifizierungen und subtiler Aktualisierung, und schon gleicht diese Liste einer Bestandsaufnahme unserer Gegenwart, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Man setzt den Orient an die Stelle des Abendlandes, tauscht Jesuiten und die katholische Kirche gegen islamische Fundamentalisten, stellt der Religion als Opium fürs Volk das kommerzielle Fernsehen voran und muss erkennen, dass sich knapp 25o Jahre nach dem Erscheinen des Candide noch genügend Infames auf der Welt findet, um damit auch die Aktualität dieses brillanten Textes zu belegen.

In den letzten fünfzig Jahren sind einige Bücher erschienen, die mehr oder weniger von "Candide" beeinflußt waren: "Eine coole Million" von Nathanael West, "Candy oder die sexte aller Welten" von Terry Southern und Mason Hoffenberg, "Catch 22" von Joseph Heller und in gewisser Weise auch "Schlachthof 5" von Kurt Vonnegut. Michael Moore wäre ohne Voltaire nicht vorstellbar. Das Original allerdings ist kaum noch bekannt.

Wenn man sich mit Voltaires Erzählung beschäftigt, stellt sich irgendwann fast unausweichlich die Frage: wohin, an welche Brennpunkte der modernen Welt würde Voltaire seinen Candide heute schicken? Welches Ereignis kommt dem Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 gleich? Wo findet sich eine Utopie - und sei es eine negative - wie der Entwurf von Eldorado? Welche blutigen Schlachten spotten aller so genannten Menschlichkeit Hohn? Was vernebelt die Gehirne der Menschen fast noch mehr als aller religiöse Irrwitz? Was würde seinen berühmten Ausruf Ecrasez l´infame! provozieren, wo herrschen Intoleranz und Dummheit wie vor 25o Jahren? Oder besser: wo nicht?

Die Kriege auf dem Balkan in den 1990er Jahren, der 11. September 2oo1, der von den USA geführte Feldzug gegen Afghanistan, der Überfall der `Koalition der Willigen´ auf den Irak, der unendliche israelisch-palästinensische Konflikt, immer wieder neuer religiös-fundamentalistischer Terror von allen Seiten gegen alle Andersgläubigen - es schien mir mehr als an der Zeit, Voltaires virtuosen Text der Aufklärung in diesen Hintergrund eingebettet einem neuen Publikum zugänglich zu machen.

Von Westfalen auf den Balkan

Viele Passagen konnten dabei fast wörtlich in den neuen Kontext übernommen werden (etwa das eitle Geplapper von Kritikern und Großschriftstellern in den französischen Salons oder die Schilderung der Ausbreitung der Syphilis), was nicht gerade ein günstiges Licht auf die Entwicklung des menschlichen Verstandes im letzten Vierteljahrhundert wirft. Für andere musste ein zeitgenössisches Äquivalent gefunden werden, aber auch dies vordringlich mit dem Ziel, dem Original durch das Palimpsest neue Aufmerksamkeit zuzuführen.

Von Westfalen auf den Balkan, ins Italien des Vatikans, nach New York im September 2oo1, in den bible belt der USA während des andauernden `Kriegs gegen den Terror´, in das Afghanistan Osama bin Ladens und das Hollywood Rupert Murdochs, weiter nach Kuba und das von blutigen Stammesfehden erschütterte Afrika und schließlich zurück nach Deutschland führt daher jetzt die Odyssee des jungen Vox alias Candide, bevor sie in einem atemberaubenden Endspurt via Guantánamo Bay und Bagdad/Teheran in der Wiedervereinigung mit seiner geliebten Kunigunde in einem Kibbuz in Israel mündet.

In den nächsten Tagen wird Telepolis diese Bearbeitung des Candide durch Noel Sanssouci unter dem Titel "Der Optimist" in mehreren Folgen exklusiv vorstellen.

Teil 1: Wie Vox geboren, getauft und aus dem Paradies vertrieben wurde
Teil 2: Wie Vox bei den Leuten mit der rechten Gesinnung die Liebe zum Vaterland lernte...
Teil 3: Wie Vox auf dem Balkan in die Grazie des Sterbens eingeweiht wurde...
Teil 4: Wie Vox in New York von einem Erdbeben überrascht wurde...
Teil 5: Wie Vox in Amerika vom Federal Bureau of Inquisition verhört wurde...
Teil 6: Wie Vox mit Tootsies Augen ins Herz der Finsternis blickte...
Teil 7: Wie Vox im Rahmen eines Autodafés einen frisch gebackenen Taliban tötete...
Teil 8: Wie Vox in Tora Bora die Doppelgänger Osama bin Ladens trifft...
Teil 9: Wie Vox seine Geschichte an Sir Ruperts Medienkonzern verkauft...
Teil 10: Wie Vox in Deutschland beinahe seinen Optimismus verliert...
Teil 11: Wie Vox in Guantánamo verhört wird...
Teil 12: Wie Vox unter Folter gesteht, ein echter Terrorist zu sein... (Claus Cornelius Fischer)