Der Präsident der USA im Infowar: Wenn eine Medienlandschaft den Knall nicht hört

Screenshot aus dem YouTube-Video des Infowars-Gesprächs

Donald Trump war im November 2015 zu Gast in der Alex Jones Show - Sagt das auch etwas über den Journalismus der Leitmedien aus?

Über eine halbe Stunde dauerte im November des vergangenen Jahres der Auftritt von Donald Trump bei Infowars.com. Infowars, auch "Die Alex Jones Show" genannt, steht wie kein anderes Medienformat für den Kampf um die Deutungshoheit zwischen den Leitmedien und alternativen journalistischen Formaten. Was bedeutet es, wenn ein Mann, der nun zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, Wahlkampf in einem Medium betreibt, in dem sich der Konflikt zwischen legitimen und illegitimen Bestimmern der Wirklichkeit geradezu symbolisch verdichtet?

Es bedeutet vor allem eins: Sowohl in den USA als auch hierzulande hat nahezu eine gesamte Medienlandschaft den Knall nicht gehört. Und wie es aussieht, soll er auch weiterhin nicht gehört werden.

Donald Trump war im November 2015 zu Gast bei Alex Jones. Vielleicht empfiehlt es sich diesen Satz noch einmal zu lesen, aber an seinem Inhalt ändert sich nichts. Fest steht: Ein Mann, der ein Jahr später zum 45. Präsidenten der USA gewählt worden sollte, hat Wahlkampf in einem Medium gemacht, das wie kein anderes für einen Journalismus steht, wie ihn die großen Medien kaum mehr verachten könnten. Infowars, das ist, um den Kampfbegriff zu verwenden, sozusagen das Epizentrum der Verschwörungstheorien.

Und genau in diesen Epizentrum, in dem die These von einem 9/11-Inside-Job und einer Machtelite vertreten wird, die darauf aus ist, eine Weltdiktatur zu errichten, hat sich Trump begeben. Was ist da los?

Wenn ein "illegitimer" Präsidentschaftskandidat (denn das war und ist Trump für einen großen Teil der Medien) und ein "illegitimer" Journalist zusammenkommen und am Ende trotz ihrer scheinbaren "illegitimen" Position der eine legal zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird und der andere sagen kann: "Ich habe den Präsident unseres Landes in meinem 'illegitimen' Format interviewt", dann muss nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im journalistischen Kosmos etwas Schwerwiegendes passiert sein. So eine Situation entsteht nicht über Nacht.

Einer der Gründe: Seit langer Zeit ist eine partielle Blindheit aufseiten führender Journalisten, Leitartikler und Redakteure zu beobachten. Schwerwiegende gesellschaftliche Probleme werden nicht erkannt, verleugnet, schöngeredet oder völlig falsch bewertet - das gilt genauso für ihren Umgang mit Entscheidungen der politischen Elite.

Die Tatsache, dass der neue "president-elect" der Vereinigten Staaten von Amerika in einem Format zu Gast war, dessen Macher sich Zugang zum Bohemian Grove verschafft und darüber berichtet hat, wie Teile der US-amerikanischen Elite mit Roben verkleidet vor einer großen Eulenstatue stehen und ein Ritual mit Namen Cremation of Care praktizieren, um ihrer "social cohesion" zu festigen, lässt tief blicken.

Die Tatsache, dass Trump zu Gast in einem Format war, dessen Macher bereits die Treffen der Bilderberger in den Fokus rückte, als selbst gestandene politische Korrespondenten bei dem Begriff "Bilderberg-Group" nur mit den Achseln zucken konnten, verrät viel über das, was in den USA, aber auch in Deutschland, gerade passiert.

Man kann sicherlich als Vertreter eines Qualitätsjournalismus, der Informationen und Sachverhalte nach journalistischen Maßstäben nüchtern, objektiv, sachlich bewertet und einordnet, zu dem Ergebnis kommen, dass ein Berichterstattungsexzess bei dem Stichwort "Bobbycar" erfolgen muss. Auch kann man eine verschwiegene Zusammenkunft von 140 führenden Persönlichkeit der westlichen Welt als einen Kaffeeklatsch betrachten, der von keinerlei öffentlichem Interesse ist.

