Der Osten wird der "neue Westen"

Das Zeitalter der europäisch-westlichen Vorherrschaft geht unwiderruflich zu Ende

Die Finanzkrise verstärkt diese Tendenz. Die Frage ist, ob das liberale System dabei überleben wird. (Teil 1)

Ist die Demokratie westlichen Typs ein Auslaufmodell? Hat es seine politische Strahlkraft auf die nicht-westliche Welt, auf Asien, den Mittleren Osten und Afrika bereits verloren, weil das Modell einer "gelenkten Demokratie", das in autoritär strukturierten Staaten wie dem kommunistischen China oder im heutigen Russland anzutreffen ist, mehr Effizienz, Glaubwürdigkeit und wirtschaftlichen Erfolg verspricht? - Die meisten politischen Beobachter werden diese Frage, die ich jüngst in den Raum gestellt habe, entschieden verneinen (Zwischen Russophobie oder Russophilie). Sie werden dafür moralische Werte, universelle Ideen und geschichtliche Erfahrungen oder Entwicklungen ins Feld führen und die Frage als gezielte Provokation empfinden.

Dass der Westen die Welt zwei Jahrhunderte dominiert hat, war eine Anomalie der Geschichte

Kishore Mahbubani

Und in der Tat lässt sich eine Vielzahl von Gründen anführen, die für den Erhalt, aber auch für den Ausbau oder die weitere Verbreitung des "freiheitlichen" Modells sprechen. Die Beobachtung, dass Menschen, die sich einmal ihrer Fesseln entledigt und sich politisch emanzipiert haben, Bevormundungen durch Obrigkeiten nicht mehr erdulden werden, gehört sicher mit dazu. Die Erkenntnis, dass erst im Umfeld eines Free Flow of Information jener Wettbewerb um Ideen gedeihen kann, der die Kreativität von Menschen (Human Power) freisetzt, die für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes unerlässlich ist, möglicherweise auch.

Hinzu kommt, dass der Abgesang auf die freiheitliche Ordnung so alt ist wie ihr Bestehen. Von Beginn an wird die liberale Demokratie von Stimmen und Stimmungen begleitet, die ihre Ineffektivität und Trägheit beklagen, die Indifferenz gegenüber moralischen Werten sowie den Ausverkauf an Wirtschaftseliten, und daher ihren baldigen Verfall oder Untergang an die Wand malen. Sie reichen von den Verächtern der parlamentarischen Demokratie, von Carl Schmitt und Walter Benjamin, bis hin zu ihren sozialrevolutionären Überwindern auf der politisch Linken wie Rechten.

Wirklich überzeugend wirken alle diese Einwände und Argumente jedoch letztlich nicht. Zum einen, weil sie den tatsächlichen Verlauf der Geschichte in den letzten Jahren schlichtweg übersehen. Seitdem der Kalte Krieg und der amerikanische Unilateralismus sich als untauglich erwiesen haben, die Probleme und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, spüren wir, dass der Weg in die Zukunft nicht mehr über die Modelle der Vergangenheit führen wird. Zum anderen, weil sie häufig mit einer Mischung aus kultureller Selbstgefälligkeit und westlicher Überheblichkeit vorgetragen werden, dabei das westliche Denken und seine politischen Konzepte zum allein Seligmachenden in der Welt aufblasen und obendrein der Blick auf die Ereignisse durch die eurozentrische Brille verzerrt wird.

Nimmt man diese Brille ab und weitet seinen Blick, erkennt man recht schnell, dass alle Ausführungen, die den Westen und seine Zivilisation zum historischen Nabelpunkt oder Letzthorizont erklären, historisch ziemlich kurz springen. Bis zur Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts war die wirtschaftliche Bedeutung des Westens, global betrachtet, ziemlich gering. Vom Beginn unserer Zeitrechnung an besaß der asiatische Kontinent den größten Anteil an der Weltwirtschaft. Trug Asien zum globalen Bruttosozialprodukt (BSP) bis dahin nahezu 70 Prozent bei, beschränkte sich der Anteil Westeuropas daran allenfalls auf ein knappes Zehntel.

