Der Preis für den Ölhunger

Radarbild vom 2. Mai, aufgenommen mit dem Advanced Synthetic Aperture Radar (ASAR) des Envisat-Satelliten. Bild: ESA

Energie- und Klimawochenschau: Der Ölteppich ist nicht aufzuhalten. Die European Solar Days zeigen den Weg zu alternativen Energiequellen und beim Elektromobilitäts-Gipfel bestimmen die Kritiker den Ton

Die Ölpest im Golf von Mexiko hat die Lagunen und Strände an Louisianas Küste erreicht und schwappt weiter in Richtung Mississippi-Delta. In Florida, Lousiana, Alabama und Mississippi wurde der Notstand ausgerufen. Und Barack Obama ließ vorerst alle Offshore-Bohrungen vor der US-Küste stoppen. Technisch ist offenbar niemand in der Lage, kurzfristig das offene Bohrloch zu stopfen. Die ausgelegten schwimmenden Barrieren wurden durch den hohen Wellengang überspült, so dass noch Wochen und gar Monate Öl in den Golf von Mexiko fließen kann. Die Region steht damit vor einer der größten Umweltkatastrophen in der amerikanischen Geschichte. Hunderte von Fisch-, Vogel- und anderen Tierarten sind bedroht, ebenso Austernbänke und Fanggründe für Krebse.

Sicherheit nur bei Schönwetter

Und das alles nur weil BP auf den Einbau eines Rückschlagventils verzichtet hatte, aus Kostengründen, um $ 500.000 zu sparen. Jetzt wird es wesentlich teurer für den Ölkonzern. Auch könnte mehr Öl ins Meer gelangen als bei der bisher größten Ölpest in amerikanischen Gewässern. 1989, nach der die Havarie der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas waren 40.000 Tonnen Öl ausgelaufen. Zur Zeit sind es rund 760 Tonnen, die pro Tag aus dem gebrochenen Bohrgestänge sprudeln. Aber anders als in Alaska mit seiner felsigen Küste handelt es sich beim Mississippi-Delta um eine sumpfige, teils schwer zugängliche Lagunenlandschaft.

Deepwater Horizon vor dem Sinken. Bild: US Coadt Guard

Die Katastrophe ereignete sich zeitlich am Anfang einer neuen Phase von Offshore-Bohrungen vor der amerikanischen Ostküste. Barack Obama hatte, um die Zustimmung der Republikaner für sein Klimaschutzprogramm zu bekommen, das seit fast 30 Jahren geltende Moratorium für Ölbohrungen vor den US-Küsten aufgehoben. Jetzt wurde das 5-Jahres-Offshore-Explorationsprogramm erst einmal wieder gestoppt. Ohnehin können die erwarteten neuen Ölfunde gerade einmal die Steigerungsrate des Erdölverbrauchs der USA decken. Maßnahmen die den Energieverbrauch im Land senken, würden die riskanten Offshore-Bohrungen daher überflüssig machen.

Die Biologin Uda Tuente vom Havariekommando des Bundes und der Länder geht davon aus, dass es etwa zehn Jahre dauern wird, bis auch nur die schlimmsten Verschmutzungen der jetzigen Ölpest beseitigt sein werden. Und Ölkatastrophen ließen sich nie ganz ausschließen. Denn nicht nur Bohrinseln und Öltanker stellen eine Gefahr dar, sondern auch der globalisierte Güterverkehr auf den Meeren, mit den Bunkerölbestände der Handelsschiffe, also deren eigener Treibstoff, bei Havarien ins Meer gelangen kann. Auch technische Sicherheitsanlagen bieten nur begrenzt Schutz, wie das Beispiel Deepwater Horizon zeigt, die ausgelegten Ölbarrieren werden einfach überspült - sie funktionieren nur bei gutem Wetter.

Stephan Lutter vom WWF befürchtet, dass die Ökosysteme im Golf von Mexiko unter dem Bitumen ersticken. Er erinnert an das Ölunglück 2009 nordwestlich von Australien, wo es zehn Wochen dauerte, das Leck zu schließen. An der Küste Louisianas gebe es Lebensräume, die sehr empfindlich auf Ölverschmutzungen reagieren werden, Lagunen und Mangrovensümpfe als Gezeitengebiete. Wenn Erdöl auf die Schlickflächen auftritt, schneidet es die gesamte Lebensgemeinschaft darunter von der Sauerstoff- und Wasserzufuhr ab. Dort wo die Biotope nicht ersticken, tragen Würmer und Muscheln das Öl in den Boden, wo es auf Jahre verbleibt, weil unter Sauerstoffabschluss kein Ölabbau stattfindet. Die Tierwelt an der Oberfläche ist auch gefährdet, am Sonntag wurden die ersten verölten Vögel gefunden. Und wenn der bereits 10.000 Quadratkilometer große Ölteppich auch Florida erreicht, verschmutzt er dort die Korallenriffe und Seegraswiesen.

