Der Preis fürs "perfekte Leben"

Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre verabschieden sich jetzt und bis ca. 2030 allmählich in den Ruhestand. Wer wird ihre Stellen auffüllen? Der Rückgang seit den späten 60ern wird im Allgemeinen durch die Verfügbarkeit der Antibabypille erklärt. Grafik: Stefan Silies, Statistisches Bundesamt/CC BY-SA 3.0 DE

Warum sich Frauen und Männer kaputt arbeiten

Der Erfolgsdruck im Leben ist hoch und beginnt schon in der Kindheit. Immer mehr Menschen streben nach dem "perfekten Leben". Wenn die Erwartungen nicht erreicht werden, bietet sich heute für Frauen das Narrativ vom "Kampf der Geschlechter" an: Wir lebten noch stets in einem Patriarchat, das Frauen und andere Minderheiten unterdrücke. Dabei sind Männer demselben Druck ausgesetzt, der sich aus gesellschaftlichen Strukturen ergibt. Nach einer ausführlichen Diagnose folgt ein emanzipatorischer Lösungsvorschlag, um nicht den falschen Preis fürs "perfekte Leben" bezahlen zu müssen.

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Karrierefrau, Mutter, Liebhaberin, Freundin - und dabei auch noch gut aussehen! Frauen schreiben über die Anforderungen und vor allem Überforderungen ihres Lebens. Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr vor ein paar Jahren die Klage von Anne-Marie Slaughter, die schon Dekanin an der Universität Princeton war und unter Hillary Clinton einen Direktorenposten im US-Außenministerium innehatte.

Unter der Überschrift "Warum Frauen immer noch nicht alles haben können" erklärte sie die Gründe für ihren Ausstieg aus der politischen Karriere. Dass sie mehr Zeit mit ihren pubertierenden Söhnen verbringen wollte, nahmen ihr vor allem ihre feministischen Freundinnen übel. Verriet sie damit nicht die Ideale der Frauenbewegung? Vor einem Jahr ergänzte sie ihren aufsehenerregenden Essay mit ihrem Buch: "Unfinished Business: Women Men Work Family" (dt. Was noch zu tun ist: Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können).

Zugegeben, zwischen verschiedenen Führungspositionen wählen zu können und dabei noch mit einem Professor verheiratet zu sein, der sich primär um die Kinder kümmert, wäre für die meisten Frauen ein Luxusproblem. Ein härteres Los traf die US-Autorin Kristi Coulter. Sie beschrieb vor Kurzem ihren Weg in die Alkoholsucht und dann wieder heraus (dt. Die betrunkene Frau).

Für ihren Leidensweg machte sie nichts anderes verantwortlich als die Anforderungen "des Patriarchats". Ihre Klagen ernteten jedoch viel Widerspruch: Gerade ein Patriarchat zwinge doch die Frauen nicht zum Arbeiten. Außerdem seien Männer rund eineinhalb Mal so häufig alkoholkrank. In einer Replik empfahl dann auch die Kolumnistin Karol Markowicz der gestressten Frau, die Gründe für ihr Scheitern nicht bei den Männern zu suchen.

Doch nicht nur Frauen fühlen sich überfordert. Der Politologe Daniel Erk bezeichnete jüngst seinen Versuch, neben der Karriere auch noch ein gutaussehender Mann und moderner Vater zu sein, als Leben auf der Streckbank. Seine Problemdiagnose liest sich wie ein Spiegelbild der bereits erwähnten Klagen von Karrierefrauen.

Dabei beschwert er sich über mangelnde Unterstützung derjenigen, die ihm doch dankbar dafür sein sollten, dass er jetzt putzt, backt, mit dem Kind spielt, für es singt und ihm vorliest: Ausgerechnet von jungen Feministinnen fühlt er sich im Stich gelassen, sogar verraten. Je mehr Macht diese in der Gesellschaft bekämen, desto mehr würden sie den sexistischen Spieß umdrehen, alle Männer über einen Kamm scheren und sie unter der Gürtellinie beleidigen.

Es scheint auf den ersten Blick tatsächlich paradox, dass wir jetzt trotz zunehmender Gleichberechtigung immer härtere Debatten über Ungleichheit zwischen den Geschlechtern erleben - bis hin zu vergifteten Beziehungen. Weniger paradox erscheint es unter Berücksichtigung einiger gesellschaftlicher und historischer Gedanken.

