Der Philosoph, der "Kuckuck" ruft

Slavoj Žižek in Leipzig 2015. Bild: Amrei-Marie/CC-BY-SA 4.0

Hält der Linke Slavoj Žižek abendländische Werte gegen den Flüchtlingsstrom hoch, oder ist alles nur ein Missverständnis?

Das Audimax der Berliner Humboldt-Universität war überfüllt, als der Champion kam. Für Slavoj Žižek ist Philosophie eine sportliche Veranstaltung aus Angriff und Verteidigung. Man ist versucht, ihm ein Handtuch um den Nacken zu legen. Angekündigt war Ende Oktober ein Vortrag über Wut, Rebellion und neue Macht. Žižek sprach über alles Mögliche, aber über das Thema wenig bis gar nicht. Im Boxkampf lässt ein taktischer Rückzug den Gegner ins Leere laufen. Sollte der Rückbezug der politischen Aussagen Žižeks auf seine eigentliche Qualifikation, neben der Philosophie eine französische geprägte Sozialpsychologie, dazu dienen, den Clinch mit den aufrechten Streitern für eine Willkommenskultur aufzulösen?

In Interviews, die er innerhalb weniger Monate gab, schlägt Žižek mehrere Haken. Einerseits lobt er die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Sie solle "brutaler" die Solidarität anderer Länder einfordern. Er schäme sich für sein Heimatland Slowenien. Noch auf seinem Vortrag an der HU sprach er sich bedingungslos für Immigration aus und prangerte das wohlhabende Katar an, das völlig dicht gemacht habe.

Wie verträgt sich das mit Žižeks anderweitigen Plädoyers für eine europäische Leitkultur, die gegenüber Intoleranz zu verteidigen sei? Wörtlich: "Wer unsere Werte nicht akzeptiert, hat bei uns nichts zu suchen." Er meint die Werte des Humanismus und der Aufklärung sowie die Menschenrechte. Ausgerechnet mit diesem Bekenntnis reißt Žižek eine Kluft in sein gesamtes Werk. Als Anhänger Jacques Lacans und Kenner Sigmund Freuds weiß er und schreibt es in früheren Werken, dass die offensive Forderung nach Menschenrechten, aber auch christliche Parolen wie "Liebe deinen Nächsten" Indikatoren einer inneren Aggression der Individuen sind, die kollektiv in Schach gehalten werden sollen. Vom Guten lässt sich auf den Anteil des Bösen in der menschlichen Psyche schließen. Žižek spricht von der Monströsität des Menschlichen.

Das eigentliche Übel bestünde jedoch darin, diese inneren Triebkräfte nicht anzuerkennen. Die "sentimentale", wohlmeinende Linke traut den Muslimen nicht einmal zu, böse zu sein, sagt Žižek im Hinblick auf die Ereignisse von Köln. Sie überträgt zu ihrer eigenen Entschuldung ihre Werte auf die Neu-Ankömmlinge. Das erinnert an frühere Forschungen zu ähnlichen Umständen: Philosemitismus ist nicht besser als Antisemitismus.

Aber wo Žižek sein eigentliches wissenschaftliches Feld verlässt und politisiert, gibt er selbst seine "ketzerischen" Ansichten auf zugunsten des Wahren, Schönen und sittlich Guten. Er fällt gleichsam von Nietzsche auf Schillers Idealismus zurück und spielt damit, selber nicht mehr zu wissen, was er der Politik raten soll. Das so Hingesagte steckt voller Zweideutigkeiten und ist eine Maske, hinter der er sich verstecken und beliebig hervortreten kann - wie im frühkindlichen Kuckucksspiel. (Dieses Spiel spielen erwachsene Boxer weiter. Es heißt Peek-a-Boo.) Alles nur Scherz?