Dies änderte sich bekanntlich erst mit all den technischen Innovationen und den bedeutenden Beiträgen, die später die westlichen Ableger, namentlich die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien zum BSP beisteuerten. Gewiss kursierten schon vorher, seit der europäischen Renaissance, westliche Ideen, Werte und Ideale in Schriften, Archiven und halböffentlichen Foren. Die freiheitliche Demokratie reüssierte politisch aber erst, als die wirtschaftliche Dynamik, angefacht durch Wissenschaft, Technik und "formale Rationalität" (Max Weber), an Fahrt gewann und den Bevölkerungen nach und nach einen gestiegenen Wohlstand bescherte.

Allein daraus eine Bestandsgarantie für die Zukunft abzuleiten, scheint äußerst gewagt. Auch wenn Fukuyamas Theorem vom "Ende der Geschichte" noch nicht endgültig falsifiziert ist (dafür ist es, wie am Beispiel Alexandre Kojève deutlich wird, viel zu flexibel und großflächig angelegt), so zeigt doch der Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte, wie vorsichtig man politisch mit Selbstgewissheiten, Letztbegründungen und Endgültigkeitsformulierungen hantieren sollte.

Den meisten Beobachtern dürfte die BRIC-Studie von Goldman Sachs bekannt sein, wonach spätestens ab Mitte dieses Jahrhunderts (neuere Studien sprechen gar vom Jahre 2030 oder früher) drei der vier größten Volkswirtschaften in Fernost liegen werden, neben den USA Japan, Indien und vor allem China. Mittlerweile lebt bereits die Hälfte der Menschheit in Asien, während der Westen, also Europa, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland, nur noch knapp ein Zehntel der Weltbevölkerung stellt.

Zu glauben, dass diese zehn Prozent künftig allein über die klimatischen, politischen oder ökonomischen Belange der Menschheit befinden, über Energievorräte, Krieg und Frieden, Umweltauflagen oder Lebensgrundlagen, wie es derzeit in der G 8, dem UN-Sicherheitsrat, der WB oder dem IWF noch passiert, ist aberwitzig und anachronistisch. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die neuen aufstrebenden Staaten auch in diese internationalen Organisationen drängen und dort ihre Sicht der Dinge einbringen werden.

Dass der "liberale" Westen, der seine Macht exklusiv in diesen Clubs gebündelt, gespeichert und monopolisiert hat, dies bislang mit fadenscheinigen Gründen zu verhindern wusste, zeigt, mit welchen undemokratischen Mitteln der Westen seine Macht zu verteidigen sucht. Andererseits macht dies aber auch deutlich, dass er einer künftigen Weltordnung, die mit der alten Nachkriegsordnung aufräumt und den neuen Machtkonstellationen Rechnung trägt, eher im Weg steht.

"Praktisch benutzt der Westen", schrieb Samuel Huntington 1993 in seinem berühmten Aufsatz The Clash of Civilizations?, "internationale Institutionen, militärische Macht und ökonomische Ressourcen, um die Welt auf eine Art zu führen, welche die westliche Vorherrschaft aufrechterhält, westliche Interessen schützt und westliche politische und ökonomische Wert fördert."

Solange die Machtverhältnisse aber dermaßen ungleichgewichtig verteilt sind, Amerikaner und Europäer untereinander ausmachen, wer an der Spitze von IWF oder WB steht oder wie Abstimmungen dort auszufallen haben, werden neue Mächte, wie China oder die Erdöl produzierenden Staaten des Persischen Golfes mit ihren hohen Devisenreserven, nicht bereit sein, sich an einer ebenso raschen wie notwendigen Kapitalerhöhung des IWF zu beteiligen. Stattdessen werden sie Kredite lieber direkt an Länder verteilen, um sich auf diese Weise politischen Einfluss zu sichern und das politische Wohlwollen dieser Länder zu gewinnen. Diese wiederum werden diese Hilfen, besonders nach den schlechten Erfahrungen, den sie mit dem Westen gemacht haben, begrüßen und vor allem China, das sich in der Verteilung von Geldern und Krediten politisch als besonders umsichtig zeigt, als alternativen Entwicklungspartner akzeptieren und schätzen lernen.