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Einerseits nimmt der Konkurrenzkampf unter den Menschen immer weiter zu: Die Globalisierung führt uns vor Augen, dass unsere Arbeitsstellen schon morgen von jemandem in China oder Indien - zusammen rund ein Drittel der Weltbevölkerung - übernommen werden könnten. Dabei wird das verbleibende Stück Kuchen, um das wir uns streiten, aufgrund der zunehmenden Vermögensungleichheit immer kleiner. Am Horizont zeichnen sich schon intelligente Maschinen ab, die auch höher qualifizierte Aufgaben übernehmen können.

Andererseits ist der Mainstream-Feminismus schon lange keine Bewegung mehr zur Emanzipation, also Befreiung von Unterdrückung, sondern ein Karriereprogramm für Frauen (Werbung für den Karrierefeminismus). Frauen dürfen und können nicht nur in stärkerem Maße an der Arbeitswelt teilnehmen, sondern sie sollen und müssen es auch - allein schon aufgrund der schrumpfenden Arbeitsbevölkerung, jetzt da die Baby-Boomer allmählich in Ruhestand gehen (Wem nutzt die Frauenquote?).

Aus ähnlichen Gründen war auch der ostdeutsche Arbeiter- und Bauernstaat, dem die arbeitsfähige Bevölkerung davonlief, der westdeutschen Bundesrepublik in einigen Punkten in Sachen Emanzipation voraus: Insbesondere dort, wo es um die Steigerung der Arbeitskraft ging, also beim Einführen der Antibabypille - in der DDR sogar positiv als "Wunschkindpille" beworben - oder beim Erlauben von Abtreibungen. Das jetzt von manchen Arbeitgebern bezahlte Einfrieren von Eizellen für das Verschieben von Schwangerschaften entspringt einer ähnlichen Idee.

Bei ihren historischen Studien stieß die Feministin Simone de Beauvoir auf mittelalterliche Schlossherrinnen, die das Lehen verwalteten, während ihre Männer auf Feldzügen waren:

Diese Schloßherrinnen, die man virago, Mannweib nennt, werden bewundert, weil sie sich genau wie die Männer verhalten: Sie sind gewinnsüchtig, hinterhältig, grausam und unterdrücken ihre Vasallen.

Das andere Geschlecht«, 1992/1949, S.130

So ein Mannweib, nämlich die nordische Kriegerin Lagertha, nahm sich die Unterwäsche-Designerin Marlies Dekkers kürzlich als Vorbild für eine feministische Modekollektion. Dabei muss man wissen, dass Lagertha der Sage nach ihren zweiten Mann erstach, um ohne ihn herrschen zu können. Die Designerin verspricht: "Trage Lagertha, und du bist bereit für den Kampf."

Werbung von Marlies Dekkers für feministische Unterwäsche in Utrecht. Bild: Stephan Schleim

Die britische Soziologin und Feministin Angela McRobbie beschreibt das Beispiel der "phallic girls", also der phallischen Mädchen. Diese jungen Frauen würden ihre Emanzipation vorspiegeln, indem sie sich ebenso (daneben) benehmen wie manche Jungs: Sie trinken viel, beleidigen andere, rauchen, prügeln sich, haben flüchtigen Sex, zeigen ihre Brüste in der Öffentlichkeit, werden von der Polizei festgenommen, konsumieren Pornographie oder gehen in Sexclubs. Für McRobbie sind die phallischen Mädchen aber gerade nicht emanzipiert, weil sie einen Standard von Männlichkeit unreflektiert übernähmen, statt ihn zu kritisieren.

Mit Blick auf solche Beispiele ist es nicht verwunderlich, wenn heutige Mainstream-Feministinnen einem backenden, putzenden und singenden Hausmann wie Daniel Erk nicht zur Hilfe eilen, sondern sich eher über die "Penisträger" lustig machen. Diese Frauen haben eben - wie so viele Karrieremänner vor ihnen - die Wertmaßstäbe des Wettbewerbs um Geld und Macht zu ihren eigenen gemacht.