Žižek ist während des Kalten Krieges aufgewachsen. Er sieht nicht ein, dass das Wendedatum gleichbedeutend mit der Kapitulation des Sozialismus gewesen sein soll, und versucht, aus Lenin und Stalin gerade in ihrem Anachronismus ein Potential gegen den postmodernen Zeitgeist herauszuschlagen. In diesem Kontext wirkt sein Verfahren, sich selbst ständig zu dementieren, wie die "Selbstkritik" zu sowjetischen Zeiten mit dem Unterschied, dass damals die Köpfe rollten, wenn die Intellektuellen nicht schnell genug selbstkritisch waren.

Für Žižek war Stalin ein Mann der Tat wie vor ihm schon Lenin. Die Tat sprengt die Normen, was bei Žižek positiv konnotiert ist. Das ist heikel. Der Begriff der Tat kommt zwar politisch neutral daher, wird aber vorzugsweise von denen beansprucht, die die demokratische Legalität durch die behauptete Legitimität ihres eigenen spontanen Tuns hinwegfegen. Diese Art von Revolution ist nicht nur eine von links, sie kann ebenso gut von rechts kommen. So errichtete der Tatmensch Gabriele D'Annunzio nach dem Ersten Weltkrieg mit Hilfe von Freischärlern vor den Toren Sloweniens kurzfristig den faschistischen Freistaat Fiume (Rijeka).

Die Nähe Žižeks zu diesen Extremen wird verständlich aus seiner orthodoxen und schon von Max Horkheimer vorweggenommenen Auffassung heraus, dass der Kapitalismus, heute Neoliberalismus, die Demokratie zersetze. Dem tragen Revolutionäre - und Putschisten? - durch ihr Handeln Rechnung.

In den heutigen kulturindustriell überformten Gesellschaften geht es weniger um politische "Säuberungen", vielmehr um die Reinhaltung der Sprache. Ihr wird die normative Kraft aufgebürdet, moralisch Verwerfliches im Umgang der Menschen einzudämmen.

Gegen den Sprachgebrauch der politisch Korrekten, gegen Begriffe wie Indigene, Menschen mit Migrationshintergrund, Sinti und Roma usw. ist als solches nichts einzuwenden, entscheidend ist jedoch laut Žižek die aseptische Behandlung der sozialen und psychischen Realität. Diese reinliche Sprache strotzt vor Berührungsängsten. Sie erreicht die Realität nicht und kann sie deshalb nicht ändern.

Eine solche einerseits vorauseilende, andererseits nachgetragene Ethik, welche stets den Kern der Dinge verfehlt, diagnostiziert Žižek bereits bei Jürgen Habermas.

Bei anderen Milieus ist paradoxerweise der umgekehrte Sprachprozess im Gange. Das Anale und Genitale hat hier die Münder erreicht und ist in die Alltagssprache eingegangen. Žižek konstatiert eine "Desintegration der Sittlichkeit" und führt Donald Trump an. Dieser habe öffentlich über seine Frau gesagt, dass er nie Flatulenzen von ihr hörte. Žižek: Der Skandal ist, es auszusprechen - nicht, es zu tun.

Wenn Žižek im Interview einen "menschlicheren Kapitalismus" fordert, liest sich das trivial, aber der Weg dorthin scheint auch für den linken Philosophen dornenreich zu sein: "Das Unmenschliche ist der einzige Weg, auf unmittelbare Art menschlich im universalen Sinn zu sein." Diesen Gestus hat Bertolt Brecht schlagend beschrieben: "Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so." Veränderung ist für Žižek nur möglich, wenn "wir" - die realitätsbewusste Linke - den Untergrund des "Es-Bösen" in uns anerkennen. Die bloße Verdrängung jenes Bösen würde jedwede Alternative des Denkens und Handelns blockieren.

Elemente des Rassismus sind auch in bürgerlichen Parteien vorhanden. Diesen Rassismus wollen sie der AfD verbieten und übersehen dabei, dass das Verdrängte trotz Eingrenzung durch eine "Verbotskultur" immer wiederkehrt und sich nun aus der Mitte der Gesellschaft heraus in Form unmittelbarer Gewalt gegen ethnische Gruppen Bahn bricht.

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