Der Papst ist müde

Der römischen Kirchenleitung sind die Visionen abhanden gekommen - zum frommen Ungehorsam gibt es für bekümmerte Katholiken keine Alternative

Spektakel wie der Papstbesuch in Deutschland haben mit Jesus von Nazareth und der Suche nach einem glaubwürdigen Christentum im dritten Jahrtausend nichts zu tun. Falls in diesen Tagen irgendein belangvoller prophetischer Einspruch - etwa eine Skandalpassage zum deutschen Rüstungsexportkomplex in der päpstlichen Bundestagsrede - zu vermelden sein wird, dürfen wir von einem Wunder sprechen. Ganz anders als vor einem halben Jahrhundert steht die römisch-katholische Weltkirche heute unter einem Pontifikat ohne Freude, Charisma und Visionen. Auf Außenstehende wirken die Inszenierungen des Klerikersystems wie ein letztes Herumgehampel vor dem Abtauchen in die Bedeutungslosigkeit.

Wirklich überzeugt von seinem traditionalistischen Kurs scheint aber auch Benedikt XVI. nicht mehr zu sein. Der Papst ist ob des Verlaufs seines Pontifikates, der explosiven Austrittszahlen in seinem Heimatland und seiner abgestürzten Beliebtheitsskala tief enttäuscht, was man menschlich gut verstehen kann.

Der Papst ist müde. Das haben am letzten Wochenende fast alle Kommentatoren seines Wortes zum Sonntag wahrgenommen. Viele TV-Zuschauer, so vermutete der Papst wohl richtig, fragen, ob es Gott überhaupt "gibt". Zeit zur Auseinandersetzung mit der modernen Kosmologie, Evolutionsbiologie oder Hirnforschung ließ das Sendeformat nicht. Also folgte ein Verweis auf die "Schönheit der Schöpfung" und - immerhin - auf die Begegnung mit Menschen (gerade auch mit ganz "einfachen Menschen").

Diese Vorschläge wurden demütig, aber auch leidenschaftslos vorgetragen. Hat der Papst zur vielbeschworenen "Gotteskrise" wirklich Bedeutungsvolleres zu sagen als die bösen Reformtheologen des Memorandums "Freiheit" und ihre 70.000 Unterstützer ?

Die entscheidende Passage der - in strategischer Hinsicht allzu durchschaubaren - Fernsehansprache war freilich nicht der "Gottesfrage" gewidmet, sondern der Ökumene bzw. der Unmöglichkeit von Ökumene. Eine halbe Stunde ist in Erfurt für die Evangelischen reserviert, deren Gemeinde laut Kardinal Joseph Ratzinger und hernach laut Benedikt XVI. nicht als Kirche zu betrachten ist.

Der Papst kommentiert vorab, damit hinterher keiner enttäuscht daherkommen kann: "Wir erwarten keine Sensationen." Wie sollten "wir" auch? Nicht ein einziger konkreter Schritt hin zur Kirchengemeinschaft ist seit dem Aufbruch des letzten Konzils Wirklichkeit geworden, und seit Joseph Ratzinger in Rom Karriere gemacht hat, gibt es nur bittere Rückschläge zu beklagen. Die Zahl der ökumenischen Konferenzen und Papiere ist Legion. Die Zahl der substantiellen Fortschritte ist Null, soweit es das kirchenamtliche Rom betrifft. So kommt also der Pontifex, der große Brückenbauer, in das Land der Reformation und verkündet, ganz realistisch und vernünftig: "Erwartet nichts von Belang!"

Was aber soll die Welt von Kirchenleitern erwarten, die trotz der einen Taufe und der einen Bibel den gemeinsamen Tisch der christlichen Geschwister verbieten? Und was ist von eben solchen Kirchenleitern mit Blick auf die viel größere Oikumene - im ursprünglichen Wortsinn - zu erwarten, nämlich bei der Mitarbeit an einer vitalen Kommunikation von unterschiedlichsten Menschenkindern und Kulturen auf dem gesamten bewohnten Erdkreis? Das Katholische, der Blick auf das Ganze, ist in Rom abhanden gekommen. Wer sich von dort bezogen auf die kleine und große Ökumene etwas erhofft, darf warten - bis zum St.-Nimmerleinstag.

Die Reisestation Erfurt böte Benedikt XVI. Gelegenheit, neben Martin Luther auch den Dominikaner Meister Eckart ins Gedächtnis zu rufen. Eckart (ca. 1260-1328) steht für eine spannende Kirchengeschichtsepoche lange vor der Reformation. Er lehnte ein nur den theologisch gebildeten Lateinkundigen zugängliches "Wahrheitsmonopol" ab und predigte ganz bewusst in der Sprache der Leute. Seine Theologie von der innersten Gottesgeburt in jedem Menschen war mit dem Konstrukt einer elitären Priesterkirche unvereinbar und ist - auch in philosophischer Hinsicht - denkbar aktuell (Eckart wusste im Vorgriff schon: der objektivistische Dogmengott, den man "haben" kann, ist tot; er lässt sich nicht mehr reanimieren).

Die Kirchengeschichte des 2. Jahrtausends verlief nicht im Sinne dieses Lese- und Lebemeisters. Freie Christengeister, Laienbewegungen und Beginen, mit denen sich zu Eckarts Zeit eine kirchliche Emanzipation der Frauen den Weg bahnte, wurden verfolgt. Die klerikale Ideologie einer Zwei-Stände-Kirche, die gegenwärtig trotz des letzten Reformkonzils wieder durchgesetzt werden soll, verfestigte sich.

Siebenhundert Jahre nach Eckart gilt ein Theologe wie Karl Rahner in der römischen Kirche schon wieder als halber Ketzer (allen Ansätzen, die ein Gespräch mit dem Weltbild der Moderne eröffnen, wird es ähnlich ergehen). Der "neue" Weltkatechismus von 1993 vermittelt das Dogma - über den Menschen hinweg - genau im Sinne jener Inquisitoren, die Eckarts Lehre als gefährlich erachteten. Dass die Katechismus-Paragraphen im 3. Jahrtausend von keiner Menschenseele mehr verstanden werden, interessiert die Autoren nicht. Historisch-kritische Bibelforschungen, die mit den amtlichen Doktrinen zu Jungfrauengeburt oder Auferstehung nicht vereinbar sind, werden unterschlagen. Den islamophoben Rechts-Katholiken sei es ins Stammbuch geschrieben: Von einer Versöhnung der römischen Kirche mit der Aufklärung kann keine Rede sein (auch da nicht, wo man postmodern zugunsten des traditionalistischen Paradigmas theologisiert).

Joseph Ratzinger, von berufenen Mündern als der genialste Gegenwartstheologe gepriesen, ist maßgeblich mitverantwortlich für diese enge, ängstliche und bisweilen auch recht aggressive Geistigkeit. Rüdiger Safranski bescheinigt ihm "so was Zartes, Kindliches, auch Unschuldiges" (zit. Matussek: Das katholische Abenteuer, S. 159). Die Theologen, die ob ihrer freien Geistesregungen in der Kirche schlechte Erfahrungen gemacht haben, kennen auch eine ganz andere Seite von ihm.

Kommentare lesen (129 Beiträge)
Anzeige