Ordnet man diese aktuellen Entwicklungen und Tendenzen in den oben vorgestellten größeren historischen Rahmen ein, dann könnte man sagen, dass die Welt wieder dabei ist, vom kurzzeitigen westlichen "Ausnahmezustand" in den geschichtlichen "Normalzustand" zurückzukehren. Seit fast 90 Prozent der Weltbevölkerung aufgehört haben, bloß zu existieren und bloße Objekte der Weltgeschichte zu sein, schreitet die Delegitimierung der Macht und des Einflusses des Westens munter voran. Das nahende Ende der europäisch-amerikanischen Dominanz, und mit ihm auch jener Mythos einer Weltgemeinschaft, die ausschließlich die Ansichten und Wahrnehmung des Westens teilt, signalisiert, dass die westliche Kultur weder den End- oder Höhepunkt der menschlichen Entwicklung darstellt, noch der Anbruch einer anderen Kultur den Rückfall ins Mittelalter bedeuten muss.

Verantwortlich für diesen Aufstieg des Ostens ist weniger, worauf Kishore Mahbubani in The New Asian Hemisphere (auf Deutsch: "Die Rückkehr Asiens", Propyläen 2008) aufmerksam gemacht hat, die Rückbesinnung asiatischer Gesellschaften auf verborgene oder verschüttete Stärken, als vielmehr deren ungehemmtes Abkupfern und Imitieren westlicher Ideen und Werte, als da sind: die Einführung radikal marktwirtschaftlicher Gesetze; die Dominanz technischer und/oder naturwissenschaftlicher Fächer; die gezielte Ausbeutung und Anwendung menschlicher Ressourcen und Talente in Politik, Wirtschaft und Technik; die Abkehr von Ideologie hin zu pragmatischen Handlungen und Lösungen. Dadurch werden die freiheitlichen Systeme des Westens in einen wirtschaftspolitischen Wettbewerb mit den "gelenkten Demokratien" gezwungen, den sie aller Voraussicht nach verlieren werden, wenn es ihnen nicht gelingt, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Das hat zum einen mit der Mentalität der Menschen in Asien zu tun, deren geistiges Potential so lange brach gelegen ist und das jetzt förmlich vor Energie und Kreativität zu bersten scheint. Asiaten sind im Allgemeinen viel ausdauernder, duldsamer und hungriger, was die Aussicht auf Erfolg, Wohlstand oder Karriere angeht. Wer das nur für ein billiges Klischée hält, der werfe einen Blick in eines jener Chinatowns, die sich in allen größeren westlichen Kapitalen gebildet haben. Hinzu kommt, dass sie einen riesigen Nachholbedarf hinsichtlich des Konsums von Waren oder die Möglichkeit auf ein gesichertes Leben haben. Ein Europäer kann sich das vielleicht nicht vorstellen, aber Wasserklosett und Fernsehgerät, fließendes Wasser und Mobiltelefon sind dort vielfach noch Wunschträume.

Anders als westliche Jugendliche und Heranwachsende, die vom Konsum übersättigt sind, zum Wehklagen neigen und sich eher um ihre Zukunft sorgen statt selbstinitiativ zu werden, herrschen herrscht bei den asiatischen Vergleichsgruppen, die in indischen und chinesischen Slums und Trabantenstädten leben, trotz der dort herrschenden Armut und Elend weitgehend Zuversicht, Optimismus und Vertrauen in die Zukunft. Asiaten warten nicht auf Hilfen des Staates, auf Subventionen oder Ausgleichszahlungen, sondern wollen ihr Leben durch eigene Anstrengung ständig verbessern und über ihr Schicksal selbst bestimmen.