Genauso dürfen die Entscheider in den Redaktionen zu dem Ergebnis kommen, dass eine Berichterstattung auf Steroide zu erfolgen hat, wenn ein etwas älterer Politiker gegenüber einer jüngeren Journalistin zur vorgerückter Stunde eine anzügliche Bemerkung macht. Und im Falle einer spektakulären Mordserie kann man sich gewiss entscheiden, das zu tun, wozu man sich - in der einen oder anderen Variation - quasi immer entscheidet, wenn es um einen zeitaufwendigen Investigativ-Journalismus geht: Man schlägt sich um die beschränkte Anzahl an Plätzen im Gericht, lässt mit den Trommeln des Boulevards den "Teufel" in München auflaufen, aber ansonsten beschränkt man sich was die Berichterstattung angeht auf das, was die Agenturen liefern und überlässt den investigativen Teil nicht mehr als einer Handvoll Kollegen.

Jedem journalistisch Interessierten sei dieses Video aus der John Olivers Show Last Week Tonight empfohlen - ein Stück Satire, das einem im Hals stecken bleibt. Kurz: Ein Reporter stellt in der Redaktionskonferenz ein Thema vor. Es geht um den Korruptionssumpf in der eigenen Stadt. Alle am Tisch ziehen daraufhin lange Gesichter. Keiner ist begeistert. Sehr viel Begeisterung gibt es aber für den Vorschlag einer jungen Journalistin, die eine "tolle Geschichte" über eine Katze machen möchte, die aussieht wie ein Waschbär - ab Minute 15:00).

Medien können sicherlich solche Entscheidungen treffen. Sie sollten sich dann aber nicht darüber beschweren, dass Mediennutzer sich von ihnen abwenden und irgendwann eine gesellschaftliche Situation entsteht, in der sich zusammenfügt, was sich besser nicht zusammenfügen sollte.

Festgestellt werden kann: Wir haben es mit einer geradezu schizophrenen Situation zu tun. Sowohl in den USA als auch in anderen westlichen Demokratien beschweren sich Vertreter großer Medien über den Aufstieg der Populisten. Sie sind entsetzt über den Wahlsieg von Trump. Aber dass auch ihre eigene Betriebsblindheit mit zu der Situation beigetragen haben könnte, scheint aus ihrer Sicht wohl noch immer völlig absurd.

Längst ist es, um den Fokus weiter auf Deutschland zu richten, nicht mehr unrealistisch, dass die AfD in den Bundestag einzieht und vielleicht sogar die stärkste Oppositionspartei wird. Sollte sich die AfD stärker jene Teile der alternativen Medien zu Nutze machen, die längst eine Reichweite und ein Publikum haben, die nicht mehr übersehen werden können, dann stünde Deutschland, um einen Blick ins Jahr 2021 zu werfen, womöglich auch ein "8. November" bevor.

Man stelle sich nur einmal vor, wie es wäre, wenn Frauke Petry im Dezember 2020 in einem jener alternativen Formaten in Deutschland zu Gast wäre, auf das die Alphajournalisten voller Verachtung blicken und dann im Oktober 2021 mit ihrer Partei eine Regierungsmehrheit erreichen würde.

Nun sind bekanntlich die Schweden keine Holländer und die USA nicht Deutschland, aber mal unabhängig davon, wie realistisch dieses Szenario sein mag oder nicht: Man kann nur darauf hoffen, dass alleine schon das bloße Gedankenspiel zu einer Schockfrostung der Eingeweide des mainstreammedialen Feldes führt. Auf dass die Schockfrostung dazu führt, dass sich der Journalismus wieder auf das konzentriert, was Mediennutzer erwarten: Ideologische Scheuklappen ablegen, erkennen, dass die eigenen Vorstellungen von der politischen Wirklichkeit nicht über jeden Zweifel erhaben sind, um endlich einen gesellschaftspolitisch kritischen Journalismus zu liefern.

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