Der Präsident der USA im Infowar: Wenn eine Medienlandschaft den Knall nicht hört

Grundlage für die Kritik an der Berichterstattung großer Medien

Erschreckend ist: Wer sich näher mit der Berichterstattung der großen Medien in Deutschland auseinandersetzt, muss feststellen, dass es eine reale Grundlage für Verärgerung oder gar Wut auf den gelieferten Journalismus dieser Medien gibt.

Und das bedeutet: Die Gefahr, dass auch hier einmal Kandidaten auf der politischen Bühne auftreten werden, die geschickt die Wut der Menschen über eine Medienlandschaft, die an ihnen vorbei berichtet, aufnehmen wird, um damit Politik zu machen, ist real. Oft genug waren bei den großen, prägenden Ereignissen diejenigen, die eigentlich für Fakten zuständig sind, im Postfakten-Modus unterwegs.

Als sich Menschen aus Ost und West in den Armen lagen, weil das Land endlich wiedervereint wurde, berauschten sich Eliten aus Politik und Journalismus gemeinsam an dem Ereignis und versuchten sich an einer möglich positiven Bewertung der Probleme (Stichworte Einheit plus Portokasse).

Als wackere Professoren vor das Bundesverfassungsgericht zogen und vor den Gefahren des Euros warnten, erklärte Ulrich Wickert in einem Welt-Interview, dass der Euro "aus historischen, politischen und finanz- und wirtschaftspolitischen Gründen zu einer Erfolgsgeschichte" werde, während Theo Sommer, langjähriger Chefredakteur der Zeit, unter der Überschrift "Der gute Tausch" Kritiker der Einheitswährung "poltern" ließ und den Lesern riet, sich "kein X für ein U vormachen zu lassen" - von den "Pseudopropheten". Anders gesagt: Im Großen und Ganzen waren sich Alphajournalisten einig: Euro = gut.

Die schlimmen, weitreichenden Konsequenzen, die der Euro in der Form, wie er konzipiert wurde, für Europa haben sollte, wurden wahlweise als naiv belächelt oder mit publizistischer Aggressivität zur Seite geschoben.

Als der Kosovo-Krieg anstand, schlossen weite Teile der großen Medien ihre Reihen. Schließlich ging es um das ganz große Kino. Frieden, Freiheit und so. Die Medien hätten zwar laut "Völkerrechtsbruch!" rufen müssen, aber was ist schon ein Völkerrechtsbruch, wenn es einen "Hufeisenplan gibt?

Im Jahr 2014 gestand bei einer Matinee der Wochenzeitung Die Zeit der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder selbst offen ein, sich über das Völkerrecht hinweggesetzt zu haben: "Natürlich ist das, was auf der Krim geschieht, etwas, was auch Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Aber wissen Sie, warum ich ein bisschen vorsichtiger bin mit dem erhobenen Zeigefinger? Das will ich Ihnen gerade sagen. Weil ich es nämlich selbst gemacht habe, gegen das Völkerrecht verstoßen." Für die öffentliche Rezeption dieses Krieges hat das heute allenfalls den Charakter einer Fußnote.

Und so ließen sich viele Beispiele anführen, die erkennen lassen: Die Kritik an der Berichterstattung ist nicht aus der Luft gegriffen. Ein kurzer Blick:

  • 11. September = Nato Bündnisfall? Selbstverständlich. Schließlich wurde ein Mitgliedsstaat der Nato von einem anderen Land angegriffen.
  • Stabilisierungseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan? Selbstverständlich. Schließlich wird "unsere Freiheit" am Hindukusch verteidigt.
  • Agenda 2010? Bravo! Eine notwendige "Reform". Außerdem: Die Eigenverantwortung, Sie lebe hoch!
  • Euro-Krise? Auf keinen Fall ist der Euro Schuld. Der Euro war und ist und bleibt "gut", die Finanzkrise ist Schuld - und die "Pleite-Griechen".
  • Revolutionen in Libyen und Syrien? Prima. Schließlich gab bzw. gibt es dort böse Diktatoren. Aber gab es da nicht auch tiefenpolitische Einflussnahmen von außen?Aber bitte: Tiefenpolitik = Verschwörungstheorie. Ende der Diskussion.
  • Ukraine und Russland? Ganz einfach: EU-Assozierungsabkommen mit der Ukraine = gut. Euromaidan = gut. Prorussische Separatisten = schlecht, Westen = gut. Russland = schlecht. Scharfschützen auf dem Maidan = hm. Feuer im Gewerkschaftshaus in Odessa, 48 Todesopfer = hm.

Gewiss: Diese Darstellung ist mit einer Prise Ironie versehen. Zu all diesen Themen finden sich in den großen Medien auch differenziertere Betrachtungen. Das Problem: Sie sind eher die Ausnahme als die Regel.

Visuell hervorragend auf den Punkt bringt die Lage das bekannte Spiegel-Cover ("Stoppt Putin"), das man als eine Art sichtbaren Ausdruck einer Medienlandschaft betrachten darf, die der festen Überzeugung zu sein scheint: Die Menschen außerhalb ihres Redaktionsgebäudes leben in einer Wirklichkeitsblase und nur innerhalb der Redaktionen existiere die wirkliche Wirklichkeit.

Als die viele Mediennutzer Sturm liefen und sich über die Schieflagen in der Berichterstattung massiv beschwerten, fiel so manchem großen Medium nichts besseres ein als die Leserforen dicht zu machen (Der Kampf um die Leserforen). Der Leser soll gefälligst die über jeden Zweifel erhabenen Zeitungen kaufen, aber seine Meinung möge er bitte für sich behalten (FAZ schaltet lieber ab). So ein Mediensystem ist weit weg von einer ernsthaften kritischen Selbstbetrachtung.

Sendung: ARD-Presseclub, 6. November 2016

Moderator: Jörg Schönenborn. Zu Gast sind: Michael Bröcker, Brigitte Fehrle, Alexander Kain, Margarete von Ackeren. Folgendes Szenario:

Schönenborn sagt: "Jetzt mal tief aus dem Herzen...." und möchte dann von der Runde wissen, welche Regierungskoalition gut für das Land wäre. Brigitte Fehrle meldet sich zu Wort und sagt: "Schwarz-Grün". Nach und nach sagen auch die anderen in der Runde, was sie denken. Schöneborn stellt fest, dass im Prinzip alle einer Meinung sind.

Er fragt: Gibt es denn jemand, der Frau Fehrle in der Sache widerspricht? Ein "nä" kommt aus der Runde und Schönenborn sagt: "Dann haben wir ein Problem, weil dann der Eindruck erscheint, dass das wieder so ein Journalisten-Ding ist und hier alle unter einer Decke stecken."

Der Knall, er wurde nicht gehört. Nein, man weigert sich mit Nachdruck, ihn zu hören. Man macht so weiter, wie man es immer gemacht hat. Keine Kurskorrektur. Soll der Eisberg doch ausweichen. Oder noch besser: Das, was da aussieht wie ein Eisberg. Das ist gar keiner.