Ähnliche Stimmungen findet man auch in weiten Teilen westlicher Eliten vor. Hat die größte kommunistische Partei der Welt, die KPCh, den Sozialismus längst auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt und dem "freien Unternehmertum" freien Lauf gegeben, lassen sich westliche Politiker und Intellektuelle erneut von dümmlicher Globalisierungs- und Kapitalismuskritik leiten. Entweder trauern sie dem verflossenen Sozialismus nach und verklären ihn oder sie jazzen ihn gar zum Alternativkonzept des neoliberalen Wirtschaftsmodells hoch.

"Als die jungen Leute die Dörfer verließen, um in Nike-Schuhfabriken zu arbeiten," schreibt Kishore Mahbubani allen westlichen Globalisierungskritikern ins Stammbuch, "hatten Haushalte, die daran gewöhnt waren, mit einem Jahreseinkommen von 467 US-Dollar ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, plötzlich 4300 US-Dollar zur Verfügung. Deshalb gibt es in China keine Antiglobalisierungsbewegung. Für die jungen Chinesen, die in ihnen arbeiteten, waren die Nike-Fabriken, die die Globalisierungsgegner der WTO-Tagung in Seattle im Jahr 1999 so vehement verurteilten, ein Ort der Befreiung. Zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte konnten sich bäuerliche Chinesen vorstellen, aus der endlosen Plackerei des Landlebens auszubrechen. Für den menschlichen Geist ist nichts befreiender als die Erkenntnis, dass es eine Hoffnung gibt."

Ihre optimistische Einstellung hat aber auch mit dem unterschiedlichen Charakter und dem Stellenwert von Bildung in den aufstrebenden Ländern zu tun. Während westliche Erzieher und Funktionäre ständig den kognitiven Überhang von Lerninhalten beklagen, auf emotionale Defizite in der Schulbildung hinweisen und am liebsten die schulischen Anforderungen an Kinder und Jugendliche zurückfahren möchten, damit sie nicht zu seelischen Krüppeln verkommen (Zur Hölle mit der Disziplin), verhält es sich in asiatischen Ländern genau umgekehrt. Hier dominieren vor allem jene Arbeitstugenden, die Samuel Huntington vor Jahren in seinem Buch "Who we Are" für den nachhaltigen Erfolg der angelsächsischen Nation ausgemacht hat: Ausdauer und Zähigkeit, Disziplin und Erfolgshunger.

Jobbt ein angehender indischer Informatiker oder Ingenieur acht Stunden in der Nacht in einem Call-Center, um am Morgen danach gleich wieder in die Universität oder in die Technikerschule zu hasten, hat der durchschnittliche westliche Student vor allem eines im Sinn: Partymachen und Jammern, Partnerwechsel und Ausschlafen. Zwar genießen westliche Kaderschmieden in Großbritannien und den USA bei asiatischen Jungakademikern immer noch hohes Ansehen. Deren Bedeutung nimmt aber stetig ab, wie neueste Rankings zeigen. Schon beginnen viele Emigrantenkinder in ihre Heimatländer zurückzukehren (brain gain), um mit Ideen und Geld im Gepäck die sich für Unternehmer dort bietenden Chancen zu nutzen (India Rising), von denen Europa, das sich selbstredend als "wettbewerbsorientierte Zukunftsregion" begreift, bislang nur zu träumen wagt: die unglaubliche Größe und Unerschlossenheit der Märkte, ihr rasantes Wachstum, die unerhört günstigen Arbeitskräfte. Auf die jungen und hochmotivierten Rückkehrer wirken diese neuen Märkte wie Start-up-Unternehmen, während der Westen wie ein schwerfälliges Großunternehmen oder unbeweglicher Tanker erscheint.