Die Offshore-Erdölförderung muss in immer größere Meerestiefen vordringen, um die Ölfelder zu erreichen. Havarien werden in solchen Tiefen technisch immer weniger beherrschbar. Die von der Obama-Regierung wieder freigegebene Offshore-Förderung dient praktisch nur dazu, den weiter steigenden Ölverbrauch der USA zu bedienen. Energieeffizienzmaßnahmen würden die Offshore-Förderung somit überflüssig machen. Der Ölteppich der Deepwater Horizon breitet sich unterdessen weiter an der Golfküste aus. In den Bundesstaaten Florida, Louisiana, Alabama und Mississippi wurde der Notstand ausgerufen. Zusammenstellung: M. Brake

Solarpolitik wechselhafter als der Wind

Alternativen zum Öl zeigen die European Solar Days (in Deutschland Woche der Sonne). Noch bis Mitte Mai kann man sich landesweit realisierte Solaranlagen anschauen. Außerdem informieren Handwerker, Kommunen, Vereine und Bürger auf rund 3.000 Veranstaltungen über Solarstrom und Solarwärme.

Der Fokus der Veranstaltung liegt auf der direkten Solarnutzung für die Strom- und Wärmeproduktion. Denn während die Nutzung der Wasserkraft hierzulande aus ökologischen Gründen als ausgeschöpft gilt und die Windkraft die Szene der Erneuerbaren Energien bereits dominiert, klafft gerade bei der Solarenergie eine große Lücke zwischen Potenzial und tatsächlicher Nutzung. Zwar strahlt die Sonne in Deutschland pro Jahr durchschnittlich 1.000 kWh auf jeden Quadratmeter. Die geringe Energiedichte macht aber eine Nutzung dieses Potenzials in der Fläche erforderlich und das erfordert eine Abkehr vom Denken in Kraftwerkskategorien. Dabei ist die Nutzung der Solarenergie eigentlich die zeitlich ideale Ergänzung zur Windkraft, denn Solarstrom und -wärme stehen tagsüber zu Zeiten des größten Bedarfs zur Verfügung.

Zuletzt wehte der Solarnutzung aber vor allem viel Gegenwind von politischer Seite entgegen. Um die Einspeisevergütung für Photovoltaik wurde monatelang geschachert und im Rahmen der Krisenbewältigung wurden die Förderprogramme für Solare Wärme ausgesetzt und das Geld lieber für Abwrackprämie und Bankenrettung verjuxt. Das sind denkbar schlechte Rahmenbedingungen für Solarinteressierte. Nach der aktuellen Forsa-Umfrage wollen zwar allein 73 Prozent der Hauseigentümer in Deutschland ihre Energie am liebsten selbst erzeugen, doch nicht nur die Anreizprogramme sind mehr als wechselhaft, auch psychologisch mangelt es an einem eindeutigen Ja zu den Erneuerbaren Energien und zur dezentralen und vernetzten Energieversorgung. Statt dessen fördert die Politik immer mehr Konzentrationsprozesse auf Konzernbasis, sei es bei der Windkraft oder bei der Elektromobilität.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie warnt auch vor den Folgen der Haushaltssperre für das Marktanreizprogramm. Der Förderstopp für Anlagen zur Nutzung von Solar-, Bio-, Erd- und Umweltwärme verunsichere Anlagenbesitzer, gefährde Betriebe und rücke das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 in Deutschland 14 Prozent des Wärmeverbrauchs aus Erneuerbaren Energien zu decken, in weite Ferne. Insbesondere die fehlende Verlässlichkeit der Förderung sei problematisch. Der Absatz unterliegt durch kurzfristige Förderstopps extremen Schwankungen. Dadurch sind wirtschaftliche Produktions- und Investitionsplanungen nur schwer möglich. Gerade bei Sanierungen im Bestand sind häufig finanzielle Anreize ausschlaggebend für die Wahl der Technik.