Eine Veranschaulichung hierfür liefert die feministische Bestsellerautorin Laurie Penny: Sie argumentiert, dass Männer als Gruppe gewaltsam sind und Frauen unterdrücken. Daher seien Beleidigungen oder Benachteiligungen von Männern auch kein Sexismus, sondern eine Art gerechtfertigte Notwehr. Männer müssten sich für eine bessere Welt dem Feminismus anschließen und gegen Männer als Gruppe kämpfen. Dieses Argumentationsmuster trägt bereits propagandistische Züge (Kalter Krieg der Geschlechter).

Für Frauen hat das heute dominierende feministische Narrativ (das ist eine sinnstiftende Erzählung) dabei nur Vorteile: etwa Zugang zu exklusiver Karriereförderung, zu Karrierenetzwerken oder anderen Ressourcen, oft genug aus öffentlichen Mitteln. Wenn man dann doch scheitert, so wie die oben erwähnte Autorin Kristi Coulter, dann kann man "dem Patriarchat" die Schuld geben. In der Psychologie nennt man das auch "Externalisierung" von Verantwortung.

Anderen Frauen und Männern bleibt in so einem Fall eher das Narrativ der Psychiatrie, welches den Fehler zwar im Individuum verortet (also internalisiert), gleichzeitig aber als medizinisches Problem entschuldigt (Kapitalismus und psychische Gesundheit). Du bist zwar krank - aber du kannst nichts dafür. Gängige Alternativen sind sonst noch die spirituelle Selbstfindung, Abstieg in Drogen und andere Räusche oder schlimmstenfalls gar der Selbstmord.

Wenn jetzt Coulter und Erk jeweils dem anderen Geschlecht die Schuld für die Überforderung geben, dann haben sie beide recht - und irren sich doch beide zugleich. Sie haben insofern recht, als viele Frauen und Männer die Ansprüche der heutigen Lebens- und Arbeitswelt verinnerlichen. Dabei geht es vor allem um die Pflicht zur permanenten Optimierung, zur ständigen Erreichbarkeit, zur Aufopferung für andere, zur Verwirklichung einer Hyperwettbewerbsgesellschaft, in der alles, was kurzfristig keinen ökonomischen Nutzen hat, ohne Wert ist.

Beide irren sich aber insofern, als sie den Maßstab der Leistungsgesellschaft unkritisch zum eigenen machen. Emanzipation würde heute gerade nicht bedeuten, einander beim Erreichen von Karrierezielen auszubooten, sondern sich von den gesellschaftlichen Erwartungen über Wettbewerb und Erfolg zu befreien. Wenn selbst hochgebildete Machtfrauen wie Slaughter von Feministinnen geschasst werden, weil sie gerne ihre Kinder aufwachsen sehen wollen, dann ist klar, dass es hier nicht um die Autonomie des Subjekts geht.

Damit fallen wir aber hinter eine wichtige Errungenschaft der abendländischen Aufklärung zurück, die gerade diese Autonomie in den Mittelpunkt der Gesellschaft stellte: Der politische Liberalismus gründet ja gerade auf der Idee, dass jede und jeder für sich selbst entscheiden darf und soll, weil er oder sie am besten für sich selbst entscheiden kann. Dazu gehört dann aber auch der nötige Respekt vor diesen Entscheidungen.

Ein Indiz dafür, dass es in der westlichen Welt nicht so gut um diese Autonomie bestellt ist, liefert die Sterbebegleiterin Bronnie Ware. In ihrem internationalen Bestseller über die Reue der Sterbenden (dt. 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen) fasst sie deren Klagen wie folgt zusammen:

Ich wünschte, ich hätte mehr Mut gehabt, ein Leben in Ehrlichkeit mit mir selbst zu leben, nicht das Leben, das andere von mir erwarteten.
Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet.
Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.
Ich wünschte, ich hätte Kontakt mit meinen Freunden gehalten.
Ich wünschte, ich hätte mir selbst erlaubt, glücklicher zu sein.

Daraus spricht ein tiefes Verlangen nach Authentizität: Man selbst sein zu dürfen und so auch akzeptiert zu werden. Auch noch so viel Massenware mit dem Marketing-i im Namen kann dieses Bedürfnis nicht ersetzen. Dazu kommen eher konventionelle Werte, wie Freizeit und Freunde.

Es scheint, als habe die Generation Y von der Reue ihrer Großeltern gelernt. Die hier besprochenen Zeugnisse der Überforderung stellen jedoch infrage, ob junge Menschen am Arbeitsmarkt diese Werte auch wirklich leben können.

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