In nicht allzu ferner Zeit werden europäische Bildungsbürger daher beginnen, ihre Kinder auf Hochschulen in Peking, Singapur oder Mumbai zu schicken, statt wie gewohnt auf britische Internate oder auf amerikanische Colleges. Nicht nur, weil sie dort eine bessere Ausbildung für ihre Sprösslinge zu erwarten haben, sondern auch, weil sie sich auf diese Weise mehr und besser mit russischen, chinesischen oder indischen Lebensweisen oder Gewohnheiten vertraut machen können.

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise wird diesen Trend weiter befördern und verstärken. "Die Finanzkrise stellt für die USA und Europa einen großen geopolitischen Rückschlag dar", konstatiert der ehemalige US-Finanzstaatssekretär der ersten Clinton-Administration, Roger C. Altman, in der Jan/Feb-Ausgabe der Foreign Affairs. "Die globale Macht der USA, aber auch die Anziehungskraft der amerikanischen Demokratie", so fährt er fort, "erodieren". Altman ist überzeugt, dass "einige Staaten, insbesondere China, hinterher eine relativ stärkere globale Position einnehmen werden."

Im günstigsten Falle wird die Wirtschaftskrise diese kontinentale Drift in Richtung Osten kurzfristig verlangsamen. Entscheidend stören oder gar aufhalten wird sie sie aber nicht. Zwar bleiben auch China und Indien von der Krise auf den Finanzmärkten nicht ganz unberührt. Doch werden sie diese, anders als der Westen oder die Erdöl und Rohstoffe exportierenden Länder, relativ unbeschadet überstehen, weil sie auf diesen Risokomärkten nur eine kleine Rolle eingenommen und keine großen Mengen toxischer Papiere angehäuft haben, die die restlichen Länder jetzt in die Knie zwingen.

Angesichts der düsteren Aussichten und der wirtschaftlichen Depression, die sich im Westen breitmacht, sind daher statt Kraftmeierei und Überlegenheitsgefühle eher Demut und Bescheidenheit angesagt. Herbeigewirtschaftet wurde das Desaster ja nicht von "gelenkten Demokratien" oder "autokratischen Systemen", sondern von jenen Staaten, die sich ein freiheitliches politisches System leisten und von der kulturellen Überlegenheit ihrer Lebensformen und Lebensstile, ihrer Gesinnung und ihren Werthaltungen überzeugt sind.

Nicht der Autokratismus, vielmehr ein freiheitliches Modell, das den Handel mit Schuldverschreibungen und anderen kritischen Finanzinstrumenten zuließ, hat zu jener globalen Katastrophe geführt, das die Welt nun scheibchenweise in den Abgrund zu reißen droht. Es waren die Finanzsysteme des Westens, die das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit unterminiert haben. Ohne die massiven Stützungskäufe des chinesischen Staates oder die finanziellen Zuwendungen chinesischer Investoren, die Amerikas Schuldenmacherei abgefedert haben und weiterhin abfedern, wäre die älteste Demokratie längst bankrott (What "Chimerica" hath wrought).

In nur zehn Jahren, von 1995 bis 2005, ist das amerikanische Handelsdefizit gegenüber dem "Reich der Mitte" von 34 Milliarden US-Dollar auf über 200 Milliarden US-Dollar angewachsen. Dass die neue amerikanische Außenministerin zunächst nach Asien gereist ist, nach Tokio und Beijing und nicht nach London, Berlin oder Paris, spricht Bände. Und dass Frau Clinton dort nicht mehr von Rivalität und Konfrontation sprach oder auf die Einhaltung von Menschenrechten pochte (Security and Opportunity for the Twenty-first Century), sondern wie Richard Nixon vor fünfunddreißig Jahren Gemeinsamkeiten betonte und vom Brückenbauen sprach, spricht für den neuen Realitätssinn, der in Washington mittlerweile Einzug gehalten hat.