Ausbaufähig. Die durchschnittlich ~1000 kWh jährliche Solareinstrahlung in Deutschland stehen günstig zur Zeit der täglichen Verbrauchsspitzen zur Verfügung. 2009 gab es zwar insgesamt insgesamt mehr als 2 Millionen Solaranlagen (Solarstrom und Solarwärme) im Land, davon 80 Prozent auf Dächern. Trotzdem liefert Photovoltaik erst 2 Prozent des Strom- und Solarthermie weniger als 1 Prozent des Wärmebedarfs.

Umweltverbände warnen vor Elektro-Show

Am Montag lud Angela Merkel zum Gründungstreffen der "Nationalen Plattform Elektromobilität". Autokonzerne und Bundesregierung scheuen weder Kosten noch Mühen, die Elektromobilität als Ausweg aus Klimawandel, Verkehrsproblem und Wirtschaftskrise zu propagieren. Mit mehreren Milliarden aus der Steuerkasse möchte man Deutschland zum "Leitmarkt" für Elektromobilität machen und lud Autohersteller, Strom-, Chemie- und Elektronkonzerne zum Elektroauto-Gipfel.

Das Handelsblatt suchte nach dem Hauptthema der Gründungsveranstaltung und machte nicht etwa die Suche nach energieffizienteren, klima- und umweltfreundlicheren Wegen der Mobilität aus, sondern das Personalpoker um die Vorstandposten.

Sowohl der Bundesverband der Verbraucherzentralen als auch der ADAC kritisieren, dass der Fokus zu sehr auf der Industriepolitik liege. Verbraucherinteressen hätten beim Elektroautogipfel dagegen keine Stimme, dabei gehe es doch darum mitzuentscheiden, wohin die Steuergelder fließen. Die Umwelt- und Verbraucherverbände kritisieren den Elektroauto-Gipfel als Show-Veranstaltung ohne praktischen Nutzen für den Klimaschutz. Statt wieder Milliarden in die Förderung einer Technik zu investieren, sollte ein aufkommensneutrales Umlagesystem besonders energieeffiziente Fahrzeuge mit geringerem CO2-Ausstoß bevorzugen und so Entwicklungsanreize unabhängig vom Antriebssystem geben. Jürgen Resch von der DUH erinnerte daran, dass die Autoindustrie schon vor zehn Jahren Milliardenbeträge an Steuermitteln für die Entwicklung der Brennstoffzellenantriebe erhalten habe, ohne praktischen Nutzen für die Umwelt- und Energieprobleme des Verkehrssektors.

Wolfgang Lohbeck, verkehrspolitischer Sprecher von Greenpeace, weist darauf hin, dass das weitaus größte Potenzial für die CO2-Reduzierung noch auf absehbare Zeit bei den Verbrennungsmotoren liegt. Angesichts des deutschen Strommixes mit seinem hohen Anteil von Kohlekraftwerken seien Elektrofahrzeuge nur lokal Null-Emissionsfahrzeuge. Die Herstellung des getankten Stroms lässt sie aber als CO2-Verursacher im Moment nicht besser dastehen als einen durchschnittlichen Kleinwagen heute. So mache die Förderung der Elektromobilität als Einzelmaßnahme klimapolitisch keinen Sinn. Einen CO2-reduzierenden Effekt gebe es erst, wenn der Strommix einen höheren regenerativen Anteil hat.

Lösung aller Verkehrsprobleme? Elektro-Kleinwagen für die Einführungskampagnen (v.l.o nach r.u). Smart Electric Drive, am Markt seit Dezember. Mercedes A-Klasse E-Cell, ab Oktober. Kangoo ZE, Fluence ab 2011. Nissan Leaf in Deutschland ab 2011 (Akkupack im Chassisboden). Zusammenstellung: M. Brake

Der Verkehrsclub Deutschland schließlich warnt vor einer Irreführung der Verbraucher. Die Werbung für suggeriere Elektroautos seien bereits verfügbar, CO2-frei und im Unterhalt kostengünstig. Tatsächlich gebe es aber nur Kleinstserien von Fahrzeugen mit Reichweite von 100 bis 200 Kilometern, die zudem auch mittelfristig 10.000 bis 20.000 Euro teurer sein werden als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Auch zum Energieverbrauch gebe es noch keine konkreten Angaben. Der VCD fordert daher bessere Verbraucherinformation, realistische Verbrauchstests und ein anschauliches Energielabel das auf einen Blick den Energieverbrauch und CO2-Ausstoß gemäß Kraftwerksmix anzeigt. Klima- und ressourcenschonende Mobilität müsse in einem Gesamtkonzept gefördert und nicht alles auf die eine Karte Elektromobilität gesetzt werden. (Matthias Brake)

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