Im Grunde ahnen und wissen das die westlichen Eliten und Führer auch längst. Nicht zufällig hat die Reisetätigkeit westlicher Politiker und Manager in Richtung Osten gigantische Ausmaße angenommen. Bereits vor drei Jahren trafen sich die Davos-Männer im Schweizer Nobelkurort, um unter dem Motto "The Shifting Power Equation" über die "sich verändernde Macht-Gleichung" gemeinsam zu diskutieren. Damals klang das zwar noch etwas nebulös und wolkig und verursachte einigen Managern vermutlich noch Verständnisschwierigkeiten. Dementsprechend durfte damals auch noch die frisch gekürte deutsche Bundeskanzlerin das Treffen eröffnen. Während willfährige Journalisten noch ihre Charmeoffensive feierten, hatte Fareed Zakaria offensichtlich die Zeichen der Zeit längst erkannt. In einem weltweit Aufsehen erregenden Newsweek-Artikel wies er nachhaltig auf den unaufhaltsamen Aufstieg Indiens hin (India Rising).

Drei Jahre später, 2009, hat das seinerzeit etwas zu blumig geratene Motto konkrete Gestalt angenommen. "Shaping the Post-Crisis World" hieß es Ende Januar, die Davos-Männer wollten die Welt, die durch ein allzu freiheitliches System aus den Fugen geraten ist, neu formen. Eröffnet wurde das Meeting diesmal vom russischen Premierminister Wladimir Putin, und nicht mehr von einem westlichen Politiker. Die politische Elite der bislang noch mächtigsten Nation der Welt fehlte. Auch wenn sie mit der Neuordnung, Bestätigung und Vereidigung ihrer neuen Administration beschäftigt war, für die politische Symbolik doch sehr aussagekräftig.

Gewiss ist der Westen immer noch eine überaus dynamische Region. Die militärische Schlagkraft der USA ist unerreicht und ihre technische Innovationstätigkeit immer noch ungemein hoch. So umwälzende Neuerungen, wie sie YouTube, Google oder der iPod der Welt gebracht haben, sind bislang noch oder nur in den USA denkbar. Doch ihre wirtschaftliche Macht ist geschwunden. Die gigantischen Haushaltsdefizite, die die Weltmacht, und mit ihm Europa, angehäuft hat, werden das Land und den Westen insgesamt für lange Zeit extrem schwächen. Die Politik in Washington, London, Paris und Berlin wird sich vermehrt den inneren Problemen der Länder widmen müssen, man wird Auslandshilfen schon aufgrund von Geldmangel begrenzen und nach und nach protektionistische Tendenzen (heimische Industrien, Buy American) verstärken, die die Doktrin freier Märkte (Globalisierung) konterkarieren.

Und auch die kulturelle Strahlkraft des Westens ist bereits im Sinkflug begriffen. Die westliche Popkultur, vormals wichtigstes Machtmittel für die Verbreitung westlicher Lebensformen, Weltbilder und Werthaltungen stößt mittlerweile an ihre Grenzen. Bollywood hat Hollywood, was die Produktion, Verbreitung und Rezeption von Filmen oder die Anziehungskraft von Stars angeht, längst den Rang abgelaufen, während Al Jazeera und andere Sender sich als Alternativmedien zu US-Nachrichtenmedien etabliert haben, die mindestens so hohe Einschaltquoten aufweisen wie CNN oder MSNBC. Mehr und mehr beginnt die nicht-westliche Welt, sich auf ihre ethnischen und regionalen, kulturellen und religiösen Wurzeln zu besinnen. Chinesen, Inder und Moslems schämen sich nicht mehr ihrer angeblich "rückständigen" Kultur, sondern zeigen sich zunehmend stolz auf das, was sie und ihre Väter und Ahnen einstmals geschaffen haben.

Literatur

Teil 2 beschäftigt sich damit, wie der Westen auf den Prozess der Entwestlichung, der durch den Aufstieg der Anderen in Gang gekommen ist, reagieren wird und welche Konsequenzen das möglicherweise für ihn haben wird.

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